Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Der fehlende Körper und die fehlende Seele bei Homer

Bruno Snell bringt in seinen "Studien zur Entdeckung des europäischen Geistes bei den Griechen"(1) filigrane Untersuchungen darüber, warum es bei Homer sowohl keine Vorstellungen eines einheitlichen Körpers und keine Vorstellungen einer einheitlichen Sphäre der menschliche Seele/Geistes gibt. Damit existiert in der homerischen Welt eine ganz grundlegende Unterscheidung der modernen europäischen Zivilisation nicht.

Über das Verhältnis von Körper und Seele wird in der westlichen Gesellschaft permanent gestritten: Sind Körper und Seele eines? Gibt es neben dem Körper nicht nur Seele, sondern auch Geist? Sind geistige Prozesse ausschließlich durch körperliche bedingt? Oder ist der menschliche Geist der Bestimmer aller körperlichen Prozesse? Ist der Geist in den Körper eingesperrt? Beeinflussen sich Körper und Seele wechselseitig. Nicht nur die esoterische Literatur, sondern auch die populärwissenschaftliche ist voll von solchen Fragen. Grundlegend ist jedoch, dass die sprachlichen Kategorien "Körper" und "Seele/Geist" als solche selbst in diesem Diskurs permanent verwendet werden: Der Mensch, die damit verwandten Phänomene und Aktivitäten werden gemäss dieser Begriffe aufgeteilt und voneinander unterschieden.

Bei Homer fehlt jedoch der Körper. Das Wort "Soma", das später in den klassischen Gegensatz zur "Psyche" gebracht wird, meint bei ihm lediglich "Leiche". Homer verwendet anstatt eines Begriffes, der sich auf eine Ganzheit des Körpers, so wie wir sie kennen, bezieht, Bezeichnungen, die im Plural auftreten: die Glieder. Sie lassen sich in zwei Arten aufteilen: "Gyia" bezeichnet jene Glieder, sofern sie durch Gelenke bewegt werden, "Melea" jene Glieder, sofern sie durch Muskeln Kraft haben. Daneben taucht noch Chros auf, das man als "Haut" übersetzt hat, eigentlich aber nur die Körperoberfläche meint (in die z.B. das Schwert endringt). Der Körper, wie wir ihn kennen, ist bei Homer nur eine Summe von Gliedern, er ist aufgebaut durch die Addition einzelner Teile, die optisch auffallen: schnelle Beine, starke Arme und sich bewegende Rümpfe. Doch selbst diese Wortwahl ist schon eine Übertragung in unsere Sprache: Homer hat genau genommen keine Wörter für Arm und Bein, sondern nur für Hand, Unterarm, Oberarm, Fuß, Unterschenkel und Oberschenkel.

Diese Unterteilung des Menschen in seine Glieder hat natürlich Konsequenzen für das Zuschreiben von Attributen auf den Menschen als ganzes: "Da Homer nur Körper-'Teile' kennt (...), hat er auch kein Wort für 'gesund' oder 'Gesundheit'; er spricht von kranken oder schwachen Einzelgliedern, aber daß ein Organismus Träger von dauernden Eigenschaften sein kann, sieht er noch nicht." (2)

Diese Nichtexistenz des menschlichen Körpers hat aber auch Konsequenzen für jene Bereiche menschlicher Aktivität, die wir heute gewöhnlich als seelische, emotionale oder intellektuelle Bereiche beschreiben: "Wo es keine Vorstellung vom Leib gibt, kann es auch keine von der Seele geben und umgekehrt. So hat denn Homer auch für 'Seele' oder 'Geist' kein eigentliches Wort." (3)
Bei Homer tauchen drei Begriffe auf, die sich auf jene Dinge beziehen, die wir gewöhnlich den Begriffen "Seele" und "Geist" zuordnen: "Thymos", "Nóos" und "Psyche". Sie müssen als Bezeichnungen für getrennte "Organe" verstanden werden, die ähnlich wie Körperorgane jeweils unterschiedliche Funktionen haben. Sie werden von Homer nicht als ein Ganzes verstanden, die man einander zuordnen kann und von dem Körper unterscheiden kann, denn dies würde ja voraussetzen, dass es einen zusammenfassenden Begriff des Körpers bei Homer gäbe.

"Psyche" ist dabei ein Begriff, der später im Griechischen tatsächlich mit "Seele" einsgesetzt wurde. Doch bei Homer ist sie nur so etwas wie ein Lebensatem, der den Menschen bei Tod oder Ohnmacht verlässt:
"Dieses Fortgehen der Seele aus dem Menschen malt Homer durch einige Züge aus: sie geht durch den Mund und wird ausgehaucht - oder auch durch die Wunde - und fliegt zum Hades. Dort führt sie als Totengespenst ein Schattendasein, ein "Abbild" (eidolon) des Verstorbenen. Das Wort hängt mit psychein, "hauchen", zusammen und bedeutet den Lebensodem, und so geht die Psyche aus dem Munde fort (...) Dieser Lebensodem ist gewissermaßen ein halb gegenständliche Organ, das, solange der Mensch lebt, in ihm ist. Aber wo diese Psyche sitzt und wie sie wirkt, darüber hören wir nichts (...)" (4)

Thymos ist das "Organ der Regung", das körperliche Regungen und Reaktionen bestimmt. Beim Tod geht das, was die Knochen und Glieder in Bewegung setzt, ebenfalls fort, ohne irgendwo weiterzuexistieren. Thymos ist so etwas wie der Sitz von Freude, Gefallen, Liebe, Mitleid, Zorn, Schmerz usw Dabei bleiben bei Homer seelische Vorgänge, die wir in unserer Sprache als "innere Vorgänge" beschreiben seltsam äusserlich:
"Dieses 'Organ der reagierenden Regung' ist z.B. Sitz des Schmerzes, nach den Vorstellungen Homers zerfrißt oder zerreißt der Schmerz den Thymos, schärfer, gewaltiger, schwerer Schmerz trifft den Thymos. Es ist deutlich, welche Analogien hier die Sprache leiten: wie ein Körperteil von einer scharfen Waffe, von einem schweren Gegenstand getroffen, wie er zerfressen oder zerrissen werden kann, so auch der Thymos." (5)

Nóos ist das "Organ der Ein-Sicht", dasjenige Organ, das Vorstellungen aufnimmt. Es ist aktiv, wenn man eine klare Ansicht von etwas gewinnt. In diesem Sinne liegt es dem nahe, was wir heute das "Intellektuelle" nennen, und Snell beschreibt es denn auch als "geistiges Auge". Durch die obigen Formulierungen wird aber auch die anstrengungslose, bemühungslose, fast passive Funktionsweise dieses Organ deutlich. Erkenntnis stößt dem Menschen zu, sie kommt dem Menschen als eine plötzliche Intuition, selbst dann wenn verschiedene Beobachtungen der Erkenntnis voran gehen. Das angestrengte Nachdenken fehlt.

Der Mensch ist also ähnlich wie bei den "Melea" auch hier Arrangement unterschiedlicher Entitäten. Die Seele ist keine Ganzheit, die gegenüber einer anderen Ganzheit (der des Körpers) durch besondere Eigenschaften abgesetzt werden könnte: Drei "seelische" Organe sind neben anderen Organen (die wir heute als "körperliche" Organe davon unterscheiden und zusammenfassen würden) also beim Menschen aktiv: Psyche, Thymos und Nóos.
Damit ist es auch nicht möglich, der Seele eine spezifische Dimension zu geben, die uns heute selbstverständlich geworden ist: Das die Seele oder das Denken oder unser Wissen oder unsere Emotionen "Tiefe" haben können. "Tiefsinnend", "tiefe Gefühle", "tiefes Wissen" - all solche Attribute der Intensität sind möglich, wenn es eine bestimmte unbegrenzte Sphäre des Psychischen gibt, die als unendlich vorgestellt wird. Und im westlichen Kulturkreis ist die Vorstellung, dass unsere Seele "Tiefe" aufweist, seit Heraklit eine basale Grundannahme. Aber wenn man wie Homer von „seelischen Entitäten“ gleichsam wie von Organen spricht, dann machen solchen Vorstellungen keinen Sinn - ähnlich wie die Rede von einer "tiefen" Lunge oder einer "tiefen Hand" keinen Sinn macht. Die „Tiefe“ geistiger oder seelischer Vorgänge bezieht sich aber auch auf unterschiedliche Qualitäten der Intensität, z.B. wenn wir vom „tiefen Schmerz“ sprechen. Homer kann solche Phänomene nicht mit dem Vokabular der Intensität beschreiben. Bei ihm gibt es statt einer Intensität seelischer oder geistiger Prozesse nur unterschiedliche Stufen der Quantität: "es gibt tausendfaches Leid", Menschen können "vielwissend", "vielerfindend", "vielleidend" sein. Die Dinge werden aneinandergereiht und additiert, nicht die Ganzheit intensiviert.

Und wo keine Ganzheit, da auch kein interner Konflikt in der Ganzheit: "Zwiespalt in der Seele gibt es bei Homer so wenig, wie es Zwiespalt im Auge oder Zwiespalt in der Hand geben kann." Auch wenn Homer Überlegungen darstellt , so gibt es dennoch bei ihm keine Zwiesprache der Seele und keine widerstreitenden Konflikte in der Seele. Er gibt widerstrebende Vorgänge so wieder, dass der Thymos den Menschen erst in diese Richtung zog und später in jene, oder dass der Mensch "willig war, der Thymos aber wiederwillig". Bei Homer finden sich auch keine echten eigenen Entscheidungen, die Ergebnis einer "inneren Auseinandersetzung" wären. Thymos und Noos sind als "Organe" selbst nicht wirkliche Ursachen der Regungen und Aktivitäten, sie sind keine steuernde Mittelpunkte eines Menschen. Der Mensch ist vielmehr eine Art Kraftfeld, das von einer Vielzahl an unterschädlichen Kräften durchzogen ist. Und diese Kräfte sind Geschenke der Götter.

Wird z.B. eine außerordentliche Spannung deutlich, die zu einer unerwarteten Richtungsänderung im Handlungsablauf oder überhaupt zu einem Sich-Erheben des Menschens über einen ihm naheliegenden, gleichsam natürlichen Ablauf führt, dann sind die Götter im Spiel. Als Glaukos den Todesruf des Sarpedon hörte, war es nicht er, der sich konzentrierte, seine Schmerzen unterdrückte und zu seinem Freund in das Getümmel eilte. Sondern es war Phöbos Apoll, der auf Bitten des Glaukos diesem die Schmerzen nahm und ihm neue Kraft gab. Und als der von Agamemnon durch seine Dreistigkeit aufs Blut gereizte Achill kurz davor steht, sein Schwert gegen den griechischen Heerführer zu ziehen, erscheint Athene und bittet ihn, seinen Zorn zu besänftigen. Nicht Achill ist der Urheber eigentlicher Entscheidungen, sondern die Götter:

"Es fehlt bei Homer das Bewußtsein von der Spontaneität des menschlichen Geistes, d.h. das Bewusstsein davon, daß im Menschen selbst Willensentscheidungen oder überhaupt irgendwelche Regungen und Gefühle ihren Ursprung haben. Was für die Geschehnisse im Epos gilt, gilt auch für das menschliche Fühlen, Denken und Wollen: es hat seinen Anfang bei den Göttern. (...)Das Innere des Menschen ist das Göttliche in den Menschen hineingenommen. Denn was später als 'Innenleben' interpretiert wird, stellte sich ursprünglich als Eingriff der Gottheit dar."(6)

(1) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); Vor allem S. 13. bis S. 29
(2) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 158
(3) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 18
(4) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 19
(5) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 27
(6) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 36

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