Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Die fehlende Religion bei den Griechen 1

"(...)Im alten Griechenland war die Religion völlig in die Gesellschaft eingebettet: Kein Lebensbereich entbehrte eines religiösen Aspekts. (5) Geburt, Erwachsenwerden und Tod, Krieg und Frieden, Landwirtschaft, Handel und Politik - all diese Ereignisse und Aktivitäten wurden von religiösen Ritualen begleitet oder waren religiösen Regeln unterworfen; selbst der Liebesakt war nach einer Göttin, Aphrodite, benannt: aphrodisiazein. Heiligtümer beherrschten die Stadtsilhouetten, Götterstatuen standen an den Straßenecken; auch der Geruch von Opfern war nie weit entfernt. Ja, Religion war ein so integraler Bestandteil griechischen Lebens, dass die Griechen kein eigenes Wort für »Religion« brauchten. (6) Wenn Herodot die Religionen der Nachbarvölker Griechenlands beschreiben will, benutzt er den Ausdruck »zu den Göttern beten« (sebasthai tous theous), und wenn er die griechische Nation beschreiben will, nennt er »das gemeinsame Blut, die gemeinsame Sprache und die gemeinsamen Heiligtümer und Opfer«. Für Herodot also konnte das Problem der Beschreibung fremder Religionen auf die frage reduziert werden: »Welche (anderen) Götter beten sie an – und wie tun sie dies?« (7) Atheismus war in einem solchen Umfeld einfach undenkbar. Der Ausdruck atheos entstand nicht vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. und zeigte dann auch nur einen Mangel an Beziehungen zu den Göttern an. (8)

Die Einbettung der griechischen Religion ging mit dem faktischen Fehlen einer privaten Religiosität einher, wie überhaupt das klassische Griechenland noch kaum einen Begriff von Privatsphäre entwickelt hatte. Es konnte individuelle Kultakte geben, etwa Opfer, Votivgaben oder ein stilles Gebet, doch war der Kult immer eine öffentliche, gemeindliche Angelegenheit, und eine Götterverehrung außerhalb der Kerngruppen Familie, Demos (Gemeinde), Stamm und Stadt galt vor der Schwächung der Polis am Ende des 5. Jahrhunderts nicht als anständig. Dieser öffentliche Charakter bedeutete auch, dass Religion stark mit sozialen und politischen Zuständen verknüpft war (...)

Fußnoten:
(5) Die Terminologie ist die von Parker (...), 265 [Anm. JL: R. Parker: „The Oxford History of the Classical World”; Oxford 1986; S. 254 - 274]
(6) Tatsächlich entwickelte sich auch unser Begriff „Religion“ erst nach der Reformation, vgl. T. Asad, Genealogies of Religion (Baltimore and London 1993), 40 – 43 J. Bremmer, » „Religion“, „Ritual“ and the Opposition „Sacred vs. Profane“: Notes Towards a Terminological Archaeology«, in F. Graf (Hrsg.), Ansichten griechischer Rituale. Festschrift Walter Burkert (Stuttgart und Leipzig 1997).
(7) Vgl. W. Burkert, »Herodot als Historiker fremder Religionen« in: Heredote et les peuples non grec = Entretiens Hardt 35 (Vandooevres und Genf 1990, 1-32), 4; s. auch F. Mora, Religione e religioni nelle storie di Erodoto (Mailand 1986)
(8) Vgl. J. Bremmer, »Literacy and the Origins and Limitations of Greek Atheism«, in J. den Boeft und A.H.M. Kessels (Hrsg.), Actus (Utrecht 1982),43-55; die Studien und bibliographischen Übersichten von M. Winiarczyk, Philologus 128 (1984),157-83 und 136 (1992), 306-10; Elenchos 10 (1989), 103-92; Rheinisches Museum 133 (1990), 1-15 und 135 (1992), 216-25; Bibliographie zum antiken Atheismus 17. Jahrhundert - 1990 (Bonn 1994); s. auch M.R Lefkowitz, »Was Euripides an Atheist? «, Studi ltaliani di Filologia - Classica I I I 5 (1987), 149-66 und » „Impiety“ and „atheism“ in Euripides' dramas«, Classical Quarterly 39 (1989), 70-82; D. Obbink, »The Atheism of Epicurus«, Greek, Roman, and Byzantine Studies 30 (1989), 187-223."

aus: Jan. N. Bremmer: „Götter, Mythen und Heiligtümer im antiken Griechenland“; Berlin 1998; S. 13 f.

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