Sokrates Buchstabengärtchen und Demokratie
Das Plädoyer, das Sokrates in Platons Phaidros für das gesprochene Wort und die mündliche Unterweisung hält, ist zweischneidig. Seine stärksten Argumente für das gesprochene Wort, das er dem schriftlichen vorzieht, beruhen auf dem Umstand, dass die Kontextabhängigkeit der Bedeutung einer Äußerung die direkte Sprechsituation zur geeignetesten Gelegenheit macht, diese Bedeutung zu erläutern. Sprecher und Hörer befinden sich im gleichen Kontext und da, wo es Verständnisunterschiede gibt, gibt die Kontextwahrnehmung und unmittelbare Reaktion des Gesprächspartners und dem Sprecher eine Vielzahl an Möglichkeiten Missverständnisse zu erkennen und umgehend aufzuklären, die Rede zu korrigieren und anzupassen.
Ein weiteres Argument klingt nur an: Die unmittelbare Sprechsituation sichert am besten, dass dem Sprecher Gerechtigkeit widerfährt. Denn die Rede, sofern sie in Buchstaben fixiert umhergereicht wird, gelangt sowohl zu denen, die sie verstehen als auch zu denen, die sie nicht verstehen. Wird die Rede nun misshandelt und geschmäht, so ist immer ihr Urheber vonnöten, „ihr zu Hilfe zu kommen“; sie selbst kann sich weder schützen noch helfen. Sokrates argumentiert, dass dem direkten Gespräch nicht nur die Möglichkeit innewohnt, ein Missverständnis aufzuklären, sondern auch vor Beleidigung, Misshandlung und Beschimpfung zu schützen. Das direkte Gespräch beinhaltet einen Anspruch auf wechselseitigen Respekt, der dem Urheber einer Rede eine besondere Legitimation gibt, eine Würde für sein Wort zu erstreiten. Die Würde, die der Sprecher für seine Rede einfordert, gilt selbstverständlich auch für die seines Dialogpartners. Um einen solchen Anspruch zu beschreiben, muss nicht auf eine mehr oder minder transzendental gedachte Diskursethik zurückgriffen werden. Man muss ihn einschränken auf den philosophischen Lehrdialog unter prinzipiell Gleichen – denn diese Lehr-und Lernsituation als solche (und nicht die Rede vor Gericht) ist der Standard, auf den Sokrates in seinen Ausführungen Bezug nimmt.
Doch Sokrates Bild vom säenden Sprecher, der sich den besten Nährgrund unter den Seelen seiner Zuhörer wählt, macht diesen Anspruch zunichte. Hier kommt eine manipulative Dimension zum Vorschein, die den Sprecher zum Handelnden und den Zuhörer zum Material, zum Behandelten macht. Der Zuhörer wird zum Instrument, mittels dessen die Verbreitung und das Weiterleben der Reden sich gleichsam dem Zustand der Unsterblichkeit annähert. Das oft beschriebene Gesprächsschema, in dem der platonische Sokrates eben keinen Dialog führt, sondern seine Gesprächspartner tumbe Stichwortgeber sind, anhand derer der Lehrer seine Klugheit, Argumentationskunst und Einsichten verherrlicht, ist die Illustration eines solchen instrumentellen Umgangs mit dem philosophischen Schüler oder Gegner. Selbstverständlich steht dies im Zusammenhang mit dem platonischen Herrschaftsanspruch des Logos und dem Führungsverständnis einer philosophischen Elite, die der Wahrheit näher ist als andere.
Wenn Georg Steiner in der Lettre International davon spricht, dass die Schrift einen Anspruch auf Autorität und Vorschrift impliziert und die von der Schrift abhängigen Akte eine Vielzahl an Herrschaftsverhältnissen begründen, der mündliche Austausch aber nach „gemeinschaftlicher Untersuchung und einer von mehreren durchgeführten Erkundigung“, letztlich nach Demokratie verlangt, so hat er Recht. Doch der von ihm angeführte Platon ist als Kronzeuge für diese Einsicht nicht geeignet und das Dialogverständnis, wie es sich im Phaidros zeigt, hat mit den entscheidenden Vorteilen des gleichberechtigten Dialogs wenig zu tun – selbst dann wenn man die Ironie des Schriftsteller Platons bei seiner Kritik an der Schrift bereits in Rechnung stellt.
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