Loblied des gesprochenen Wort
Georg Steiner schildert in seinem Essay „Buch oder Leben“, das die Verantwortung der geschriebenen Wortes verhandelt (in der Frühlingsausgabe von Lettre International erschienen), auch ein Plädoyer für die Oralität, das all jenen, denen die direkte Debatte, der Vortrag, die Diskussion und das gesprochene Wort lieber sind als die jetzt im intellektuellen und universitären Milieu hochgehaltenen Betriebsamkeit des Texteschreibens, aus dem Herzen spricht - selbst dann, wenn Steiner bei seinem Rückgriff auf Platons "Phaedros" dessen zweifelhaftes Dialogverständnis schönt.
"Die Kritik, die Platon im Phaidros an der Schrift übt und die in einem wohlbekannten ägyptischen Mythos verdichtet ist, gibt zweifellos seine Ansicht über die von seinem Lehrer benutzten paradoxen Methoden wieder. Wie immer läßt sich in Platons Auffassungen jedoch ein ironischer Unterton finden: War er nicht selbst ein einzigartiger Schriftsteller und der Autor eines umfangreichen Werks? Dennoch sind die in diesem Mythos gegen die Schrift vorgebrachten Argumente höchst aussagekräftig und bleiben vielleicht bis heute unwiderlegbar.
Im geschriebenen Text, ob er nun aus einem Tontäfelchen, aus Marmor, Papyrus oder Pergament besteht, ob er in Knochen geritzt, eine Rolle oder ein gedrucktes Buch ist, gibt es immer ein Höchstmaß an Autorität. (Wie sein lateinisches Etymon auctoritas enthält dieser Begriff das Wort „Autor”.) Die bloße Tatsache des Schreibens, die Entscheidung für eine schriftliche Vermittlung, impliziert den Anspruch auf etwas Meisterhaftes und Kanonisches. Jeder schriftliche Text hat etwas von einem Vertrag, was bei jedem theologischen und liturgischen Dokument, jedem juristischen Kodex und jeder wissenschaftlichen Abhandlung oder jedem technischen Lehrbuch offensichtlich ist und bei komischen oder tagesaktuellen Texten ebenfalls stark, allerdings subtiler wirkt, ja sich sogar selbst in Frage stellt. Der Text bindet den Autor und seinen Leser an das Versprechen, daß ein Sinn enthalten sei. Ihrem Wesen nach ist die Schrift normativ. Sie wirkt „präskriptiv”, und der konnotative und semantische Reichtum dieses Begriffs hat besondere Aufmerksamkeit verdient. Praescribere („vorschreiben”) bedeutet „ordnen”, das heißt einen Verhaltens- oder Interpretationsbereich des geistigen oder gesellschaftlichen Konsenses vorwegnehmen und umschreiben (circumscribere, ein weiterer vielsagender Ausdruck). Die Begriffe „Inschrift”, „Skript”, „Schriftgelehrter“ und das sehr produktive Wortfeld, zu dem sie gehören, verbinden den Schreibakt eng und unausweichlich mit Herrschaftsformen. Der verwandte Begriff „Proskription“ klingt nach Ächtung oder Tod. Die von der Schrift abhängigen Akte, die gleichsam wie Reliquien in die Bücher eingeschlossen sind, begründen, selbst wenn sie sich hinter einem leichtfertigen Äußeren verbergen, alle möglichen Arten von Machtverhältnissen. Der von Klerus, Politik und Gesetz über Analphabeten oder mangelhaft Alphabetisierte ausgeübte Despotismus bringt lediglich diese absolut gültige Grundwahrheit zum Ausdruck. Die in einem Text enthaltene Bedeutung der Autorität, die Aneignung und der ausschließliche Gebrauch dieser Texte durch eine Elite von Gebildeten sind Zeichen der Macht. Die angeketteten Bände der mittelalterlichen Klosterbibliotheken vermitteln eine beunruhigende Wahrheit. Die Schrift fesselt die Bedeutungen.(Nach Ansicht des heiligen Hieronymus erobert der Übersetzer den Sinn, so wie der siegreiche Eroberer seine Gefangenen heimführt.)
Despoten finden sich nicht gern mit einer Herausforderung oder mit Widersprüchen ab, ganz abgesehen davon, dass sie ihnen keinen Vorschub leisten. Nicht anders ist es bei den Büchern. Die Art, wie wir uns bemühen, einen Text in Frage zu stellen, zu widerlegen oder zu verfälschen, bedeutet auch, dass wir einen anderen Text schreiben. Einen text über einen text. Hieraus entsteht diese Logik des endlosen Kommentars und des Kommentars über den Kommentar. Schon der Prediger Salomo bot hierzu gewissermaßen einen verzweifelten Widerhall, als er wissen wollte, ob es beim „vielen Büchermachen“ (Prediger 12,12) jemals ein Ende geben werde. (Man findet dieses fortdauernde und typisch talmudische Dilemma in der freudschen Idee von der „unendliche Analyse“ wieder.) Im radikalen Gegensatz dazu veranschaulicht Platon mit seiner Metapher, dass der mündliche Austausch die unmittelbare Infragestellung , die Gegenerklärung und die Korrektur ermöglicht oder, genauer gesagt, autorisiert. Er erlaubt de,. Der einen Vorschlag macht, seine Meinung zu ändern, nötigenfalls den Rückzug anzutreten und seine Thesen ausgehend von einer gemeinschaftlichen Untersuchung und einer von mehreren durchgeführten Erkundung darzulegen. Die Oralität verlangt nach Wahrheit, nach der Ehrlichkeit, sich selbst zu korrigieren, nach Demokratie, gleichsam nach gemeinsamem Auftreten (nach dem „gemeinschaftlichen Streben“, wie es F.R. Leavin gesagt hat. Der geschriebene Text, das Buch würden all das unwirksam machen. "
Georg Steiner: „Buch oder Leben“; Lettre International (Nr. 68 - 2005); S. 46
"Die Kritik, die Platon im Phaidros an der Schrift übt und die in einem wohlbekannten ägyptischen Mythos verdichtet ist, gibt zweifellos seine Ansicht über die von seinem Lehrer benutzten paradoxen Methoden wieder. Wie immer läßt sich in Platons Auffassungen jedoch ein ironischer Unterton finden: War er nicht selbst ein einzigartiger Schriftsteller und der Autor eines umfangreichen Werks? Dennoch sind die in diesem Mythos gegen die Schrift vorgebrachten Argumente höchst aussagekräftig und bleiben vielleicht bis heute unwiderlegbar.
Im geschriebenen Text, ob er nun aus einem Tontäfelchen, aus Marmor, Papyrus oder Pergament besteht, ob er in Knochen geritzt, eine Rolle oder ein gedrucktes Buch ist, gibt es immer ein Höchstmaß an Autorität. (Wie sein lateinisches Etymon auctoritas enthält dieser Begriff das Wort „Autor”.) Die bloße Tatsache des Schreibens, die Entscheidung für eine schriftliche Vermittlung, impliziert den Anspruch auf etwas Meisterhaftes und Kanonisches. Jeder schriftliche Text hat etwas von einem Vertrag, was bei jedem theologischen und liturgischen Dokument, jedem juristischen Kodex und jeder wissenschaftlichen Abhandlung oder jedem technischen Lehrbuch offensichtlich ist und bei komischen oder tagesaktuellen Texten ebenfalls stark, allerdings subtiler wirkt, ja sich sogar selbst in Frage stellt. Der Text bindet den Autor und seinen Leser an das Versprechen, daß ein Sinn enthalten sei. Ihrem Wesen nach ist die Schrift normativ. Sie wirkt „präskriptiv”, und der konnotative und semantische Reichtum dieses Begriffs hat besondere Aufmerksamkeit verdient. Praescribere („vorschreiben”) bedeutet „ordnen”, das heißt einen Verhaltens- oder Interpretationsbereich des geistigen oder gesellschaftlichen Konsenses vorwegnehmen und umschreiben (circumscribere, ein weiterer vielsagender Ausdruck). Die Begriffe „Inschrift”, „Skript”, „Schriftgelehrter“ und das sehr produktive Wortfeld, zu dem sie gehören, verbinden den Schreibakt eng und unausweichlich mit Herrschaftsformen. Der verwandte Begriff „Proskription“ klingt nach Ächtung oder Tod. Die von der Schrift abhängigen Akte, die gleichsam wie Reliquien in die Bücher eingeschlossen sind, begründen, selbst wenn sie sich hinter einem leichtfertigen Äußeren verbergen, alle möglichen Arten von Machtverhältnissen. Der von Klerus, Politik und Gesetz über Analphabeten oder mangelhaft Alphabetisierte ausgeübte Despotismus bringt lediglich diese absolut gültige Grundwahrheit zum Ausdruck. Die in einem Text enthaltene Bedeutung der Autorität, die Aneignung und der ausschließliche Gebrauch dieser Texte durch eine Elite von Gebildeten sind Zeichen der Macht. Die angeketteten Bände der mittelalterlichen Klosterbibliotheken vermitteln eine beunruhigende Wahrheit. Die Schrift fesselt die Bedeutungen.(Nach Ansicht des heiligen Hieronymus erobert der Übersetzer den Sinn, so wie der siegreiche Eroberer seine Gefangenen heimführt.)
Despoten finden sich nicht gern mit einer Herausforderung oder mit Widersprüchen ab, ganz abgesehen davon, dass sie ihnen keinen Vorschub leisten. Nicht anders ist es bei den Büchern. Die Art, wie wir uns bemühen, einen Text in Frage zu stellen, zu widerlegen oder zu verfälschen, bedeutet auch, dass wir einen anderen Text schreiben. Einen text über einen text. Hieraus entsteht diese Logik des endlosen Kommentars und des Kommentars über den Kommentar. Schon der Prediger Salomo bot hierzu gewissermaßen einen verzweifelten Widerhall, als er wissen wollte, ob es beim „vielen Büchermachen“ (Prediger 12,12) jemals ein Ende geben werde. (Man findet dieses fortdauernde und typisch talmudische Dilemma in der freudschen Idee von der „unendliche Analyse“ wieder.) Im radikalen Gegensatz dazu veranschaulicht Platon mit seiner Metapher, dass der mündliche Austausch die unmittelbare Infragestellung , die Gegenerklärung und die Korrektur ermöglicht oder, genauer gesagt, autorisiert. Er erlaubt de,. Der einen Vorschlag macht, seine Meinung zu ändern, nötigenfalls den Rückzug anzutreten und seine Thesen ausgehend von einer gemeinschaftlichen Untersuchung und einer von mehreren durchgeführten Erkundung darzulegen. Die Oralität verlangt nach Wahrheit, nach der Ehrlichkeit, sich selbst zu korrigieren, nach Demokratie, gleichsam nach gemeinsamem Auftreten (nach dem „gemeinschaftlichen Streben“, wie es F.R. Leavin gesagt hat. Der geschriebene Text, das Buch würden all das unwirksam machen. "
Georg Steiner: „Buch oder Leben“; Lettre International (Nr. 68 - 2005); S. 46
Julio Lambing - So, Mrz 06, 2005 - Zettelkasten: Dialog







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