Jeder Atemzug öffnet ein Königreich
Montreal ist vorbei und nach einer Woche Erholung ist auch wieder Zeit, Notizen zu verfassen. Im Herbst hatte ich auf der Buchmesse in Frankfurt Gelegenheit einen Stand der „Lettre International“ zu besuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob Frank Berberich und die Dame, die nach den Gründen für mein Abonnement fragte, wirklich meine Antwort innerlich annehmen konnten („Nach dem Niedergang der ZEIT die beste Wochenzeitung, die ich kenne“) - sie schauten leicht irritiert. Ich wollte es nocheinmal mit einem Zeitschriften-Abonnement probieren, auch wenn ich mit solchen Lieferverträgen auf Kriegsfuß stehe und es mag, in Bahnhofskiosken zu stöbern. Aber die Aussicht, keine Ausgabe mehr zu verpassen (Nr. 61 ??) und ein Gefühl der Solidarität für europäisches Denken, Fühlen und Argumentieren scheint mir Grund genug, es zu probieren.
Frank Berberich ermöglichte es auf jeden Fall, dass ich („als Begrüßungsgeschenk“) vor kurzem eine Ausgabe der Lettre erhielt, in der ein Text von Paul Veyne über den Tod von Michel Foucault veröffentlicht worden war, ein Text bei dem ich mich schon seit Jahren sehnte, ihn wieder zu lesen. Er enthält eine bewegende Schilderung, wie sich Foucault nach seinem Tod von dem Freund Veyne verabschiedet. Bemerkenswert war die Tatsache, dass Berberich aus dem Stand den Aufsatztitel nannte und die ungefähre Heftnummer wusste - es handelte sich um eine Ausgabe aus dem Sommer 1990. Seine Leidenschaft für die Zeitung und die Freundlichkeit von Lettre ermöglichte es, dass ich nun die geschätzte Nummer 9 der Lettre International in den Händen halten kann.
Paul Veyne hat dort anhand von Foucault das Bild eines Kriegers der Worte, Taten und Analysen gezeichnet, eine Metapher, die mich seit 15 Jahren begleitet hat und mir dennoch entfallen war:
„Foucault war ein Krieger, sagte Jean-Claude Passeron zu mir, ein Mensch des zweiten Standes. Ein Krieger ist ein Mensch, der ohne Wahrheit auskommen kann. Er kennt nur Positionen: seine eigene und die seines Gegners, und er hat genügend Energie zu kämpfen, ohne daß er, um sich Mut einzuflößen , sich im Recht wissen muß. «Jeder Atemzug öffnet ein Königreich», schreibt René Char. Der Gang der Geschichte enthält keine ewigen Probleme, weder substanzieller noch dialektischer Art. (...) Was macht es schon, wenn die Zeit vergeht und ihre Grenzen unsere Wertsetzungen auslöscht. Kein Krieger wurden in seinem Patriotismus durch die Vorstellung erschüttert, daß sein Herz für das gegnerische Lager schlagen würde, wäre er jenseits der Grenze geboren.“ (1)
Die Geschichte, wie Foucault, nachdem er gestorben war, in einem leuchtend grünen Wagen auf der Autobahn Veyne überholte und ihn zum letzten Mal anlächelte, habe ich oft Freunden erzählt. Doch dieses Motiv eines Patrioten der weiß, dass "es nur Wertsetzungen [gibt], die von einer Kultur zu anderen und sogar von einem Individuum zu einem anderen wechseln und die (...) weder wahr noch faklsch sind", ist der Hauptlinie des Textes. Vielleicht ist die Tatsache, dass es mir in all den Jahren nicht mehr gegenwärtig war, darin begründet, dass mir in Veynes Bild der abgrundtiefe Humor fehlte, der hinter dem ganzen aufblitzt. Denn Veyne zeichnet zwar eine wahre Seite des Krieges, aber eben auch nur eine Seite. Die andere ist, dass ein Krieger, weil er eben weiß, dass „jeder Patriot seiner Werte ist“, den Kämpfen auch gelassen zuschauen kann. Nicht jedes Scharmützel lohnt; und wer um die relative Berechtigung seines Kampfes weiß, der weiß auch, dass eine gewisse Skepsis angebracht, wenn irgendwer aus dem eigenen Lager wieder neue Marschrouten als das non plus ultra ausgegibt. Und ein handelnder Krieger kann niemals nur Werkzeug der Schlachtpläne und Feldherrn sein. Letztendlich ist dem Krieger die Selbstironie nie fern.
Ein solches Verständnis mag bei Menschen, die sich mit aristotelischen Alternativen zur nietzscheanischen Absage an die Begründung von Moral oder einer republikanischen Gestaltung unseres Lebens beschäftigen, seltsam klingen. Aber Feldzüge bestehen ja selten nur aus einem Marsch in eine Richtung.
An Lettre ein herzliches Danke Schön, für dieses Geschenk, nicht zuletzt deshalb, weil Nummer 9 auch diesen wunderschönen Text enthält. Es scheint so, als ob der Herbst 05 mir eine ganze Reihe an literarischen Affären wiederbringt, die mich - auch wenn ich ihre Namen vergessen habe - seit diesem Sommer vor 15 Jahren begleitet haben.
PS: Die nächste Lettre ist schon da. Das ist der Nachteil bei Periodika, man kommt bei solchen Lieferfrequenzen mit dem Lesen einfach nicht nach.
(1) Paul Veyne: "Die Sanftheit des Verschwindens. Michel Foucault und seine Moral"; in: Lettre International (Nr. 9 - 1990); S. 81 – 83;
Frank Berberich ermöglichte es auf jeden Fall, dass ich („als Begrüßungsgeschenk“) vor kurzem eine Ausgabe der Lettre erhielt, in der ein Text von Paul Veyne über den Tod von Michel Foucault veröffentlicht worden war, ein Text bei dem ich mich schon seit Jahren sehnte, ihn wieder zu lesen. Er enthält eine bewegende Schilderung, wie sich Foucault nach seinem Tod von dem Freund Veyne verabschiedet. Bemerkenswert war die Tatsache, dass Berberich aus dem Stand den Aufsatztitel nannte und die ungefähre Heftnummer wusste - es handelte sich um eine Ausgabe aus dem Sommer 1990. Seine Leidenschaft für die Zeitung und die Freundlichkeit von Lettre ermöglichte es, dass ich nun die geschätzte Nummer 9 der Lettre International in den Händen halten kann.
Paul Veyne hat dort anhand von Foucault das Bild eines Kriegers der Worte, Taten und Analysen gezeichnet, eine Metapher, die mich seit 15 Jahren begleitet hat und mir dennoch entfallen war:
„Foucault war ein Krieger, sagte Jean-Claude Passeron zu mir, ein Mensch des zweiten Standes. Ein Krieger ist ein Mensch, der ohne Wahrheit auskommen kann. Er kennt nur Positionen: seine eigene und die seines Gegners, und er hat genügend Energie zu kämpfen, ohne daß er, um sich Mut einzuflößen , sich im Recht wissen muß. «Jeder Atemzug öffnet ein Königreich», schreibt René Char. Der Gang der Geschichte enthält keine ewigen Probleme, weder substanzieller noch dialektischer Art. (...) Was macht es schon, wenn die Zeit vergeht und ihre Grenzen unsere Wertsetzungen auslöscht. Kein Krieger wurden in seinem Patriotismus durch die Vorstellung erschüttert, daß sein Herz für das gegnerische Lager schlagen würde, wäre er jenseits der Grenze geboren.“ (1)
Die Geschichte, wie Foucault, nachdem er gestorben war, in einem leuchtend grünen Wagen auf der Autobahn Veyne überholte und ihn zum letzten Mal anlächelte, habe ich oft Freunden erzählt. Doch dieses Motiv eines Patrioten der weiß, dass "es nur Wertsetzungen [gibt], die von einer Kultur zu anderen und sogar von einem Individuum zu einem anderen wechseln und die (...) weder wahr noch faklsch sind", ist der Hauptlinie des Textes. Vielleicht ist die Tatsache, dass es mir in all den Jahren nicht mehr gegenwärtig war, darin begründet, dass mir in Veynes Bild der abgrundtiefe Humor fehlte, der hinter dem ganzen aufblitzt. Denn Veyne zeichnet zwar eine wahre Seite des Krieges, aber eben auch nur eine Seite. Die andere ist, dass ein Krieger, weil er eben weiß, dass „jeder Patriot seiner Werte ist“, den Kämpfen auch gelassen zuschauen kann. Nicht jedes Scharmützel lohnt; und wer um die relative Berechtigung seines Kampfes weiß, der weiß auch, dass eine gewisse Skepsis angebracht, wenn irgendwer aus dem eigenen Lager wieder neue Marschrouten als das non plus ultra ausgegibt. Und ein handelnder Krieger kann niemals nur Werkzeug der Schlachtpläne und Feldherrn sein. Letztendlich ist dem Krieger die Selbstironie nie fern.
Ein solches Verständnis mag bei Menschen, die sich mit aristotelischen Alternativen zur nietzscheanischen Absage an die Begründung von Moral oder einer republikanischen Gestaltung unseres Lebens beschäftigen, seltsam klingen. Aber Feldzüge bestehen ja selten nur aus einem Marsch in eine Richtung.
An Lettre ein herzliches Danke Schön, für dieses Geschenk, nicht zuletzt deshalb, weil Nummer 9 auch diesen wunderschönen Text enthält. Es scheint so, als ob der Herbst 05 mir eine ganze Reihe an literarischen Affären wiederbringt, die mich - auch wenn ich ihre Namen vergessen habe - seit diesem Sommer vor 15 Jahren begleitet haben.
PS: Die nächste Lettre ist schon da. Das ist der Nachteil bei Periodika, man kommt bei solchen Lieferfrequenzen mit dem Lesen einfach nicht nach.
(1) Paul Veyne: "Die Sanftheit des Verschwindens. Michel Foucault und seine Moral"; in: Lettre International (Nr. 9 - 1990); S. 81 – 83;
Julio Lambing - Sa, Dez 17, 2005 - Zettelkasten: Privates







Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/STORIES/1289898/modTrackback