Michel Foucault über Bruno Snell ?
Kinder brauchen lange, bis sie wissen, dass sie einen Körper haben. Die ersten Monate und bis ins erste Lebensjahr hinein haben sie nur einen zerstreuten Körper, Glieder, Körperhöhlen, Öffnungen. Erst im Spiegelbild ordnet sich all das und nimmt buchstäblich Gestalt an. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass die Griechen zu Homers Zeiten kein Wort für die Einheit des Körpers besaßen. So paradox es klingen mag, vor Troja, unter den von Hektor und seinen Gefährten verteidigten Mauern, gab es keine Körper, es gab nur erhobene Arme, eine mutige Brust, schnelle Beine, blitzende Helme auf den Köpfen, aber keinen Körper. Das griechische Wort für Körper erscheint bei Homer nur zur Bezeichnung einer Leiche. Erst diese Leiche also und der Spiegel lehren uns (lehrten damals die Griechen, wie sie heute noch die Kinder lehren), dass wir einen Körper haben, dass dieser Körper eine Form besitzt und diese Form einen Umriss, dass sich innerhalb des Umrisses etwas Dichtes, Schweres befindet, kurz, dass der Körper einen Ort besetzt.
Michel Foucault: "Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge"; Frankfurt am Main 2005; S.34f.
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