Habermasens Ideen über den Dialog mit der Religion
Habe am Wochenende in Trier den Sonderdruck von Habermasens Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 entdeckt, herausgeben von Suhrkamp. Mir schon vor Jahren empfohlen, schien sie mir eine gute Gelegenheit, einen ersten Einblick in seine aktuelle Auseinandersetzung mit Religion und Glaube zu gewinnen. Die Rede zeigt die Lust am Argumentieren, und gerade in ihrem abrupten Start und fragendem Ende macht sie in sympathischer Weise den hohen Dialogethos des Preisträgers deutlich. Ihr Kerngedanke kreist um die Frage, wie Religion der säkularen Gesellschaft nutzt und wo das in den Augen Habermas berechtigte Primat der Wissenschaft zur Hybris wird:
„Wenn wir mit Max Weber den Blick auf die Anfänge der »Entzauberung der Welt« lenken, sehen wir, was auf dem Spiel steht. Die Natur wird in dem Maße, wie sie der objektivierenden Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich gemacht wird, entpersonalisiert. Die wissenschaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Bezugssystem von Personen, die sich gegenseitig Absichten und Motive zuschreiben, heraus. Was wird nun aus solchen Personen, wenn sie sich nach und nach selber unter naturwissenschaftliche Beschreibungen subsumieren? Wird sich der Commonsense am Ende vom kontraintuitiven Wissen der Wissenschaften nicht nur belehren, sondern mit Haut und Haaren konsumieren lassen?“ (1)
Es folgt eine längere Argumentation im bekannten Rahmen (Gründe/Ursachen, Beobachterperspektive/Teilnehmerperspektive, erklären/verstehen), warum das nicht möglich ist.
Der auf den Menschen konzentrierte Ausgangspunkt (2) bei Habermas ist klar: Die Entpersonalisierung der „Natur“ (meint meterologische Phänomene, Landschaften, Tiere oder Pflanzen) ist ein sinnvolles Ergebnis der Aufklärung, die Entpersonalisierung des Menschen wäre ihre Pervertierung.
Hier wäre natürlich die Chance die Kritik an der Entpersonalisierung ernstzunehmen und sie eben gerade über jene naheliegende Verteidigung der menschlichen Person hinauszutreiben, wenn man den Anspruch wirklich ernst nehmen würde, vom fremden Kulturen zu lernen und die heraufbeschworene rationale Intuition „religiöser“ Standpunkte entdecken zu wollen. Ein Anspruch, den Habermas so formuliert:
„Die Suche nach Gründen, die auf allgemeine Akzeptabilität abzielen, würde nur dann nicht zu einem unfairen Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit führen und die säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden, wenn sich auch die säkulare Seite ein Gefühl für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrte. Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb sollte die Festlegung dieser umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.
Die liberale Politik darf den fortwährenden Streit über das säkulare Selbstverständnis der Gesellschaft nicht externalisieren, also in die Köpfe von Gläubigen abschieben. Der demokratisch aufgeklärte Commonsense ist kein Singular, sondern beschreibt die mentale Verfassung einer vielstimmigen Öffentlichkeit. Säkulare Mehrheiten dürfen in solchen Fragen keine Beschlüsse durchdrücken, bevor sie nicht dem Einspruch von Opponenten, die sich davon in ihren Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, Gehör geschenkt haben; sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie daraus lernen können. In Anbetracht der religiösen Herkunft seiner moralischen Grundlagen sollte der liberale Staat mit der Möglichkeit rechnen, dass die »Kultur des gemeinen Menschenverstandes« (Hegel) angesichts ganz neuer Herausforderungen das Artikulationsniveau der eigenen Entstehungsgeschichte nicht einholt. Die Sprache des Marktes dringt heute in alle Poren ein und presst alle zwischenmenschlichen Beziehungen in das Schema der Orientierung an je eigenen Präferenzen. Das soziale Band, das aus gegenseitiger Anerkennung geknüpft wird, geht aber in den Begriffen des Vertrages, der rationalen Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.“(3)
Doch Habermas ist ein Modernisierungstheoretiker, der (in ganz klassischer Aufklärungstradition) den Boden christlicher Entwicklungstheoreme niemals verlassen hat. Da er trotz aller Vernünftigkeit mit seinem Programm den identitätsstiftenden, metaphysischen Fortschrittsglauben nicht verbscheiden kann, müssen die sogenannten „Hochreligionen“ eben nicht nur Veränderung, sondern eben zivilisatorische Verbesserung bedeuten. So ist schon klar, wo und wem ansonsten die Rationalität dennoch abgesprochen werden darf. Ohnehin wird sein Vorwurf des Kitsches, auf die üblichen leichten Zielscheiben zielend, im Auditorium zustimmendes Murmeln und ein selbstgefälliges zufriedenes Genicke ernten:
„Eine sich selbst dementierende Vernunft gerät leicht in Versuchung, sich der Autorität und den Gestus eines entkernen, anonym gewordenen Sakrales bloß auszuleihen. Bei Heidegger mutiert die Andacht zum Andenken. Aber dadurch, dass dass sich der Jüngste Tag der Heilsgeschichte zum unbestimmten Ereignis der Seinsgeschichte verflüchtigt, gewinnen wir keine neue Einsicht. Wenn sich der Posthumanismus in der Rückkehr zu den archaischen Anfängen vor Christus und vor Sokrates erfüllen soll, schlägt die Stunde des religiösen Kitsches. Dann öffnen die Warenhäuser der Kunst ihre Pforten für die Altäre aus aller Welt, für die aus allen Himmelsrichtungen zur Vernissage eingeflogenen Priester und Schamanen. Demgegenüber hat die profane, aber nicht defaitistische Vernunft zu viel Respekt vor dem Glutkern, der sich an der Frage der Theodizee immer wieder entzündet, als dass sie der religion zu nahe treten würde. Sie weiß, dass die Entweihung des Sakralen mit jenen Weltreligionen beginnt, die die Magie entzaubert, den Mythos überwunden, das Opfer sublimiert und das Geheimnis gelüftet haben. So kann sie von der Religion Abstand halten, ohne sich deren Perspektive zu verschließen.“(4)
Dümmlich wäre es hier, Habermas Nennung der Wegmarke „Christus“ als vermeintlichen Affront gegen das Judentum interpretieren zu wollen. Aber die womögliche Rechtfertigung solcher Zeilen mit dem Hinweis, es gehe nur um einen Missbrauch des Religiösen á la Heidegger, wäre es ebenfalls: Ganz offen werden Stereotypen angerufen, wenn der Assoziationsbogen so gespannt ist, dass er von Heideggers Liebesaffäre mit brauner Heilssymbolik über die mythische Kulturen vor der „sokratischen Aufklärung“ zum heutigen „esoterischen Nepp“ führt, der Schamanen einfliegen lässt. Demgegenüber stehen die akzeptablen Religionen, die Mythos und Magie „überwunden“ haben. Ein Standpunkt, zwar nicht erstaunlich oder überraschend, aber in einem seltsamen (fast wäre man versucht zu sagen: performativen) Widerspruch zum Dialogstil des Gesellschaftstheoretikers.
Dass dennoch bei einem so profilierten Apologeten der Aufklärungsideologie (5) der rationale Dialog zumindest mit einem Teil der Religion gestartet wird, lässt hoffen:
„Diese ambivalente Einstellung kann auch die Selbstaufklärung einer vom Kulturkampf zerrissenen Bürgergesellschaft in die richtige Richtung lenken. Die postsäkulare Gesellschaft setzt die Arbeit, die die Religion am Mythos vollbracht hat, an der religion selbst fort. Nun freilich nicht mehr in der hybriden Absicht einer feindlichen Übernahme, sondern aus dem Interesse, im eigenen Haus der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenzuwirken. Der demokratische aufgeklärte Commonsense muss auch die mediale Vergleichgültigung und die plappernde Trivialisierung aller Gewichtsunterschiede fürchten. Moralische Empfindungen, die bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenzierten Ausdruck besitzen, können allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber implizit Vermisstes eine rettende Formulierung einstellt. Sehr selten gelingt das, aber manchmal. Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit säkularisierende Macht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann.“(6)
Doch gar nicht schlecht als Start. Der Rest wird kommen: Auch bei indigenen Völkern hat man in hiesigen Kreisen sich irgendwann mal damit angefreundet, zwar nicht direkt die knapp über der Tierwelt stehenden „Kaffern“, aber zumindest ausgesuchte „Kulturvölker“ Asiens für einen rationalen Dialog fähig zu halten. Bis dahin können ja zahlungswillige Esojünger die Stellung bei den Schamanen halten?
Fußnoten:
(1) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.16
(2) „Anthropozentrisch“, im Wortsinne zutreffend, klänge unangemessen anklagend. Ein heidnischer Weltanschauungsexperte - wenn er denn den Sprachgestus der Entlarvung wie ihn die christlichen und laizistischen praktizieren, nachäffen möchte - könnte so schreiben
(3) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.22
(4) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.28
(5) Das Wort aufklräungsideologie soll nicht bestreiten, dass es ein kulturgeschichtliches Phänomen, dass heute gewöhnlich unter Geistesgeschichtlern als „Aufklärung“ beschrieben wurde, gegeben hat, und auch nicht, dass dieses Phänomen einige Errungenschaften hervorbrachte, von denen viele menschen glücklicherweise profiitieren. Es soll lediglich eine Rhetorik, Bilderwelt und Vokabular unhinterfragter Glaubensvorstellungen anzeigen, die von offenkundigen metaphysischen Fundamenten startend das Phänomen der „Aufklärung“ mit religiösen und emotionalen Zügen auflädt und missionarische bis pluralismusfeindliche Wucht entfaltet.
(6) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.29
„Wenn wir mit Max Weber den Blick auf die Anfänge der »Entzauberung der Welt« lenken, sehen wir, was auf dem Spiel steht. Die Natur wird in dem Maße, wie sie der objektivierenden Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich gemacht wird, entpersonalisiert. Die wissenschaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Bezugssystem von Personen, die sich gegenseitig Absichten und Motive zuschreiben, heraus. Was wird nun aus solchen Personen, wenn sie sich nach und nach selber unter naturwissenschaftliche Beschreibungen subsumieren? Wird sich der Commonsense am Ende vom kontraintuitiven Wissen der Wissenschaften nicht nur belehren, sondern mit Haut und Haaren konsumieren lassen?“ (1)
Es folgt eine längere Argumentation im bekannten Rahmen (Gründe/Ursachen, Beobachterperspektive/Teilnehmerperspektive, erklären/verstehen), warum das nicht möglich ist.
Der auf den Menschen konzentrierte Ausgangspunkt (2) bei Habermas ist klar: Die Entpersonalisierung der „Natur“ (meint meterologische Phänomene, Landschaften, Tiere oder Pflanzen) ist ein sinnvolles Ergebnis der Aufklärung, die Entpersonalisierung des Menschen wäre ihre Pervertierung.
Hier wäre natürlich die Chance die Kritik an der Entpersonalisierung ernstzunehmen und sie eben gerade über jene naheliegende Verteidigung der menschlichen Person hinauszutreiben, wenn man den Anspruch wirklich ernst nehmen würde, vom fremden Kulturen zu lernen und die heraufbeschworene rationale Intuition „religiöser“ Standpunkte entdecken zu wollen. Ein Anspruch, den Habermas so formuliert:
„Die Suche nach Gründen, die auf allgemeine Akzeptabilität abzielen, würde nur dann nicht zu einem unfairen Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit führen und die säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden, wenn sich auch die säkulare Seite ein Gefühl für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrte. Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb sollte die Festlegung dieser umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.
Die liberale Politik darf den fortwährenden Streit über das säkulare Selbstverständnis der Gesellschaft nicht externalisieren, also in die Köpfe von Gläubigen abschieben. Der demokratisch aufgeklärte Commonsense ist kein Singular, sondern beschreibt die mentale Verfassung einer vielstimmigen Öffentlichkeit. Säkulare Mehrheiten dürfen in solchen Fragen keine Beschlüsse durchdrücken, bevor sie nicht dem Einspruch von Opponenten, die sich davon in ihren Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, Gehör geschenkt haben; sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie daraus lernen können. In Anbetracht der religiösen Herkunft seiner moralischen Grundlagen sollte der liberale Staat mit der Möglichkeit rechnen, dass die »Kultur des gemeinen Menschenverstandes« (Hegel) angesichts ganz neuer Herausforderungen das Artikulationsniveau der eigenen Entstehungsgeschichte nicht einholt. Die Sprache des Marktes dringt heute in alle Poren ein und presst alle zwischenmenschlichen Beziehungen in das Schema der Orientierung an je eigenen Präferenzen. Das soziale Band, das aus gegenseitiger Anerkennung geknüpft wird, geht aber in den Begriffen des Vertrages, der rationalen Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.“(3)
Doch Habermas ist ein Modernisierungstheoretiker, der (in ganz klassischer Aufklärungstradition) den Boden christlicher Entwicklungstheoreme niemals verlassen hat. Da er trotz aller Vernünftigkeit mit seinem Programm den identitätsstiftenden, metaphysischen Fortschrittsglauben nicht verbscheiden kann, müssen die sogenannten „Hochreligionen“ eben nicht nur Veränderung, sondern eben zivilisatorische Verbesserung bedeuten. So ist schon klar, wo und wem ansonsten die Rationalität dennoch abgesprochen werden darf. Ohnehin wird sein Vorwurf des Kitsches, auf die üblichen leichten Zielscheiben zielend, im Auditorium zustimmendes Murmeln und ein selbstgefälliges zufriedenes Genicke ernten:
„Eine sich selbst dementierende Vernunft gerät leicht in Versuchung, sich der Autorität und den Gestus eines entkernen, anonym gewordenen Sakrales bloß auszuleihen. Bei Heidegger mutiert die Andacht zum Andenken. Aber dadurch, dass dass sich der Jüngste Tag der Heilsgeschichte zum unbestimmten Ereignis der Seinsgeschichte verflüchtigt, gewinnen wir keine neue Einsicht. Wenn sich der Posthumanismus in der Rückkehr zu den archaischen Anfängen vor Christus und vor Sokrates erfüllen soll, schlägt die Stunde des religiösen Kitsches. Dann öffnen die Warenhäuser der Kunst ihre Pforten für die Altäre aus aller Welt, für die aus allen Himmelsrichtungen zur Vernissage eingeflogenen Priester und Schamanen. Demgegenüber hat die profane, aber nicht defaitistische Vernunft zu viel Respekt vor dem Glutkern, der sich an der Frage der Theodizee immer wieder entzündet, als dass sie der religion zu nahe treten würde. Sie weiß, dass die Entweihung des Sakralen mit jenen Weltreligionen beginnt, die die Magie entzaubert, den Mythos überwunden, das Opfer sublimiert und das Geheimnis gelüftet haben. So kann sie von der Religion Abstand halten, ohne sich deren Perspektive zu verschließen.“(4)
Dümmlich wäre es hier, Habermas Nennung der Wegmarke „Christus“ als vermeintlichen Affront gegen das Judentum interpretieren zu wollen. Aber die womögliche Rechtfertigung solcher Zeilen mit dem Hinweis, es gehe nur um einen Missbrauch des Religiösen á la Heidegger, wäre es ebenfalls: Ganz offen werden Stereotypen angerufen, wenn der Assoziationsbogen so gespannt ist, dass er von Heideggers Liebesaffäre mit brauner Heilssymbolik über die mythische Kulturen vor der „sokratischen Aufklärung“ zum heutigen „esoterischen Nepp“ führt, der Schamanen einfliegen lässt. Demgegenüber stehen die akzeptablen Religionen, die Mythos und Magie „überwunden“ haben. Ein Standpunkt, zwar nicht erstaunlich oder überraschend, aber in einem seltsamen (fast wäre man versucht zu sagen: performativen) Widerspruch zum Dialogstil des Gesellschaftstheoretikers.
Dass dennoch bei einem so profilierten Apologeten der Aufklärungsideologie (5) der rationale Dialog zumindest mit einem Teil der Religion gestartet wird, lässt hoffen:
„Diese ambivalente Einstellung kann auch die Selbstaufklärung einer vom Kulturkampf zerrissenen Bürgergesellschaft in die richtige Richtung lenken. Die postsäkulare Gesellschaft setzt die Arbeit, die die Religion am Mythos vollbracht hat, an der religion selbst fort. Nun freilich nicht mehr in der hybriden Absicht einer feindlichen Übernahme, sondern aus dem Interesse, im eigenen Haus der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenzuwirken. Der demokratische aufgeklärte Commonsense muss auch die mediale Vergleichgültigung und die plappernde Trivialisierung aller Gewichtsunterschiede fürchten. Moralische Empfindungen, die bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenzierten Ausdruck besitzen, können allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber implizit Vermisstes eine rettende Formulierung einstellt. Sehr selten gelingt das, aber manchmal. Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit säkularisierende Macht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann.“(6)
Doch gar nicht schlecht als Start. Der Rest wird kommen: Auch bei indigenen Völkern hat man in hiesigen Kreisen sich irgendwann mal damit angefreundet, zwar nicht direkt die knapp über der Tierwelt stehenden „Kaffern“, aber zumindest ausgesuchte „Kulturvölker“ Asiens für einen rationalen Dialog fähig zu halten. Bis dahin können ja zahlungswillige Esojünger die Stellung bei den Schamanen halten?
Fußnoten:
(1) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.16
(2) „Anthropozentrisch“, im Wortsinne zutreffend, klänge unangemessen anklagend. Ein heidnischer Weltanschauungsexperte - wenn er denn den Sprachgestus der Entlarvung wie ihn die christlichen und laizistischen praktizieren, nachäffen möchte - könnte so schreiben
(3) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.22
(4) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.28
(5) Das Wort aufklräungsideologie soll nicht bestreiten, dass es ein kulturgeschichtliches Phänomen, dass heute gewöhnlich unter Geistesgeschichtlern als „Aufklärung“ beschrieben wurde, gegeben hat, und auch nicht, dass dieses Phänomen einige Errungenschaften hervorbrachte, von denen viele menschen glücklicherweise profiitieren. Es soll lediglich eine Rhetorik, Bilderwelt und Vokabular unhinterfragter Glaubensvorstellungen anzeigen, die von offenkundigen metaphysischen Fundamenten startend das Phänomen der „Aufklärung“ mit religiösen und emotionalen Zügen auflädt und missionarische bis pluralismusfeindliche Wucht entfaltet.
(6) Jürgen Habermas: "Glauben und Wissen : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001"; Frankfurt am Main 2001; S.29
Julio Lambing - So, Jan 08, 2006 - Zettelkasten: Rationalitaet







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