Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Tugendhat über anthropologische Wurzeln der Mystik

Die „Monde diplomatique“ veröffentlichte in ihrer Januar-Ausgabe eine gekürzte Version die Dankesrede, die Ernst Tugendhat anlässlich der Verleihung des Meister Eckart Preises durch die Identity Foundation am 5. Dezember hielt. Tugendhat geht es seit längerem darum, die anthropologischen Wurzeln der Mystik freizulegen und diese zugleich von denen der Religion zu unterscheiden. Für Tugendhat ist es nämlich die verbreitete Einstellung indiskutabel, mystische Haltungen entweder als irrational oder als Ausdruck einer kulturellen Tradition zu verstehen, die nur innerhalb dieser Tradition verstanden werden kann.

Zwischendurch macht er der Religion einen kurzen Prozess:

Alles kontingente Geschehen lässt sich kausal erklären, und Gott erweist sich als Projektion einer Wunschvorstellung, die Moral lässt sich nur noch als intersubjektiv begründet verstehen, ihre Absolutsetzung war ihrerseits eine Projektion. Das Merkwürdige ist, dass man das auch schon in der Religion immer geahnt hat, denn sonst hätte sie sich nicht auf besondere, geheiligte Traditionen berufen müssen. Religiöse Wahrheit ist immer nur entweder durch Tradition oder durch übernatürliche Offenbarung zugänglich gewesen. Von daher ergibt sich auch die selbstverständliche Grenze aller Aufklärung: Wer an seiner religiösen Überzeugung festhalten will, kann dies immer durch Berufung auf seinen besonderen Zugang erreichen. Das bleibt immer möglich, nur dass dann die rückhaltlose intersubjektive Verständigung abgebrochen wird.

Ich will nun zeigen, dass das in der Mystik ganz anders ist. Wenn ich auch bei der Religion von einer anthropologischen Wurzel gesprochen habe, also von etwas, was kein Mensch leugnen kann, weil es zum Menschsein gehört, so bezieht sich das doch nur auf (...) die Konfrontation mit dem Kontingenzproblem. Schon der zweite, für das religiöse Bewusstsein entscheidende Schritt, die Zusammenfassung des Kontingenten zu einer persönlichen Macht, ist eine animistische Konstruktion und Wunschprojektion. Beim religiösen Bewusstsein kann man also lediglich sagen, dass das Bedürfnis dazu eine anthropologische Konstante ist. Im Zeitalter der Wissenschaft mögen wir weiterhin das Bedürfnis haben zu solchen Haltungen, wie zu danken und vielleicht zu beten, aber indem der Adressat entfällt, bleibt es beim bloßen Impuls.


Da Tugendhat mystische Haltungen als ein von religiösen Einstellungen unterscheidbares Phänomen ansieht ("Wenn aber Mystik eine Form von Religion wäre, dann könnte es keine buddhistische und keine taoistische Mystik gegeben haben."), kann er dann zur Rechtfertigung der Mystik schreiten, die im Gegensatz zur Religion nach der Aufklärung auch weiterhin als reale Möglichkeit des Menschseins ansieht, während eine religiöse Haltung "mit der intellektuellen Redlichkeit heute nicht mehr vereinbar" ist: „Es erscheint mir sinnvoll, heute Mystik und Religion zu trennen, statt das Kind mit dem Bade auszuschütten.“

Tugendhat benennt als anthropologische Wurzeln der Mystik zum einen „die Konzentration, ein Gesammeltsein in sich, das zugleich affektiv zu verstehen ist, als Seelenruhe“ und zum zweiten der Umstand, dass diese Konzentration nicht einfach die eigene Person oder das eigene Leben zum Gegenstand zu haben scheint, sondern gleichzeitig die Welt im Ganzen:

„Ich beginne mit dem Gesammeltsein. Während andere Tiere jeweils in ihrer Situation leben, gehört es zum eigentümlichen Leben der Menschen, dass sie sich auf Ziele ausrichten, und das hat nun zur Folge, dass sie einerseits in einzelnen Sorgen und Fähigkeiten aufgehen, aber sich auch, insbesondere angesichts des Todes, auf die Einheitlichkeit ihres Lebens besinnen können; sie haben nicht nur Gefühle, sondern sie können sich auch zu ihnen verhalten und eine Ausgeglichenheit und Beständigkeit in ihrer Affektivität anstreben. Die Unveränderlichkeit wird wichtig, nicht weil sie zum Sinn des Seins gehört, sondern weil Menschen ein Bewusstsein von der Vergänglichkeit ihrer Zustände und ihrer selbst haben. Man kann das als eine zweite Form der Kontingenzbewältigung ansehen, und das erklärt, warum auch die Religion meist eine mystische Komponente hat. So ergibt sich bei Menschen eine Gegenläufigkeit zwischen der Vielzahl ihrer Sorgen und Affekte und einem Sichsammeln.

Aber was ist es, womit ein Mensch sich in diesem Sichsammeln konfrontiert sieht? Man könnte zunächst sagen: einfach sein Leben im Ganzen, oder: dies Leben mit seinem Begrenztsein durch den Tod. Es ist aber zumindest nahe liegend, dass ein Mensch, wenn er sich mit Leben und Tod konfrontiert, zugleich über die Grenzen seines Lebens hinausschaut und so auch des vielen, was er nicht ist, in seinem Eigensein gewahr wird. Warum?

Hier stoßen wir auf die zweite und eigentlich noch fundamentalere anthropologische Wurzel der Mystik, und auch sie lässt sich am besten in der Gegenüberstellung zum Bewusstsein der anderen Tiere verständlich machen. Es gehört zur Besonderheit des menschlichen Bewusstseins, dass es aufgrund seiner sprachlichen Struktur auf einzelne Gegenstände bezogen ist und deswegen auch auf sich als einzelnes Wesen, als Ich: Es bezieht sich auf sich als einer oder eine unter allen anderen. Darin gründet das Bewusstsein der Einsamkeit, wie es Octavio Paz in seinem Buch "Das Labyrinth der Einsamkeit" herausgearbeitet hat, und darin wiederum die Sehnsucht, seine Einsamkeit zu überwinden, was einem Menschen teilweise in Gemeinsamkeiten und in der Liebe gelingt, aber das bleibt fragil und seinerseits vereinzelt. Jeder Mensch sieht sich in seinen Zielsetzungen - in dem, was ihm wichtig ist - als vereinzelt innerhalb der Welt und gewinnt so ein Bewusstsein von der Geringfügigkeit von sich und seinen Sorgen.

Man kann sich mit diesem Widerspruch zwischen Sich-wichtig-Nehmen und objektiver eigener Unwichtigkeit einfach abfinden (oder man verdrängt ihn), aber man kann ihn auch thematisieren. In diesem Fall tritt das meist nur am Rande und schattenhaft wahrgenommene Eigensein des vielen anderen ins Zentrum des Sehfeldes, es erscheint in der Reflexion auf das Ich als ebenso gegenwärtig, das Ich rückt seinerseits an den Rand des eigenen Bewusstseins, und es ist dieser Bewusstseinszustand, der sich am besten als Mystik bezeichnen lässt. Mystik, so gesehen, ist nicht ein Gefühl und auch nicht eine Erfahrung, sondern ein Wissen und eine entsprechende Haltung.“

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