Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Halt's Maul, sonst war's das mit dem Job

Der Mut des Citoyens, jenseits von Institutionen und unabhängig von ihrem Rückhalt Stellung zu beziehen, ist für das Funktionieren eines Gemeinwohls unablässig, heißt es - und heißt es zurecht. Doch auch hier gilt gerne ähnlich wie bei Windmühlen, Autobahnen etc.: „Not in my backyard!“. Und die Dimensionen jenes Hintergartens, in dem die Ausübung zivilbürgerlicher Tugenden in Wirklichkeit nicht erwünscht ist, wird von einem relevanten Teil der Gesellschaft dermaßen groß definiert, dass man immer wieder erstaunt ist. Das ganz normale demokratische Konsequenz als Affront empfunden wird, kann in der Politik immer wieder beobachtet werden, z.B. bei der Kandidatur um den Posten eines SPD-Generalsekretärs oder bei der Fragen des Gewissensentscheides von Bundestagsabgeordenten.

Auch in der Wirtschaft ist mit der Wertschätzung zivilbürgerlicher Verhaltensweisen jenseits aller Sonntagsrhetorik oft nicht weit her. Die Veröffentlichung eines internen Firmen-Newsletters aus der bekannten Werbeagentur Jung von Matt durch den Weblogger Jens SCHOLZ spülte jetzt ein nettes Beispiel nach oben. Der Newsletter, in dem sich der Marketing-Unternehmer Jean-Remy von Matt bitterlich über die Kritik an seiner umstrittenen „Du bist Deutschland“-Kampagne beschwerte, wurde anscheinend per Email in Internetkreisen herumgereicht (ge-“forwarded“), bis sie schließlich auch Scholz erreichte und von ihm ins Netz gestellt wurde. Scholz hatte schon öfters über die Kampagne kritisch berichtetet, der Newsletter bestätigte ihn in seiner Einschätzung, wie abgehoben sie konzipiert war. Die Resonanz in der Bloggersphäre war entsprechend groß. (1)
Als Scholz mit einer humorvollen und selbstironischen Bemerkung auf den frischen und vermutlich auch nicht lang anhaltenden Ruhm in Bloggerkreisen reagierte, indem er auf sein Leben als Single und seine berufliche Qualifikation hinwies, reagierte ein anonymer Poster mit folgendem Kommentar:

„Zwei Ratschläge: Bügel dir die senkrechten Falten aus der Stirn (dann klappt's vielleicht auch mit der Beendigung des Singledaseins), und halt dich zweitens demnächst ein wenig zurück mit der Bloßstellung potenzieller Arbeitgeber.

Oder glaubst du ernsthaft, dass irgendeine Agentur noch mit deiner Loyalität rechnet?“


Die durch den gehässigen Tonfall angezeigte Betroffenheit und die Anonymität des Schreibers lassen vermuten, dass er aus dem Sympathisantenumfeld des kritisierten Marketingprofis kommt. (2) Lässt man die Tipps zum optischen Styling ausser Acht, so ist das Posting zugleich eine Brandmarkung und eine Warnung. Dem Blogger wird unterstellt, gerade er habe das Unternehmen Jung von Matt „bloßgestellt“ - als ob die Selbstentblößung nicht bereits durch die Email-Versendung des Newsletter an die gesamte Firmenbelegschaft erfolgt wäre, die in Zeiten der Weiterleitungsfunktion die Leserschaft gleich einmal verzehnfacht. Verpackt in eine rhetorische Frage sät der Schreiber dann den Verdacht, dass die Veröffentlichung ein Zeichen von Illoyalität sei, die ihn für potentielle Arbeitgeber nicht mehr tragbar mache: „Unternehmen aufgepasst! Derjenige, der so etwas macht, dem kann man nicht trauen.“ Ganz gleich, ob man das Interesse durchschaut, der perfide Verdacht ist gesetzt, Misstrauen wird erzeugt - ein Mechanismus ähnlich wie jener, mit dem ein Familienvater, der Fotos von seinen badenden Kleinkindern auf seiner Website veröffentlicht, auf einmal mit dem öffentlichen Vorwurf konfrontiert wird, „unter Umständen“ ein Pädophiler zu sein oder zumindest Stoff für pädophile Internetnutzer zu liefern.

Der anonyme Schreiber verbindet den versuchten Rufmord mit einer Warnung, die sich nur vordergründig an Scholz richtet: „Suchst du einen Job, dann unterlass so was zukünftig.“ Natürlich ist sie durch die Öffentlichkeit des gewählten Kommunikationsmediums (ein Blog-Kommentar) im Allgemeinen und die Brandmarkung im Aesonderen auch an jeden anderen potentiellen Nachahmer gerichtet, der ähnlich wie dieser Weblogger gehandelt hätte. Scholz wird damit zugleich zum Anschauungsobjekt der Warnung: „Überleg dir gut, ob du das nachahmen willst. Sonst sagt man über dich das gleiche.

Es macht selbstverständlich Sinn, von einem Arbeitnehmerin zu verlangen, dass er sich loyal gegenüber seinem Arbeitgeberin verhält, eine Forderung, die im gleichen Ausmaß auch von dem Arbeitgeber verlangt werden kann. Diese Loyalität hat mit dem gemeinsamen Gut zu tun, zu dem beide Seiten durch das Anstellungsverhältnis verpflichtet sind: Einkommen und Erfolg für alle Seiten im Unternehmen zu sichern.

Genau diese Sorte an Loyalität, wie sie im Unternehmen normal ist, hat aber der anonyme Schreiber gar nicht im Blick. Ihm geht es um einen Blankoscheck der Loyalität und Kritik-Immunität, den ein Arbeitnehmer/Auftragnehmer allen Unternehmen einer Branche ausstellen soll - und zwar im voraus. Denn der Blogger Scholz veröffentlichte ja den Newsletter eines Unternehmens, mit das ihn gar nichts verbindet - außer der Kritik an der von eben diesem Unternehmen lancierten Werbekampagne. Doch bereits solche Kritik geht dem anonymen Kommentator zu weit: Er fordert einen brancheninternen Korpsgeist ein und statuiert, wie sich das für ein Korps gehört, auch gleich ein Exempel: In Zeiten von knappen Jobs hinterlässt bei so manchem Jobsuchenden die Drohung, so wie Scholz als nicht vertrauenswürdig abgestempelt zu werden, sicherlich eine gewisse Wirkung.

Ich finde den Inhalt des Newsletters-Textes, den Jean Remy von Matt da versandt hat, nicht sonderlich skandalös. Auch wenn der Text eine erstaunliche Unbesonnenheit anzeigt, was man da als Firmenchef halböffentlich im Frust rausposaunt, ist die Aufregung in Bloggerkreisen meiner Meinung nach überdreht. Aber selbstverständlich hat jeder und jede das gute Recht, von Matts Tiraden über Meinungsfreiheit im Gegensatz zu mir als Ausdruck einer problematischen Gesinnung zu empfinden und sie entsprechend öffentlich zu geißeln. Und dieser öffentliche Ausdruck der Kritik, dieses Stellung beziehen mit Name und Anschrift ist eine vorbildliche Handlungsweise, die in einer demokratischen Gesellschaft wünschenswert ist.

Wer diese Haltung durch Korpsgeist in der Arbeitnehmerschaft und der Forderung nach Kritikimmunität abschaffen will, wer wie oben geschildert droht und brandmarkt, fördert Duckmäusertum und undemokratische Mentalität. Er ist kein verlässlicher Freund eines Gemeinwohls, da er aufgrund von Partikularinteressen Haltungen einfordert, die die Demokratie letztendlich beeinträchtigen. Ein Mangel an Loyalität, der an der Vertrauenswürdigkeit zutiefst zweifeln lässt.



Fußnoten:
(1) Zu dem Inhalt der Kampagne, wie gelungen sie ist oder wie berechtigt die Kritik an ihr, kann ich mich nicht äußern, denn ich habe weder aufmerksam verfolgt noch mich für ihren Verlauf interessiert..
(2) Bemerkenswerterweise lies sich ja auch die Spur der ersten anonymen Kommentare auf dem Weblog, die nach Veröffentlichung des Newsletters Jean-Remy von Matt unterstützend zur Seite sprangen, bis ins Haus Jung von Matt zurückführen.

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AXONAS - ein Versuch... - von Julio Lambing

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Aber nun nicht genug , da natürlich die Mitarbeiterzahl...
Ano (anonym) - Do, Sep 25, 2008
URL noch ...
http://de.youtube.com/user /Anabell39 Viele Grüße...
Anabell (anonym) - Di, Sep 23, 2008
"Neu-Heidentum"
Ich habe mit großem Interesse Deinen Text gelesen. Kompliment...
Anabell (anonym) - Di, Sep 23, 2008
"So langsam kann man...
"So langsam kann man sich dem Thema vielleicht entziehen....
Julio Lambing - Mo, Sep 22, 2008
schön
dich wieder auf Axonas zu lesen. Ich habe mich ja...
nerone (anonym) - So, Sep 21, 2008

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