Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Während der Bauch sich wolllüstig im Irrationalen baden kann...

Rüdiger Sünner hat in der info3 einen kritischen Kommentar über die schizophrene Haltung der Mainstream-Medien zu religiösen Themen veröffentlicht und konstatiert:

„Der mediale Umgang mit Spiritualität läuft also meistens auf eine Heiß-Kalt-Strategie hinaus, in der dem Kopf ein aufgeklärter Rationalismus vorgegaukelt wird, während der Bauch sich wolllüstig im Irrationalen baden kann. Dazwischen aber darf keine Verbindung bestehen: moderne Form einer durch Amputation erzeugten Kulturschizophrenie, die schon Friedrich Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes geißelte. Die Moderne, so schrieb er dort, sei trotz aller Aufklärung immer noch barbarisch, weil es nicht gelungen sei, eine echte Brücke zwischen Vernunft, Herz und Triebleben zu bauen.“

Ich tue mich immer wieder schwer mit Sünners Vokabular („spirituelle Einsichten“, „ganzheitliche Deutungen“, mechanistisches Denken“), aber es erfrischend, dass sich eine kritische Stimme meldet, die die bigotte Instrumentalisierung esoterischer und mythischer Themen in bestimmten Medien einmal benennt. Und ebenso erfrischend ist eine solche Stimme, wenn wiedermal die hässliche Fratze des Kreationismus beschworen wird, der durch Übernahme der Lehrpläne unschuldige Kinder aus dem Garten der wissenschaftlichen Erkenntnis vertreiben will. Denn mittlerweile scheint die Ideologisierung der Biologie als Instrument des Kulturkampfs wider christlichen Erneuerungsbewegungen schon so weit fortgeschritten zu sein, dass man sich gar nicht mehr daran stört, wenn ein Vertreter einer wissenschaftliche Schule das Anzweifeln seiner Lieblingstheorien mit der Leugnung des Holocausts vergleicht. Der ORF berichtete über eine Tagung des Forums Alpbach, auf der der neodarwinistische Evolutionsforscher Richard Dawkins sich seinem Zorn über Kreationisten Luft machte:

„Bei der Diskussion in den Vereinigten Staaten, ob an Schulen nicht sowohl Evolutionstheorie als auch Intelligent Design unterrichtet werden sollte, handle es sich um einen Trick. Wer von "zwei Betrachtungsweisen" spricht, geht immer schon von einer Offenheit für beide Seiten aus.
Aber: "Es gibt keine Kontroverse zwischen diesen beiden Positionen in der Wissenschaft, weil es sich bei ID schlicht um keine wissenschaftliche Position handelt", so die Quintessenz von Dawkins' Ausführungen. (...)Wie aber sollte den ID-Vertretern begegnet werden? Seinem ersten Impuls folgend würde Dawkins Studenten, die ihn mit derartigen Ansichten konfrontieren, aus dem Hörsaal werfen - genau wie dies auch Studierenden der Geschichte widerfahren sollte, die den Holocaust in Frage stellen."


Unabhängig von der Frage, wie bedrängt sich Dawkins fühlt: Ein solcher Vergleich und die damit exemplifizierte Haltung ist nicht nur geschmacklos, sondern darüber hinaus auch unwissenschaftlich und spricht der Freiheit des Denkens, Forschens und Zweifelns Hohn. Das dürfte eigentlich klar sein. Aber ist es nicht bemerkenswert, dass sich viele von denjenigen, die sich gegen eine solche Ideologisierung von wissenschaftlichen Debatten wehren, mittlerweile genötigt fühlen, im gleichen Zug nachzuschieben, dass sie selbst kein fundamentalistischer Christ oder Kreationist sind? Rüdiger Sünner tut dies glücklicherweise nicht und springt dem Münchner Mikrobiologen Prof. Siegfried Scherer zur Seite, um den sich in Deutschland eine hysterische Diskussion aufbaute:

„Am 15. November 2005 sendete das ZDF-Magazin Frontal 21 einen Bericht über Scherer und seine Mitstreiter, die man wie eine gefährliche und im Untergrund operierende Sekte darstellte. Eine versteckte Kamera nahm verschwommene Aufnahmen aus ungewöhnlichen Perspektiven auf, wodurch Mitglieder der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen", zu der auch Scherer gehört, fast zu Teilnehmern eines Neonazi- oder Päderasten-Treffens verzerrt wurden. Ohne Scherers differenzierte Thesen, die dem Sender vorlagen, auch nur im Ansatz zur Kenntnis zu nehmen, wurde dieser als Kreationist nach amerikanischem Vorbild dargestellt (...)

Warum sollte es nicht auch erlaubt sein, aus einer christlichen Schöpfungslehre Anregungen zu übernehmen, um evtl. Unstimmigkeiten im empirischen Bestand der Evolutionstheorie anders aufzulösen? Ein solcher Fragehorizont, der übrigens für die gläubigen Astronomen Kopernikus und Kepler noch selbstverständlich war, reicht heute schon aus, um Medien und etablierte Wissenschaft zusammenzuschmieden, um vehement jede Wechselwirkung zwischen rationalen und spirituellen Perspektiven zu verhindern. Etwas Ähnliches passierte übrigens auch im Vorfeld eines diesjährigen Neurologen-Kongresses in Washington, wo 800 Hirnforscher gegen den Auftritt des Dalai Lama protestierten, der dort über sein Verständnis von Glauben und Wissenschaft sprechen wollte. Die westliche säkularisierte Vernunft scheint sich schon allein dadurch bedroht zu fühlen, dass ihr Diskurs in öffentlichen demokratischen Veranstaltungen neben andere gestellt und nicht als absolute Deutungshoheit akzeptiert wird.“


Sünner hat Unrecht mit seiner letzten Analyse. Hier ist nicht die Vernunft bedroht, weder die westliche und noch die säkularisierte. Hier fühlt sich eine quasichristliche Bewegung, ein Glaubensbekenntnis angegriffen, das die Wissenschaft mit einfachen Parolen schon seit einem Jahrhundert auf Gleichschritt trimmen will und hin- und wieder mal ganz besonders kräftig austritt, wenn sie (vermeintliche oder echte) Konkurrenten sichtet. Diese Aggressivität, entstanden in den intellektuellen Diadochenkämpfen des 19. Jahrhunderts, ist nicht neu und eher ein Zeichen, dass man bestimmte Lernschritte, wie sie das Christentum in seinen etablierten Kirchen im großen und ganzen schon gemacht hat, noch nicht hinter sich hat.

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