Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Laizisierung der Wissenschaft?

Am Ende seiner Rede schwenkt Jacques Testart auf eines seiner zentralen Themen ein, der Demokratisierung der Wissenschaft:

"Wie der französische Soziologe und Technikphilosoph Jacques Ellul (1912 – 1994) gezeigt hat, werden « die Gesetze der Wissenschaft und Technik über die des Staates gestellt, so dass das Volk und seine Vertreter ihrer Macht weitgehend beraubt sind ». (12)

(...) Auf der Suche mach einem anderen Gott harren die Bürger von heute nun der Produktionen der Technowissenschaft. Keiner von ihnen käme auf die Idee, selbst entscheiden zu wollen, was die Forscher da in seinem Namen entwickeln. Dabei wäre das das der erste Schritt: Da es die Technowissenschaft gibt, müssen wir auch den Gedanken wagen, sie wie jede andere menschliche Aktivität in eine demokratische Form zu bringen (das hieße Transparenz zu verlangen, öffentliche Diskussionen herbeiführen, Gegengutachten einholen, die Rationalität von Entscheidungen überprüfen usw. ) (13)

(12) Vgl. Jacques Ellul, « Le système technicien », Paris (Callmann-Levy) 1977
(13) Mitteilung Nr. 2 der Fondation Sciences Citoyennes (FSC), Paris, Octobre 2004: http://sciencescitoyennes.org "


Testart fordert eine Laizisierung und Desakralisierung der Wissenschaft. Die Wortwahl ist unglücklich, er versteht darunter anscheinend nicht, wie das Wort nahelegen könnte, die Wissenschaft von religiösen und weltanschaulichen Inhalten zu reinigen (was ohnehin schlechterdings unmöglich ist), sondern ein gewisser bewusster Abstand des Staates zu dem Glaubenssystem der Wissenschaft. Das beste Mittel dazu sieht er in einer Demokratisierung wissenschaftlicher Aktivitäten und in dem Abschied der Gesellschaft vom Fortschrittsmythos. Letztere hindere sie an dem Gedanken, dass die Menschen auch angesichts der Wissenschaft frei und gleich sein könnten.

Das Unangenehme an dieser ganzen Debatte sind nicht zuletzt diese großen hehren Begriffe. Kaum wird in die Signaltrompete der „Wissenschaftlichkeit“ getrötet, schwillt die Brust aller aufrechten Vernunftritter, die den Ruf vernommen haben. Von allen Seiten kommen sie sofort an und ohne Unterlass werden dann Lanzen gebrochen für die Zivilisation, die Aufklärung, die verkürzte Aufklärung, die Vernunft und die halbierte, amputierte Vernunft, die Wissenschaftlichkeit, Wahrheit, usw. Und ehe man sich versieht, macht man mit im Getümmel.

Ich z.B. bin mit der Wortwahl von Testart natürlich auch nur teilweise zufrieden. So verwendet er mehrfach den Begriff des „Szientismus“. Aber die Haltung, die von Testart mit diesem Etikett versehen wird, ist selbst nicht sonderlich wissenschaftlich. Für ein solches Urteil muss man noch nicht einmal einen erweiterten Vernunftbegriff, wie ihn die späte Frankfurter Schule hochgehalten hat, bemühen:

Im Biotop des wissenschaftlichen Milieus kursiert eine Selbstbeschreibung der eigenen Zunft mit dem Vokabular: "methodenorientiert", "rational", "falsifizierbar", "experimentell überprüfbar", "widerspruchsfrei" etc. – man kennt das ja. Unabhängig von der Frage, ob dieses Selbstbeschreibung überhaupt die wissenschaftliche Praxis wiedergibt oder sie unter ein irreales Ideal zwängt, das die wissenschaftliche Forschung gefährdet (der Punkt von Paul Feyerabend), entspricht das Verhalten, das sich z.B. in der Auseinandersetzung mit dem Kreationismus zeigt, nicht dieser idealisierten Selbstbeschreibung. (1)

Aber man kann dem natürlich entgegenhalten, dass Wissenschaft immer weltanschaulich geladen ist und problematische Voraussetzungen nutzt, die sie selbst nicht hinterfragt (Standardbeispiel Leib-Seele Debatte) und dass Wissenschaft darüber hinaus immer wieder sich partiell „irrational“ verhält, um zu interessanten wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen. Was sollte dann am irrationalen Szientismus unwissenschaftlich sein, wenn weltanschauliche Geladenheit und Irrationalität nicht unwissenschaftlich sind?

Die Ideologisierung ist am „Szientismus“ das Problem, also eine besondere Stufe der Irrationalität. Selbstimmunisierungsstrategien, Aggressivität nach außen, absoluter Wahrheitsanspruch, fehlende Kritikfähigkeit, antidemokratische Impulse. Alles Phänomene, die sich auf Seiten der ideologisierten Evolutionsverteidiger in ihrem Streit mit Kreationisten beobachten lassen.

Auf keinen Fall sollte man auf den Trick hereinfallen, wenn Vertreter dieser Ideologie den Begriff der Wissenschaftlichkeit für sich reklamieren. Der islamische Fundamentalist hat keinen tieferen oder authentischeren Zugang zum Koran als andere islamische Schulen, er behauptet es nur. Der Wissenschaftsideologe ist genauso wenig besonders wissenschaftlich. Er mag zwar nicht unwissenschaftlich sein, weil unter Umständen auch Ideologien zur wissenschaftlichen Erkenntnis beitragen, aber ihn zeichnet keine besondere Wissenschaftlichkeit aus. Also ist die Zuschreibung „Szientist“ irreführend. Darauf zu pochen, dass man sich den Begriff der Wissenschaftlichkeit nicht klauen soll, hat übrigens nichts mit einem unkritischen Verhältnis zur sozio-kulturellen Institution der Wissenschaft an sich zu tun. Ich muss auch kein Mohammedaner sein oder an den Koran glauben, um festzustellen, dass eine Ideologie zu Unrecht den Koran für sich reklamiert.

Ähnliches gilt für solche Begriffe wie „Vernunft“. Man hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in Rüdiger Sünners Analyse über den bigotten Flirt der Medien mit dem Irrationalismus die imaginären Anführungszeichen überlesen habe, die sich bei Sünners Nennung der westlichen säkularisierten Vernunft eigentlich aus dem Kontext ergäben.

„Etwas Ähnliches passierte übrigens auch im Vorfeld eines diesjährigen Neurologen-Kongresses in Washington, wo 800 Hirnforscher gegen den Auftritt des Dalai Lama protestierten, der dort über sein Verständnis von Glauben und Wissenschaft sprechen wollte. Die westliche säkularisierte Vernunft scheint sich schon allein dadurch bedroht zu fühlen, dass ihr Diskurs in öffentlichen demokratischen Veranstaltungen neben andere gestellt und nicht als absolute Deutungshoheit akzeptiert wird. Spürt sie, dass die Welt möglicherweise in einer Umbruchphase steckt (...) ?“
Rüdiger Sünner: „Zwischen Rationalismus und Nervenkitzel - Vom Umgang mit Spiritualität in den Medien“; Info 3; Ausgabe Januar 2006


Stimmt schon, auch Sünner hält die von ihm beschriebenen Reaktionen in Wissenschaft und Medien für irrational und beschreibt eigentlich nur eine degenerierte Version von Vernunft. Taktisch halte ich es aber für unklug, in solchen Fällen den Vernunftbegriff - in welcher stilistischen Form auch immer - aufgehetzten Hirnforschern zu überlassen. Sie sind nicht vernünftig - und ihre herausgeputzte Säkularität heißt nicht, dass sie nicht ideologisiert sind.

Gerade Menschen, die Sympathien für Weltanschauungen und Kulturen zeigen, die derzeit nicht vom abendländischen Mainstream abgesegnet sind, machen zu oft den Fehler, solche Selbststilisierungen ihrer Kritiker zu akzeptieren. Weil ihre Gegenkritik dann zu einer Vernunftkritik wird, lassen sie selbst dann gerne in die Ecke der Unvernunft abdrängen – zu einem Zeitpunkt, wo das nicht notwendig ist. Man kann sich ja gerne über die Grenzen der Vernunft unterhalten, denn auch Vernunft ist nicht sakrosankt. (2) Aber unabhängig davon, welche Haltung man zur Vernunft generell haben mag:

Vernunftapostel, die zu Unrecht dieses Banner vor sich hertragen – wozu Anhänger ideologisierter Wissenschaftsbekenntnisse gehören – sollte man ersteinmal auf die inwendigen Widersprüche ihrer Haltung, auf den Widerspruch zwischen Ideal und Verhalten hinweisen. Das alte Spiel der Skeptikerin: Man muss nicht selbst von einer Sache in einer Argumentation überzeugt sein, um dem anderen die Widersprüche in dessen Auffassung aufzuzeigen.

Ein weiterer Punkt kommt meiner Erfahrung nach hinzu: Nur jene Anhängerin ideologisierter Wissenschaftsbekenntnisse, die diesen Widerspruch zwischen eigenem Verhalten und propagiertem Ideal verstanden hat, ist überhaupt offen, über die Grenzen der Vernunft vernünftig nachzudenken. Die anderen bleiben selbst dann gefährlich, wenn sie durch esoterische Erweckungserlebnisse, persönliche Krisen oder ähnliches konvertiert sind: Sie sind dann Ideologen der Unvernunft.

Jetzt könnte man noch warten, ob die angekündigte Artikelserie von Telepolis es vielleicht schafft, nüchtern über das Thema zu schreiben. Aber ein schneller Blick auf den ersten Artikel lässt einen schon aufgrund der aufgeheizten Sprache (3) und der unreflektierten Wahrheitsrhetorik (4) nur aufseufzen.
Doch irgendwann verschnauft man in diesem ganzen Trubel und fragt sich, ob man eigentlich immer wie ein Pawlowscher Hund dagegenkläffen muss, wenn irgendwer ein Reizwort ins Horn tutet, um unter Ausnutzung des allgegenwärtigen Herdentriebs ein paar missliebige Außenseiter, die auf der Wiese ihr christlichen Süppchen kochen wollen, vom Platz zu jagen?
Man muss nicht - und deshalb reicht’s jetzt mit dem Thema.


Fußnoten:

(1) Wie billig auch sogenannte "wissenschaftsnahe" Blogs mit dem Thema umgehen, lässt sich z.B. bei Blogressiv oder bei den Wissenschafts-News beobachten. Das erste erklärt eingangs ersteinmal jede, die die Bibel für die Worte einer höheren Macht hält, zur Fundamentalistin, die sich rationalen Argumenten verschliesst (gab es auch schon mal hier), um dann mit ein paar Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes "Theorie" aufzuwarten, die zumindest diese Herren und Damen von der kreationistischen Front zurecht eher wenig beindrucken dürfte. Das zweite Blog begnügt sich gleich mit der mittlerweile üblichen, tendenziösen Begrifflichkeit ("pseudowissenschaftlich", "in den Schuluntericht drücken").

(2) Wobei man auch da nicht bescheiden sein muss, siehe z.B. die Diskussion, ob Gefühle unvernünftig sind.

(3) „Missbrauch der Wissenschaft“, „erschreckend niedrigen Niveau“, „Evolutionstheorie bedeutendste wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt“, „angeblich ach so intelligenten Designer“, „leicht zu beeindruckendes Laienpublikum“ usw.
Bemerkenswert ist übrigens auch, dass allen Ernstes in der fettgedruckten Einleitung als ein Argument gegen Thomas Kuhn Paradigmenkonzept der Umstand angeführt wird, dass es die Gegner der Evolutionstheorie stärkt (!) : „Der dritte Teil widmet sich der Wissenschaftstheorie, insbesondere den Vorstellungen von Thomas S. Kuhn ("Paradigmenwechsel"). Die Naturwissenschaftler nahmen seine Thesen zwar zunächst begeistert auf, inzwischen mehren sich jedoch die kritischen Stimmen. Kuhns Thesen stärken zudem die Position der Gegner der Evolutionstheorie.“

(4) „Es ist nicht nur praktisch unmöglich, alle Gegenargumente an dieser Stelle entkräften zu wollen. Es macht auch methodisch keinen Sinn, denn offensichtlich ist es den Anhängern der Evolutionstheorie in all den Jahren nicht endgültig gelungen, die Einwände dauerhaft zu widerlegen. (...)Wenn es also weiterhin nicht nur vehemente Widerstände gegen sie gibt, sondern wenn weite Teile (auch der deutschen) Bevölkerung Umfragen zufolge keine Darwinisten sind, dann müssen nicht nur Probleme bei der Wissensvermittlung, sondern vor allem psychologische Erkenntnisbarrieren eine Rolle spielen.

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