Die Agora als Omphalos der Polis
In der griechischen Polis erhält der Omphalos der Stadt eine neue Ausrichtung. Damit wird das Prinzip der demokratischen Öffentlichkeit auch in der „sakrale Landschaft“ (wie Geomanten zu sagen pflegen) installiert:
"[Der antike Grieche] spricht davon, dass bestimmte Überlegungen und Entscheidungen ες το κοινον gebracht werden müssen, daß die alten Vorrechte des Königs – die arche selbst – sich ες το μεσον, in der Mitte, ins Zentrum, verlagert haben. Der Rückgriff auf ein räumliches Bild zum Ausdruck des Selbstbewußtseins, das eine Gruppe von Menschen erlangt, ihres Gefühls, als eine politische Einheit zu existieren, bedeutet mehr als einen bloßen Vergleich. In diesem Bild spiegelt sich die Entsteheung eines vollkommen neuartigen sozialen Raums wider. Tatsächlich gruppieren sich die städtischen Bauten nicht mehr wie früher um einen von Befestigungen umgebenen Königspalast, vielmehr ist Zentrum der Stadt jetzt die Agora, der Raum der Gemeinschaft – Sitz der Hestia Koine -, der öffentliche Platz, auf dem die Fragen von allgemeinem Belang debattiert werden. Es ist die Stadt selbst, die sich mit Mauern umgibt und so die die Gesamtheit der sie bildenden Gruppe von Menschen schützt und eingrenzt. Dort wo sich die Königsburg erhob – der private Wohnsitz von Privilegierten -, errichtet sie Tempel, die sie für einen öffentlichen Kult öffnet. Und wiederum ist es die Gemeinschaft selbst, die in dieser fortan ihren Göttern geweihten Akropolis, auf den Trümmern des Palasts, ihren religiösen Ausdruck findet -so, wie sie sich auf der Ebene des Profanen in der freien Fläche der Agora verwirklicht. Dieser städtebauliche Rahmen stellt in der Tat auch einen geistigen Raum dar, er öffnet einen neuen Horizont des Denkens. Von der Zeit an, als der öffentliche Platz ihr Zentrum wird, ist die Stadt bereits im vollen Sinne des Worts eine Polis. (Hervorhebung von mir, JL)"
Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen Denkens"; Frankfurt/M. 1982; S. 43
Delphi - und damit ein Kult, der im Kern nicht öffentlich war - blieb der übergreifende hellenische Omphalos. Und es sind eine Vielzahl an Kulturen bezeugt, in denen das heilige Zentrum zwar von der Gemeinschaft genutzt, aber dennoch nicht im antiken Sinne eine Agora war. Kennzeichnend bleibt aber für demokratsiche Kulturen, ob das Zentrum durch ein Herrscherhaus besetzt ist oder durch einen demokratisch genutzten Platz. Die spezielle griechische Form der Demokratie zeichnet sich also dadurch aus, dass ihr Omphalos durch die Agora gebildet wird.
"[Der antike Grieche] spricht davon, dass bestimmte Überlegungen und Entscheidungen ες το κοινον gebracht werden müssen, daß die alten Vorrechte des Königs – die arche selbst – sich ες το μεσον, in der Mitte, ins Zentrum, verlagert haben. Der Rückgriff auf ein räumliches Bild zum Ausdruck des Selbstbewußtseins, das eine Gruppe von Menschen erlangt, ihres Gefühls, als eine politische Einheit zu existieren, bedeutet mehr als einen bloßen Vergleich. In diesem Bild spiegelt sich die Entsteheung eines vollkommen neuartigen sozialen Raums wider. Tatsächlich gruppieren sich die städtischen Bauten nicht mehr wie früher um einen von Befestigungen umgebenen Königspalast, vielmehr ist Zentrum der Stadt jetzt die Agora, der Raum der Gemeinschaft – Sitz der Hestia Koine -, der öffentliche Platz, auf dem die Fragen von allgemeinem Belang debattiert werden. Es ist die Stadt selbst, die sich mit Mauern umgibt und so die die Gesamtheit der sie bildenden Gruppe von Menschen schützt und eingrenzt. Dort wo sich die Königsburg erhob – der private Wohnsitz von Privilegierten -, errichtet sie Tempel, die sie für einen öffentlichen Kult öffnet. Und wiederum ist es die Gemeinschaft selbst, die in dieser fortan ihren Göttern geweihten Akropolis, auf den Trümmern des Palasts, ihren religiösen Ausdruck findet -so, wie sie sich auf der Ebene des Profanen in der freien Fläche der Agora verwirklicht. Dieser städtebauliche Rahmen stellt in der Tat auch einen geistigen Raum dar, er öffnet einen neuen Horizont des Denkens. Von der Zeit an, als der öffentliche Platz ihr Zentrum wird, ist die Stadt bereits im vollen Sinne des Worts eine Polis. (Hervorhebung von mir, JL)"
Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen Denkens"; Frankfurt/M. 1982; S. 43
Delphi - und damit ein Kult, der im Kern nicht öffentlich war - blieb der übergreifende hellenische Omphalos. Und es sind eine Vielzahl an Kulturen bezeugt, in denen das heilige Zentrum zwar von der Gemeinschaft genutzt, aber dennoch nicht im antiken Sinne eine Agora war. Kennzeichnend bleibt aber für demokratsiche Kulturen, ob das Zentrum durch ein Herrscherhaus besetzt ist oder durch einen demokratisch genutzten Platz. Die spezielle griechische Form der Demokratie zeichnet sich also dadurch aus, dass ihr Omphalos durch die Agora gebildet wird.
Julio Lambing - Fr, Feb 24, 2006 - Zettelkasten: Omphalos







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