Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Nochmal Isis-Kult und römische Emanzipation

Sarah B. Pomeroy urteilt ebenfalls negativ über die emanzipatorische Kraft der traditionellen römischen Frauenkulte. Angesichts der Einzigartigkeit der Isis-Religion fängt sie an zu träumen an:

„[Isis] stand for the equality of women, and one cannot help wondering about the nature of the subsequent history of Western women if the religion of Isis had been triumphant“.(1)

Der römische Mysterienkult der Isis war weniger aufgrund seiner sozialen Machtbasis als vielmehr aufgrund der egalitären, individualistischen und transkulturellen Ausrichtung ein würdiger Konkurrent zum Christentum:

Da sie mit einer Vielzahl anderer mediterraner Göttinnen identifiziert wurde (Astarte, Fortuna, Athena, Aphrodite, Hestia, Hera, Demeter, Artemis) vereinigte die Göttin eine Unzahl an Eigenschaften auf sich. Sie besaß mächtige Eigenschaften patriachalischer Götter, die sie in die Nähe eines monotheistischen Supergottes rückten: Herrscherin über Blitz, Donner und Winde, Scheiderin des Himmels von der Erde, Kulturbringerin (Alphabete, Astronomie, Sprachen, Handel). „Ihre Macht erstreckt sich auf die Dinge, die alles werden und annehmen können, Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Feuer und Wasser, Leben und Tod, Anfang und Ende.“ heisst es bei Plutarch.(2) Sie heilte, tröstete und versprach Auferstehung nach dem Tod. Ihre Religion war henotheistisch. Da Isis nicht nur Frau und Mutter, sondern für zehn Jahre auch Prostituierte in Tyrus war, konnten sich Frauen aller Gesellschaftsschichten mit ihr identifizieren. Ihr Leiden durch den Tod von Osiris brachte sie den Menschen nahe. Im Gegensatz zu den separierenden traditionellen Kulten der Römer stand der ihrige in seinen Riten allen offen, war schichten- und noch dazu geschlechterübergreifend. Er verlangte eine persönliche und individuelle Beziehung seiner Anhänger zu ihrer Göttin: „Individuals were responsible for their own acts; they could be initiated, rewarded, forgiven and granted eternal salvation. In contrast, traditional Roman religion was based on a communal responsibility, in which the unchastity of one Vestal jeopardized the entire population, while the expiation of her transgression would restore the favor of the gods to all.“(3) Spätestens ab Calilugula bewirkte seine Verbreitung, dass er auch höchste offizielle Wertschätzung durch Herrscher und Eliten erfuhr.

Der Kult war ausgesprochen frauenfreundlich, das Potential an weiblicher Wertschätzung, an offener Sinnlichkeit und Selbstbestimmung stärkte die Rolle der römischen Frau deutlich: Dass einflussreiche und bedeutende Herrscherinnen wie Kleopatra VII oder Arsinoë II sich als Irkanationen der Isis betrachteten, war kein Zufall: Ein Hymnus aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. preist Isis als diejenige, die Frauen den Männer gleichgestellt hat.(4) Männer wie Frauen konnten religiöse Funktionen wahrnehmen. Auch wenn gelegentlich männliche Gottheiten in ihrem Tempel verehrt wurden, war das Primat von Isis unbestritten. Ihr Kult hatte nicht nur aufgrund von Isis Vergangenheit und der verbreiteten Darstellung ihres Bruder-Ehemanns Osiris als Phallus eine erotische Konnotation. Ihre Tempel waren neben Bordellen und Marktplätzen anzutreffen, und standen im Ruf Treffpunkte von Prostituierten zu sein. Bunte Umzüge nach orientalischem Vorbild oder das rituelle Nachspielen von Isis Trauer und Freude um Tod und Wiederauferstehung von Osiris waren allein schon aufsehenerregend. Wenn zudem ihre Anhänger nach letzterem sich umarmten, auf den Strassen tanzten oder Fremde zu Festen einluden, dann wird deutlich, warum ihr Kult von sittenstrengen Römern abgelehnt wurde. Doch die Verbundenheit mit der Göttin konnte von ihren Anhängerinnen auch genutzt werden, um sich Zugriffsrechte des Mannes zu entziehen, z.B. indem sie sich zur vorübergehender oder andauernder Keuschheit verpflichtete.

Man mag es eine Koinzidenz nennen, dass die Verbreitung des Isis-Kultes in jene römische Zeit fällt, in der die zivilgesellschaftliche Emanzipation der Frau voranschritt. Man kann auch annehmen, dass der Kult seine Verbreitung fand, weil es eine Emanzipation gab. Aber warum sollte das Verhältnis zwischen beiden Entwicklungen nicht auch wechselseitig sehen können? Wenn frau dem einen Kult, nämlich dem Christentum, die Wirkung zuspricht, dass sein misogyner Einfluss die Emanzipation der römischen Frau beendete, dann ist nicht einzusehen, warum man der anderen Religion, den Isis-Mysterien, einen positiven Einfluss auf die Emanzipation abspricht.

(1) Sarah B. Pomeroy: "Goddesses, Whores, Wives and Slaves: Women in Classical Antiquity"; Schocken Books, New York 1975; S. 226
(2) Plutarch: "Über Isis und Osiris"; 388-389
(3) Sarah B. Pomeroy: "Goddesses, Whores, Wives and Slaves: Women in Classical Antiquity"; Schocken Books, New York 1975; S. 220
(4) Papyrus Oxyrhynchus 1380

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