Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Religiös ist auch nicht derjenige, der meint, es gebe Geister

Jan Philipp Reemtsma hat in einer Rede vom Mai vergangenen Jahres über die Frage, ob man Religiosität respektieren muß, sehr fein und dennoch nicht unversöhnlich herausgearbeitet, warum der Wahrheitsanspruch, den Benedikt XVI. aber auch Johannes Paul II vertreten, sich eigentlich nicht mit dem Wahrheitsverständnis in demokratischen Kulturen verträgt. Die Rede enthält auch schwache Stellen, etwa wenn Reemtsma sich durchaus berechtigt der oft formulierten Behauptung entgegenstellt, dass Gesellschaften ohne Religion nicht lebensfähig sind, weil ihnen dann der Sinn fehle.

Mich interessierte an Reemtsmas Rede ein ganz anderer Passus gleich zu Beginn seiner Ausführungen, der eher apodiktisch anstatt argumentativ daher kommt:

"Was verstehe ich unter Religiosität? Ich brauche natürlich einen weiten Begriff, der nicht nur Christen, Juden und Muslime, sondern auch Zeugen Jehovas und Animisten einschließt oder jedenfalls nicht von vornherein ausschließt. Religiosität besteht in der Überzeugung, dass die Welt nicht aus sich heraus verstanden werden kann. Natürlich sind auch die meisten Nichtreligiösen der Ansicht, dass mehr zwischen Himmel und Erde ist, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Aber das hat mit Religiosität nichts zu tun. Religiös ist auch nicht derjenige, der meint, neben den uns bekannten Naturkräften gäbe es noch andere (etwa die in homöopathischen Arzneien wirksamen), und religiös ist auch nicht derjenige, der meint, es gebe Geister, Telepathie, Telekinese und was nicht alles.

Religiös ist derjenige, der meint, was immer wir auf diesem oder jenem Wege noch über die Welt herausbekommen können: Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, das Geheimnis der Welt, ihr Sinn - also irgendwie das Eigentliche -, wird es nicht sein. Und auf dies Eigentliche kommt es an. Denn wer sagt, die Wissenschaften könnten auf alle diese Fragen keine Antwort geben, aber er empfinde das auch keineswegs als Mangel, ist deutlich nicht religiös. Religiös ist derjenige, der die Welt aufteilt in das, was unserem Wissenwollen zugänglich und gerade darum nicht das Wesentliche ist, und das andere, Wesentliche, zu dem es einen anderen Zugang geben muss."(1)


Wer diese Verwendung des Begriffs "Religion" einsetzt - und sowohl aufgrund der christlichen Wortgeschichte als auch um der begriffliche Klarheit willen kann man manches für diese Wortverwendung ins Feld führen - wird feststellen, dass viele "naturreligiöse" (also die "Animisten" wie Reemtsma sich hier ausdrückt) oder polytheistische Traditionen eben nicht "religiös" sind. Es ist kein Mangel an sprachlicher Ausdruckskraft, wenn in der griechischen Antike kein Wort für Religion existiert. Homer z.B. kennt kein prinzipiell Verborgenes, die germanische Kultur auch nicht. Das passt zwar nicht ins Raster derjenigen, die einen ideologisch aufgeladenen Wissenschaftsbegriff haben, aber auch die bekommen bereits im nächsten Absatz ihr Fett weg:

"Die Öffentlichkeit einer säkularen Gesellschaft kennt die Vorstellung eines solchen privilegierten Zugangs zur Wahrheit nicht. Die säkulare Gesellschaft ist keine profane Theokratie: Die «wissenschaftliche Weltanschauung» tritt in ihr nicht an die Stelle einer Religion, auch wird der Religiöse aufgrund seiner Ansichten von sich selbst, seiner Idee, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben, nicht für wahnsinnig gehalten oder sonst wie diskriminiert. Aber das erfolgt nicht deshalb, weil Religiosität es sozusagen verdiene, dass man so mit ihr umgeht. Es erfolgt deshalb, weil eine säkulare Gesellschaft eine säkulare Gesellschaft ist. Sie gäbe sich selbst auf, wenn sie eine besondere nichtreligiöse Weltanschauung auszeichnete und ihr das Deutungsmonopol übertrüge, denn dieses bekäme durch eine solche Rolle selber religiöse Züge. In einer säkularen Gesellschaft - nur darum geht es - ist der Zugang eines Bürgers zur Öffentlichkeit nur durch seinen Status als Bürger definiert und nicht dadurch, was er denkt. "


(1) Jan Philipp Reemtsma: "Muss man Religiosität respektieren? - Über Glaubensfragen und den Stolz einer säkularen Gesellschaft"; Le Monde diplomatique Nr. 7740 vom 12.8.2005

via: Eurozine

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