Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Unternehmensfreiheiten: Charta gegen Haftungsbefreiung

Derjenige, der individuelles marktwirtschaftliches Handeln aus anthropologischen Erwägungen oder schlichter menschlicher Erfahrung für begrüssenswert hält und dennoch alarmierende Entwicklungen des „Kapitalismus“ ausmacht, kommt schnell in eine Zwickmühle, wenn er nach Lösungen sucht, die das letztgenannte in den Griff bekommen will. Die zentralistischen oder bürokratischen Steuerungsphilosophien aus der umfassenden sozialistischen Tradition stehen ihm nicht zur Verfügung, auch weil unter einer weberianischen Brille diese Mechanismen von denen des modernen Großkapitals kaum zu unterscheiden sind. (Die Industriepolitik des europäischen demokratischen Sozialismus veranschaulicht das immer wieder aufs Neue.)

Die Zinskritik geht mir in ihrer missionarischen Aufladung auf den Wecker – auch wenn mich die dümmliche Art einiger Ideologieroboter, die Zinskritik im gedanklichen Kern als Ausdruck von Antisemitismus abzustempeln, richtig ärgert. Aber dass der theoretische Gegner Schwachsinn erzählt ist ja kein Argument für die Richtigkeit des eigenen Standpunkts. Die Reichweite der Zinskritik ist auf jeden Fall begrenzt. Und dann? Jene, die sich rein auf das Primat der Negativität festlegen, um nichts Positives sagen zu müssen, haben meiner Meinung nach durch zuviel Adorno-Lektüre die Phantasie verloren – ich hoffe, sehr, dass dieser Menschenschlag niemals grösseren Einfluss in der Politik bekommt. Denn ich werde den unterschwelligen Verdacht nicht los, dass er in seinem politischen Alltag einen Hang zum zynischen Machiavellismus hat.

Soweit ich es überblicke, haben diejenigen Recht, die der katholischen Sozialethik vorwerfen, sie habe mit Oskar von Nell-Breuning zwar nicht ihre Kritikfähigkeit im ganzen, aber ihre Innovationskraft verloren - trotz der Einwürfe von Friedhelm Hengsbach. Allerdings halte ich die vom Naturrecht und allen theologischen Ballast befreite aristotelische Ansätze für die richtige Spur – sie decken eine breites Spektrum von Kapitalakkumulationskritik, Gemeinwohlorientierung, Gesetzgebung, sozialpsychologischen und sozial- und individualethischen Erwägungen ab. Abgesehen von Fragen einer gesellschaftliche Akzeptanz gibt es aber die altbekannte Schwierigkeit: Bei aristotelischen Ansätzen tut sich eine Schere zwischen Individuen auf der einen und dem Staat (Polis) auf. An beide lassen sich Ansprüche stellen, aber jene neuen Sorte an Institutionen, die es zu Aristoteles Zeiten nicht gab, geraten ersteinmal nicht in den Blick: Unternehmensgesellschaften.


Johannes Hoffmann
hat mich nun schon vor Monaten auf eine amerikanische Bewegung aufmerksam gemacht, die das Gesellschafterrecht für Unternehmen im Visier hat und dabei nicht nur überraschend weitgehende wirtschaftspolitische Konsequenzen nach sich zieht, sondern sich auch an eine aristotelische Konzeption anschließen lässt (aber selbstverständlich nicht nur an diese): Denn Kapitalgesellschaften verfügen über eine Menge an nützlichen Privilegien und es stellt sich die Frage, welche Gegenleistung eine Polis für diese Privilegien erhält. Eine Zusammenfassung dieses Ansatzes liefert z.B. Gerhard Scherhorn in einem Vortrag, den er vor zwei Jahren auf einer Tagung des „Club of Vienna“ hielt:

„Man muss anerkennen, dass nicht wenige Unternehmen sich freiwillig zur corporate responsibility entschließen. Doch sind es Ausnahmen; in der Masse wird sich diese Unternehmensphilosophie nicht gegen das Gesellschaftsrecht durchsetzen. Und das stattet bisher die Kapitalgesellschaften bedingungslos mit dem Privileg der Haftungsbeschränkung aus. Um Accountability gegenüber den Stakeholdern und damit der Öffentlichkeit rechtlich zu verankern, müsste die Haftungsbeschränkung für Kapitalgesellschaften entweder aufgehoben (26) oder mit staatlich definierten Verantwortlichkeiten und Pflichten verknüpft werden.

Die zweite Lösung hat interessante Vorbilder. Die englische Krone hat das Instrument der Haftungsbeschränkung für die Companies eingeführt, die zur Ausbeutung der Kolonien gegründet wurde, die East Indian Company zum Beispiel. Diesen ersten Kapitalgesellschaften wurden im Ausgleich zu den ihnen erteilten Privilegien selbstverständlich auch Pflichten auferlegt, und ebenso haben die US-Bundesstaaten den frühen amerikanischen cooperations eine Charter, also eine Satzung oder Charta gegeben, in der ihrem Haftungsprivileg bestimmte Verantwortlichkeiten gegenüber standen. Die cooperations haben durch langjährige Lobbyarbeit erreicht, dass die Satzungen Ende des 19. Jahrhunderts durch höchstrichterliche Entscheidungen abgeschafft wurden. Dahinter stand keine historische Notwendigkeit, sondern Machtinteresse und Ausnutzung des „pervertierten Liberalismus“ (27) des Gesellschaftsrechts, das Kapitalgesellschaften wie natürliche Personen behandelt, ihnen aber die Privilegien juristischer Personen gewährt. Aus der Aufarbeitung des Vorgangs ist denn auch in den USA eine Bewegung entstanden, die die Neueinführung solcher charters fordert. (28)

Eine Charta für Kapitalgesellschaften muss heute Verantwortlichkeiten ökologischer, ökonomischer und sozialer Art definieren:
  • Ökonomisch gesehen kann die Haftungsbeschränkung allein dann gerechtfertigt werden, wenn das Kapital der Gesellschafter in reale Produktion investiert wird. Für reine Finanzanlagen und Devisenspekulation - „Profite ohne Spekulation“ (29) darf sie nicht gelten.
  • Ökologisch gesehen haben Kapitalgesellschaften wegen ihrer oft weltumspannenden Wirtschaftsmacht ein besonders großes Potential, ihre Kosten auf die Umwelt abzuwälzen, sei es im eigenen Land oder in Übersee. Also müssen ihre Privilegien an ein Externalisierungsverbot und ein Gebot des Upcycling – Wiedergewinnung der eingesetzten Stoffe ohne Qualitätsverlust – gebunden werden. Ohne ein konsequentes Upcycling wird es kein Wirtschaften nach dem Vorbild der Natur (30) und folglich auch keine nachhaltige Entwicklung geben.
  • Schließlich zeigt die Erfahrung, dass Kapitalgesellschaften sich in besonderem Maß ihrer sozialen Verantwortung entziehen und auf diese verpflichtet werden müssen: Auf die Aus- und Weiterbildung von Arbeitnehmern, auf humane Gestaltung der Arbeitsbedingungen (auch in Sonderwirtschaftszonen), auf ein autonomieförderndes Management (31) und nicht zuletzt auf die Mitfinanzierung der kulturellen Gemeinschaftsgüter, von denen das Unternehmen an seinen Standorten profitiert.
Sicher gelten all diese Verantwortlichkeiten auch für Personengesellschaften und Einzelunternehmer. Doch zum einen werden sie von diesen oft auch ohne rechtliche Verpflichtung erfüllt, und zum anderen wird die Verpflichtung der Kapitalgesellschaften auch für sie Standards setzen.


(26) So Bannas (2003), a.a. O. [Gemeint: Bannas, Stephan (2003): Faire Marktwirtschaft; München: Oekom Verlag]

(27) Mitchel (2002), a.a.O. S. 92 [Gemeint: Mitchel, Lawrence E. (2002): Der parasitäre Konzern. Shareholder Value und der Abschied von gesellschaftlicher Verantwortung; München 2002: Riemann Verlag]

(28) vgl. Goodrich, Carter (Ed., 1967). The government and the economy, 1783-1861. Indianapolis: Bobbs-Merrill. - Grossmann, Richard L. & Adams, Frank T. (1993). Taking care of business: Citizenship and the charter of incorporation. Cambridge, MA 02140: Charter, Ink,, PO Box 806, siehe auch www.ratical.org/corporations. - Heinberg, Richard (2002). A history of corprate rule and popular Protest. Nexus Magazine, 9, No. 6 (Oct- Nov.), s.a. www.nexusmagazine.com/corporations.html. - Zinn, Howard (2001). A people's history of the United States: 1492 to Present. New York: Harper Perennial

(29) Binswanger, Mathias: Wirtschaftswachstum durch „Profits without production“? In: H. Chr. Binswanger & P. v. Flotow (Hg.), Geld & Wachstum, S. 161-185. Stuttgart 1994: Weitbrecht

(30) Braungart, Michael & McDonough, William: Einfach intelligent produzieren. Cradle to cradle: Die Natur zeigt, wie wir die Dinge besser machen können. Berlin 2003: Berliner Taschenbuch Verlag. - Pauli Gunter: Upcycling. Wirtschaften nach dem Vorbild der Natur für mehr Arbeitsplätze und eine saubere Umwelt. Gütersloh 1999: Riemann.

(31) Die Mitarbeiter autonomiefördernder Manager weisen ein höheres Niveau an Arbeitszufriedenheit und Mitverantwortlichkeit auf als die Untergebenen kontrollorientierter Manager. Vgl. Deci, Edward L. Connel, John P. & Ryan, Richard M.: Self-determination in a work organization. Journal of Applied Psychology, 74, 1989, 580-590"

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