Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Das aufrechte Röcheln einer untergehenden Zunft.

Jürgen Habermas fragt in seiner Rede (via Metablocker) anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises, ob sich „in der Mediengesellschaft erneut ein Strukturwandel der Öffentlichkeit [vollzieht], der der klassischen Gestalt des Intellektuellen schlecht bekommt.“ Treffend konstatiert der kontinental-transatlantische Sozialtheoretiker, dass durch die dezentrale Kommunikationswelt des Internets eine Filterung von Meinungsäußerungen und damit von Diskussionsbeiträgen wegfällt, die bisher die öffentliche Debatte auf jeweils spezifische Themen so fokussiert habe, dass „sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.

Auch der Vormarsch des Fernsehens und die damit einhergehende Wende vom Wort zum Bild mache es den Intellektuellen nicht leichter, denn die Selbstdarstellung vor der Kamera transformiere selbst bei einer diskursiven Veranstaltung das einst nur über Gründe und Argumente urteilende Publikum nun auch zu einem zuschauenden. Während so mancher ruhmsüchtige Intellektuelle seinen guten Ruf verliere, weil seine bisherige auf argumentative Kraft gegründete Reputation durch die Einladung des Mediums zur Selbstdarstellung korrumpiert werde, weiß derjenige, der sich an die Idealtypik der tradierten Rolle hält, dass er in Polit-Talk-Runden à la Christiansen nichts zu suchen haben, weil der Intellektuelle in solchen Runden nicht mehr von Politikern, Journalisten und Experten zu unterscheiden wäre, die mittlerweile alle selbst Rollenaspekte des Intellektuellen wie z.B. das Besetzen intellektueller Themen oder das Vorbringen meinungsstarker, provokanter Perspektiven annehmen. „Wir vermissen ihn nicht, weil alle anderen seine Rolle längst besser ausfüllen.

Als bewährter Analytiker der bürgerlichen Öffentlichkeit verfällt Habermas nicht in Larmoyanz, und der leise Ton des Bedauerns, der seiner Diagnose zu entnehmen ist, sollte man ihm, der selbst mit seinem Leben dieses Idealbild des Intellektuellen stilecht verkörpert hat und verkörpern wollte,verzeihen. Vielleicht ist es seine deutsche Gelehrten-Vita, die ihn mit zwanzig Jahre Verspätung eine Ahnung über die Zukunft des Intellektuellen gibt. Denn ausgerechnet einer derjenigen, die der kontinental-atlantische Sozialtheoretiker in seiner Rede als Beispiel für die alte Garde von Sartre bis Grass nennt, hatte der Zunft schon vor zwei Dekaden ihren Tod prophezeit – noch dazu rückwirkend: Einem Michel Foucault, der nicht umsonst anonyme Interviews gegeben hat, wäre es zuwider gewesen, in einer solchen thematisch-biographischen Reihung von "universellen Intellektuellen" zu stehen.

Dessen entpersonalisiertes Bild von dem Kraftfeld der Macht und der Verflechtung der letzteren mit der Wahrheit passt so gar nicht nicht zur Metaphorik des aufrechten, rebellischen Wahrheitsheros, zum Schicksal des herausgehobenen Autors, an dessen schmalziger Hauptdarstellergeschichte von Versuchung, Fall, Irrtum, Widerstand und Prinzipientreue wir uns als Publikum kathartisch läutern lassen. Es ist nicht Foucaults Thema, aber es lohnt anzumerken, dass die von Habermas kritisch mit dem Fernsehen in Verbindung gebrachte Selbstdarstellung eben nicht dem Wesen des Intellektuellen fern ist. Im Gegenteil: Die persönliche Inszenierung, nicht nur im öffentlichen Raum der Politik, sondern auch und gerade im Raum der Wissenschaft, war Alpha und Omega der gesellschaftliche Rolle des Intellektuellen.

Und selbst die Worte in Journalen, Zeitungen und Reden haben schon lange vor den Fernsehbildern immer auch die Funktion gehabt, die Persönlichkeit des Intellektuellen, seine Empörung, seine sich dadurch ausdrückende Prinzipientreue, seine Verschmelzung von Leben und Wahrheit zu inszenieren. (Man denke nur an das theatralische Entree zu Beginn des letzten Jahrhunderts: „J'accuse!“ - welch wohliger Schauer da den Zuschauleser erfasst ) Das gehört zum Handwerkszeug des Intellektuellen, nicht aus Gründen der Eitelkeit -obwohl sie dieser auch nicht entgegensteht -, sondern um überhaupt erst die Rolle persönlich auszufüllen, um die gesellschaftliche Anerkennung dieses Auftretens als Mahner und Prophet zu gewinnen, sich also letztendlich als Intellektueller überhaupt konstituieren zu können.

Dieser im öffentlichen Raum praktizierte, besondere Gestus des Intellektuellen, der übrigens nicht nur im Habitus des Warners und Mahners liegt - sonst würden alle Pfarrer hochgelahrte Intellektuelle sein - sondern auch im geistvollen Analysieren und provokanten Zuspitzen, dieser Gestus wird nun durch die Selbstinszenierungen von Politikern, Journalisten, Experten kopiert: Neue Konkurrenten drängeln in den Lichtkegel der Bühnenstrahler und unser schmächtiger Brillenträger, ohnehin im körperlichen Gerangel etwas unterlegen, wird mit den Hintern an den Bühnenrand geknufft. Dem Intellektuellen geht so die Show flöten, was bleibt ist die etwas bescheidenere Rolle des Gelehrten, wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert ja zu Genüge kennen. Aber so richtig stört das auch keinen in Deutschland, die Selbstdarstellungskünstler gehen hier ohnehin aus, unsere Mitglieder der Intelligenzienklasse suchen schon länger nach einer Rolle, wie man wieder zum brav-liberalen Prof mutieren darf, der als aufgeweckt-dynamische Honoration in der Frankfurter Paulskirche sein aufgeklärtes Bier trinken geht – heutzutage alkoholfrei, versteht sich.

Die Krakennetze des Internet machen deutlich, wie - unabhängig von der Frage, ob die Machtanalytik von Foucault für die Vergangenheit stimmt - trübe die Zukunft des Intellektuellen aussieht. Auch hier wirkt die Inszenierung nicht mehr, aber nicht weil wie im Fernsehen immer mehr Darsteller ins Licht drängen, sondern weil, wie es ein schöngeistiger Wortkünstler unserer Tage ausgedrückt hat, jeder Computerbesitzer seine Meinung auf den Klowänden des Internets absondert. Statt wenigen Lichtkegel Abertausende von Webcams. Und so verschwindet der Spot, der den großen Einzelkämpfer erst konstituiert; was übrig bleibt ist tatsächlich ein waberndes Kraftfeld, in dem die Frontlinien immer wieder neu gezogen werden, in denen sich Kräfte sich bündeln und konzentrieren, um dann wieder auseinanderzufallen, in denen es anarchistisch und - wie das bei Massendemokratie so ist - auch reichlich mittelmäßig zugeht. Oder um noch einen anderen Machtanalytiker herbeizurufen: Das Internet ist unser tocquevillesches Amerika des 21. Jahrhundert, an dem wir in den nächsten 30 Jahren Segen und Fluch des Verlustes demokratischer Gallionsfiguren studieren können.

Der Intellektuelle tritt ab. Eindrucksvoll, großartig vielleicht nochmal in einigen seiner letzten Inszenierungen, aber unabwendbar. Ich bin kein Intellektueller und habe auch nicht vor, einer zu werden. Viel jünger als Habermas kamen mir - abgesehen von einer verzeihlichen Phase Anfang Zwanzig - der Kitsch der Intellektuellen-Schmonzetten eher lächerlich vor. Nicht, dass mir die Leistung derer keinen Respekt abnötigt, die als geistreiche und wortkundige Mahner die Bühne betraten, aber ich habe es mehr mit dem Paul Veynes Bildnis des Kriegers, der seinen Auftrag folgt, auch wenn er weiß, dass er nicht die ganze Zivilisation - die Aufklärung, die Wahrheit, den geschichtlichen Fortschritt, die Gerechtigkeit usw (drunter geht es ja selten bei Intellektuellen) - hinter sich hat. In meiner Umgebung werden die Intellektuellen ohnehin rar. Viele sterben wortwörtlich aus. Und die, die sich selbst noch dafür halten, sind es in der Regel nicht. Die meisten meiner Bekannten aus der oben erwähnten Intelligenzienklasse sind Mentalsöldner in fremden Diensten, einige Söldner auf eigene Rechnung. Ein paar Freischärler, ein paar Schläfer, viele Langweiler – das war's. Große Gesten liegen ihnen alle nicht.

Letzteres bedauere ich nicht. Die Frage ist sowieso, wem die theatralischen Gesten nützen. Sicher Ruhm und Ehre warten, aber ansonsten hindern sie im Kampf, ermüden, und man fängt sich auch schneller eine Kugel ein. Die neuzeitlichen Landsknechte und die Mitglieder der Ninjutsu-Clans mögen zwar hässlich nutzenorientiert gekämpft haben, aber sie besiegten ihre Gegner, die aufrechten Ritter und die treuen Samurais, die so ausgesprochene Freude an der Inszenierung hatten. Den einen der Ruhm, den anderen der Sieg. Damit können Krieger leben.

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