Liebe Firma Euroweb,
ich hätte gerne auch einen Brief. Ich meine, wo Sie doch derzeit so gar nicht mit Ihren juristischen Eruptionen geizen. Da gibt es nun ein merkwürdiges Schreiben an Jens Scholz, der über Ihr Vorgehen gegen Kritiker im Internet berichtet. Dann gibt es eine Einstweilige Verfügung gegen das Forum "Gulli", auf dem von diversen Nutzern Ihre geschäftlichen Aktivitäten kritisiert wurden, dann muss man auch Ihr rechtliches Vorgehen gegen einen anscheinend ehemaligen Kunden zur Kenntnis nehmen. Das scheinen nicht mal alle zu sein, denn auch dieses Internet-Forum haben Sie wohl mit juristischen Schritten beglückt. Gibt es noch mehr solcher Fälle? Ich vermute es, denn was fängt man mit einer solchen Warnung an, die anscheinend mal im Verbraucherschutz-Forum zu finden war? Und was ist eigentlich von der Warnung dieser Person zu halten, die sich nach eigener Auskunft auf die Berichte eine Freundin beruft, die in Ihrer Firma gearbeitet haben soll. Und könnte nicht auch diese Erwähnung nachdenklich stimmen?
Ich schreibe in meinen Notizen unter anderem über ethische Aspekte der Wirtschaft, in der Regel interessieren mich tagesaktuelle Fragen nur wenig. Ich halte Marktwirtschaft für einen Garanten der modernen Demokratie. Er erzieht die Menschen zu einem freien Denken und zu einem selbstbewussten Lebensstil und aktiviert eine selbstbestimmte Daseinsweise, die es Diktaturen langfristig schwer macht zu überleben.
Unternehmensverantwortung: Die weggefallene Konkurrenz
Eine gängige Erläuterung unserer derzeitigen Probleme mit Unternehmensverantwortung behauptet, dass nach dem Niedergang der sozialistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa und in Asien den westlichen Kulturen und Lebensräumen der entscheidende Mitbewerber im Wettstreit der Systeme weggebrochen sei. Der Westen sah sich bis 1990 einem Bund von Staaten gegenüber, der der Marktwirtschaft gegenüber feindlich eingestellt war, allerdings aufgrund seiner sozialistischen Ideologie sozialen Sicherungen und Errungenschaften wie Arbeit, Brot, Strom, Wohnung und Krankenversorgung hohen Stellenwert einräumte. Der Preis für diese Errungenschaften - wenn man so will: für die Gerechtigkeit - war die Freiheit. Die Existenz von kommunistischen Parteien in Frankreich oder Italien, aber auch von sozialistisch orientierten Journalisten, Gewerkschaften und organisatorisch ungebundene Aktivisten verwies immer wieder auf die Gefahr, dass auch im Westen jene Kräfte stärker werden könnten, die bereit waren, die Markwirtschaft mit Verweis auf das, was im Osten möglich sei, massiv einzuschränken.
Es heisst, dass deshalb die politischen wie publizistischen wie wirtschaftlichen Eliten immer wieder zur Legitimierung der eigenen Daseinsweise beweisen mussten, dass auch das System der freien Marktwirtschaft im umfassenden Stil soziale Leistungen liefern konnte, mehr noch, auch in diesem Punkt den sozialistischen Staaten überlegen war. Freiheit bekommt man auch mit Gerechtigkeit, das war die Botschaft, die in alle Welt ausgesandt werden sollte. Natürlich zahlte man dafür den Preis der Bürokratisierung und des Ausuferns staatlicher Steuerungsbestrebungen. Doch jener schrägen bürgerlichen Gegenbewegung, die sich ab Ende der 70er Jahre gegen die Tentakeln der Staatsmacht zu Wehr setzte, misstraute das wirtschaftliche Establishment: Das Auftreten der Hippies, Müslis und Alternativen schien weder zur Attitüde des sich frisch formierenden Managementmilieus zu passen, das sich in Anlehnung an anglo-amerikanische Unternehmen zaghaft am herausbilden war, noch zu den alteingessenen Unternehmern. Die grüne Kritik, obwohl strukturell verwandt mit jener derjenigen, die aus unternehmerischem Partikularinteresse Marktwirtschaft nicht am staatlichen Gängelband sehen wollte, schien ein Milieu von Lebenskünstlern, Aussteigern und Arbeitsverweigerern zu repräsentieren, mit dem sich ein erfolgreicher Wirtschaftsvertreter nicht identifizieren konnte.
Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz, so heisst es nun, konnten diejenigen, denen immer schon auch die Gängelung durch sozialstaatliche Vorschriften, das gesellschaftsweite Agreement auf soziale Rücksichtnahmen oder auch das Ausufern staatlicher Kompetenzen und Steuerungsmechanismen ein Dorn im Auge war, endlich aufräumen. Die Hemmungen seien weggefallen, im ganzen neuen Stil würde nun die wirtschaftliche Freiheit betont werden.
Und in der Tat gibt es Indizien, die dieser These recht geben. Gerade in Bezug auf die Märkte im Osten weiteten bei vielen Unternehmern die Dollarzeichen die Pupillen derart, dass für menschlichen Anstand die Brennweite verloren ging. Und die Tatsache, dass Investitionskapital nun im großen Umfang von der Möglichkeit Gebrauch machte, weltweit Produktionsstätten zu suchen, ohne auf soziale Regelungen, Arbeitnehmerbelange, Steuerrechte, Umweltvorschriften des Ursprungslandes Rücksicht zu nehmen, scheint dieser These ebenfalls recht zu geben. Auch die neue Intensität, mit der seit den 90er Jahren immer neue Bereiche unsere Lebenswelt einer Kommodifizierung unterzogen werden (man denke an das Thema "Leihmutterschaft") ist besorgniserregend. Nicht zuletzt kommt ein Phänomen hinzu, mit dem im Zeitalter des Zusammenbruchs aller klassischen Ideologien nur wenige gerechnet hatten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich eine neue aggressive Ideologie herausgebildet, die ihre Kritik am Überstaat mit einem religiös anmutenden Credo an die Allheilkräfte des Marktes verbindet. Wer je den Missionsgeist und die Bekehrungsgeständnisse derjenigen erlebt hat, die an entsprechenden Schulungen US-amerikanischer Stiftungen teilnahmen, weiß wovon ich rede.
Die gegenläufige Tendenz: Ein neuer Druck zu ethischem Wirtschaftsverhalten
Es gibt aber nun schon seit längerem einen anschwellenden Diskurs über die ethische Verantwortung von Unternehmen. Im Zuge der zivilgesellschaftlichen Stärkung der kritischen Problematisierung von Unternehmensaktivitäten, der mit dem Siegeszug der Unternehmenskritik von NGOs einherging, werden immer neue Instrumente ersonnen, um diese in den Griff zu bekommen. Ethische Wirtschaftsratings, Unternehmenscodizes, Unternehmenscharta, OECD-Grundsätze für Multilaterale Unternehmen, EU-Vorstöße zu Corporate Governance, eine erste gesetzlich durchgesetzte Rechenschaftspflicht bei Rentenfonds, ethische Investorengruppen, Corporate Watch Strukturen und vieles mehr.
Einige dieser Instrumente werden von der Wirtschaft selbst angewendet und initiiert, andere sind staatlicher Art, wieder andere Instrumente von NGOs und Medien. Ich persönlich glaube, dass der abnehmende staatlich-bürokratische Einfluss dazu führt, dass jener dritte Sektor zwischen Wirtschaft und Staat enorm gestärkt wird, der sich dieses Themas originär annehmen wird: Die Zivilgesellschaft. Gerade die Entflechtung staatlicher und wirtschaftlicher Eliten wird diesen Prozess beschleunigen. Dadurch entsteht eine Dimension nicht-staatlicher Demokratie, die wesentlich weniger gut zu kontrollieren ist und gleichzeitig geschickt Medienmacht nutzt. Sollte es gelingen, die mittlerweile unhinterfragte Rollenschizophrenie, mit welcher der moderne Mensch sich in einen „homo oeconomicus“ und jenseits und unabhängig davon in einen „homo consumentus“ oder einen „homo democraticus“aufspaltet, in einem neuen Prozess kultureller Selbstreflektion mit den Problemen der Atomisierung des Menschen und seiner Vereinsamung in Verbindung zu bringen, dann besteht sogar die Chance einer neues Wirtschaftsverständnisses, das bei der Verfolgung von Partikularinteressen aus eigenem Antrieb das Gemeinwohl im Blick hat.
Wie auch immer: Die Wirtschaft wird sich auf eine neue Dimension an öffentlich formulierten ethischen Erwartungen einstellen müssen, und große Unternehmen, die bereits einmal in den Fokus von NGO-Kampagnen geraten sind, tun dies auch: Phil Knight von Nike hat das mal so ausgedrückt:
"The performance of Nike and every other global company in the twenty-first century will be measured as much by our impact on quality of life as it is by revenue growth and profit margins."
Die Ausweitung moralischer Öffentlichkeit durch das Internet
Auch wenn man keine Hagiographie der neuen Medienwunderwelt betreiben will, so muss man doch konstatieren, dass das Internet in dieser Situation eine ganz besondere Rolle zu spielen anfängt. Die Öffentlichkeit ist bereits seit knapp zwei Jahrzehnten in der Lage, große Konzerne in die Knie zu zwingen. Doch das Internet schafft eine neue Dimension - paradoxerweise durch zwei gegenläufige Mechanismen: Die Streuung der Informationen, die sowohl die geographischen Grenzen als auch die der Rezeptionsmilieus überwindet, aber genauso auch die Möglichkeit der spezifische Platzierung von Informationen bei adäquaten Adressaten, ohne dass sie noch im großen Stil verbreitet werden müssen. Durch beides wird nicht nur die themenspezifische Öffentlichkeit schneller informiert, sondern auch der unternehmenseigene Mitarbeiter in die Auseinandersetzung hineingezogen: Durch die nicht vermeidbare Bekanntschaft mit jener Kritik werden sie in die ethische Vorstellungswelt, die die Informationsverteilung erst motiviert, eingeübt. Langfristig bilden sich aus der Vielzahl der unterschiedlichen und atomisierten Wertewelten, die im Internet zum besten gegeben werden, übergreifende Wertehorizonte heraus.
Auch die gesellschaftliche Tiefe einer wirtschaftsethischen Kultur wird verstärkt. Denn in der Vergangenheit waren die Agenten der öffentlichen Unternehmenskritik Nachrichtenmagazine, sich festbeissende Publizisten und nicht zuletzt NGOs. Sie mobilisierten nationale Öffentlichkeiten und mussten sich deshalb auf Themen von nationaler oder zumindest deutlich überregionaler Bedeutung konzentrieren, und das hieß: Große Unternehmen. Mittelständische Unternehmen mit einem angegebenen Jahresumsatz, sagen wir mal von 3-4 Millionen EUR (eine Zahl die ich hier einfach mal so grundlos nenne), gehörten nicht dazu. Die konnten, wenn sie zu den schwarzen Schafen gehörten, im Schatten der Aufmerksamkeit so manches Ding machen, das zwar dem öffentlichen Wohl nicht unbedingt diente, vielleicht sogar im großen Stil wie Anfang der 90er Jahre Menschen der Ex-DDR schädigte, aber dennoch nicht auf den Radar des nationalen Interesses geriet. Wenn man so will: Ihre Missetaten waren nicht kampagnenfähig.
Die Vernetzung des Internets schafft nun Formen der Öffentlichkeit, die nun auch kritikwürdiges Verhalten von mittelständischen Unternehmen kampagnenfähig macht. Die Methoden, die sich dabei herausgebildet haben, sind die gleichen, die an den großen Unternehmen erprobt wurden. Das heißt, es gibt ein erprobtes Instrumentarium der kritischen Öffentlichkeit, dem sich ein Unternehmen stellen muss. Unternehmen, die bisher jenseits des öffentlichen Raums agiert haben, werden nun, wenn sie Defizite bei der Erfüllung jener Ansprüche aufweisen, die die Gesellschaft an sie stellt, zum Bestandteil des öffentlichen Raums. Natürlich ist die Öffentlichkeit nicht mehr so allumfassend wie bei nationalen Kampagnen, aber sie erreicht unter Umständen immer noch Tausende von Menschen. Potentielle Kunden, Anwälte, Intellektuelle, Journalisten, Politiker, Medien und NGOs.
Ein Kardinalfehler, der großen Unternehmen zu Beginn ihrer Erfahrungen mit einem anschwellenden öffentlichen Diskurs über ihre Aktivitäten gerne unterläuft, ist der Versuch, Kritik an ihnen durch juristische Schritte mundtot zu machen. Das klappt eine Zeit lang, aber gerade wenn man eine ganz ausgetretene Spur an juristischen Manövern, Abmahnungen, Prozessen und Einstweiligen Verfügungen aufzuweisen hat, rächt sich das in der Regel irgendwann ganz furchtbar. Besser ist es, von vorneherein den kritischen Diskurs zu suchen und sich der Kritik zu stellen, selbst dann, wenn sie ungerechtfertigt erscheint. Sonst gärt irgendwas, bis es schließlich "hochpoppt", wie man so schön sagt. Und dann geht es rund: Verschwörungstheorien machen die Runde, die Nachricht ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, gerade die Prozessfreudigkeit wird als Indiz gewertet. Liegt sogar ein wirklicher Fall von eklatanten Verletzungen ethischer Standards vor, dann können die durch das Internet ausgeweiteten Dimensionen der ethischen Öffentlichkeit einem Unternehmen ein ganzes Heer an Freiwilligen, Anwälten, Journalisten, Aktivisten etc. auf den Hals hetzen. Die ethische Überprüfung, der ein Unternehmen in einer Vielzahl an Unternehmensaktivitäten dann unterzogen wird, ist dann oft kaum noch überblickbar.
Was hat das Thema Ethik mit Ihrer Firma Euroweb zu tun, werden Sie vielleicht fragen.
Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber dann fiel es mir wieder ein: Ich schaue mir seit einigen Wochen sehr genau an, wie Sie gegen jene Kritiker im Internet vorgehen, die Ihr Geschäftsgebaren für diskussionswürdig halten. Zum einem habe ich diesen langen, etwas trögen und wenig originellen Text geschrieben, damit sowohl die Herren von Ihrer (vermutlich kleinen) Führungsetage als auch Ihr in Internet-Kreisen mittlerweile nur allzu bekanntes Anwaltsbüro die Gelegenheit bekommen, ausführlich einen Text über sozial- und wirtschaftsethische Fragen zu studieren. Die wenigen Fremdwörter, die ich eingebaut haben, können Sie bei Verständnisschwierigkeiten in den üblichen Medien nachschauen. Sie mögen jetzt vielleicht sagen, dass Sie diese ethischen Dingesbumse selbstverständlich ganz ernst nehmen, ich würde eine solche Antwort auch erwarten. Aber ein bisschen Lektüre kann ja nicht schaden, sozusagen als Vorbereitung.
Welche Vorbereitung? Auf das, was auf Sie zukommt. Denn meiner Meinung nach ist Ihr nun bekannt gewordenes Verhalten auf öffentlich geäusserte Kritik nicht Ausdruck einer neuen Skrupellosigkeit der Wirtschaft, was mancher wohl jetzt angesichts der Vorwürfe, die so über Sie ans Tageslicht kommen, annimmt. Nein, Ihr Verhalten ist meiner Meinung nach Ausdruck markanter Naivität, was die Macht bürgerlicher Öffentlichkeit angeht - gepaart mit Dreistigkeit. Nicht, dass es das nicht schon immer in Randzonen der Wirtschaft gegeben hätte. Wie das der geschätzte Jens Scholz einmal ausgeführt hat, wird die durch eine interaktive Forenwelt dynamisierte Öffentlichkeit bis heute unterschätzt.
Aber ich prophezeie Ihnen, dass Sie mit Ihren jüngsten juristischen Aktionen ein Fass aufgemacht haben, von dem Sie sich demnächst wünschen werden, dass Sie nie von ihm gekostet hätten. Und wäre ich Ihr Öffentlichkeitsberater - ein Engagement, das ich aus unterschiedlichen Gründen ganz sicher nicht wahrnehmen werde - dann würde ich angesichts des Sparringspartners, den Sie sich jetzt ausgesucht haben - nämlich eine ethisch sensibilisierte Internet-Öffentlichkeit - inständig hoffen, dass Ihre Geschäftspraktiken den ethischen Kriterien des Common Sense genügen. Sonst sähe ich wenig Chancen in der Prüfung, die jetzt auf Sie zukommt.
Zurück zur Motivation meines Textes: Ich habe diesen Text zum zweiten auch geschrieben, weil ich die folgende Frage von Jens Scholz sehr spannend finde: "Das will ich doch genau wissen, ob ich in diesem Land plötzlich nicht mehr offen meine Meinung sagen darf." Sie ahnen ja gar nicht, wer alles beginnt, sich für diese Frage zu interessieren!
Ach, und was mir noch einfällt, so als Tipp: Die Öffentlichkeit hat ein sehr feines Unterscheidungsvermögen herausgebildet zwischen dem, was juristisch, und dem, was moralisch erlaubt ist. Einfach mal hypothetisch: Ein Verweis darauf, dass die eigene Vorgehensweise durch die Gesetze eines Staates gedeckt sei, wäre in der ethisch sensibilisierten Öffentlichkeit kein starkes Argument. Da würden auch Hinweise auf solche Urteile nicht nützen.*
Ich denke, das reicht an ethischen Erörterungen. Ich danke für Ihr sicherlich vorhandenes Interesse und verfolge diesen Fall nun mit gesteigertem Interesse.
*(Der Hinweis auf eine Website der Kanzlei El Gendi und Berger erfolgt hier ebenfalls rein zufällig. Die Website der Kanzlei ist aber nett gestaltet, man sieht doch gleich den Profi dahinter.)
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Ich schreibe in meinen Notizen unter anderem über ethische Aspekte der Wirtschaft, in der Regel interessieren mich tagesaktuelle Fragen nur wenig. Ich halte Marktwirtschaft für einen Garanten der modernen Demokratie. Er erzieht die Menschen zu einem freien Denken und zu einem selbstbewussten Lebensstil und aktiviert eine selbstbestimmte Daseinsweise, die es Diktaturen langfristig schwer macht zu überleben.
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Eine gängige Erläuterung unserer derzeitigen Probleme mit Unternehmensverantwortung behauptet, dass nach dem Niedergang der sozialistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa und in Asien den westlichen Kulturen und Lebensräumen der entscheidende Mitbewerber im Wettstreit der Systeme weggebrochen sei. Der Westen sah sich bis 1990 einem Bund von Staaten gegenüber, der der Marktwirtschaft gegenüber feindlich eingestellt war, allerdings aufgrund seiner sozialistischen Ideologie sozialen Sicherungen und Errungenschaften wie Arbeit, Brot, Strom, Wohnung und Krankenversorgung hohen Stellenwert einräumte. Der Preis für diese Errungenschaften - wenn man so will: für die Gerechtigkeit - war die Freiheit. Die Existenz von kommunistischen Parteien in Frankreich oder Italien, aber auch von sozialistisch orientierten Journalisten, Gewerkschaften und organisatorisch ungebundene Aktivisten verwies immer wieder auf die Gefahr, dass auch im Westen jene Kräfte stärker werden könnten, die bereit waren, die Markwirtschaft mit Verweis auf das, was im Osten möglich sei, massiv einzuschränken.
Es heisst, dass deshalb die politischen wie publizistischen wie wirtschaftlichen Eliten immer wieder zur Legitimierung der eigenen Daseinsweise beweisen mussten, dass auch das System der freien Marktwirtschaft im umfassenden Stil soziale Leistungen liefern konnte, mehr noch, auch in diesem Punkt den sozialistischen Staaten überlegen war. Freiheit bekommt man auch mit Gerechtigkeit, das war die Botschaft, die in alle Welt ausgesandt werden sollte. Natürlich zahlte man dafür den Preis der Bürokratisierung und des Ausuferns staatlicher Steuerungsbestrebungen. Doch jener schrägen bürgerlichen Gegenbewegung, die sich ab Ende der 70er Jahre gegen die Tentakeln der Staatsmacht zu Wehr setzte, misstraute das wirtschaftliche Establishment: Das Auftreten der Hippies, Müslis und Alternativen schien weder zur Attitüde des sich frisch formierenden Managementmilieus zu passen, das sich in Anlehnung an anglo-amerikanische Unternehmen zaghaft am herausbilden war, noch zu den alteingessenen Unternehmern. Die grüne Kritik, obwohl strukturell verwandt mit jener derjenigen, die aus unternehmerischem Partikularinteresse Marktwirtschaft nicht am staatlichen Gängelband sehen wollte, schien ein Milieu von Lebenskünstlern, Aussteigern und Arbeitsverweigerern zu repräsentieren, mit dem sich ein erfolgreicher Wirtschaftsvertreter nicht identifizieren konnte.
Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz, so heisst es nun, konnten diejenigen, denen immer schon auch die Gängelung durch sozialstaatliche Vorschriften, das gesellschaftsweite Agreement auf soziale Rücksichtnahmen oder auch das Ausufern staatlicher Kompetenzen und Steuerungsmechanismen ein Dorn im Auge war, endlich aufräumen. Die Hemmungen seien weggefallen, im ganzen neuen Stil würde nun die wirtschaftliche Freiheit betont werden.
Und in der Tat gibt es Indizien, die dieser These recht geben. Gerade in Bezug auf die Märkte im Osten weiteten bei vielen Unternehmern die Dollarzeichen die Pupillen derart, dass für menschlichen Anstand die Brennweite verloren ging. Und die Tatsache, dass Investitionskapital nun im großen Umfang von der Möglichkeit Gebrauch machte, weltweit Produktionsstätten zu suchen, ohne auf soziale Regelungen, Arbeitnehmerbelange, Steuerrechte, Umweltvorschriften des Ursprungslandes Rücksicht zu nehmen, scheint dieser These ebenfalls recht zu geben. Auch die neue Intensität, mit der seit den 90er Jahren immer neue Bereiche unsere Lebenswelt einer Kommodifizierung unterzogen werden (man denke an das Thema "Leihmutterschaft") ist besorgniserregend. Nicht zuletzt kommt ein Phänomen hinzu, mit dem im Zeitalter des Zusammenbruchs aller klassischen Ideologien nur wenige gerechnet hatten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich eine neue aggressive Ideologie herausgebildet, die ihre Kritik am Überstaat mit einem religiös anmutenden Credo an die Allheilkräfte des Marktes verbindet. Wer je den Missionsgeist und die Bekehrungsgeständnisse derjenigen erlebt hat, die an entsprechenden Schulungen US-amerikanischer Stiftungen teilnahmen, weiß wovon ich rede.
Die gegenläufige Tendenz: Ein neuer Druck zu ethischem Wirtschaftsverhalten
Es gibt aber nun schon seit längerem einen anschwellenden Diskurs über die ethische Verantwortung von Unternehmen. Im Zuge der zivilgesellschaftlichen Stärkung der kritischen Problematisierung von Unternehmensaktivitäten, der mit dem Siegeszug der Unternehmenskritik von NGOs einherging, werden immer neue Instrumente ersonnen, um diese in den Griff zu bekommen. Ethische Wirtschaftsratings, Unternehmenscodizes, Unternehmenscharta, OECD-Grundsätze für Multilaterale Unternehmen, EU-Vorstöße zu Corporate Governance, eine erste gesetzlich durchgesetzte Rechenschaftspflicht bei Rentenfonds, ethische Investorengruppen, Corporate Watch Strukturen und vieles mehr.
Einige dieser Instrumente werden von der Wirtschaft selbst angewendet und initiiert, andere sind staatlicher Art, wieder andere Instrumente von NGOs und Medien. Ich persönlich glaube, dass der abnehmende staatlich-bürokratische Einfluss dazu führt, dass jener dritte Sektor zwischen Wirtschaft und Staat enorm gestärkt wird, der sich dieses Themas originär annehmen wird: Die Zivilgesellschaft. Gerade die Entflechtung staatlicher und wirtschaftlicher Eliten wird diesen Prozess beschleunigen. Dadurch entsteht eine Dimension nicht-staatlicher Demokratie, die wesentlich weniger gut zu kontrollieren ist und gleichzeitig geschickt Medienmacht nutzt. Sollte es gelingen, die mittlerweile unhinterfragte Rollenschizophrenie, mit welcher der moderne Mensch sich in einen „homo oeconomicus“ und jenseits und unabhängig davon in einen „homo consumentus“ oder einen „homo democraticus“aufspaltet, in einem neuen Prozess kultureller Selbstreflektion mit den Problemen der Atomisierung des Menschen und seiner Vereinsamung in Verbindung zu bringen, dann besteht sogar die Chance einer neues Wirtschaftsverständnisses, das bei der Verfolgung von Partikularinteressen aus eigenem Antrieb das Gemeinwohl im Blick hat.
Wie auch immer: Die Wirtschaft wird sich auf eine neue Dimension an öffentlich formulierten ethischen Erwartungen einstellen müssen, und große Unternehmen, die bereits einmal in den Fokus von NGO-Kampagnen geraten sind, tun dies auch: Phil Knight von Nike hat das mal so ausgedrückt:
"The performance of Nike and every other global company in the twenty-first century will be measured as much by our impact on quality of life as it is by revenue growth and profit margins."
Die Ausweitung moralischer Öffentlichkeit durch das Internet
Auch wenn man keine Hagiographie der neuen Medienwunderwelt betreiben will, so muss man doch konstatieren, dass das Internet in dieser Situation eine ganz besondere Rolle zu spielen anfängt. Die Öffentlichkeit ist bereits seit knapp zwei Jahrzehnten in der Lage, große Konzerne in die Knie zu zwingen. Doch das Internet schafft eine neue Dimension - paradoxerweise durch zwei gegenläufige Mechanismen: Die Streuung der Informationen, die sowohl die geographischen Grenzen als auch die der Rezeptionsmilieus überwindet, aber genauso auch die Möglichkeit der spezifische Platzierung von Informationen bei adäquaten Adressaten, ohne dass sie noch im großen Stil verbreitet werden müssen. Durch beides wird nicht nur die themenspezifische Öffentlichkeit schneller informiert, sondern auch der unternehmenseigene Mitarbeiter in die Auseinandersetzung hineingezogen: Durch die nicht vermeidbare Bekanntschaft mit jener Kritik werden sie in die ethische Vorstellungswelt, die die Informationsverteilung erst motiviert, eingeübt. Langfristig bilden sich aus der Vielzahl der unterschiedlichen und atomisierten Wertewelten, die im Internet zum besten gegeben werden, übergreifende Wertehorizonte heraus.
Auch die gesellschaftliche Tiefe einer wirtschaftsethischen Kultur wird verstärkt. Denn in der Vergangenheit waren die Agenten der öffentlichen Unternehmenskritik Nachrichtenmagazine, sich festbeissende Publizisten und nicht zuletzt NGOs. Sie mobilisierten nationale Öffentlichkeiten und mussten sich deshalb auf Themen von nationaler oder zumindest deutlich überregionaler Bedeutung konzentrieren, und das hieß: Große Unternehmen. Mittelständische Unternehmen mit einem angegebenen Jahresumsatz, sagen wir mal von 3-4 Millionen EUR (eine Zahl die ich hier einfach mal so grundlos nenne), gehörten nicht dazu. Die konnten, wenn sie zu den schwarzen Schafen gehörten, im Schatten der Aufmerksamkeit so manches Ding machen, das zwar dem öffentlichen Wohl nicht unbedingt diente, vielleicht sogar im großen Stil wie Anfang der 90er Jahre Menschen der Ex-DDR schädigte, aber dennoch nicht auf den Radar des nationalen Interesses geriet. Wenn man so will: Ihre Missetaten waren nicht kampagnenfähig.
Die Vernetzung des Internets schafft nun Formen der Öffentlichkeit, die nun auch kritikwürdiges Verhalten von mittelständischen Unternehmen kampagnenfähig macht. Die Methoden, die sich dabei herausgebildet haben, sind die gleichen, die an den großen Unternehmen erprobt wurden. Das heißt, es gibt ein erprobtes Instrumentarium der kritischen Öffentlichkeit, dem sich ein Unternehmen stellen muss. Unternehmen, die bisher jenseits des öffentlichen Raums agiert haben, werden nun, wenn sie Defizite bei der Erfüllung jener Ansprüche aufweisen, die die Gesellschaft an sie stellt, zum Bestandteil des öffentlichen Raums. Natürlich ist die Öffentlichkeit nicht mehr so allumfassend wie bei nationalen Kampagnen, aber sie erreicht unter Umständen immer noch Tausende von Menschen. Potentielle Kunden, Anwälte, Intellektuelle, Journalisten, Politiker, Medien und NGOs.
Ein Kardinalfehler, der großen Unternehmen zu Beginn ihrer Erfahrungen mit einem anschwellenden öffentlichen Diskurs über ihre Aktivitäten gerne unterläuft, ist der Versuch, Kritik an ihnen durch juristische Schritte mundtot zu machen. Das klappt eine Zeit lang, aber gerade wenn man eine ganz ausgetretene Spur an juristischen Manövern, Abmahnungen, Prozessen und Einstweiligen Verfügungen aufzuweisen hat, rächt sich das in der Regel irgendwann ganz furchtbar. Besser ist es, von vorneherein den kritischen Diskurs zu suchen und sich der Kritik zu stellen, selbst dann, wenn sie ungerechtfertigt erscheint. Sonst gärt irgendwas, bis es schließlich "hochpoppt", wie man so schön sagt. Und dann geht es rund: Verschwörungstheorien machen die Runde, die Nachricht ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, gerade die Prozessfreudigkeit wird als Indiz gewertet. Liegt sogar ein wirklicher Fall von eklatanten Verletzungen ethischer Standards vor, dann können die durch das Internet ausgeweiteten Dimensionen der ethischen Öffentlichkeit einem Unternehmen ein ganzes Heer an Freiwilligen, Anwälten, Journalisten, Aktivisten etc. auf den Hals hetzen. Die ethische Überprüfung, der ein Unternehmen in einer Vielzahl an Unternehmensaktivitäten dann unterzogen wird, ist dann oft kaum noch überblickbar.
Was hat das Thema Ethik mit Ihrer Firma Euroweb zu tun, werden Sie vielleicht fragen.
Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber dann fiel es mir wieder ein: Ich schaue mir seit einigen Wochen sehr genau an, wie Sie gegen jene Kritiker im Internet vorgehen, die Ihr Geschäftsgebaren für diskussionswürdig halten. Zum einem habe ich diesen langen, etwas trögen und wenig originellen Text geschrieben, damit sowohl die Herren von Ihrer (vermutlich kleinen) Führungsetage als auch Ihr in Internet-Kreisen mittlerweile nur allzu bekanntes Anwaltsbüro die Gelegenheit bekommen, ausführlich einen Text über sozial- und wirtschaftsethische Fragen zu studieren. Die wenigen Fremdwörter, die ich eingebaut haben, können Sie bei Verständnisschwierigkeiten in den üblichen Medien nachschauen. Sie mögen jetzt vielleicht sagen, dass Sie diese ethischen Dingesbumse selbstverständlich ganz ernst nehmen, ich würde eine solche Antwort auch erwarten. Aber ein bisschen Lektüre kann ja nicht schaden, sozusagen als Vorbereitung.
Welche Vorbereitung? Auf das, was auf Sie zukommt. Denn meiner Meinung nach ist Ihr nun bekannt gewordenes Verhalten auf öffentlich geäusserte Kritik nicht Ausdruck einer neuen Skrupellosigkeit der Wirtschaft, was mancher wohl jetzt angesichts der Vorwürfe, die so über Sie ans Tageslicht kommen, annimmt. Nein, Ihr Verhalten ist meiner Meinung nach Ausdruck markanter Naivität, was die Macht bürgerlicher Öffentlichkeit angeht - gepaart mit Dreistigkeit. Nicht, dass es das nicht schon immer in Randzonen der Wirtschaft gegeben hätte. Wie das der geschätzte Jens Scholz einmal ausgeführt hat, wird die durch eine interaktive Forenwelt dynamisierte Öffentlichkeit bis heute unterschätzt.
Aber ich prophezeie Ihnen, dass Sie mit Ihren jüngsten juristischen Aktionen ein Fass aufgemacht haben, von dem Sie sich demnächst wünschen werden, dass Sie nie von ihm gekostet hätten. Und wäre ich Ihr Öffentlichkeitsberater - ein Engagement, das ich aus unterschiedlichen Gründen ganz sicher nicht wahrnehmen werde - dann würde ich angesichts des Sparringspartners, den Sie sich jetzt ausgesucht haben - nämlich eine ethisch sensibilisierte Internet-Öffentlichkeit - inständig hoffen, dass Ihre Geschäftspraktiken den ethischen Kriterien des Common Sense genügen. Sonst sähe ich wenig Chancen in der Prüfung, die jetzt auf Sie zukommt.
Zurück zur Motivation meines Textes: Ich habe diesen Text zum zweiten auch geschrieben, weil ich die folgende Frage von Jens Scholz sehr spannend finde: "Das will ich doch genau wissen, ob ich in diesem Land plötzlich nicht mehr offen meine Meinung sagen darf." Sie ahnen ja gar nicht, wer alles beginnt, sich für diese Frage zu interessieren!
Ach, und was mir noch einfällt, so als Tipp: Die Öffentlichkeit hat ein sehr feines Unterscheidungsvermögen herausgebildet zwischen dem, was juristisch, und dem, was moralisch erlaubt ist. Einfach mal hypothetisch: Ein Verweis darauf, dass die eigene Vorgehensweise durch die Gesetze eines Staates gedeckt sei, wäre in der ethisch sensibilisierten Öffentlichkeit kein starkes Argument. Da würden auch Hinweise auf solche Urteile nicht nützen.*
Ich denke, das reicht an ethischen Erörterungen. Ich danke für Ihr sicherlich vorhandenes Interesse und verfolge diesen Fall nun mit gesteigertem Interesse.
*(Der Hinweis auf eine Website der Kanzlei El Gendi und Berger erfolgt hier ebenfalls rein zufällig. Die Website der Kanzlei ist aber nett gestaltet, man sieht doch gleich den Profi dahinter.)
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"Ich sah keinen Grund für Mißtrauen und unterschrieb."
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Euroweb - eine Spurensuche
Die Ankündigung einer Textreihe und mir wichtige Vorbemerkungen
Julio Lambing - So, Mrz 19, 2006 - Zettelkasten: Euroweb
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Ein ausgezeichneter Kommentar! (Euroweb)
Ich werde bei Ihnen in die Lehre gehen, auch wenn
das nur ein Fernstudium via Internett wird.
Kurt
Vielen Dank für das Kompliment...
Wie gesagt, so gelungen finde ich meinen eigenen Beitrag nicht, den ihn ich samstagnachts (etwas müde, bei
zweidrei Gläsern ganz leckeren "Piesporter Goldtröpfchen") geschrieben habe. Aber es freut mich, wenn er Ihnen genutzt hat.