Zerschlagung von Lebensstrukturen
Der für mich interessanteste Punkt der Diskussion zwischen Konservatismus (und damit gemeint der traditionellen Konservatismus, nicht diverse Neo-Strömungen, die heute in den sich selbst zur politischen Rechte zählenden Parteieienfamilie en vogue sind) und radikalen Reformern, ist die Frage, welche kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Veränderungen das Leben in seiner Entfaltung stärken und welche Veränderungen Lebensqualität beinträchtigen, weil sie hilfreiche Lebensnetze, nützliches Wissen und sinnvolle Praktiken zerstören. Im 20. Jahrhundert haben wir eine Menge Beispiele erlebt, was die Zerschlagung sozialer Strukturen durch politische Avantgarden mit gesamtgesellschaftlichen Anspruch anrichten können. Das verführt zu grundlegendem Misstrauen gegenüber politischen Impulsen, die komplexe althergebrachte Lebenszusammenhänge revolutionieren wollen, bei manchen zu einem generellen Reflex, ganz so als sei jede radikale Reform menschenfeindlich:
In den Reformen von Kleisthenes in der frühen attische Polis findet sich eines der frühesten Beispiele für radikalen Reformen, die hilfreich sind, auch wenn sie alte Strukturen zerschlagen:
"Die alte Stammesorganisation wird beseitigt. An die Stelle der vier ionischen Stämme Attikas, die den Gesellschaftskörper bildeten, setzt Kleistehnes ein system von zehn Stämmen, sie bestehen wir bisher aus jeweils drei Trittyen, doch diese werden nun allen Demen Attikas neu zugeteilt. Die Organisation der Stadt ist damit auf einer andere Beziehung angesiedelt als die beziehung der gene und die Bande der Blutsverwandtschaft: Stämme und Demen sind nach rein geographaischen Grundsätzen eingeteilt; sie vereinigen die Bewohner desselben gebiets, nicht aber die Blutsverwandten wie die gene und die Phratien, welche zwar in ihrer alten Form forttbestehen, aber fortan außerhalb des Breichs des eigentlich Politischen bleiben. Darüberhinaus wird durch die Neubildung der zehn Stämme eine Verschmelzung der drei verschiedenen «Teile» erreicht, in der die stadt vorher aufgespalten war; denn von den drei Trittyen, die zu einem Stamm gehören, besteht die erste notwendigerweise aus bewohnern der Küstenregion, die zweite aus Bewohnern des Landesinnern und die dritte aus Bewohnern aus Bewohnern der stadt. So ist in jedem der Stämme die «Mischung» der Bevölkerungsteile, der Landschaften und der verschiedenen "Berufs»-gruppen, aus denen die Stadt zusammengesetzt ist, verwirklicht.(...)
In der neuen Verwaltungsorganisation drückt sich also ein bewußter Wille zur Verschmelzung und zur Einigung der Gesellschaft aus. Darüber hinaus erlaubt eine künstliche «bürgerliche» Zeitrechnung, unter den so geschaffenen vergleichbaren Gruppen eine vollkommen gleiche Verteilung ihres anteils an der arche zu erzielen. Während der Mondkalender auch weiterhin das religiöse Leben regelt, ist das Verwaltungsjahr in zehn Perioden von je sechsunddreißig oder siebenunddreißig Tagen eingeteilt, entsprechend der Zahl der zehn Stämme."
Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen Denkens"; Frankfurt/M. 1982; S. 100-101
Bemerkenswert ist, wie stark die späteren Verwaltungspolitiken der französischen und der russischen Revolution diesem Vorgänger gefolgt sind. Dennoch bezweifle ich, ob hier tatsächlich eine angeblich "aufgeklärte", weil arithmetische Denkungsart die religiös-mythische ablöst, so wie das heute gerne hingestellt wird. Die obige Zahlenstruktur des «bürgerlichen Kalenders» scheint mir ebenfalls einer heiligen Mathematik zu entspringen. Gleiches wäre für die Einteilung der Stadtteile zu untersuchen.
(So langsam kann ich den Vernant nicht mehr sehen, trotz aller Anregungen.)
In den Reformen von Kleisthenes in der frühen attische Polis findet sich eines der frühesten Beispiele für radikalen Reformen, die hilfreich sind, auch wenn sie alte Strukturen zerschlagen:
"Die alte Stammesorganisation wird beseitigt. An die Stelle der vier ionischen Stämme Attikas, die den Gesellschaftskörper bildeten, setzt Kleistehnes ein system von zehn Stämmen, sie bestehen wir bisher aus jeweils drei Trittyen, doch diese werden nun allen Demen Attikas neu zugeteilt. Die Organisation der Stadt ist damit auf einer andere Beziehung angesiedelt als die beziehung der gene und die Bande der Blutsverwandtschaft: Stämme und Demen sind nach rein geographaischen Grundsätzen eingeteilt; sie vereinigen die Bewohner desselben gebiets, nicht aber die Blutsverwandten wie die gene und die Phratien, welche zwar in ihrer alten Form forttbestehen, aber fortan außerhalb des Breichs des eigentlich Politischen bleiben. Darüberhinaus wird durch die Neubildung der zehn Stämme eine Verschmelzung der drei verschiedenen «Teile» erreicht, in der die stadt vorher aufgespalten war; denn von den drei Trittyen, die zu einem Stamm gehören, besteht die erste notwendigerweise aus bewohnern der Küstenregion, die zweite aus Bewohnern des Landesinnern und die dritte aus Bewohnern aus Bewohnern der stadt. So ist in jedem der Stämme die «Mischung» der Bevölkerungsteile, der Landschaften und der verschiedenen "Berufs»-gruppen, aus denen die Stadt zusammengesetzt ist, verwirklicht.(...)
In der neuen Verwaltungsorganisation drückt sich also ein bewußter Wille zur Verschmelzung und zur Einigung der Gesellschaft aus. Darüber hinaus erlaubt eine künstliche «bürgerliche» Zeitrechnung, unter den so geschaffenen vergleichbaren Gruppen eine vollkommen gleiche Verteilung ihres anteils an der arche zu erzielen. Während der Mondkalender auch weiterhin das religiöse Leben regelt, ist das Verwaltungsjahr in zehn Perioden von je sechsunddreißig oder siebenunddreißig Tagen eingeteilt, entsprechend der Zahl der zehn Stämme."
Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen Denkens"; Frankfurt/M. 1982; S. 100-101
Bemerkenswert ist, wie stark die späteren Verwaltungspolitiken der französischen und der russischen Revolution diesem Vorgänger gefolgt sind. Dennoch bezweifle ich, ob hier tatsächlich eine angeblich "aufgeklärte", weil arithmetische Denkungsart die religiös-mythische ablöst, so wie das heute gerne hingestellt wird. Die obige Zahlenstruktur des «bürgerlichen Kalenders» scheint mir ebenfalls einer heiligen Mathematik zu entspringen. Gleiches wäre für die Einteilung der Stadtteile zu untersuchen.
(So langsam kann ich den Vernant nicht mehr sehen, trotz aller Anregungen.)
Julio Lambing - Mo, Mrz 20, 2006 - Zettelkasten: Das System







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