Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Euroweb - was wäre, wenn es nicht um Meinungsfreiheit ginge?

Ich möchte einen Ball aufgreifen, den Marcel Bartels hochgeworfen und den DemondeLuxe weitergespielt hat. Nehmen wir einfach mal an, es ginge bei dieser Geschichte gar nicht um Meinungsfreiheit der Blogger und Foren. Jedenfalls nicht zentral. Nehmen wir an, es ginge um knapp zwei Dutzend Menschen in Deutschland, hauptsächlich Kleinunternehmer, die sich verzweifelt Gehör verschaffen wollen. Denn sie haben aus unterschiedlichen Gründen im Laufe der letzten Monate zueinander gefunden, weil sie fast alle mit der gleichen Firma im Rechtsstreit liegen. Und ihre Fälle gleichen sich. Sie könnten vielleicht z.B. so beschrieben werden:

„Ich bin Kunde von XXXXX und liege wie viele andere mit dieser Firma und ihren famosen Anwälten im Rechtsstreit. El Gendi & Berger verklagen übrigens grundsätzlich per Urkundenprozeß verklagt, in dem die Kunden vor Gericht meist keine Chance haben. Ich bin in Kontakt mit weiteren Betroffenen. Ich kann versichern: Die XXXX Internet GmbH verkauft nach meinem bisherigen Wissensstand stets nur die 3-Jahres-Verträge. Die auf deren Website genannten exorbitanten Preise für die Gestaltung einer Internetpräsenz dienen nur dazu, die angeblichen "Sonderkonditionen für Referenzkunden" (bis heute - und ich habe 2002 unterschrieben!) attraktiv zu machen, bei welchen die Gestaltung der Präsenz "kostenlos" ist. Für die Pflege und Wartung der Präsenz hat man dann monatlich 60 EUR-150 EUR - jährlich im Voraus zu zahlen. Die jährliche Vorauszahlung wird im Verkaufsgespräch häufig verschwiegen und auch sonst werden die Verträge eher mit sogenannten „Drückermethoden“ an den "Kunden" gebracht. Es gibt immer wieder Hinweise darauf, daß die XXXXX - Außendienstmitarbeiter auch entsprechend trainiert werden. Es geht nur darum, die Unterschrift zu bekommen, dafür werden alle mündlichen Zusagen gemacht (z.B. 2 Wochen Rücktrittsrecht, was für Selbstständige gar nicht gilt), die der Kunde haben will und die hinterher rein rechtlich nicht mehr zählen. Danach stellt XXXXX ihm eine Homepage online, ob er diese noch will oder nicht. Auf seine Domain hat er ab Unterschrift keinerlei Zugriffsrechte mehr. Und wenn er nicht zahlt, verklagt ihn XXXX in bewährter Manier und kriegt so ihr Geld, und der Anwalt gleich noch mit.“

Nehmen wir weiter an, dass diesen Menschen in unserer Gesellschaft kein Gehör geschenkt wird, weil viele sagen: „Na, selber schuld, soll er halt Verträge besser lesen. Was macht er auch Haustürgeschäfte!“ Und dass die Firma bisherige Versuche, mittels Foren Kritik an ihr zu äussern, mit rechtlichen Schritten verhindert hat. So blieben sie vereinzelt - und mehr noch, sie fühlten sich durch das rechtliche Vorgehen der Firma eingeschüchtert. Sie wissen, dass es noch mehr in Deutschland von ihnen gibt, aber sie wissen nicht, wie sie sie erreichen können. Die Chancen über jene kleinen Zeitfenster, in denen bestimmte Kritiken im öffentlichen Netz standen, ähnlich Betroffene kennen zu lernen, waren in der Vergangenheit gering und mussten gut genutzt werden. Manche von ihnen standen kurz vorm Resignieren, andere wollten weiterkämpfen. Aber jetzt beginnen sie zu hoffen. Denn auf einmal wird es im Internet möglich, zumindest Kritik an den Produkten der Firma zu veröffentlichen.

Vielleicht, so hoffen sie, merkt jetzt auch einer, worum es wirklich geht. Vielleicht guckt sich einer das Geschäftsgebaren dieser Firma genauer an. Vielleicht stolpert jemand über Hinweise auf Verträge, auf Vertriebsmethoden, auf Firmenhistorien. Vielleicht, endlich (!) nimmt sich auch ein Journalist dieser Geschichte mal an. Vielleicht denkt er nicht: „Schön blöd, wer nicht aufpasst. Pech gehabt."

„Ich bin nicht die Caritas.“

Sicher, das ist nur ein Gedankenspiel, aus der Luft gegriffen, es könnte so sein, es könnte aber auch ganz anders sein. Und vor wilden Mutmassungen und Verdächtigungen soll man sich hüten und muss man auch warnen. Aber das Gedankenspiel illustriert etwas. Denn genau die oben geschilderte Einstellung des "Schön blöd, selber schuld", die man auch bei Bloggern des öfteren hören konnte, sorgt dafür, dass solche kleinen Gewerbetreibenden, denen so etwas passiert, alleine bleiben. Denn Wirtschaft heißt dann: „Alles kann beim Geschäfte machen getan werden, so lange es Gesetze decken.“ Das Wirtschaftsverständnis hinter solchen Äußerungen ist eines, welches das Leitmotiv der ehrenwerten Kauffrau, des anständigen Geschäftsmanns zwar als einen individuellen Spleen gelten lässt, diesen aber eben keinen Anspruch auf Verbindlichkeit im Wirtschaftsalltag zubilligt. Damit wird wirtschaftliche Tätigkeit in einer spezifischen Weise interpretiert, und zwar sowohl als Handelsmaxime als auch als Beschreibung der Realität:

"Du musst selber aufpassen, wenn du mit mir Geschäfte machst, denn du bist erwachsen. Ich werde versuchen, dich so weit wie möglich über den Tisch zu ziehen, und du musst so klug sein, das zu erkennen. So ist nun mal die Welt und ich bin nicht die Caritas."

Eine Tugend, die in ihrer Wertschätzung, noch gar nicht so alt ist, wird damit als Vorbild menschlichen Handelns (im doppelten Sinne) etabliert: Cleverness. Sie hat schon länger als Vorbild für das Verhalten in der ökonomischen Sphäre die Tugend der "Fairness" und der "Anständigkeit" abgelöst. Sicher, wir wissen durch Jacques Le Goff von wahren kaufmännischen Bestien, die im Mittelalter ihr Unwesen trieben. Auch der neue Geldadel, der vor den solonischen Reformen in Athen sich ausbreitete, ist eine schöne Lektion in Skrupellosigkeit. Und die Frühzeit des Industrie-Kapitalismus kennt Legionen an Fällen, wie durch wirtschaftliches Verhalten gezielt Menschen ins Unglück gestürzt wurden. (Entgegen einem weit verbreiteten Gerücht taugt der oft bemühte Manchester-Kapitalismus übrigens nicht als Beispiel für solche Rücksichtslosigkeit, der theoretische Großvater des Marktliberalismus Adam Smith – fast jeder hat in der Schule mal diese Geschichte von dem Markt und der unsichtbaren Hand gehört - genauso wenig). Es besteht also kein Grund, aus fehlgeleiteter Sentimentalität die Vergangenheit zu idealisieren.

Aber Kulturen und damit auch Wirtschaftskulturen ändern sich beständig und entgegen eines weitverbreitetem Kulturpessimismus nicht nur in negativer Hinsicht. Im Rheinischen Kapitalismus, der sich aus unterschiedlichen Gründen nach der Nazizeit als eine Art wirtschaftlicher Leitkultur in der Bundesrepublik Deutschland etablierte, war schnöde Geldgier, das Übervorteilen von anderen und unbegrenzte Raffsucht verpönt. Es mag eine verspießte Wirtzschaftsszene gewesen sein, eine bigotte vielleicht. Aber es war keine, in der ein „Cleverle“ zu sein, ein besonders rühmliches Attribut gewesen wäre.

Die Wirtschaftskultur hat sich verändert und heute ist Cleverness eine Leitwährung geworden, nicht nur bei Managern, sondern auch bei denjenigen, die in der neuen Medienwelt zuhause sind. Auch wenn Blogger gerne über "die Wirtschaft" schimpfen. Aber Blogger sind ja nicht nur Leser und Schreiber, sondern selbst als Konsumenten, Angestellte und Anbieter in wirtschaftlichen Abläufen vielfältig tätig. Sie sind Wirtschaft. Und ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Blogger in diesem wirtschaftlichen Alltag wie alle anderen auch eben genau jene Tugend der "Cleverness" favorisiert, die in wirtschaftlichen Zusammenhängen dann Entwicklungen hervorruft, unter denen sie schließlich selbst leiden und über die sie sich beschweren.

In der Regel wird das alte Argument bemüht, dass man sich Anständigkeit nicht leisten kann, denn man weiß ja nicht, ob der andere diese Anständigkeit nicht ausnutzen wird. Sehr beliebt sind auch resignierte Weltklagen à la: "Ich habe mich immer wieder ("jahrelang" etc.) anständig verhalten, aber ich wurde immer wieder betrogen, jetzt höre ich auf, Opfer zu sein." Manch einer dieser Enttäuschten schwelgt dann für den Rest seines Lebens in Revanchegefühlen, wie sie die Ärzte in einem sehr eingängigen Liedrefrain zusammengefasst haben: "Und eines Tages werd ich mich rächen ..."


It's the people, stupid!


Lassen wir mal außer Acht, dass die menschliche Erfahrung lehrt, dass viele dieser angeblich von der Welt so Betrogenen eine ausgesprochene Selbstgerechtigkeit an den Tag legen und sich aufgrund mangelnder Selbstkritik über ihr eigenes problematisches Verhalten wenig im Klaren sind. (Ganz berüchtigt übrigens diejenigen, die sagen: "Doch, doch, ich kritisiere mich ja: Ich war zu gutmütig, zu edel etc.") Denn welches Argument auch immer benutzt wird - der eigene Anteil daran, ob man eine Tugend in Kraft setzt, ob man mit seinem Verhalten in der Wirtschaft exemplarische Situationen schafft, von denen andere wieder beeinflusst werden, wird interessanterweise chronisch unterschätzt:

Was als Tugend gilt (sei dies nun menschliche Großzügigkeit, Mut, Klugheit, Sanftmut, Freundlichkeit etc.) und sich Geltung verschafft, ist die Entscheidung von Menschen. Das Phänomen der Tugend ist niemals ausgestorben, es ändert sich lediglich die kulturelle Einschätzung, was als Tugend und was als Untugend gilt: Unsere abendländische Tradition legt uns zwar bestimmte Tugenden nahe, aber letztendlich ist die Auswahl unbegrenzt. In der homerischen Kultur gab es zum Beispiel Tugenden, mit denen wir heute nur noch wenig anfangen können. In der Wertewelt des einstmals populären Carlos Castaneda war Rücksichtslosigkeit eine Tugend, so mancher schamanisch Inspirierte hielt sich daran. Alasdair MacIntyre wiederum hat vor ein paar Jahren die weithin unbekannte Lakota-Tugend des „wacantognaka“ in die Moraldiskussion eingeführt.

Denn Tugenden leben durch Einübung, und zwar durch exemplarische. Das bedeutet einiges: Tugenden müssen, wenn sie überleben wollen, nicht nur als Ideal gelobt werden, sie müssen auch durch Handeln Form finden. Sie brauchen Menschen, deren Handeln Ausdruck dieser Tugend ist. Sie brauchen aber auch Sichtbarkeit. Tugenden nützt es nicht, wenn sie im stillen Kämmerlein ausgeübt werden, denn es fehlt dann die Möglichkeit, dass sie von anderen wahrgenommen werden. All diese Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfährt die Cleverness derzeit.

Eine Lektion aus dem Fall "Euroweb"

Ich mag Cleverness nicht. Als massenhaft ausgeübte Verhaltensweise mag sie einem in wirtschaftlichen Verhaltenszusammenhängen zwar Vorteile verschaffen, aber sie versaut auch das Wirtschaften. Wie sie das macht, das demonstriert uns meiner Meinung nach gerade der Fall Euroweb. Denn es scheint mir, dass sich da einige ganz clever verhalten haben. (Wir werden sehen, was noch ans Tageslicht kommen wird. Ich persönlich bin mir sicher: Einiges, was gar nicht toll ist – und das im Dutzendpack.) Damit kein Missverständnis aufkommt, wenn ich so generell über die Cleverness herziehe: Ich habe gar nichts gegen kaufmännische Geschicklichkeit, nichts gegen die Freude an guten Geschäften, nichts gegen Wettbewerb. Ich habe was gegen eine Denkart, die wirtschaftliches Agieren in einem Raum stattfinden lässt, wo Prinzipien der Verlässlichkeit, der Redlichkeit, des Geschäftemachens auf Treu und Glauben keine Rolle mehr spielen. Und wo darüber hinaus auch Fairness, Nachhaltigkeit und soziale Rücksichtnahme keine Rolle spielen.

Doch Cleverness versaut nicht nur die Wirtschaft. Da Tugenden Verhaltenseinstellungen sind, ziehen sie sich durch alle Lebensbereiche. Man kann nicht verhindern, dass eine tausendfach in einem Lebensbereich ein- und ausgeübte Verhaltensweise nicht in andere Bereiche ebenfalls – selbstverständlich oft unbemerkt - hinübergleitet. Und Cleverness mag einem beim Wirtschaften subjektive Vorteile verschaffen, für das menschliche Miteinander jedoch ist sie Gift. Sie ruiniert die Liebe und schnell auch Freundschaften. Man kann noch so oft versuchen, Cleverness nur als „List“ oder „Geschicklichkeit“ (die ja ganz andere Tugenden sind) zu tarnen und wegzuerklären – sie die Cleverness hinterlässt gerade in intimen Beziehungen Verletzungen, Vertrauensverlust und Distanz. Langfristig gesehen macht sie deshalb einsam. Selbst dann, wenn man sich - ganz clever - schnell neue Freunde anlacht.

Der Fall Euroweb bietet viele Lektionen. Eine wäre, Cleverness neu zu hinterfragen. Ich glaube, wenn wir anfangen würden, Cleverness wieder unpopulär zu machen, hätten wir schon viel erreicht.


PS: Meine Einleitung war, wie ich ja schon sagte, eine Annahme, ein Gedankenspiel. Aber wer Lust hat, die moralische Dimension dieses Falles mal genauer zu rechechieren , sollte zwei Tipps auf jeden Fall beherzigen. Der eine findet sich bei Udo Vetter und sollte mittlerweile bekannt sein.
Der andere ist diesem speziellen Fall genauso wichtig. Er heisst: „Screenshots!“ - von allem, was man findet. Denn Ihr ahnt ja gar nicht wie fix manchmal ein Unternehmen oder eine Institution im Löschen sein kann – auch da, wo Ihr nie mit rechnet. Sie sind halt clever.

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HCL (anonym) - Do, Mrz 23, 2006

zwar kein hochqualifizierter lesenswerter zusatz...

aber trotzdem senf:

Danke! du schrubst mir aus der seele!

ich liebe es, wenn ich geschäfte, deals, gigs, jobs, etc
auch ohne 12-seitigen vertrag und verabreden kann und es klappt alles.
ach ja: und ohne AGBs..
und das passiert - glücklicherweise - gar nicht so selten!

und - auch glücklicherweise - komme ich selten in die velegenheit,
deals mit firmen wie ebenjener, um die es geht, machen zu müssen...

fühl dich gebookmarked!
Iris (anonym) - Do, Mrz 23, 2006

Hach was für eine schöne Vorstellung...

...die Blogosphäre als 'Anwälte des kleinen Mannes' :o)
Ja, so soll es sein. Bitte.
Ich mag Cleverness auch nicht - zumindest nicht, wenn sie benutzt wird, um andere über den Tisch zu ziehen. Das erkenne ich ebenso wenig als Tugend an, wie ich Geiz geil finde.
Michael (anonym) - Do, Mrz 23, 2006

Ein brillanter Beitrag. Ihre Auffassung über's clevere Dasein teile ich ebenso wie den Wunsch diesen
Anspruch des "Seeligmachenden" in dieser Attitüde zurückzudrängen.
engel - Fr, Mrz 24, 2006

"Es gibt nix gutes, außer man tut es"

Den Hinweis, daß gewisse "moralische Maximen" einfach mal "gelebt" werden müßen, finde ich sehr wichtig (jeder fasse sich an die eigene Nase und Frage sich, was er mitmachen will). Ich habe mich kürzlich entschieden, an gewissen Sachen nicht mehr mitzuarbeiten und mich selbstständig gemacht. (Moralische Korruption ist einfach das Geld nicht wert ;)
Nach Verläßlichkeit und Treu und Glauben zu Wirtschaften bringt langfristig viel mehr Erfolg. "Win-Win"-Situation eben.
(Und danke auch für die historischen Ausführungen)
Dr. Dean (anonym) - Fr, Apr 21, 2006

Tugend statt Schädigungswettbewerb

Es ist schon ein seltsames Wirtschaften, das sich nicht etwa auf die Erbringung wettbewerbsfähiger Leistungen konzentriert, sondern darauf, Kunden "clever2 zu täuschen über die gebotenen Leistungen und Kosten.

Genauso unpopulär wie Tugend ist auch der Begriff des Leistungswettbewerbs (anstelle eines Wettbewerbs, der die Kunden oder Konkurrenten zu schädigen sucht).

Sozial verantwortlicher Leistungswettbewerb (!) als wirtschaftliches Leitbild wird, und das ist doch sehr verwunderlich, in weiten Kreisen heutzutage als belangloser Weltverbesserungswahn oder "linke Idee" empfunden, jedenfalls dann, wenn dieser Maßstab an wirtschaftliches Handeln ernst gemeint wird.

Wohin gehen wir?

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