Ein Traum von Öffentlichkeit
Ich habe mehr Lust über Blogger nachzudenken.
Manche Menschen sagen, dass Öffentlichkeit in den letzten Jahrzehnten zu einer Einrichtung geworden sei, die den sogenannten stadtweiten Musikevents in Großstädten ähnele. Auf vielen großen Bühnen, die Tausende Zuschauer zu ihren Füssen beschallen, stehen die Tonangeber, die den Takt vorgeben und möglichst viele Zuhörer in ihren Bann ziehen wollen. Was die Tonangeber motiviert, kann ganz unterschiedlich sein. Bei den einen der Ehrgeiz auf Reichweite, bei den anderen ein Sinn für Kommerz, bei den dritten eine Mission, die sie treibt. Bei manchen eine Mischung aus allen. Auf solchen Veranstaltungen gibt es selbstverständlich auch kleinere und ganz kleine Bühnen. Es geht vielfältig zu: Es gibt Publikumsmagneten und Nischenvertreter. Die Zuhörerin kann entscheiden, ob ihr das, was sie da hört gefällt oder ob sie weiterzieht. In der Regel zum nächsten großen Podium. Die notorischen Dissidenten unter den Zuhörer scharen sich natürlich um irgendwelche Randbühnen, die nur einem kleinem Publikum aufspielen. Manche hören dort aus echter Überzeugung zu, andere weil sie sich gut fühlen, zu einer Minderheit zu gehören. Viele aus beiden Gründen.
Die Reaktionsmöglichkeit des Publikums erschöpft sich in der Regel darin, mit den Füssen abzustimmen. Man geht eben zu dieser oder jenen Bühne. Natürlich machen die Tonangeber auch manchen Schnickes: Irgendein armer Tropf, der in der Nähe des Sängers steht, bekommt das Mikro vor die Nase gehalten, dann trällert er den gewünschten Liedtext seinen Mitzuhörern vor. Man nennt das dann O-Ton. Und wer als Tonangeber Vielfalt demonstrieren möchte, der wählt gleich fünf/sechs Leute aus, die nacheinander ein paar Verse ins Mikro geben dürfen: Volkes Stimme.
Diese Art der Kultur hat einen bemerkenswerten Einfluss auf die Verständigung der Menschen untereinander: Je grösser die Bühnen, desto lauter die Musik. So laut, dass die direkte Unterhaltung bereits mit dem Nachbar kaum noch möglich wird. Die Kommunikation wird massiv erschwert, man kann sich kaum konzentrieren, einen klaren Gedanken ausdrücken. Die Luft ist erfüllt von dem, was vorne uns anschallt. Und das, was die Leute zehn Reihen vorher gröhlen, das erfahre ich nur, wenn einer von der Bühne denen das Mikro vor die Nase hält.
Soweit zu Zeitungen, Radiosendern, Fernsehmagazinen und ähnlichem mehr.
Es gibt aber noch eine andere Art, Kommunikation kaputt zu machen. Gemäß einer einflussreichen Familie an Sozialtheorien gibt es, wenn Menschen miteinander agieren, zwei Sorten von sozialem Handeln. Das strategische Handeln benutzt den Menschen als Werkzeug für seine Absichten, es agiert mit Zwang, Belohnung, Anweisung oder Manipulation. Das verständigungsorientierte Handeln setzt auf die Einsicht der anderen Menschen, auf ihre freiwillige und aus wohlüberlegten Gründen erfolgte Kooperation. Soziales Handeln kommt niemals ohne Kommunikation aus. Und in unserem Leben trägt Kommunikation in unserem Leben die Idee der Verständigung. Deshalb gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass der Normalfall des sozialen Handelns mit anderen Menschen jener des verständigungsorientierten Handelns sein sollte und in tausend Lebenssituationen unhinterfragt auch ist.
Dieses Handeln wird jedoch nach Ansicht mancher Soziologen durch das Vordringen des oben erwähnten anderen Handlungstyp, das strategische Handeln also, zunehmend gefährdet. Die Wirtschaft und die Bürokratie drängen in immer mehr Bereiche unserer Lebenswelt ein und setzten über die Mechanismen Geld und Macht das strategische Handeln in Bereichen fest, in denen wir es nie haben wollten und die unsere Lebenswelt auch kaputt machen. Eine Folge davon ist, dass immer grössere Bereiche unseres Lebens verrechtlicht werden. Die Sprache des Rechts greift (ähnlich wie die Mechanismen des Marktes und der bürokratischen Anweisung) um sich, auch dort wo es eigentlich bisher Möglichkeiten gab, über Verständigung die Angelegenheiten miteinander zu regeln.
Soweit zur Verrechtlichung der Lebenswelt und ähnlichem mehr.
Blogger stehen für einen anderen Traum - ob sie es aussprechen oder nicht. Blogger stehen für eine gewisse Rückeroberung der Welt durch Verständigung und Dialog. Eine Kommunikation, die nicht mehr zu der Einbahnstraßen-Lyrik großer Medienapparate passt. Sicher das klingt sentimental. Aber ich glaube dennoch - und gerade wenn man sich die Auseinandersetzungen zwischen Bloggern und staatlichen Behörden in autoritären Regimes anschaut - , dass die Blogger dabei sind, sich eine neue Agora zu schaffen, jenen klassischen Treffpunkt der untergegangenen griechischen Polis, auf dem einstmals in der Antike die öffentlichen Angelegenheiten ausgiebig besprochen werden konnten. Auf dieser neuen Internet-Agora mag es zwar lärmend und raunend zu gehen, Gerüchte und Modewellen mögen die Runden machen, und die großen und kleinen Beschallungsmedien vom Rande her weiter tönen. Aber die Diskussion und damit auch das kritische Hinterfragen, die Argumentation, die Rede und Widerrede hat sich einen neuen, eigenständigen Platz geschaffen.
Dieser Treffpunkt ist nicht nur ein Platz, in dem ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass der kommunikative Austausch einer zwischen Gleichen unter Gleichen ist – herrschaftsfrei, wie das manche Sozialtheoretiker heute nennen. Er ist auch ein Platz, in dem eben über das gesprochen wird, was Menschen eben so bewegt: Politik und Wirtschaft, Liebe und Haustiere, Konsumartikel und Reisen, Kochrezepte, Intrigen, das Wetter, der Knackarsch vom Vordermann und die Party von gestern. Natürlich gibt es auch dort Meinungsführer und Nachplapperer. Und es gibt Gehässigkeiten und Neid, Ressentiment, Ausgrenzungen, Flegel, selbstgerechte Inquisitoren und pubertierende Quengler. Auch hier also das Übliche, wenn Menschen zusammenkommen. Aber anscheinend ist - wie sich das für eine Milieu der kritischen Verständigung auch gehört - auch immer wieder eine kritische Selbstreflexion erkennbar, Gruppenspeech, Meinungstrends und unreflektiertes Nachbeten zu hinterfragen. Selbst beim Fall Euroweb - der mir noch einigen Zündstoff zu beherbergen scheint, der bisher nicht thematisiert wurde - tauchten neben flugs aus dem Boden gestampften, schlechtgemachten Lobby-Weblogs auch ernsthafte Fragen auf, wie reflektiert die Weiterverbreitung der Kritik an Euroweb überhaupt ist. Und auch darauf gab es wieder begründete Gegenrede.
NGOs repräsentieren Ansprüche der Zivilgesellschaft, die genau aus jenem Ideal der gleichberechtigten Demokratie heraus schädliche Entwicklungen unserer Lebenswelt wieder in den Griff bekommen wollen. Viele NGOs folgen aber, je größer und bürokratischer sie zwangsläufig durch ihren Erfolg werden, dem gedankenlosen Trend der Verrechtlichung. Bei Transparency International Deutschland ist dieses gedanken- und phantasielose Nachtrotten anscheinend nun unfreiwillig problematisch geworden, weil die Organisation in Konflikt mit einem sozialen Netzwerk gerät, das die verständigungsorientierte Kommunikation, also die auf Überzeugung abzielende Rede und Gegenrede, wieder hochhält. Mal sehen, ob das ein sozialen Lerneffekt verursacht - und sei es anfangs auch weniger aus Einsicht, sondern nur aus Angst vor Publicity-Verlust. Bei Euroweb ist die Situation vermutlich anders. Ich bezweifle sehr, ob hier je von authentischer Einsicht in die Rationalität verständigungsorientierten Handelns ausgegangen werden kann. Zumindest wenn man den Berichten der Betroffenen, die an allen Ecken und Enden beginnen sich zu melden, den gleichen Respekt entgegenbringt wie den Pressemitteilungen des Unternehmen selbst.
Soweit dann doch zu Transparency International Deutschland, Euroweb und ähnlichem mehr.
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