Antike Geschichtsschreibung als Reportage
„Wenn man Ermittlungen durchführt (sei es als Reisender, Geograph, Ethnograph oder Reporter), kann man nur sagen: dies habe ich festgestellt, dies habe ich von Seiten gewöhnlich gut unterrichteter Kreise erfahren; es erübrigt sich, die Namen der Informanten zu nennen: wer ginge hin und prüfe nach? (...) Um nichts würde ein Reporter bei uns glaubwürdiger erscheinen, wenn er überflüssigerweise die Identität seiner Informanten klarstellte; wir beurteilen seinen Wert nach internen Kriterien; es reicht uns, ihn zu lesen, um zu wissen, ob er klug und unparteiisch ist, ob er genau berichtet und eine gründliche Allgemeinbildung besitzt; und genauso be-und verurteilt Polybios in seinem XII. Buch seinen Vorgänger Timaios; (...)
Doch kocht der Geschichtsschreiber seine Mahlzeit nicht vor den Augen seiner Leser. Er tut dies um so weniger, je mehr Ansprüche er an sich selber stellt. Herodot gefällt sich darin, die verschiedenen widersprüchlichen Überlieferungen, die er hat sammeln können, darzulegen. Thukydides tut das fast nie: er gibt nur die weiter, die er für gut hält (17); er bekennt sich zu seiner Verantwortung. (...)
Die Gewohnheit, seine Autoritäten zu zitieren, die wissenschaftliche Anmerkung, ist keine Erfindung der Geschichtschreiber gewesen, sondern stammt aus der theologischen Kontroverse und der juristischen Praxis, dem Zitieren der Heiligen Schrift, der Pandekten und den Beweisstücken im Prozeß; (...) Zuerst hat man sich die Beweißstücke an den Kopf geworfen, bevor man sie anschließend mit den Mitgliedern der Wissentschaftsgemeinde teilte. Die Hauptursache dafür liegt im Aufstieg der Universität und deren immer ausschließlicherem Monopol intellekteuller Tätigkeit. Der Grund dafür hat ökonomische ubd soziale Ursachen; Großgrundbesitzer, die von ihrem Besitz leben und der Muße leben konnten wie Montaigne oder Montesquieu gibt es nicht mehr, wie bes auch nicht mehr ehrenhaft ist, in der Abhängigkeit eines Fürsten zu leben, anstatt zu arbeiten.
Nun schreibt aber ein Historiker an der Universität nicht mehr für einfache Leser, wie es die Journalisten oder «Schriftsteller» tun, sondern für die anderen Historiker, seine Kollegen; dies war bei den Geschichtsschreibern der Antike nicht der Fall.“
Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 20 - 23
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