Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Gesellschaftscharakter als soziale Tugendstruktur1

Wenn die Tugendstruktur des Menschen durch die sozio-ökonomischen Verhältnisse geprägt wird, dann ist zu fragen, in welchem »Medium« sich die Vermittlung zwischen sozio-ökonomischen Verhältnissen und seelisch-geistigen Erscheinungen vollzieht. Einen ersten Impuls zur Lösung dieser Frage bekam Erich Fromm durch die Marxsche Unterscheidung zwischen »konstanten Trieben« (nach Karl Marx fallen in diese Kategorie der Geschlechtstrieb und der Hunger), die von den gesellschaftlichen Bedingungen nur in Form und Richtung geändert werden können, und den »relativen Trieben« oder »Begierden« , die ihren Ursprung nur einem bestimmten Typ der gesellschaftlichen Organisation verdanken.

»Marx verband hier bereits die relativen Begierden mit der Gesellschaftsstruktur und mit den Bedingungen von Produktion und Kommunikation und schuf so die Grundlage für eine dynamische Psychologie, die die meisten menschlichen Begierden – und damit einen großen Teil der menschlichen Motive – als durch den Produktionsprozeß bestimmt begreift.«

Um die gemeinsamen psychischen Haltungen einer Gesellschaft zu erklären, bedarf es der Annahme eines Formungsprozesss der psychischen Energie. » Dieser Prozess der Umformung von allgemeiner psychischer Energie in eine spezifisch-soziale Energie wird durch die soziale Tugendstruktur vermittelt. « Erich Fromm versteht unter »soziale Tugend-Struktur« »den Kern der Tugendstruktur, den die meisten Mitglieder einer Kultur gemeinsam haben, im Gegensatz zur individuellen Tugendstruktur, in dem die Menschen, die zur gleichen Kultur gehören, jeweils verschieden sind.« Das Interesse bezieht sich also nicht auf die individuellen Eigentümlichkeiten, durch die sich jeder Mensch vom anderen unterscheidet und die durch zufällige Faktoren der Geburt (konstitutionelle Faktoiren wie z.B. Temperament) und der speziellen Lebenserfahrung bedingt sind. Vielmehr gibt die Erforschung der sozialen Tugendstruktur darüber Auskunft, wie »menschliche Energie in einer gegebenen sozialen Ordnung kanalisiert ist und als eine produktive Kraft wirkt« . Verläuft die Energie der meisten Menschen einer gesellschaftlichen Gruppe in der gleichen Richtung, so folgt daraus , daß ihre Motivation dieselben sind und daß sie für dieselben ideen und Ideal empfänglich sind. Formal betrachtet ist die soziale Tugendstruktur so etwas wie der » Treibriemen zwischen der ökonomischen Struktur der Gesellschaft und den herrschenden Ideen«. Dabei ist es »nicht nur die "ökonomische Basis", die eine gewissen soziale Tugendstruktur schafft, die ihrerseits wieder gewisse Ideen hervorbringt. Die Ideen, die einmal entstanden sind, beeinflussen auch die soziale Tugendstruktur und indirekt die sozio-ökonomische Struktur «. (52) Die soziale Tugendstruktur vermittelt also in beide Richtungen. (53) Die Vorstellung von der sozialen Tugendstruktur lässt sich demnach mit folgendem Schema verdeutlichen (54):

Ökonomische Basis wirkt über die soziale Tugendstruktur auf die Ideen und Ideale - und vice versa

Die eigentliche Bedeutung der sozialen Tugendstruktur ergibt sich daraus, daß mit der Vorstellung von der sozialen Tugendstruktur ein neues Verständnis der gesellschaftlichen Prozesse möglich wird. Erich Fromm weist seine Funktion auf: »Jede Gesellschaft hat einen bestimmten Aufbau und handelt auf eine bestimmte Weise; die durch die Anzahl objektiver Gegebenheiten notwendig wird. Solche Gegebenheiten sind die Produktionsweise und die Güterverteilung, welche ihrerseits von den Rohmaterialien und Herstellungstechniken, vom Klima usw. Abhängen, sowie von politischen und geographischen Faktoren und kulturellen Traditionen und Einflüssen, denen die Gesellschaft ausgesetzt ist. Es gibt keine Gesellschaft als solche, sondern nur bestimmte Sozialstrukturen, welche sich in verschiedenen und feststellbaren Weisen auswirken. Obgleich sich diese Sozialstrukturen im Laufe der Geschichte ändern, sind sie während eines bestimmten geschichtlichen Zeitabschnittes doch relativ beständig, und eine Gesellschaft kann nur bestehen, insofern sie sich innerhalb des Rahmens dieser bestimmten Struktur bewegt. Die Mitglieder der Gesellschaft und/oder ihrer verschiedenen Klassen und Stände haben sich derart zu verhalten, daß sie in dem von der Gesellschaft geforderten Sinne funktionieren. Die Aufgabe der sozialen Tugendstruktur besteht darin, die Energien der Mitglieder einer Gesellschaft so zu formen, daß ihre Verhalten nicht mehr einer bewußten Entscheidung bedarf, ob sie sich dem Sozialgefüge einordnen sollen oder nicht; daß die Menschen vielmehr so handeln wollen, wie sie handeln sollen, und daß sie gleichzeitig darin eine Genugtuung finden, sich gemäß den Errungenschaften der Kultur zu verhalten. Mit andren Worten: die soziale Tugendstruktur hat die Aufgabe, die menschlichen Energien so zu formen, daß sie das reibungslose Funktionieren einer gegebenen Gesellschaft garantieren.« (55)

Dem einzelnen, der als Mitglied einer bestimmten Gesellschaft durch die dieser Gesellschaft eigene Tugendstruktur geprägt ist, wird also die je neue Konfrontation mit den Anforderungen der Gesellschaft erspart, weil er so zu denken, fühlen und handeln wünscht, wie er muß (und dabei glücklich ist, weil er dieses Verhalten, psychologisch gesehen, befriedigt (56)). Für den Bestand der Gesellschaft und die sie bedingende ökonomische Basis ist die soziale Tugendstruktur der wesentlich stabilisierende (»systemerhaltende«) Faktor, weil »die Energien der Menschen derart geformt sind, daß sie zu produktiven und für den Bestand der Gesellschaft unverzichtbaren Kräften werden.« (57)

Die Prägung der sozialen Tugendstruktur eines Menschen oder einer Gesellschaft geschieht – wie im einzelnen auch immer (58) – wesentlich durch die sozio-ökonomischen Verhältnisse der vorgegeben Gesellschaft. Dennoch sind die Möglichkeiten dieser Prägung dort Grenzen gesetzt, wo es um fundamentale Bedürfnisse des Menschen, die sich aus der Natur ergeben, geht.

Betrachtet man die bestimmenden Faktoren bei der Entstehung der sozialen Tugendstruktur, so kann man ein Zusammenspiel folgender Momente beobachten (59):
  1. gesellschaftliche und ökonomische Faktoren, denen, weil sie nur schwer zu verändern sind, ein gewisses Übergewicht zukommt;
  2. religiöse, politische und philosophische Ansichten (» Ideen und Ideale«), die zwar in der sozialen Tugendstruktur wurzeln, diesen jedoch auch wieder bestimmen und stabilisieren;
  3. schließlich spielen aber grundlegende menschliche Bedürfnisse wie das nach Bezogenheit, Verwurzeltsein, Transzendenz usw., die alle notwendig vom Menschen befriedigt werden müssen und für das Glücken menschlichen Lebens unverzichtbar sind, eine aktive Rolle in diesem Zusammenspiel.(60)
Solange nun dieses Zusammenspiel harmonisch und stabil bleibt, hat die soziale Tugendstruktur eine vorwiegend stabilisierende Funktion. Ändern sich jedoch die Bedingungen derart, daß eine Diskrepanz zwischen den die soziale Tugendstruktur bestimmenden Faktoren und der vorgegebenen sozialen Tugendstruktur entsteht, so wird die soziale Tugendstruktur zu einem Element der Desintegration statt der Integration, - »zum Sprengstoff statt zum Mörtel des Sozialgefüges« . (61)

(51) (...)
(52) (...)
(53) Die Annahme einer Vermittlungsfunktion der sozialen Tugendstruktur stelt zugleich einen Lösungsversuch Erich Fromms für das im Marxismus heftig diskutierte Problem der Vermittlung von Basis und Überbau dar. Erich Fromm betont ausdrücklich, daß »beim Begriff der sozialen Tugendstruktur die beziehung zwischen ökonomischer Basiis und dem Überbau in ihrer Wechselwirkung verstanden wird (E. Fromm und M. Macoby, Social Character in a Mexican Village [70/11], 18 Anm.); vergl. Auch E- Fromm, The Application of Humanist Psychoanalysis to Marx's Theory (65/3); 212; zur Aufnahme dieses Lösungsvorschlags vgl. A. Schaff, Marxismus und das menschliche Individuum, 53-57 und 130 f. - Erich Fromm hat dieses Modell der sozialen Tugendstruktur wiederholt angewandt: in den histrosichen Analysen des Zusammenhangs von Protestantismus und beginnenden Kapitalismus (in Escape of freedom [41/1]) und in bezug auf das 19. und 20. Jahrhundert (in The Sane Society [55/1]); prinzipiell in gleicher Weise, jedoch noch im Rahmen der freudschen Libido-Theorie formuliert, ist auch die Abhandlung Die Entwicklung des Christusdogma (30/1) ausgeführt.
(54) (...)
(55) (...)
(56) Vgl. E. Fromm, Escape of Freedom (41/1), 282 f. - Dieses Moment der Befriedigung, daß jemand, der von der sozialen Tugendstruktur seiner Sozialgruppe bestimmt ist, das zu tun wünscht, was er tun muß, erklärt auch, warum Menschen in sie unterdrückenden politischen Gesellschaftsformen dennoch – ja unter Umständen gerade erst – zufrieden sein können, wenn auch mit Hilfe von Ideologie und Gehirnwäsche. Und umgekehrt, wo man die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern will, erklärt die Funktion der sozialen Tugendstruktur, warum zum Beispiel das Bewußtsein der Klassen-Situation undder Fortschritt des Sozialismus in den kommunistischen Staaten eben nicht gleichsam automatisch den verändernden Effekt bringen, den sich solche Marxisten erhoffen. Vgl. E. Fromm, The Application of Humanist Psychoanalysis to Marx's Theory (65/3), 211 f.
(57) E. Fromm, Escape of Freedom (41/1), 283
(58) Der Widerspruch zwischen der soziologischen Erkenntnis, daß die Tugendstruktur durch die Rolle geformt wird, die das Individuum in der Kultur zu spielen hat, und der psychoanalytischen Erkenntnis, wonach die Tugendstruktur eines Menschen seine wesentliche Prägung in der Kindheit erfährt, das Kind aber in diesen Jahren kaum mit Kultur und Gesellschaft in Berührung kommt, löst sich, wenn die Familie als die »psychische Agentur der Gesellschaft« gesehen wird. Die Familie erfüllt diese Aufgabe auf zwei weisen: zunächst durch den Einfluß, den der Charakter der Eltern auf die Charakterbildung des Kindes ausübt, und zum anderen durch die Erziehungsmethoden, wie sie in einer Kultur üblich sind. Vgl. E- Fromm, Über psychoanalytische Charakterkunde und ihre Anwendung zum Verständnis der Kultur (49/3), 86 f.: ders., The Sane Society (55/1), 82
(59) Vgl. E. Fromm, Über psychoanalytische Charakterkunde und ihre Anwendung zum Verständnis der Kultur (49/3); 85 f.
(60) (..) Vgl. E. Fromm; Beyond the Chains of Illusion (62/1), 81: »Wenn eine soziale Ordnung die elementaren menschlichen Bedürfnisse über eine gewisse Schwelle hinaus vernachlässigt oder verhindert, werden die Mitglieder einer solchen Gesellschaft versuchen, die soziale Ordnung zu verändern, damit sie ihren Bedürfnissen besser entspricht. Wenn diese Veränderung nicht möglich ist, wird die Folge wahrscheinlich sein, daß so eine Gesellschaft aus Mangel an Lebenskraft und aufgrund ihrer zersetzenden Wirkung zusammenbricht.«
(61) E. Fromm, Über psychoanalytische Charakterkunde und ihre Anwendung zum Verständnis der Kultur (49/3), 86. - Vgl. ders. The application of Humanist Psychoanalysis to Marx's Theory (65/3), 213: »Soziale Veränderung und Revolution werden nicht nur durch neue Produktivkräfte, die im Widerspruch zu überkommenen Formen der sozialen Organisation stehen, verursacht, sondern auch durch den Konflikt zwischen inhumanen sozialen Bedingungen und unveränderlichen menschlichen Bedürfnissen.« Vgl. a.a.O., 219

Dies ist einer bewusste Verfälschung einer Textpassage aus dem Buch „Mut zum Menschen“ von Rainer Funk.* Das Wort "Charakter" wurd dabei durch "Tugendstruktur" ersetzt, der Terminus "Gesellschafts-Charakter" (bei Fromm im englischen Original: "social character") durch das Wort "soziale Tugendstruktur". Die Spielerei dient mir als Exempel um sich mal die Reichweite und Ergiebigkeit einer Theorie anzuschauen, die Charakterkunde an Tugendtheorien anschliesst und um die wechselseitige begrifflichen Abhängigkeiten der Fromm'schen Charakterologie zu durchleuchten. Weder verkenne ich den Unterschied zwischen deskriptiver und wertender Begrifflichkeit, der sich bei Charakter und Tugend ergibt, noch glaube ich, dass die Begriffe deckungsgleich sind.


* Rainer Funk: „Mut zum Menschen- Erich Fromms Denken und Werk, seine humanistische Religion und Ethik“; Stuttgart 1978; Kap.: "Der »Gesellschafts-Charakter« als Medium zwischen der sozio-Ökonomischen Struktur und den in einer Gesellschaft vorherrschenden Ideen und idealen"; S. 38- 44

Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/stories/1777338/modTrackback

Praxis der Aphrodisia

Spiegel

Herzlich willkommen. Sie sind nicht angemeldet. Sie können dennoch einen Kommentar abgeben.

Die Startseite finden Sie hier.


Kontakt und RSS

Sie erreichen mich über diese Emailadresse.


Creative Commons License

kostenloser Counter


Neue Feeds!

Zeigt den Feed an.


Translation Google:

See this page in English Voir cette page en francais