Negative Individualisierung und Wahlverhalten
Insofern nähert sich die deutsche Realität wohl wirklich einigen anderen westlichen Demokratien an, aber als beruhigenden Ausdruck republikanischer Normalität muss man dies keineswegs freudig begrüßen. In der Tat lässt sich am Beispiel der USA schon länger beobachten, wie sich ganze Stadtteile vom demokratischen Wahlvorgang abkoppeln, wie die stille, gleichgültig gelebte Verweigerung sich mit der sozialen Marginalisierung verfestigt und vererbt - und allem Anschein nach auch kaum mehr rückführbar ist. Soziologen sprechen derzeit immer häufiger von einer "negativen Individualisierung". Individualisierung mag bei Menschen mit hohem sozialem und kulturellem Kapital zu einer Mehrung von Chancen, Aktivitäten, Lebenserfahrungen führen.
Individualisierung mündet dagegen bei Personen ohne diese Ausstattung im rasanten Tempo in Isolation, Antriebsschwäche, Resignation, kurz: in Teilnahmslosigkeit. Hier definiert sich soziale Armut nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie materiell, sondern durch den Verlust an Kontakten, den Mangel an Eingebundenheit, neusozialwissenschaftlich ausgedrückt: durch ein Defizit an Netzwerkkompetenz. Hier fehlt es vielfach an Integration, sei es in intakten, zur Subsidiarität fähigen Familien, sei es in funktionierenden, zur Kooperation bereiten Nachbarschaften, sei es in einer lebendigen, aktivierenden Vereinskultur. Desintegration führt zum Aus- und Rückzug, zur Enthaltung bei den öffentlichen Angelegenheiten, zum Disengagement. Man glaubt dann nicht, dass sich Einsatz lohnt; man hofft nicht mehr, dass Parteien und Politik das Schicksal wenden."
Franz Walter, Spiegel Online, 2. April 2006
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