Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Gesellschaftscharakter als soziale Tugendstruktur2

Gut was haben wir, wenn wir Begrifflichkeiten des Charakters in der Fromm'schen Sozialpsychologie durch solche der Tugend ersetzen?

- Die Energiebegrifflichkeit ist noch dem Freudianischen Triebmodell geschuldet. Geschenkt, bringt nicht viel. Die Begrifflichkeit rund um Seele und Psyche ist überflüssig, weil Tugend auf Handlungsdispositionen referiert.

- Das Problem des Fromm'schen Sargs taucht auch hier auf den ersten Blick auf. Der Begriff meint, dass das Modell, das Fromm kreiert hat (selbstverständlich mit Gesellschafts-Charakter), keine Entwicklungsmöglichkeit beinhaltet: Basis beeinflusst Charakter beeinflusst Ideen und vice versa. Ewige Bestätigung des Status Quo, keine Revolution, keine Reform etc. Deshalb spricht man vom Sarg: Fromms Modell verschliesst die Gesellschaft in eine Gruft, aus der es kein Entkommen gibt.


- Aber der Fromm'sche Sarg ist ein Scheinproblem. Denn bloß weil eine Zwischenstufe zwischen Basis und Überbau eingebaut ist, heisst es noch lange nicht, dass sich in dieser Hinsicht etwas entscheidendes von Marx zu Fromm verändert hätte. Entweder hat dann schon Marx einen Sarg gebaut (Ideen stabilisieren at ultimo Produktionsweise und vice versa) oder es liegt ein Missverständnis vor. Letzteres natürlich, denn sonst bekommen weder Marx noch Fromm ihre Revolution hin: Es gibt Eigendynamiken der ökonomischen Basis, die neue Ideen hervorbringen. In den frühen, meistens nicht bekannten Aufsätzen von Fromm wird – wenn ich das richtig in Erinnerung habe – im freudianischen Duktus ähnlich argumentiert: Die Produktionsweise schafft einen Arbeiter, der eine genitale Charakterprägung aufweist und deshalb Wegbereiter des Umsturzes ist.

- Zudem bestehen nicht nur geistesgeschichtliche Eigendynamiken, sondern Dynamiken in der Kindererziehung – Stichwort „Familie als psychische Agentur der Gesellschaft“. Deshalb könnte auch eine Tradition an Tugendeinübung eine eigenständige Entwicklungsrichtung haben, die mit der ökonomischen Basis in Konflikt treten kann.

- Der Fromm'sche Sarg würde ähnlich wie der Marxsche nur klappen, wenn Gesellschaft totalitär durch ein Prinzip durchorganisiert und geprägt würde. Das ist schon beim HistoMat Blödsinn. Staaten, Kulturen und Wirtschaftssysteme sind zerissen vielfältig in konkurriende Felder aufgespalten, die in einem wechselhaften "Kampf" Vorherrschaft erhalten und wieder verlieren und sich zugleich weiterentwickeln.

- Interessanterweise referiert Fromms Meisterschüler Rainer Funk hier nur auf das Spätwerk des humanistischen Psychologen, das nicht mit der dem Kapitalismus eingebauten Entwicklungstendenz zum genitalen Charakter argumentiert (hier ist Fromm seinem Gegner Herbert Marcuse viel näher als man denkt), sondern mit dem Widerspruch zwischen anthropologischen vorgegebenen Bedingungen seelischer Gesundheit und bestimmten gesellschaftlichen Zuständen arbeitet. Analog dazu wäre ein Widerspruch zwischen einer aristotelischen „metaphysischen Biologie“ (die vorgibt, wie der Mensch Glückseligkeit erlangt) und der ökonomischen Basis. Widerspenstigkeit des menschlichen Wesens gegenüber kulturellen Entwicklungen.

- Der stärkste Eindruck der Spielerei ist aber: Das Ganze ist hoch langweilig. Man hat nicht das Gefühl viel zu gewinnen. Es gibt eine Tugendstruktur (schwachsinniges Wort), die sozial verbreitet ist, als Produkt ökonomischer und geistesgeschichtlicher Faktoren - ja und? Seit der „Protestantischen Ethik“ ist das nun nichts, was irgendwie erschüttert.


- Interessant ist vielleicht lediglich, dass das Verhältnis zwischen Charakter und Tugend. Charakter, wie er hier verwendet wird, scheint er ja nur deskriptiv zu sein, Tugend ist dagegen auch ein moralischer Begriff. Aber das ist natürlich nur ein Schein, denn Fromms Charaktere sind nicht nur deskriptiv, sie sind gekoppelt mit Aussagen über das Glück, über gelungenes Leben etc. Der Krankheitsbegriff der Psychoanalyse („neurotisch“ etc.) löst ja nur das Begriffsinstrumentarium der bürgerlichen Moral ab, nicht diese selbst – allen Geschwätz über die angeblich revolutionäre sexuelle Unbefangenheit zum Trotz.

- Man könnte nochmal nachspüren, wie eine Mikrophysik der Macht über Disziplinierungstechniken und Normalisierung zur Charakterbildung (und damit zur Tugendeinübung?) beitragen – aber das ist auch eine langweilige Fleißarbeit. Fromm anschlussfähig machen an Foucault würde man dann sagen....

Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/stories/1786489/modTrackback

Praxis der Aphrodisia

Spiegel

Herzlich willkommen. Sie sind nicht angemeldet. Sie können dennoch einen Kommentar abgeben.

Die Startseite finden Sie hier.


Kontakt und RSS

Sie erreichen mich über diese Emailadresse.


Creative Commons License

kostenloser Counter


Neue Feeds!

Zeigt den Feed an.


Translation Google:

See this page in English Voir cette page en francais