Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Was sind (griechische) Mythen (1)

Unter dem Titel "Pluralität und Analogie der Wahrheitswelten" beschreibt Paul Veyne im zweiten Kapitel seines Buches "Glaubten die Griechen an ihre Mythen?"(1) dicht gedrängt die Charakteristika der griechischen Mythen

Der Mythos ist nicht Teil der gewöhnlichen Zeit und Welt und spielt auch nicht in ihr

„[Die griechischen Mythen] ereigneten sich » vorher «, zur Zeit der heroischen Geschlechter, als die Götter noch unter den Menschen wandelten. Zeit und Raum der Mythologie waren auf geheimnisvolle Weise von unseren ganz verschieden. Für einen Griechen wohnten die Götter » im Himmel « ; aber er wäre nicht wenig überrascht gewesen, er sie tatsächlich am Himmel erblickt.“ Die mythische Welt ist eine andere Welt, aber nicht in dem Sinne einer Anderswelt, die durch paranormale Fähigkeiten erschlossen werden kann. Ihre transzendentalen Kategorien wie Raum und Zeit sind nur ungefähr analog zu denen unserer Welt. „Nicht weniger wäre er [der Grieche] überrascht gewesen, hätte man ihm (...) mitgeteilt, dass Hephaistos sich soeben wiederverheiratet hätte und Athena in letzter Zeit ziemlich alt geworden wäre. (...) Die heroischen Geschlechter hatten ihren Platz auf der anderen Seite der Zeit, in einer anderen Welt.“ (2)

Die mythische Welt wird geachtet, weil sie vornehmer ist, aber nicht weil sie tugendhafter wäre

„Die mythische Welt ist „eine Welt, die noch schöner ist als die gute alte Zeit, zu schön, um noch empirisch zu sein; diese mythische Welt war nicht empirisch: sie war vornehm.“ Paul Veyne erläutert diese Vornehmheit. Die Götter und Heroen waren keine Heilige, sie waren nicht tugendhafter wie die Menschen. „Sie ehren die Werte genauso wie es die vornehmen Sterblichen tun, nicht mehr und nicht weniger.“ (S. 3) Aber sie hatten einen anderen „Wert“,ihre Welt stand höher: „Wie auch für Proust eine Gräfin höher steht als eine Bürgerin, aber nicht deshalb, weil sie Tugenden und Werte hätte: sondern weil sie Gräfin ist. Natürlich wird sie als Gräfin und weil sie Gräfin ist, Moralempfinden haben und pflegen, aber nur aus Gründen der Konsequenz. Nicht wegen ihrer Verdienste, sondern wegen ihres Wesens hat die Welt der Heroen mehr Wert als die Welt der Sterblichen.“(S. 4) Paul Veyne erläutert diese Beobachtung anhand von Pindar: Die Erzählung von mythischen Welten erhebt, da ihnen per se ein höherer Wert zukommt, nicht nur den Künder von ihnen, also den Dichter, sondern auch diejenigen, denen der Dichter die Gnade zukommen lässt, dass sie mit den Mythen in irgendeine Beziehung gebracht werden – und sei es auch nur durch bloße Erwähnung: „Pindar erhebt den Sieger und seinen Sieg in eine höhere Welt, die die des Dichters ist, denn als Dichter ist Pindar mit der Welt der Götter und Heroen vertraut und erhebt den Sieger, jenen Niedriggeborenen, der sich verdient gemacht hat, in seine Welt, indem er ihn als Gleichgestellten behandelt und ihm von dieser mythischen Welt erzählt (...)“ (5)

Mythen sind keine pädagogische Lehrstücke, um Menschen als moralisches Vorbild zu dienen

Die Erzählung der Mythen ist keine Illustration aristokratischer Werte, sie ist keine versteckte Botschaft, in der z.B. eine soziale Schicht sich selbst und ihre Tugenden feiert. Sie ist keine didaktische Literatur. Sie ist „ganz anders, unzugänglich, verschieden und glanzvoll“. So verzaubert sie zwar den Menschen und erhebt ihn auch, aber sie dient nicht als Vorbild: „Eine Märchenwelt kann nicht als Beispiel dienen.“ (6)

An Mythen glaubte man, ohne jede ausschmückende Kleinigkeit analytisch auseinanderpflücken zu wollen

„Gehen wir von der Tatsache aus, dass insgesamt alle Sagen (...) für echt gehalten wurden; ein Zuhörer der Illias befand ich in der gleichen Situation, in der sich ein Leser romanhafter Geschichte bei uns befindet. Jene letztere erkennt man daran, dass ihre Verfasser die authentischen Tatsachen, die sie zu berichten haben, in Szene setzen; (...) Homers Zuhörer glaubten an die globale Wahrheit und versagten sich nicht das Vergnügen an der Erzählung über Mars und Venus.“ (S.7)

Mythos ist keine naive, herbeiphantasierte oder verzerrte Geschichtsschreibung

Der Mythos ersetzt keine Geschichte, weil dem antiken Menschen etwa nur lückenhafte Formen der Geschichtsforschung zur Verfügung gestanden hätten und er deshalb mit Phantasie oder Überlieferung ein Vakuum auffüllen müsste, das ihn in der Geschichtserzählung sonst stocken ließe. „Es ist (...) banal, dass man zur gleichen Zeit verschiedene Wahrheiten über denselben Gegenstand glaubt; die Kinder wissen, daß die Spielzeuge vom Weihnachtsmann gebracht und zugleich von den Edltern geschenkt werden (...) Anscheinend hat man (...) den Mythos keineswegs für Geschichte gehalten oder den Unterschied zwischen Legende und Geschichte aufgehoben (...); sagen wir also lieber, daß man genauso an den Mythos wie an die Geschichte glauben kann, aber nicht an Stelle der Geschichte und auch nicht zu denselben Bedingungen wie an die Geschichte; die kinder verlangen von ihren Eltern ja auch nicht die Gabe des freien Schwebens, der Allgegenwart und der Unsichtbarkeit, die sie dem Weihnachtsmann zuschreiben. Kinder, Primitive und Gläubige aller Schattierungen sind nicht naiv.“ (8)

Der Mythos ist weder Augenzeugenbericht noch Offenbarung

Der Mythos ist keine „verkleidete Geschichte“. Er ist kein Bericht über das, was man selbst oder eine andere gesehen hat. Man ist niemals ein Verfasser des Mythos, man ist nur ein Wiederholer. Derjenige, der von ihm spricht, zeigt durch Formeln an, dass er nur wiedergibt, was „immer schon“ gesagt wird: „man sagt, daß...“ oder „die Muße singt, daß...“ oder „ein Logos sagt, daß...“. Und selbst die Muse erfindet nicht, sondern ruft nur wieder Gedächtnis, was immer schon gesagt wurde. Der Mythos ist aber keine Offenbarung von oben, z.B. vermittelt durch die Musen. Er ist allgemein bekannt, der Dichter wiederholt nur, wenn auch mithilfe der Musen. (9)



(1) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987;
(2) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S.29
(3) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 162
(4) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 162
(5) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 30
(6) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S.32
(7) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S.33
(8) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 160-161
(9) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 35

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