Individualismus und Staatsmacht
"Die Menschen reißen sich immer nur mühsam von ihren Privatgeschäften los, um sich den Aufgaben der Gemeinschaft zu widmen; von Natur aus neigen sie dazu, diese Sorge dem einzig sichtbaren und dauernden Repäsentanten der kollektiven Interessen zu überlassen: dem Staat. Sie haben aber nicht nur von Natur keinen Sinn für die Beschäftigung mit den öffentlichen Aufgaben, oft fehlt ihnen auch die Zeit dazu. Das private Leben ist in den demokratsichen Zeiten so rege, so bewegt und so angefüllt mit Hoffen und Wirken, dass dem einzelnen kaum noch Kraft und Muße für das politische Leben bleibt.(...)
Da in den Zeiten der Gleichheit keiner verpflichtet ist, seinesgleichen zu unterstützen, da aber auch keiner berechtigt ist, von seinesgleichen eine große Hilfe zu erwarten, ist jeder so frei wie schwach.(...) Seine Unabhängigkeit erfüllt ihn gegenüber seinesgleichen mit Selbstvertrauen und Stolz, seine Schwäche dagegen läßt ihn dann und wann das Bedürfnis nach fremder Hilfe verspüren, die er von niemand erwarten darf, da alle machtlos und gleichgültig sind. In seiner Notlage lenkt er seine Blicke ganz natürlich auf jenes gewaltige Wesen, das sich allein aus der allgemeinen Niedrigkeit erhebt. Auf dieses Wesen verweisen ihn seine Bedürfnisse und vor allem seine Wünsche ohne Unterlaß; dieses Wesen hält er schließlich für die einzige und unentbehrliche Stütze seiner individuellen Schwäche. (..)
Die demokratischen Zeiten sind Zeiten der Versuche, Neuerungen und Wagnisse. Immer sind eine Menge Menschen in schwierige oder neuartige Unterenhmen verwickelt, die sie für sich durchführen, ohne sich um ihresgleichen zu kümmern. Diese Menschen geben - als allgemeinen Grundsatz - wohl zu, die öffentliche Gewalt dürfe sich nicht in die Privatgeschäfte einmischen; jeder von ihnen hofft aber, sie werde gerade ihm in seinem besonderen Geschäft helfen, und jeder sucht die Unterstützung der Regierung für sich zu gewinnen, während er sie doch sonst überall ausschalten will.
Da eine Menge Menschen gleichzeitig diese besondere Einstellung in den verschiedensten Dingen an den Tag legt, breitet sich der Machtbereich der Zentralgewalt unmerklich nach allen Seiten aus, obgleich jeder einzelne ihn einschränken will."
Alexis DeTocqueville: "Demokratie in Amerika": Band 2, Kapitel 4, Teil 3:
"That the Sentiments of Democratic Nations Accord with their Opinions in Leading them to Concentrate Political Power."
zitiert nach: Alexis DeTocqueville: "Demokratie in Amerika"; Hersg. v. J.P. Mayer; Frankfurt a.M. 1956; S. 182 -184
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