Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Zwei Auguren können sich nicht treffen, ohne übereinander zu lächeln

Es ist im heutigen kulturdiagnostischen Jammern der christlichen Kreise, aber auch in der "wissenschaftlichen" antireligiösen Polemik ausgelutschte Floskel geworden, über den Supermarkt der Beliebigkeit zu klagen oder über die Verunsicherung des Menschen zu schwafeln, weil ihm nach dem Mittelalter angeblich verbindliche und übergreifende Wertehorizionte abhanden gekommen seien. Neben der Esoterik als beliebtes Nörgelobjekt, an dem sich jeder Erstsemester seine Zähne für zeitkritische Bemerkungen schleifen lassen darf, sind es Neue Religiöse Bewegungen, die so irritieren.

Dass Neue Soziale Bewegungen auftauchen, geht ja noch an. Nach der ersten Unruhe über Schwule, Latzhosentträgerinnen, Friedensapostel und Müslifresser haben selbst die Kirchen erkannt, dass dort ein Teil ihres bürgerlichen Auditoriums abgeblieben ist, das die wertkonservative Grundstimmung teilt. Die weltanschauliche Linke freute sich, das der Spätkapitalismus Strömungen und Milieus hervorbrachte, die für Reform oder gar Revolution zu gebrauchen waren. Aber wieso müssen immer noch Neue Religiöse Bewegungen sich verbreiten? Ein Spuk, von dem beide Lager die Hoffnung hatten, dass es doch seit der Aufklärung spätestens damit vorbei sein sollte. Doch immer wieder entstehen in den letzten 250 Jahren religiöse Gruppen, "Sekten", Prediger, Weisheitslehrer, Modewellen. Angeblich (man höre auf den Ton: das Jammern schwillt an) jetzt noch verstärkt, weil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kommerz und Religion eine unheilige Allianz eingegangen seien und das Big Business mit Engelbüchern, Meditationsretreats, ayurvedischen Schlammpackungen und Osho-Centern den dicken Reibach macht. Die Komplexität der Vernunft und die Überforderung druch die wissenschaftliche Erkenntnis verunsichere die Menschen und lasse sie scharenweise, tausendfach, ja millionenfach in die Arme von Scharlatanen laufen. Die geistige Sittenverfall der merkantilen Postmoderne, die alles zum Rubel machen will, wird dabei zugleich als Gegenstück zu den neuen Fundamentalismen begriffen. Die Esoterikerin als Komplizin des hasspredigenden Mullahs. Gleichsam so, als ob die Währung unserer haltlosen Kultur auf der einen Seite der Münze die Zahl des kommerziellen Gesinnungsbasars anzeige und auf der anderen Seite den Kopf demagogischer ideologischer Verführungen.

Während die Kirchen ein "back to the cultural roots" fordern, was natürlich nur ein Zurück zu ihrer Kultur meint , suchen die anderen ihre Gesinnungsfestigkeit in der angeblichen Trutzburg einer verständlichen (gerne auch "ganzheitlich" genannten) Wissenschaftlichkeit und in universellen Prinzipien der Vernunft zu sichern. Ist man existenzialistisch motiviert, dann kann man auch den Mut der Heldin besingen, die es wagt in den Abgrund der Sinnlosisgkeit zu starren und dem Blick der gähnenden Leere, der einen von dort anstarrt, auszuhalten.

Ich lasse mal ausser Acht, welches verzerrtes Geschichtsbild eines angeblich weltanschaulich auf Gleichschritt getrimmten Mittelalters diesem Szenario der neuen Unsicherheit zugrunde liegt. Am meisten frage ich mich, wenn ich so etwas höre, wie denn der antike Mensch überhaupt überleben konnte - dieser Angehörige einer obszön toleranten Kultur, die so ganz unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander stehen lassen konnte und einen Ekkletizismus sondergleichen zelebrierte. Dekadent wie seine Kultur war, hielt sie ja auch nicht lange und war schon nach tausend Jahre mit ihrem Latein am Ende. Wer redet heute noch Latein? Na also. Der antike Mensch als Irrläufer der kultureller Evolution, schnell dahin gerafft von dem Overkill an weltanschaulischen Angebot und religiösen Strömungen seiner Zeit.

Bei der Lektüre von Paul Veyne finden sich immer wieder pointierte Formulierungen, die eine weltanschaulische Toleranz und Ironie der antiken Kultur freilegen, die denjenigen fremd ist, die über die Schauergestalt des postmodernen Geistes klagen:

"Es scheint so, als hätten die Griechen selbst nicht allzuoft an ihre politischen Mythen geglaubt und als hätten sie als erste darüber gelacht, wenn sie sie in einer Zeremonie zur Schau stellten. Die Griechen machten einen zeremoniellen Gebrauch von der Ätiologie; denn tatsächlich war der Mythos zu einer politischen Wahrheit geworden. (...) Der Inhalt der Prunkreden wurde nicht als wahr empfunden, aber ebensowenig als falsch, sondern als verbal. Die Verantwortung für diese "Holzsprache" liegt nicht bei der politischen Macht, sondern bei einer dieser Epoche eigentümlichen Institution, nämlich bei der Rhetorik. Die Betroffenen erhoben dennoch keine Einwände, denn sie wußten, wie man den Wortlaut von der guten Absicht unterschied: wenn es nicht schon wahr war, so war es doch eine gute Erfindung." (1)

Diese Haltung greift auch später in jener seltsamen politreligiösen Praxis Roms, in der die Kaiser zu Götter erhoben worden:

"Aus der Zeit, in der die Kaiser Götter waren, haben die Archäologen zehntausende von Votivtafeln gefunden, die den verschiedensten Göttern für Heilung, glückliche Heimkehr usw. geweiht waren, doch ist kein einziges Votivbild einem Kaiser gewidmet; wenn die Gläubigen einen wirklichen Gott brauchten, wendeten sie sich nicht an den Kaiser. Und doch finden sich nicht weniger schlagende Beweise dafür, daß dieselbe Gläubigen den Herrscher für eine mehr als menschliche Persönlichkeit hielten, für eine Art Magier, der Wunderdinge vollbringt."(2)

Hier geht es also weder um angewandte Ideologie im modernen Herrschaftssinne noch um leere habituelle Frömmigkeit, eher wohl um Ironie:

"Im Vergleich zu den christlichen oder den marxistischen Jahrhunderten weht durch die Antike oft ein Hauch von Voltaire; zwei Auguren können sich nicht treffen, ohne übereinander zu lächeln, schreibt Cicero; ich fühle, wie ich ein Gott werde, sagte ein im Sterben liegende Kaiser."(3)

Gerade an der Geschichtschreibung der Antike wird jener gelassene und bescheidene Umgang mit Wahrheit deutlich. Veyne erläutert ihn anhand der Geschichtsschreiber des 5. vorchristlichen Jahrhunderts:

"Diese alten Geschichtsschreibungen sammelten die lokalen Überlieferungen nicht, ohne daran zu glauben, wie unsere Volkskundler, und sie sparten auch aus Respekt vor den Glaubensüberzeugungen anderer nicht an Kritik; sie betrachteten sie als Wahrheiten, aber als Wahrheiten, die weder ihnen noch irgend jemand sonst gehörten: sie gehörten den Leuten des Landes; denn die Einheimischen sind am ehesten in der Lage, die Wahrheit über sich zu erkennen, und vor allem können sie diese Wahrheit über ihre Stadt nach demselben Recht beanspruchen wie die Stadt, auf der sie sich bezieht. Es handelt sich um eine Nichteinmischungsdoktrin in die öffentlichen Wahrheiten anderer."(4)

Solche Sätze, an die sich das "Lob des Polytheismus" von Odo Marquard zwanglos anschliessen lässt, sollte jedoch nicht zu dem Kurzschluss verleiten, dass es hier unbedingt um eine Gegenüberstellung Monotheismus versus Polytheismus geht. Bei allen Menschen, gehören sie nun der Antike, dem christlichen Mittelalter oder der Moderne an, gibt es jene Residuen der Wahrheit, die parallel und zugleich im Widerspruch zu anderen Überzeugungen bestehen können, ohne dass der aussagenlogische Konflikt ein Problem darstellt. Die Frage ist, wie bewusst einem dieser Zustand ist, wie gelassen man in der Folge mit den Wahrheiten der anderen umgehen kann. Aus Leidenschaft für eine Überzeugung wird dort Hass, wo es die Einsicht nicht gibt, dass die eigenen Wahrheiten beschränkt sind, und wo die Bescheidenheit (die Christen würden sagen: Demut) im Aufeinandertreffen der Meinungen verloren geht.

Dass heutige Polytheisten oder Anhänger des Heidentums mit dieser "Balkanisierung der Köpfe" besonders umgehen könnten, ist ein pures Gerücht. (Lila, von deren Wahrnehmung ich mich übrigens geehrt fühle, machte mich auf diese nette Meldung im Guardian aufmerksam.) Ich konnte eine ganze Reihe an Exemplaren des Neuheidentums kennenlernen (seien sie nun "neugermanischer" oder "keltischer" Provinienz, oder auch "Hexen" etc.), die mit der Fähigkeit sich selbst und die eigenen "Wahrheiten" nicht zu wichtig zu nehmen, sehr wenig anfangen konnten. Das driftete bei ihnen nicht nur in ideologische Züge ab, sondern selbst in Steigerungsformen menschlicher Emotionalität, die man nur noch als Hass beschreiben kann. Freilich ein unreflektierter, teilweise auch verleugneter Hass, was ja nichts ungewöhnliches unter religiös-weltanschaulischen Strömungen ist: Selbst der Inquisitor sagt ja noch, dass er sein Opfer liebt. Aber er klebt mit seiner Aufmerksamkeit an seinem Ketzer und dessen Wahrheiten. Und genau das unterscheidet diejenigen, die mit der Balkanisierung der Köpfe leben können, von denjenigen, die ein aggressives Wahrheitsprogramm fahren: Sie können loslassen, die Dinge für sich stehenlassen. Die klerikalen Mahner können das oft nicht, die antireligiösen Prediger auch nicht.

(1) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 97
(2) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 109
(3) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 102
(4) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 117
mspro (Gast) - Sa, Mai 06, 2006

wirklich,

das spricht mir aus der Seele. Jede Wahrheit scheint wohl notwendig an eine Eifersucht gebunden zu sein.
Der Horizont des Pluralismus und der Toleranz ist deshalb nicht die Vernunft und ihre Institutionen, sondern einzig die Gelassenheit gegenüber der Wahrheit des Anderen.

Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/stories/1924509/modTrackback

Praxis der Aphrodisia

Spiegel

Herzlich willkommen. Sie sind nicht angemeldet. Sie können dennoch einen Kommentar abgeben.

Die Startseite finden Sie hier.


Kontakt und RSS

Sie erreichen mich über diese Emailadresse.


Creative Commons License

kostenloser Counter


Neue Feeds!

Zeigt den Feed an.


Translation Google:

See this page in English Voir cette page en francais