Ein paar Gedanken zum "Lob des Polytheismus"
"So gab es im Polytheismus deswegen so viele Mythen, weil es dort viele Götter gab, die in vielen Geschichten vorkommen und von denen viele Geschichten erzählt werden konnten und mußten. Jene Gewaltenteilung im Absoluten, die der Polytheismus war - eine Gewaltenteilung durch Kampf und noch nicht durch Rechtsregeln - brauchte und brachte die Gewaltenteilung der Geschichten durch Polymythie. Das Ende des Polytheismus ist der Monotheismus; er ist das erste Ende der Polymythie: er ist eine ganz besonders transzendentale - nämlich - historische Bedingung der Monomythie. Im Monotheismus negiert der eine Gott - eben durch seine Einzigkeit - die vielen Götter. Damit liquidiert er zugleich die vielen Geschichten dieser vielen Götter zugunsten der einzigen Geschichte, die nottut: der Heilsgeschichte; er entmythologisiert die Welt."(1)
Die Liquidation der vielen Mythen und ihre Ersetzung durch einen einzigen (sei es der christliche oder der moderne des ewigen, unaufhaltsamen Fortschritts) ist ihm die entscheidende Gefahr für die Freiheit des Einzelnen:
"Wir können die Geschichten - die Mythen - nicht loswerden; wer es trotzdem glaubt, betrügt sich selber. (...) Man muss viele Mythen - viele Geschichten - haben dürfen, darauf kommt es an; wer - zusammen mit allen anderen Menschen - nur einen Mythos - nur eine Geschichte haben darf, ist schlimm dran. (...) Wer polymythisch - durch Leben und Erzählen - an vielen Geschichten teilnimmt, hat durch die jeweils eine Geschichte Freiheit von der jeweils anderen et vice versa und durch weitere Interferenzen vielfach überkreuz; wer monomythisch - durch Leben und Erzählen - nur an einer einzigen Geschichte teilnehmen darf und muß, hat diese Freiheit nicht: er ist ganz und gar - sozusagen durch eine monomythische Verstricktseinsgleichschaltung - mit Haut und Haaren von ihr besessen. (...) befreie dich, indem du teilst, d.h. dafür sorgst, daß die Gewalten, die die Geschichten sind sind, sich beim Zugriff auf dich wechselseitig in Schach halten und so diesen Zugriff limitieren."(2)
Diese Beobachtung mag einiges für sich haben, aber ich glaube, dass auch der christliche Erzählfundus eine ganze Vielzahl an Geschichten (auch solche mythischen Ausmaßes) bot, in denen man sich wiederfinden konnte. Ob gerade durch den Mangel an Geschichten die Freiheit des Christenmenschen beeinträchtigt wird, scheint mir zweifelhaft.
Sex mit Gott, das geht nicht
Ich denke die Dinge sind simpler: die Götter des Polytheismus sind nicht perfekt, sie sind keine Monster des Absoluten wie der Gott der christlichen Tradition . Sie sind fehlbar, ER nicht. Sie sind Partner und Gegenüber, mit denen man wie mit jeder anderen Person Verträge, Freundschaften und Liebesaffären eingehen kann. Man kann sie übers Ohr hauen, sich mit ihnen streiten, sich gegenseitig hassen, gemeinsam Feste feiern oder Abenteuer bestehen. Oder schlicht wechselseitiges Desinteresse siganalisieren. Der monotheistische Gott des Christentum und des Islams übt sich zwar auch in Partnerschaftsrhetorik, lässt aber als übermächtiges Wesen keine reale Chance für die Vielfalt sozialer Bezugnahme. Sex mit Gott, das geht nicht. Seine Umfassentheit macht IHN zu einem sozial eingeschränkten Wesen: Liebe, Unterwerfung, Geborgenheit, Anbetung und das Zwiegespräch - vielmehr ist da an Interaktionsformen nicht drin. Und wechselseitiges Desinteresse, das ist bei diesem Wesen, schon gar nicht möglich. Es ist immer neben dir, allzeit interessiert, niemals weg. Zumindest, wenn man der Propagandamaschiene seiner enthusiastischen Anhänger glaubt.
(Man kann an dieser Stelle anmerken, dass es immer noch lohnt, die unterschiedlichen Beschreibungen, die über diesen EINEN Gott von den jeweiligen Fans und Sympathisanten erzählt werden, auseinanderzuhalten. Im Judentum z.B. wird dieser Gott bei weitem nicht so monströs dargestellt. Es ist sicherlich eine immer noch lohnende Aufgabe für diejenigen, die ein besonderes Verhältnis zu ihm haben, rauszufinden, ob er nicht doch ein netter Kerl neben all den anderen Tausend Götter ist, vielleicht ein bisschen exaltiert, was seine Aussendarstellung angeht, aber bei weitem nicht so herrschsüchtig wie behauptet. Vielleicht ist er es aber doch? Ob Wahrheit oder nicht, das was seine Anhänger über ihn erzählt haben, hat ihm in den letzten zweihundert Jahren keinen guten Dienst erwiesen)
Die Götter sind nicht allmächtig und sie sind nicht allwissend. Sie sind stark, launenhaft, willkürlich und mächtig, aber selbst wenn man sich mit ihnen anlegt, besteht eine Chance (manchmal eine recht gut Chance) aus diesem Konflikt herauszukommen, durch Mut, durch Klugheit und auch dadurch, dass man Bündnisse mit anderen Götter eingeht. Bei dem EINEN Gott besteht diese Chance nicht. Als Anfang und Ende der Welt, ist ER überall, allmächtig, allwissend, kein Entrinnen - nichtmals dann, wenn ER nur umfassende Liebe androht und sich dir als gütiger Partner für ALLE Lebensfragen anbietet (bei der Freiheit seine Partnerschaft auszuschlagen, wer die Möglichkeit der Verdammnis nicht fürchtet).
Wer durch Kenntnisse der alten Götter den Geschmack der Freiheit gekostet hat, der fragt sich erst, ob dieser Gott wirklich so allumfassend und allmächtig ist, wie seine Anhänger behaupten oder seine Ansprüche nicht doch zurechtgestutzt werden sollten. Und je mehr man dies tatsächlich dann tut, desto mehr stellt man fest, dass nichts passiert - zumindest nicht in diesem Ausmaß, das in Warnungen seiner Anhänger beschworen wird. Falls der eine oder andere dann auch noch auf andere Götter trifft, liegt nach solchen Erfahrungen längst ein gelassene Haltung, wie mit solchen Wesen zu verfahren ist, in der Luft.
Die neue Bleibe der Götter: Bibliotheken und Institutionen?
Freilich gibt es auch die, die die Allmächtigkeit wie ein Droge brauchen. Sie ersetzen den einen Gott, der mit umfassender Liebe und Gnade bis zum Anschlag beglückt, durch die eine Muttergöttin, die mit umfassender Furchtbarkeit, die dich im jeden Winkel deines Daseins heimsuchen soll, aufwartet. Wer das Grundgefühl von Freiheit, das in der Aufklärung diesen prägnanten Ausdruck gefunden hat, schätzt, der wird an dieser Stelle zurecht misstrauisch.
Marquard selbst sieht den aufgeklärten Polytheimus (und darin liegt gerade seine Pointe) als die politische und gesellschaftliche Gewaltenteilung: "die zu Institutionen entgöttlichten Götter Legislative, Exekutive, Jurisdiktion; als institutionalisierter Streit der Organisationen zur politischen Willensbildung; als Föderalismus; als Konkurrenz der wirtschaftlichen Mächte am Markt; als unendlicher Dissens der Theorien, Weltsichten und maßgebenden Werte". (3)
Die Mythen kehren in ihrer aufgeklärten Variante als Geschichtsschreibung und Roman wieder:
"Aus dem Kult in die Bibliothek. Dort sind die Geschichtswerke und die Romane präsent als die Polymythen der modernen Welt: auch das ist aufgeklärter Polytheimus. Das Aufgeklärte an ihnen ist unter anderem, daß sich Fiktion und Realität verschiedene Genera suchen, wenn es auch in den Realgeschichten der Historiker (...) unvermeidliche Fiktionsreste gibt und in den Fiktionen der Romanciers (...) die fundementa in re."(4)
Man könnte sagen: Dumm für jene Götter, die sich nicht entgöttlichen lassen wollen. Sie dürfen weiter in dem von Heinrich Heine beschriebenem Exil leben, in der unterirdischen Verborgenheit des Venusbergs oder getarnt als trinkfreudiger Superior eines Franziskanerklosters und dem Treiben der Menschen zuschauen. Der Wert ihres Wesens wird nur darin gesehen, unterschiedlich gewesen zu sein und Pluralität der Meinungen und Geschichten zu bewirken - und diesen Job können ja auch andere (Parlamente, Bücher, Theorien) machen.
Einen aufgeklärten Polytheismus gibt es nicht
Die Götter werden bei Marquard zu den üblichen Traumgebilden, die nun ihre rationale Entsprechung in allerlei Segnungen des Abendlandes finden und deshalb navch dem Ockham'schen Messer weggekürzt werden können. Die von Xenophanes zum ersten Mal ins Spiel gebrachte und von Feuerbach, Marx, Freud ausgebaute Projektionstheorie, dass das Religiöse nur eine Projektion menschlicher Ideale, Sorgen, Konflikte etc. sei, ist auch bei ihm Bestandteil einer notwendigen Aufklärung.
Wenn Mythen entgegen ihrem Wesen doch zum Teil unserer Geschichte erklärt werden, wenn zudem die Erfahrung fehlt, mit den Götter seine Händel und seinen Handel zu betreiben, dann ist die Auslöschung erst der Götter, dann der mit ihnen verwobenen Ereignisse nicht mehr weit. Dieser Umgang mit Mythen, die Mythenkritik, die der moderne "Rationalist" praktiziert, wird von dem antiken Geschichtschreiber bereits vorweggenommen: "Er wird sie [die Mythologie] als Geschichtschreibung auffassen; er wird den Mythos für eine einfache lokale "Überlieferung" halten; die mythische Zeitlichkeit wird er so behandeln, als er gehörte sie zu historischen Zeit."(5) Wo soll es sein das Wesen, das mit Dreizack das Meerreich beherrscht? Zeus wird zu einem überhöhten König, Dionysos und Herakles zu berühmten, nachträglich veredelten Reisenden.
Ich teile die Einschätzung, dass durch das Verblassen des monotheistischen Gottes der Polytheismus zurückkehrt. Dass es einen aufgeklärten Polytheismus gibt, bezweifle ich. Ein Theismus ohne Götter ist kein Theismus. Es gibt sicherlich einen kritischen Polytheimus - denn bloß weil ich mit Göttern verkehre, heißt das ja nicht, dass ich automatisch ein Idiot oder - wie mancher Vertreter der Ethnopsychoanalyse allen Ernstes behauptet - ein Schizophrener bin. Und die Argumente möchte ich sehen, die den berühmtesten Polytheisten der westlichen Kultur, den Römern und Griechen, erfolgreich grundsätzliche Defizite in der Kritikfähigkeit andichten wollten.
Die neue Freiheit zur Beziehung auf Probe
Dass der christliche Gott große Teile seines Herrschaftsgebietes abtreten musste, das Ende des Monotheismus also, gibt dem Polytheismus und der Polymythie eine neue Chance, denn "es negiert ihre Negation"(6). Doch die Chance der Rückkehr liegt weniger in der "Entzauberung", wie es Odo Marquard sieht.(7) Sie liegt viel simpler darin, dass Menschen wieder ihre Erfahrungen mit den Göttern machen können, im Venusberg mit der bezaubernden Dame schlafen oder in den Tempelruinen in der Eifel mit den gallo-römischen Matronen Deals vereinbaren. Sie testen diese Beziehungen - und dadurch entsteht dieses Phänomen, das jeder stramme christliche Apologet, aber auch jeder Prediger des säkulariserten Fortschritts nur als Ausbruch neuer Beklopptheit begreifen kann: Es gibt Menschen, die wieder mit Göttern verkehren. Ganz real, nicht weniger konkret und rational als dies ein Papst Benedikt XVI. mit seinem Gott tut.
Die Vertreter der christlichen Einheitswahrheit können mit der von Odo Marquard formulierten Kritik aus polytheiistischer Perspektive nicht leben, das ist klar. Das liegt daran, dass eine Religion, die einen perfekten Gott hat, niemals einen Fehler in seiner Lehre zugeben kann. Sicher die Umsetzung seiner Lehre, die christliche Praxis mag fehlerhaft sein, die Lehre nicht. Eine perfekte heidnische Lehre gibt es dagegen nicht. Nicht weil es keine Lehren im Heidentum gäbe, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, sondern weil es keine Weltanschauung des Heidentums gibt: Was sollte die Weltanschauung der Griechen, Römer, Kelten oder Germanen sein? In solchen Ratgeber wie "Merlins geheime Weisheiten" oder bei schlecht informierten Neopaganisten mag man sie vielleicht finden, aber niemand, der solide Kenntnisse solcher Kulturen hat, kann heute noch ernsthaft behaupten, die Weltanschauung solcher über Tausende von Quadratkilometer verbreitete und mit jahrhundertealten wechselhaften Geschichte versehenen Kulturen darstellen zu können. Und weil es die Lehre nicht gibt, sondern nur die Pluralität der Lebensformen und Kulturen, besteht tatsächlich an einer entscheidenden Stelle polytheistischer Kulturen kein Anspruch auf Gleichschaltung. Herrschaft ja, Eroberung von Territorien, Unterwerfung etc. Aber Lebensstile, das ist die Sache derjenigen, die ihre Tribute zahlen. Noch ein Moment der Freiheit polytheistischer Kulturen.
Das muss von allen bestritten werden, die das Licht jener "Sol Invictus", dr mit dem Gekreuzoigten ein Bündnis eingangen ist, in das Licht der Aufklräung überführen wollen. Ein allzu oft benutzter Trick besteht dabei darin, die christliche Weltanschaung der heidnischen gegenüber zu stellen. Da es letztere wie gesagt nicht gibt, nimmt man deren Kulturen - ein Kampf zwischen ungleichen Gegnern: Hier die christliche Liebesbotschaft, dort die Grausamkeit der Germanen, hier die Barmherzigkeit für die Armen, dort die Sklavenhaltung der Antike usw. Würde man die christliche Kultur mit jener der heidnischer Gesellschaften vergleichen, würde der Schwindel schnell auffliegen, weil die Sinnlosigkeit des Unterfangens deutlich würde: Welche Kultur der zweitausendjährigen christlichen Tradition will man z.B. mit welcher der fast mehr als tausendjährigen Geschichte des römischen Heidentums vergleichen?
Man könnte hier noch weiter denken - da ich aber noch anderes zu tun habe, höre ich auf.
(1) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 55
(2) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 52
(3) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 62
(4) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 64
(5) Paul Veyne: „Glaubten die Griechen an ihre Mythen? Ein Versuch über die konstitutive Einbildungskraft“; Frankfurt 1987; S. 37
(6) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 62
(7) Odo Marquard: "Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie."; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 46 - 71; S. 62f.
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