Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Multiversalgeschichte

"Multi" ist ja jetzt scheiße: Multitude ist verquast, Multikulti ist naiv, Multinationale Unternehmen des Teufels. Und die radikale Rechte redet zwar schon länger - und nach zwanzig Jahren gar nicht mehr so neu - von Ethnopluralismus; aber innerhalb der Ethnie ist dann doch nix mit Multi. Von rechts bis links trifft man sich mit: "Postmoderne Beliebigkeit", "Naivität", "weltanschaulicher Supermarkt".

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: "Einheit in Vielfalt" ist auf dem röm.-kath. Weltjugendtag klasse, und beim Weltsozialforum auch. Die Wahrheit soll eine sein, der Träger viele - dazwischen faselt man was von "unterschiedlichen Erfahrungen", man will ja nicht unhöflich sein. Oder besser: Ein paar Wahrheiten, ein Oligopol, in dem man sich vertraut im Kreise reigen kann. Deshalb fand ich die tausendfache Kritik an Fukayama nicht nur langweilig, sondern auch bigott. Das Ende der Geschichte, das wurde schon lange vor ihm herbeigesehnt, es atmet aus jeder Pore der geistigen Spießbürger, deren es heute nicht weniger gibt als im 19. Jahrhundert.

Ich mag große Auswahl und ich mag es, Produkte unterschiedlicher Marken in meinen Einkaufswagen zu legen. Bei mir muss nicht alles von Demeter stammen. Und deshalb stört mich auch nicht, wenn Maler, Musiker, Architekten, Dekorateure oder Theoretiker wild mixen. Und man komme jetzt nur nicht mit dem Geheuchel, dass nur die Kommerzialisierung bei der Vielfalt störe - wie das Bild des "Supermarkts der Weltanschauungen" nahelegen soll (ermüdendes Standardbeispiel: die Esoterik). Eklektizismus konnte doch nur in jenem Milieu, das den Wortgebrauch "katholikos" für eine religiöse Splittergruppe einführte, jene durchschlagende negative Bedeutung bekommen. Und eben dieser Splittergruppe, das hat sie ja zur Genüge bewiesen, war es recht früh schon egal, ob die konkurierenden Wahrheiten verkauft oder kostenlos zu erwerben waren. Dass Problem war ihre Konkurrenz an sich. Und das gilt auch für die Erben: Wenn Herder "Die geheimen Lehren des tibetischen Buddhismus" von Alexandra David-Neel kostenlos unter Volk bringen würde, würde Colin Goldner immer noch wüten.(1)

Vielfalt wird es immer geben. Mischungen ebenfalls. Und kultureller Austausch als Grundlage von beidem. Selbst das Mittelalter, dessen angebliche Dunkelheit einer der besten Propagandatricks einer intelektuellen Elite war, die ihr eigenes Programm durchziehen wollte, war nicht gleichgeschaltet. (Das bekommen nur totalitäre Regimes hin.) Die Vielfalt liegt in unserer Natur. (2) Den Herren und Damen, die bis heute über die weltanschaulichen Supermärkte klagen, kann man deshalb nur immer wieder solche Worte von Odo Marquard entgegen halten:

"Wenn wir nämlich - was zutrifft - nur einziges Leben haben, aber mehrere Leben haben müssen, um wirklich viele Geschichten haben zu können: dann brauchen wir die Anderen, unsere Mitmenschen, die ja mehrere sind und damit mehrere Leben leben. Die Kommunikation mit den anderen ist unsere einzige Möglichkeit, mehrere Leben und dadurch viele Geschichten zu haben: und zwar nicht nur die - simultane - Kommunikation mit gleichzeitigen Anderen, sondern auch die - historische - Kommunikation mit Anderen anderer Zeiten und fremder Kulturen, wobei gerade ihre Andersartigkeit gebraucht wird und wichtig ist, die in der Kommunikation mit Ihnen also nicht getilgt wird, sondern gepflegt und geschützt werden muß."(3)

Allein solche Überlegungen sollte uns schon an der Versuchung hindern, aus Xenophanes, Sokrates, Platon und den anderen Griechen und Römer kleine Aufklärer - und damit Kopien unserer Franzosen, Deutschen und Schotten des 17. und 18 Jahrhunderts - zu machen. Oder aus dem Islam eine Kultur, der angeblich nur ein Wiederholung unserer Aufklärung zum Glücke noch fehlt. Die Differenz, die Fähigkeit, in dem Anderen nicht das Gemeinsame zu sehen, sondern den Unterschied ausmachen zu können, erzeugt nicht nur Wissen, sondern auch Verständigung und Frieden - ganz im Gegensatz zu dem Chor der Prediger vom Dalai Lama bis zum Amazonas-Schamanen, die uns immer mahnen, das Gemeinsame unter den Menschen zu sehen. Wer dauernd diesen Singsang im Kopf hat, dass "alle Menschen werden Brüder", dem fällt es faktisch schwer, dem oder die Andere(n) so aufregend und attraktiv zu finden, dass mensch Lust hat, mit ihm oder ihr ins kulturelle Bett zu steigen, um Neues zu zeugen.

Den gescheitesten Theoretiker, den ich zum Thema kulturelle Differenz und kultureller Austausch kenne, ist der deutsch-indische Philosoph Narahari Rao.(4) Wer die Freude an argumentativem Streitgespräch teilt, der kann sich ausgiebig bei ihm über das ganze Arsenal an Projektionen informieren, mit dem der Westen inhärente Antagonismen seiner Geistesgeschichte aufspaltet und einen Teil dann als Charakteristikum des Anderen auf ihm fremde Kulturen projeziert. So wird der Osten "spirituell" und die "Naturvölker" ganzheitlich. Von Rao stammt auch der in Deutschland fast unbekannte Ansatz, den Austausch mit fremden Kulturen nicht als einen "Clash of Belief Systems" zu betrachten, sondern im Rückgriff auf Ryles Unterscheidung von "knowing how" versus "knowing what" als Lehr- und Lernprozesse von Fertigkeiten. Der Supermarkt der Geschichte war immer ein Supermarkt, in dem Fertigkeiten, die in einer Kultur entwickelt worden waren, von anderen Kulturen übernommen wurden.

Und genau dieser Aspekt fehlt auch bei Odo Marquard. Auch er rekurriert auf Aussagensysteme, Weltbilder, Mythen und Geschichten - wie es eben so üblich ist, wenn man hier über fremde Kulturen redet. Dabei würde es sicherlich besonders lohnend sein zu untersuchen, was es mit unsere Identität und unserer Freiheit macht, wenn nicht nur die Multiversalgeschichte, sondern auch das Multiversal-Lernen uns prägt.

Und jetzt reicht es ersteinmal mit Multi und Poly und Mythie. Wie man sieht, kommen hier jetzt wieder andere Themen zum Zug.

(1) David-Neel ist natürlich ein besonders interessantes Beispiel, denn die Theosophie hat ja über die New Age-Schiene eine weltweite geistige Gleichschaltung erreicht, wie es vorher nur den Christen, Moslems und den Kommunisten gelang. Aber das ist in der Regel eben nicht das Argument der Esoterikkritiker. Ihnen geht es um die falsche Wahrheit, die verbreitet wird, nicht darum, dass es nur eine ist.
(2) Und an dieser Stelle ist es ziemlich wurscht, ob diese Natur konstruiert, kulturell geprägt, durch die Produktionsverhältnisse bedingt oder in unseren Genen verankert ist.
(3)Odo Marquard: "Universalgeschichte versus Multiversalgeschichte"; in: Odo Marquard: "Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays"; Stuttgart 2003; S. 102 - 123; S. 121
(4) Und jemand, dessen Widerstand gegen das geschriebene Wort in der heutigen Kultur der Schriftfetischisten es anderen fast unmöglich macht, seine Exzellenz zu dokumentieren - abgesehen davon, dass ihm auch der Ehrgeiz zur Profilierung fehlt.

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