Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Weltweite Armutsentwicklung

Via „Metalust und Subdiskurse“ (der wiederum via „Bissige Liberale“) bin ich auf diese gut gemachte Flash-Animation von UNDP zum Thema weltweite Einkommensverteilung, Armutstrends und Kindersterblichkeit gestoßen. Die Animation veranschaulicht unter Verwendung von Berechnungen Yuri Dikhanovs (im Rahmen des Human Development Report 2005 (1)) und der World Development Indicators z.B sehr eindrucksvoll die Armutsverringerung in Asien (China!) und die Armutssteigerung in Afrika und in Osteuropa. Bekanntlich hat weltweit nach Weltbankstudien die Anzahl der Menschen, die unter der Ein Dollar je Tag-Grenze (Kaufkraft) leben, abgenommen – von 1980 bis 2001 um rund ein Viertel, also etwa 390 Mill. Menschen. (2) Ein Effekt, der vor allem auf China und Indien zurück, außerhalb dieser Länder stieg die absolute Anzahl an Menschen in Armut um etwa 50 Millionen. Der „lost continent“ musste dabei sogar hinnehmen, dass die Anzahl der Armen sich mit rund 310 Millionen Menschen verdoppelte.

Leider illustriert die Animation nicht eben gut den für Europa besonders gefährlichen Sprengstoff, den die Armutsentwicklung in den ehemaligen sozialistischen Staaten (Osteuropa und Zentralasien) und im Nahen Osten/Nordafrika bereithält. In der ersteren Region wuchs die Anzahl der absolut armen Menschen in den letzten 20 Jahren von 3 auf 17 Millionen, in der letzteren sank sie bis 1993 um 5 Millionen um dann wieder um 3 Millionen zu steigen. Noch deutlicher wird die soziale Problematik dieser Regionen schaut man sich die Zwei Dollar je Tag-Grenze an. In Osteuropa/Zentralasien stieg sie um 70 Millionen, in Nordafrika/Naher Osten um 20 Millionen. (3)

Zwei Tabellen, die in aboluten Zahlen und getrennt nach Weltregionen  die Anzahl jener Menschen aufführt, die mit weniger als 1 Dollar pro Monat oder mit weniger als 2 Dollar pro Monat auskommen müssen.
Quelle: Shaohua Chen und Martin Ravallion: "How Have the World's Poorest Fared since the Early 1980s?"; 2004;

Einkommensspreizungen, die in extremer Form den sozialen Zusammenhalt eines Gemeinwohls bedrohen können, wird von der Animation nur für eine kleine Auswahl an Ländern dargestellt (in Quintilen). Betrachtet man aber die weltweite Entwicklung genauer, so lässt sich ähnlich wie in der Armutsanalyse ein zweigeteiltes Bild festhalten: Die weltweite Einkommensspreizung in toto, gemessen im Gini-Koeffizienten, ist seit einem Jahrhundert rückläufig (4), aber zugleich hat die Anzahl jener Staaten zugenommen, in denen die innerstaatliche Einkommensungleichheit weiter anstieg. Auf Basis der World Income Inequality Database (WIID) des World Institute for Development Economics Research (UNU-WIDER) kommen z.B. Cornia et al. für 73 Ländern (5) zu dem Ergebnis, dass zwar in den ersten 30 Jahren nach der Zweiten Weltkrieg eine weltweite Verringerung der Ungleichheit einsetzte (Ausnahme Lateinamerika und südliches Afrika), dieser Trend jedoch in den darauffolgenden Jahren bis 1995 gebrochen wurde: 48 Staaten verzeichnen einen Anstieg der Einkommensungleichheit (darunter auch eine beachtliche Anzahl an OECD-Länder), nur neun dagegen einen Rückgang. (6) Berücksichtigen die Autoren die jüngeren ökonomischen Entwicklungen nach 1995, so schlagen sie weitere fünf Länder (darunter Indien, Indonesien, Philippinen) der ersten Gruppe zu.

Der Report des Wuppertal-Instituts „Fair Future“ konstatiert: „Die Globalisierung der Märkte ist mit negativen wie positiven Veränderungen in den Strukturen der Ungleichheit verbunden, auch wenn weit häufiger eine Zunahme der Polarisierung zu beobachten ist. Vor allem in den Ländern des Südens war in den letzten beiden Dekaden – abgesehen von Taiwan – nirgendwo eine durchgängige Verringerung der Ungleichheit zu registrieren.“ (7)

Unabhängig von der Frage, ob solche Ungleichheit gerecht ist oder nicht, legen die Wuppertaler Autoren den Finger in die richtige Wunde. Auch wenn es keinen Sinn macht, wie manche Kommunitaristen Gedanken zur Gemeinschaftsbildung nicht nur auf die Nationenebene zu übertragen („Volk“, wie MacInytre zurecht giftig erinnert (8)), sondern gleich auch noch die Weltebene anzusteuern, so ist dennoch auch ohne Rekurs auf die Kohäsion einer imaginierten Weltgemeinschaft festzuhalten, dass der Zorn der Armen über diejenigen, die in Saus und Braus leben, für die industrialisierten Länder zu einem nicht zu unterschätzenden Risiko geworden ist(9):„Immer mehr Menschen vergleichen sich nicht mehr mit ihrem Nachbarn, sondern mit den Besitz- und Lebensstilen entfernter Gruppen. Auch die Eliten bauen ihre Erwartungen um: Sie vergleichen sich nicht mehr mit den weniger Priviligierten im eigenen Land, sondern mit den noch Begünstigteren in reichen Ländern. Diese Expansion des Vergleichshorizont auf allen Ebenen der sozialen Stufenleiter wirkt auf doppelte Weise. Sie wirkt als Treibstoff für Hoffnungen und Ansprüche, indem sie Menschen ermutigt, die Latte höher zu legen. Und sie wirkt als Sprengstoff, wenn die steigenden Erwartungen den begrenzten Realisierungschancen davonlaufen; das Gefühl, zu kurz zu kommen wird dann chronisch.“(10)

Fußnoten:

(1)Yuri Dikhanov: „Trends in Global Incom Distribution, 1970-2000, and Scenarios for 2015“; Human Development Report Office - Occasional Paper; UNDP 2005
(2) siehe Shaohua Chen und Martin Ravallion: "How Have the World's Poorest Fared since the Early 1980s?"; World Bank Research Observer, Vol. 19 (No. 2), 2004; S. 141-169,
(3)siehe Shaohua Chen und Martin Ravallion: "How Have the World's Poorest Fared since the Early 1980s?"; World Bank Research Observer, Vol. 19 (No. 2), 2004; S. 141-169,
(4) siehe z.B. François Bourguignon, Diane Coyle, Raquel Fernández, Francesco Giavazzi, Dalia Marin, Kevin O’Rourke, Richard Portes, Paul Seabright, Anthony Venables, Thierry Verdier, L. Alan Winters : „Making sense of globalisation. A guide to the economic issues.“; CEPR Policy Paper No. 8, July; London 2002; S. 58
(5) die zusammen 80 % der Weltpopulation und 90% des GDP-PPP ausmachen
(6) Giovanni Andrea Cornia, Tony Addison, Sampsa Kiiski: „Income Distribution Changes and Their Impact in the Post-Second World War Period“; in: Giovanni Andrea Cornia: „Inequality Growth and Poverty in an Era of Liberalization and Globalization“; Oxford: Oxford University Press, 2004; S. 26-55
(7) Wuppertal Institut (Hrsg.): „Fair Future - Begrenzte Ressourcen und Globale Gerechtigkeit“; München 2005; S.26
(8) Alasdair MacIntyre: "Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden."; Hamburg 2001; S. 157
(9) Klaus Töpfer hat auf seiner Rede zum Nachhaltigkeitstag 2006 der Deutschen Telekom nocheinmal unterstrichen, dass es illusorisch ist zu glauben, man könne langfristig jene verzweifelte Menschen, die vor Ceuta und Melilla stehen und in die Regionen des Reichtums wollen, mit Stacheldraht abwehren. Eine Gefahr wird dennoch weniger von denen ausgehen, die tagtäglich ums schiere Überleben kämpfen, sondern vermutlich eher von jenen, die durch Ausbildung und Lebenssituation die Möglichkeit haben, durch Geschick, Organisation und Netzwerk ihren Zorn über versperrte Entwicklungsmöglichkeiten Ausdruck zu verleihen.
(10) Wuppertal Institut (Hrsg.): „Fair Future - Begrenzte Ressourcen und Globale Gerechtigkeit“; München 2005; S.27
kranich05 - Mi, Jun 07, 2006

China!

Das sind sehr bemerkenswerte Zahlen. Leider erlaubt mir mein englisch nicht, die Quellen zu lesen. Gibt es neben der Wuppertal-Studie weitere deutsche Quellen?

Meine Schlüsse aus den beiden Tabellen oben nuancieren etwas anders (und bewußt gröber) als Ihr Text:
1. Es gibt einen Rückgang der "Armut zum Tode" (<1,-$) um, grob gesagt, 20%. 80% dieses Rückgangs bringt China.
2. die "Bettelarmut" (<2,-$) steigt in aller Welt - mit Ausnahme Chinas; dort sinkt sie immerhin auf 65%.
3. Ehemals sozialistische Länder haben eine Verachtfachung (Armut I) bzw. Verfünffachung (Armut II) in den letzten 10, 12 Jahren erlebt.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Ihr Posting.
Auch die Flashanimation ist beeindruckend.
Julio Lambing - Mi, Jun 14, 2006

Deutsche Literatur gibt es sicher...

...allerdings bin ich kein Kenner der Diskussion.

Bitte entschuldigen Sie ansonsten die späte Reaktion, bin aber zur Zeit viel unterwegs und habe auf Reisen nicht so die Muße zum Antworten.

Falls Sie Texte im Internet suchen, dann hilft es bei den üblichen Verdächtigen zu stöbern, also bei Südwind ( da gab es z.B. das hier), bei "Weltwirtschaft und Entwicklung", beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik , bei der "Werkstatt Ökonomie" - das oder das für Sie interessant? - oder bei VENRO. Wenn Sie die neueren Entwicklungen in China interessiert, könnte vielleicht auch der neue Worldwatch / Germanwatch-Bericht lohnenswert sein.

Ich bin mir nicht sicher, wie Sie das Wort "deutschsprachige Quelle" verwenden. Falls Sie damit eigene Berechnungen gemeint haben, so scheinen nach schneller Durchsicht der obigen Seiten das meiste der dort verfügbaren Publikationen ausschließlich Auswertungen zu sein und nicht "Quellen". (Gleiches gilt übrigens auch für die Studie vom Wuppertal-Institut, zumindest was dieses Thema angeht). Ansonsten fiel mir bei den bekannten Autoren aus dem anglophonen Raum auf, dass es von Robert Wade bei Prokla vor einem Jahr einen deutschen Aufsatz über Ursachen weltweiter Armut gab und von Thomas Pogge für Oktober ein deutsches Buch angekündigt ist.

Vielleicht helfen Ihnen diese Hinweise ja weiter?
kranich05 - Mi, Jun 14, 2006

Danke für die vielen Hinweise.

Mich hat die chinesische Entwicklung, die man etwas überspitzt als den Trends aller Welt entgegengesetzt bezeichnen könnte, stark beeindruckt.
China erreicht damit substantielle Fortschritte bei einem der wichtigsten Menschenrechte. Dieser Erfolg kann nicht hoch genug gewertet werden.
Die Defizite Chinas bei den Umwelt-Menschenrechten und den bürgerlichen Freiheiten sind dabei im Hinterkopf.
Neue Denkarbeit zum Gesamtsystem der Menschenrechte scheint mir notwendig.

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