Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ich wünsch Euch viele "Seitensprünge"

Liebe Sara,

du schreibst über Betrug, Seitensprung-Agenturen und das Fremdgehen. Du beklagst dich darüber, dass "sich die Soziologie zunehmend auf die Widerlegung all dessen [konzentriert], was uns ein kultureller Überbau über Jahrtausende gesichert hat. Fremdgehen und Polyamorie werden als lohnenswerte Evolutionsstrategien gehandelt, die im Gegensatz zur biederen christlichen Sexualmoral auf Vergleiche mit dem Tierreich setzen und den Vorteil der Spermienkonkurrenz für den Survival of the fittest unterstreichen."
Nun solange ist es doch noch nicht her, dass unsere Kultur in allseitig verbreiteten biologistischen Argumentationen die zivilisatorsich und evolutionär "überlegenen" Moralverhältnisse der Monogamie gepredigt hat - da hat die christliche Tradition nicht abseits gestanden und die Nase gerümpft. Seit geraumer Zeit ist nun aber das legitimatorische Aufbrechen der monogamen Strukturen in der Spermiensoziologie angekommen. Und? Selbst wenn sie immer schon den Zeitgeist in billige Argumentationen übersetzt hat - zu den Hauptingredenzien der Grundbrühe, von denen das geistige Rezept ihres Schwadronierens ausgeht, werden auch in Zukunft christliche Moralvorstellungen und patriachalische Stereotypen gehören. Da muss man sich bei Soziobiologen keine Sorgen machen.

Ich finde es legitim, dass christliche Gesinnung (ob sie nun durch den Schleier der Säkularisierung kaschiert wird oder nicht), das Ausbrechen aus ihren Liebesgesetzen als "Fremdgehen" geringschätzig behandelt. Jede arbeitet für ihr Lager, die Christen halt für das ihrige. Das Jammern und das biedere Anpreisen der eigenen Tugendvorstellungen bringen ja auch was - seit den 90iger Jahren ist die ideologische Verteidigung solcher Lebensentwürfe schon längst wieder en vogue. So schlecht ist die Lage doch gar nicht: Nicht nur den Zeit-Geist, sondern gleichermaßen den Mainstream hat man doch hinter sich. Die christlichen Vorstellungen über Monogamie sind nicht in der Minderheit. Es hält sich ja die negative Konnotation in solchen Sprüchen wie "die treibt es doch mit jedem", "die hat es wohl nötig" etc. Und wie man an irgendwelchen Diskussionen über Automarken am Rande mitbekommt, ist es auch unter Bloggern unwiedersprochen akzeptiert (einführende Zusammenstellung hier; via Lapidarium), den Vergleich zur sexuellen Prostitution und erotischen Libertinage als Schmähung zu verwenden; man mahnt bei solchen Vorwürfen allenfalls an, dass es doch bitte nicht "unter den Reissverschluss gehen" soll.

Geschenkt: Lässt man mal den lebensgestalterischen Mief, der uns mit dem Ende des kurzen Jahrhunderts wieder erfasst hat, ausser Acht und betrachtet die Entwicklung der letzten hundert Jahren in toto, muss man zweifelsohne zugeben, dass sich da was an Sicherheiten auflöst. Der christlichen Moral sind in diesem Feld nun mächtige Gegner erwachsen. Vor allem der Markt pflegt und institutionalisiert mittlerweile das Paaren und Lieben jenseits der Ehe, wie immer bedürfnisgetrieben und bedürfnisweckend. Er ist eine unerbittliche Kraft, übrigens so unerbittlich, dass diejenigen, die sich gegen die Denunziation von Huren im Zuge der Klage über die allgegenwärtige Prostitution zur Fussball-WM zur Wehr setzen, beruhigt sein können: Man wird erfreulicherweise in Deutschland die Errungenschaften der Gesetzgebung zur Prostitution (und den damit langfristig verbundenen Sinneswandel) nicht zurücknehmen können.

Wie an so vielen Stellen unserer Kultur wird also im Liebesbereich die Kommodifikation der große Gegenspieler der christlichen Ideale. Für die Kirchen bekanntlich eine Gelegenheit, die Sozialkritik gleich noch mit ihren ehehygienischen Vorstellungen zu verbinden. Macht sie ja ausgiebig, klappt auch, wie man an dem Erfolg der durch Papst Johannes Paul II aufgepeppten Gesellschaftskritik ablesen kann. (Die Evangelen sind mit ihrer eher dezentralen Strategie, über die Jugendszene ihre aufgehübschten Paarungsvorstellungen zu verbreiten, sogar noch erfolgreicher.)

Aber misstrauisch kann man dennoch sein, was die Glaubwürdigkeit solcher Kritik angeht. Als es noch um Heiratsinstitute ging, da hab ich nichts vernommen von christlicher Seite, was im Gedächtnis hängen blieb. Wenn es jetzt um Seitensprung-Agenturen geht, fängt unter den Christen mal wieder das Klagen über die Kommerzialisierung der Liebe an - einmal abgesehen von dem traditionellen Brandmarken der Hurerei, aber das ist eigentlich ein anderes Thema.

Gut finde ich deinen Hinweis auf den Kuss. Denn du hast Recht, da fängt es an. Bereits beim Kuss (jener, der nicht "dem Partner" gilt) wird der Christenmensch mit der elementaren Frage konfrontiert, ob das so stimmt, das mit seinem goldenen Käfig der Liebe, den er so beredt mit vielen oberflächlichen Worten verteidigt. Beim Kuss beginnt der Selbsthass, wenn man von ihm nicht lassen kann und doch lassen soll. Beim Kuss beginnt die Frage, warum unsere Kultur so unvorsichtig sein musste, die universale Agape und den ausschließlichen Eros doch in dem einem Wort "Liebe" zusammenzufassen. "Wird jetzt universell oder selektiv geliebt?" war in den Gedanken der von Erfahrung ungetrübten Theorie leicht zu beantworten; der Kuss, der ehewidrige Kuss holt diese Frage auf die Lippen, auf die Zunge, ins Herz und öffnet noch dazu die verbarrikadierten Gedanken. Beim Kuss beginnt die Slippery Slope des Christen: Ein Widerspruch dräut am Himmel - und nicht irgendeiner, sondern jener ungeheuerliche, der doch keiner sein darf, weil die Propaganda doch immer die Ineinssetzung preiste: Der patriachal und monogam geprägte Jesus versus die Liebe.

Deinen Hinweis auf das Aggressionsverhalten und die Leib-Seele-Dichotomie als Mahnung für das Verbot des Ehebruchs finde ich deshalb ebenfalls sehr gut - denn das gehört ja zu dem geistigen Legitimationssumpf der christlichen Ehemoral. Davon ist er ja nicht fern, der Nazarener - trotz aller Versuche der Moderne ihn von diesem Morast reinzuwaschen. Deshalb war ja "Die letzte Versuchung Jesu Christi" von Scorsese ein Film, dessen Existenz kein intelligenter Christ gutheißen konnte. Er thematisierte und lobpreiste wie kein Kino davor und danach all den Sexualhass und die Frauenfeindlichkeit, mit der man Jesus durch die christliche Tradition in Verbindung bringen kann und konterkariert so das Projekt, eine christliche Kultur zu schaffen, die diesem Fluch entkommt. Scorsese war ehrlich, aber er hat jenen Christen, die ein anderes Christentum wollten, durch sein Klarheit einen Bärendienst erwiesen. Für jene, die an ein Christentum glauben, dass keine Angst mehr vor dem Küssen hat, wäre es besser gewesen, er hätte Katzanzakis Roman niemals angefasst.

Ich halte es für möglich, ein anderes Christentum zu schaffen, das dieser Moral entkommt. Traditionen haben eine ungeheure Elastizität, und trotz der Schwerkraft der Geschichte ist keine Interpretation der Bibel übergeschichtlich vor Revision geschützt. Sicher, Bestrebungen für eine solche Wandlung haben es nicht leicht gegen die Argumentation der Traditionalisten in allen großen Konfessionen, die zurecht sagen, dass ihr konservatives Projekt eines scharf konturierten Christentums ihm wieder zu mehr Einfluss und Anhängerschaft verhelfen wird. Die Erfolge geben ihnen ja Recht. Aber es ist möglich, das sollte man nicht vergessen.

Das Christentum in seiner jetzigen Form und auch seine heutigen ehehygienischen Vorstellungen werden noch lange überleben. Was den Abbauprozess beschleunigt sind die Küsse. Und deshalb wünsche ich Euch allen viele jener verbotenen Küsse, zärtliche und salzige, in die Innenschenkel und auf den Nacken - denn sie sind die einzigen, die als notwendige (leider nicht als hinreichende Bedingungen) Eure Vorstellungen über das Leben und die Liebe durcheinander wirbeln können.


(Dieser Beitag sollte eigentlich in einem Kommentar zu dem Text "Cheating" auf dem Agnellus-Blog erscheinen. Meine Antwort wurde zu lang und deshalb bot es sich doch an, sie hier online zu stellen).

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Praxis der Aphrodisia

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