Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Saugglocke im Prado

Die Uhr als Begleiterin im Prado: Um Sechs treffe ich nach einer Konferenz an der Kasse ein, um Acht schliesst er. Die Kassiererin empfiehlt die Sonderausstellung zu Picasso ("Tradición y vangurardia"; 6 junio - 3 septiembre 2006). Ich willige ein, unwahrscheinlich, dass ich bis September nochmal in Madrid bin.

Nach knapp einer Stunde reicht es dann auch schon mit Picasso. Letztendlich war die Schau fuer mich nur eine Gelegenheit zu einer amuesanten intellektuellen Spielerei, sich verschiedene Variationen Picassos der "Las Meninas" von Velázquez anzuschauen. Von Picassos Art, die Welt zu sehen, bekomme ich Kopfweh, und die Bilder, die einem so stark ans Herz gehen, habe ich unabsichtlich uebergangen.

Und nun waere es ja vermutlich nuetzlich in den restlichen Minuten durch das Museum zu flanieren und hier und da zu stoebern. Aber 50 Minuten Zeit fuer den Prado ist entweder eine Schande - oder eine einmalige Gelegenheit lustvoll ignorant zu sein. Flanieren ist die unangemessenste Reaktion ueberhaupt, die die Bilder nur endgueltig ins Altersheim verfrachtet.

Die Entscheidung faellt gegen das Flanieren und fuer die Idee, das Museum wie eine Einkaufszeile zu durcheilen und nur noch dort stehen zu bleiben, wo man einfach nicht vorbeikommt. Goya, Titian, Velázquez, flaemische Meister, Duerer, Cranach usw. werden links und rechts haengen gelassen. In zehn Minuten durch drei Etagen - eine Wonne.

Und tatsaechlich gibt es dieses eine Bild, dieser einer Zwang, wegen dem man sagen wird, das nur das war es wert in Madrid gewesen zu sein. Ein Bild, dessen plakatives Faszinosum weithin bekannt ist, so oft gesehen, dass die Arroganz einen dazu draengt, nach subtileren Schoepfungen Ausschau zu halten. Hieronymus Bosch? Haengt der "Garten der Lueste" echt hier? Und du kommst nicht vorbei, auch wenn du es dutzendmal in den Buechern gesehen hast. Das Bild ist eine einzige rosafarbene Saugglocke, die Dich den Voruebereilenden vor ihre Oeffnung schiebt, nur um dich festzuhalten und erst nach 30 Minuten wieder freizugeben.

Die Freude an den Luesten ist so faszinierend, so organisch und dennoch nicht pornographisch, dass ich mich fuer diesen Menschen freue, der Sexualitaet so darstellen konnte. "Der Maler nutzte hier einen inhaltlichen Freiraum, den die Genesis bot, indem er darstellte, wie die Welt geworden wäre, wenn der Sündenfall nicht stattgefunden hätte." lese ich nachtraeglich beim Deutschlandfunk in einer Buchbesprechung zu Hans Balting. Beim Schlussklingeln weiss ich, dass so wie auf dem Mittelbild die Freude am Leben und an der Lust aussieht:
Das Paradies mit Adam und Eva auf dem linken Fluegel des "Altars" ist eine Ausgeburt der Langeweile. Die angedeuteten Grausamkeiten sind der Wink mit dem Zaunpfahl, um auch noch dem letzten Soziallegastheniker die Grausamkeit dieser frommen Oednis deutlich zu machen. Und das Gegen-Paradies, die "musikalische Hoelle" mit ihren Quaelereien und Bestialitaeten auf dem rechten Fluegel zeigt nur das spiegelbildliche Pendant zur dieser aseptischen Welt. Die Mitte, das ist das wirkliche Paradies. Die Frage ist nur, ob wir Menschen diese Freude an der Lust feiern oder kleinreden muessen.

Es ist 11 Uhr, Zeit fuer Tapas.
Sara (Gast) - Sa, Jun 17, 2006

Die Mitte, das ist das wirkliche Paradies

schön...

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Praxis der Aphrodisia

Spiegel

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