Keine Solidarität, sondern eine Entscheidung
durchschreitet Deinen Traum in geheimer Mission"
Nein, er ist kein Opfer. René Walter kämpft mit offenem Visier und mit Ansage. Er will einen anderen Umgang mit Musik, allgemein mit geistigem Eigentum. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist die Grundlage seiner Haltung die Beobachtung, dass das zukunftsblinde Verwertungsinteresse der Kulturindustrie durch das Zusammentreffen ihrer technischen Schöpfungen mit den Möglichkeiten des Internets die Grundlage zur Zerstörung ihres eigenen Geschäfts geschaffen hat. René sieht das Morgengrauen einer neuen Freiheit, die der immer perfektionierteren finanziellen Ausschlachtung der modernen Musikkultur ein Ende bereiten wird: "Stell Dir vor, Besitz gäbe es gar nicht. It’s easy if you try. Ich schreibe ein Lied und schenke es Euch, und ihr dürft anstellen damit, was auch immer ihr wollt, weil Ihr dürft, weil Ihr könnt. Kopiert es, fickt es und scheißt darauf, es ist mir egal, Ihr nehmt mich wahr und mit Eurer Anteilnahme gebt Ihr mir mehr, als es Geld und Ruhm und Spaß jemals könnten."
Die Entfaltung der neuen Medienwelt hat eine Freiheit im Umgang mit und Genuss von Musik und anderen Kulturgütern möglich gemacht, die nach Überzeugung von René jetzt die Guillotine jener ökonomischen Verwertungsprozesse sein wird, die diese Entfaltung angestoßen haben. Dabei berührt er aber nicht nur das Problem der privaten Vervielfältigung von Musikproduktionen, das die Musikindustrie für ihren seit Jahren schon andauernden Absatzrückgang an CDs mit entsprechenden ökonomischen Verlusten verantwortlich macht: "Das Hör-, Seh- und Konsumverhalten der Kunden hat sich massiv geändert, bisher vielleicht erst im kleinen Rahmen, aber der Mainstream steht schon in den Startlöchern. Es wird kein Geld mehr für Musik und Kultur und Kunst ausgegeben? Falsch (...), es wird massig Geld für Musik und alle Beiprodukte ausgegeben. Nur vielleicht nicht mehr für Tonträger." formulierte Johnny Häusler vom befreundeten Weblog "Spreeblick" den Umbruch in der Kulturindustrie. Ansatzweise klingt auch eine erste Verknüpfung solcher brancheninternen Verwerfungen mit sozialreformerischen Gedanken an. (Was wäre, wenn geistiger Eigentum insgesamt abgeschafft würde? Werden Künstler durch ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert?)
Produktivkräfte für die Revolution?
Eine solche Beobachtung ist nicht nur deshalb interessant, weil sie eine eigenartige branchengebundene Illustration jener berühmten These von Karl Marx zu sein scheint, in der dieser die revolutionären Auswirkungen von technischen Fortentwicklungen für die gesamten ökonomischen Verhältnisse einer Kultur beschreibt:: "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um."
Bemerkenswerterweise finden sich nämlich derzeit auch in einem anderen Bereich unserer Gesellschaft Prognosen, dass mit der Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten herkömmliche ökonomische Verhältnisse bedroht sind: In der Energiepolitik verbinden sich mit der anderen Funktionsweise von Produktionsanlagen der Erneuerbaren Energien Hoffnungen über ein historisches Fenster an Chancen, in einem empfindlichen Vitalbereich der modernen Ökonomien grundlegende Eigentumsverhältnisse oder Mechanismen wirtschaftlicher Interaktion zu ändern. Zu den letzten Entwürfen diese Art gehört jener, den Elmar Altvater in seinem neuen Buch "Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen" vorgelegt hat.
Aus unserer heutige Perspektive ist es immer schwer zu entscheiden, was zu weitreichenden Veränderungen einzelner Aspekte unserer Wirtschaft oder sogar zu Veränderungen in den Eigentumsstrukturen in unserer Kultur insgesamt führt. Die prinzipielle menschliche Unberechenbarkeit macht es uns unmöglich aus kausal rekonstruierbaren Entwicklungen der Vergangenheit verlässlich auf ähnliche Entwicklungen in der Zukunft zu schließen. Und die Vielzahl an emphatischen Totengesänge auf das "System" seit dem Kommunistischen Manifest, die sich rückblickend nicht als hellsichtiges Verständnis, sondern als Überschätzung politischer, ökonomischer oder kultureller Veränderungen erwiesen haben, haben uns für Ausrufungen der angeblich nahenden Revolution unempfindlich gemacht.
Die berüchtigte Flexibilität der Wirtschaft
Elmar Altvater weiß das, im Hintergrund seines Buches steht deshalb als Menetekel des Revolutionärs die Diagnose Antonio Gramscis, dass der Kapitalismus es immer wieder vermag sich angesichts politischer, technologischer, ökonomischer oder sozialer Herausforderungen mittels einer „passiven Revolution“ an neue Situationen anzupassen und so zu überleben. Er setzt deshalb im Gefolge des Theoretikers Ferdinand Braudel auf den Umstand, dass „nur ein äußerer Stoß von extremer Heftigkeit im Verein mit einer glaubwürdigen Alternative“ den Zusammenbruch des Kapitalismus bewirken kann. Altvater sieht diesen äußeren Stoß durch die Endlichkeit der Ölressourcen gegeben, durch kommende durch den „Peak Oil“-Effekt verursachte ökonomische Krisen, die uns neben der katastrophischen Drohung des weltweiten Klimawandels auf die Erneuerbaren Energien zurückwerfen werden. In der Frage, wie eine umfassende Nutzung der Erneuerbaren Energien für die modernen Zivilisationen als anleitender Anreiz zur Implementation einer solidarischen und nachhaltigen Ökonomie führt, bleibt er - abgesehen von einer generellen Chance durch krisenhafte Umbruchsitutationen - unklar. Die von ihm angedeuteten ökonomischen Konsequenzen der technologischen Unterschiede scheinen mir sehr vage und zudem wenig überzeugend.
Mein Eindruck ist, dass er auch die krisenhaften Chancen des Peak Oil überschätzt. Wir sehen derzeit wie die westlichen und östlichen Verbrauchermärkte als auch die neue Investitionen auslotenden Energieversorger sich auf eine Situation einpendeln, die von einen Ölpreis ausgeht, der bis zu dem Dreifachen über den von der OPEC einstmal anvisierten Preisband liegt. Aber dass es Umbrüche geben wird, ist unzweifelhaft. Und ebenso, dass es plausible Anzeichen gibt, dass gerade unsere Energiewirtschaft (vor allem der Stromsektor) in ihrer jetzigen ökonomischen und auch eigentümerrechtlichen Verfasstheit mit Herausforderungen konfrontiert werden wird, die sie so nicht meistern kann. Hier gehen Chancenfenster auf, die man nutzen kann, um Alternativen einer sozial, ökologisch und kultururell sensiblen Ökonomie zu etablieren.
Von den besonderen Marktmechanismen und technologischen Möglichkeiten auf dem Musikmarkt habe ich wesentlich geringere Ahnung als von denjenigen der Energiewirtschaft (und auch bei diesen sind meine Kenntnisse eingegrenzt), aber mir scheint die Mahnung, dass man weder die Anpassungsfähigkeit der modernen Ökonomien im Ganzen noch die einzelner Branchen unterschätzen darf, elementar. Einen äußeren Schock, wie er oben für die Energiewirtschaft diskutiert wurde, sehe ich auf dem Musikmarkt nicht. Die krisenhafte Situation auf den Absatzmärkten ist endogen. Aber andererseits scheinen mir die neuen technischen Möglichkeiten doch einen ganz anderen Horizont der Freiheit aufzureißen, die wesentlich weiter geht als die Sítuation auf dem Energiemarkt: So einfach wie Menschen heute Musik machen und ihre Musik anderen zugänglichen machen können, wird das mit der selbstbestimmten Energieproduktion vermutlich nie funktionieren. Eine bemerkenswerte Möglichkeitsdimension, die nicht kleiner wird, wenn man dennoch zugestehen muss, dass die Zuverfügungstellung von Energie ganz anders unsere Wirtschaft und unser Leben strukturiert als es die Musik tut. Denn wer weiß, welche Auswirkungen auf unsere Wirtschaft der freie Zugang zu anderen Kulturgütern neben der Musik in der Zukunft haben wird?
Fröhliche Bescheidenheit fürs Bett und die Revolution
Aus unserer heutigen Perspektive kann man also nur konstatieren, dass es keinen Automatismus zum seligen Paradies gibt (marxistische Binsenweisheit!), sondern nur Chancen. Überschätzte, unterschätzte, übersehene, falsch interpretierte, kurzfristige, einmalige oder langandauernde Chancen. Die 68er oder die Neuen Sozialen Bewegungen haben uns deutlich vor Augen geführt, welche Illusionen man sich über diese Chancen machen kann. Man sollte es sich also gut überlegen, mit welchen Gründen und Beobachtungen man ins Feld zieht, wenn man Revolutionen ausruft.
Doch Chancen werden bekanntlich nur verwirklicht, wenn es Menschen gibt, die sie ergreifen. Und dass man sich über die eigenen Möglichkeiten täuscht, heißt nicht, dass man wirkungslos ist. Auch wenn die 68er oder die späteren ökologisch-pazifistisch-feministischen Gruppen sich grandios über ihre eigene Reichweite und Rolle getäuscht haben, weiß doch jeder, welcher umfassende Wirkung sie auf unser Leben gehabt haben. Und wenn aus mancher Innovation, die mit revolutionärer Naherwartung lanciert worden ist, doch nur eine nette Spielerei oder eine angenehme Verbesserung unseres Lebens geworden ist (man denke z.B. an die Pille oder die Wohngemeinschaft), so erzieht uns das im glücklichen Fall zur fröhlichen Bescheidenheit. Eine Eigenschaft, die das Zusammenleben der Menschen aufregender und kreativer macht. Denn fröhliche Bescheidenheit entwickelt, unterstützt oder testet neue Daseinsweisen, und schielt und hofft auch auf den genialen Clou, den großen Coup, der alles anders macht - aber doch weiß sie, dass unter Umständen nur eine kleine angenehme Änderung unseres Lebens herausgekommen wird. Leidenschaft ist immer dabei, Phantasie auch, aber eben auch eine gewisse Reife. Falls es z.B. die sich jetzt schon abzeichende Weiterentwicklung von Jensens pfiffiger Musikinitiative nur auf den Verbreitungsstatus der einstmals innovativen Wohngemeinschaft schafft, könnten wir alle immer noch zufrieden sein – auch wenn nicht die Weltrevolution eingetreten ist.
Gängige Alternativen zu dieser hier skizzierten Haltung sind neben der revolutionären Dauerhysterie, die in der Regel eher bei jugendlichen Mitbürgern angetroffen werden kann, die Attitüden des abgeklärten Zynismus, der Verbitterung oder der moralisierenden Daueranklage, weil sich die Dinge (oder die frühe Christdemokratie, der Rock ’n’ Roll, die APO, die Grünen, die Weblogs etc.) nicht so entwickelt haben, wie man es sich erhofft hat. Diese spassbefreiten Lebenshaltungen sorgen zwar dafür, dass man sich im Verbund mit anderen ausgiebig selbst bemitleiden oder auch zusaufen kann, vernageln aber das eigene Herz. Und es gibt nur wenig, was so unangenehm und unattraktiv ist als Menschen mit einem armierten Herz. Letzteres ist durchaus auch erotisch gemeint: Gerade Frauen können ein Lied davon singen, wie miserabel solche Zeitgenossen im Bett sind und wie unerträglich am Tisch. Die fröhlichen Bescheidenen sind nicht nur sozial die bessere Wahl.
Die Schlachtfelder der Ökonomie
Zurück zu René. Er streitet in seinem Weblog für einen anderen Umgang mit Musik. Damit wird er zu einem Kämpfer in einem komplexen Schlachtfeld. Ein Kopfschütteln über eine solche martialische Überzeichnung ist vielleicht die erste Reaktion auf einen solchen Satz. „Kämpfer“ erscheint uns als eine etwas pathetische Bezeichnung, die in unserem Mainstream-Vokabular eher Politikern, NGO-Aktivisten oder bekannten Intellektuellen vorbehalten bleibt, die sich in der Öffentlichkeit beharrlich für eine Sache einsetzen. Das greift in der erweiterten Öffentlichkeit des Blogphänomens aber zu kurz. Denn hier genügt angesichts von Google und anderen Suchfunktionen schon die einmalige Ausführung einer Position. Die Beharrlichkeit des Einsatzes wird durch jederzeitiges Auffinden der eigenen Stellungnahme im dauerverfügbaren WWW-Gedächtnis hergestellt. Ob René durch sein provozierendes Impressum oder durch die Verbreitung seine Haltung bei Spreeblick sein leidenschaftliches Plädoyer unterstreicht, tut also eigentlich wenig zur Sache.
Wer sich mit tradierten Eigentumsrechten anlegt, seien es die einer Wirtschaftsbranche oder die einer Bevölkerungsgruppe, trifft auf einen empfindlichen, von allerlei Institutionen unseres Staates und unserer Kultur belagerten Nerv. Sobald die Auseinandersetzungen um Eigentum bedrohlich werden können, werden sie mit unerbittlicher Härte geführt, das hat sich in Jahrtausenden nicht geändert. Das sind die Schlachten der Ökonomie, die nicht weniger umwälzend, endgültig oder vernichtend sein können wie diejenigen des Militärs. Damit wird ein Mann wie René Walter zu einem Krieger, ähnlich wie Foucault oder Paul Veyne solche Menschen zu charakterisieren pflegten: Krieger, die sich auf einem Schlachtfeld behaupten müssen. Abstrakte Themen wie der rechtlich bewehrte, geistige Eigentum, die von enormer und kaum überblickbarer Reichweite sind, sorgen dafür, dass solche Schlachtfelder unübersichtlich werden, in einem Grade, der in der militärischen Auseinandersetzung nur selten erreicht wird. Wer hier Klischees folgt und die Linien in die guten kleinen Davids (also hier z.B. die Künstler, Musiker und Musikgeniesser) und die großen verbrecherischen Goliaths (also die mächtigen, geldscheffelnden Musikkonzerne) aufteilt, kommt schnell zu Fehleinschätzungen, wer in solchen Auseinandersetzungen tatsächlicher Verbündeter und wer Gegner ist.
Die historische Erfahrung lehrt uns da vieles:
- So mancher edle David wechselt z.B. im entscheidenden Moment die Seiten, weil sein ökonomisches Interesse trotz aller Ideale doch anders aussieht als das der armen Socken neben ihm. Es ist klug, darauf vorbereitet zu sein.
- Die Schwächsten tun gut daran, diejenigen Eliten zu nutzen, die sich eigentlich für ihr Schicksal wenig interessieren, aber bei den eigenen Interessen blockiert sind und deshalb Bataillone für die eigenen Vorstöße brauchen. Je stärker die Ersteren ihre Interessen mit denen dieser Eliten verkleben können, desto höher sind ihre Chancen, dass sie am Ende der Schlacht Boden gewonnen haben.
- Gerade in ökonomischen Auseinandersetzungen kann es sich anbieten, technologische oder wirtschaftsstarke Verbündete zu gewinnen, deren ökonomisches Interesse mit den eigenen Zielsetzungen vorübergehend konvergiert.
Was das in Bezug auf die Auseinandersetzung um die musikalischen Eigentumsverhältnisse heißt, scheint noch lange nicht klar zu sein, macht aber schon deutlich, wie beweglich die Frontlinien werden und wie wenig sie mit einer Aufstellung „hier Verbraucher, dort Wirtschaft“ zu tun haben. Zu allem Überfluss wird die Lage noch dadurch erschwert, dass die obligatorischen Hasardeure nicht fern sind, die auf eigene Rechnung auf dem Schlachtfeld herumtrollen oder an seinen Rändern vagabundieren, um für sich selbst ein Schnäppchen herauszuschlagen. Sie nerven allzeit und fallen durch ihre Lästigkeit auf, aber das Gesöcks hat seit altersher den Vorteil schnell erkennbar zu sein. In unserem Fall wären das z.B. Musiker , die sich vorübergehend mal als Guerillero wider die Musikindustrie feiern lassen oder Rechtsanwälte, die unter dem Banner des Urheberschutzes Abmahnabzocke betreiben.
Ein Gegner, der Respekt verdient - und Gegenwehr
Ob der studierte Musikliebhaber Clemens Rasch zu diesen Hasardeuren gehört ist eher unwahrscheinlich. Der ehemalige Justiziar der deutschen Landesgruppe der International Federation of the Phonographic Industry ist ein Überzeugungstäter und dürfte klar auf der anderen Seite der Linie stehen. Der umtriebige Anwalt, in früheren Zeiten durch besonders eilige Aktionen bei der Verfolgung von Tauschbörsen aufgefallen, geht anscheinend seit Jahren per massenhafter Abmahnung in Kooperation mit der Musikindustrie gegen Internet-Nutzer vor, die seiner Meinung nach rechtsmißbräulich Musikstücke nutzen. Er steht in der Bloggerszene im Verdacht jener Anwalt zu sein, der René Walter im Verbund mit einer Kostennote über 800,- EUR kostenpflichtig dafür abgemahnt hat, dass dieser in seinem Weblog bei Musikempfehlungen auf mp3-Dateien auf fremden Websiten verlinkte, deren dortiges Hosting zumindest in einige Fällen ohne Erlaubnis der jeweiligen Musikkonzerne erfolgte. Dabei wird René ironischerweise also nicht für seine klare Ablehnung der Musikindustrie, sondern für seine Musikbegeisterung und für sein naiv anmutendes Anpreisen von Musikstücken, etwas was der Musikindustrie ja durchaus nützt, angegangen.
Das Aufeinandertreffen zwischen Clemens Rasch und René ist ein klarer Schlagabtausch zwischen zwei Kriegern, die für unterschiedliche Interessen stehen. Der erstere hat vermutlich niemals Rene Walters Äußerungen zu diesem Thema gelesen, er hat einfach nur die Gunst der Stunde genutzt, seinen Auftrag auszuführen, der - wenn man einem Stern-Bericht über ihn glauben darf - darin besteht eine spezifische Angst im Internet unter den Musiknutzern zu erzeugen. („Die Sorglosigkeit ist vorbei, die Angst geht um.“)
Herr Rasch kämpft mit harten Bandagen und er ist reflektiert genug, das zu wissen und einzuschätzen: „Ohne Repression geht es nicht“ - das ist ein klare Ansage, da ist nichts schön geredet. Und dass der Mann sein Geschäft versteht, um seine Überzeugungen durchzusetzen, ist ebenfalls klar. Das dürfte sich auch nicht dadurch ändern, wenn sich herausstellen sollte, dass in Renés Fall eine serienmäßige Abmahnung vorliegt, bei der die angeforderte Kostenerstattung unrechtmässig ist. Die Munition von Rasch sind juristische Mittel, die von Rene Publizität. Sollte es René gelingen, durch sein Weblog den Einsatz von Rasch für die Musikindustrie zu einem verminten Gelände zu machen, dann darf der Rechtsanwalt auf wenig Mitleid hoffen. Auch hohe Abmahnsummen sind ja schließlich nicht zimperlich. Allerdings gelten wie bei den Militärs auch hier Regeln der Zivilität und des Anstands. Was der Herr Rechtsanwalt in seiner Freizeit macht, wo er sich sonst noch engagiert, geht keinen Blogger etwas an. Diejenigen, die jetzt schon mit hämischen Bemerkungen über sein Privatleben aufwarten, gehören meiner Meinung nach abgewatscht.
Eine Vision, die uns eine Entscheidung abnötigt
Und der letztere? Aus Sicht eines Menschen, der gute Musik schätzt, ist die abgestrafte Handlungsweise Renés verständlich. Er liebt Musik, und wenn ihm ein Musikstück gefällt, hat er, sofern eine Möglichkeit bestand auf den Ort verlinkt, auf dem der Songs gehört werden konnte. Aus Sicht des Kampfes, in den der Autor von Nerdcore eingestiegen ist, ist diese Handlungsweise Ausdruck einer törichten Unvorsichtigkeit, bei der man sich unnötig und ohne großen Gewinn in die Schusslinie der Gegner begibt. Man kann zu Recht konstatieren, dass die Abmahnung überflüssig war. Aber Menschen sind eben Menschen und nicht nur eindimensional auf Sieg programmierte Kampfroboter .
Aber René ist wie gesagt kein Opfer. Er ist kein 17jähriger Mario, der noch nicht weiß, dass da draußen in der Welt auch Geier lauern, die sich von deinen Fehlern ernähren wollen. Und deshalb hat er auch nicht unser Mitleid verdient. Er hat ebenso nicht schnöde Solidarität verdient. Was er verdient hat, ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung darüber, ob man die Vision, die er skizziert hat, für wert hält Realität zu werden und für realistisch genug, dass eine gewisse, wenn vielleicht auch nur geringe Chance der Umsetzung besteht. Eine Entscheidung darüber, ob man diese Vision prinzipiell unterstützt. Nicht verkrampft versteht sich, sondern in fröhlicher Bescheidenheit, denn man weiß ja nie, wie groß das Fenster der Möglichkeiten wirklich ist.
Und wenn man eine solche Entscheidung getroffen hat, dann hat man sich bereits auf einer Frontlinie eingefunden und begibt sich an die Seite eines anderen Kriegers. Das heißt nicht, dass man dessen Dummheiten wiederholt oder mit all seinen Einschätzungen und Zielen einverstanden wäre. Es heisst nichtmals, dass man auf die gleichen Gegner eindrischt, von denen man annimmt, dass sie der Verfolgung der Vision im Wege stehen. Aber es heißt, dass man dem anderen hilft, wenn er in Bedrängnis gerät - nicht aus Solidarität, sondern weil man das gleiche Anliegen verfolgt und weil man weiß, dass man nur gemeinsam gewinnen kann. Ob durch Spenden, durch Aufmerksamkeit, durch juristischen Rat oder dadurch, dass man Renés Gegnern das eigene Arbeiten schwer macht, das muss jeder selbst entscheiden.
PS - ein Hinweis an etwaige revolutionstheoretisch gebildete Leser:
Das hier ist weder eine Buchrezension von Elmar Altvaters neuem Buch noch die Anmaßung, revolutionstheoretische Überlegungen von irgendeiner weitreichenden Gültigkeit von mir zu geben. Ich bin kein Marxist und mein Verhältnis zu dieser Denkschule ist von solcher Differenz geprägt, dass ich nichteinmal weiß, ob der theoretische Begriff „Kapitalismus“ sinnvoll auf etwas referenziert. Das hier sind einfach nur ein paar zusammengeschaufelte Gedanken, die ich mir gestern und vorgestern beim Wiesenmähen und Heurechen gemacht habe, nachdem ich von Renes Abmahnung erfuhr. Dass ich diese Gedanken veröffentliche, hat einen einzigen Grund: Es ist meine Art, einem Menschen Respekt zu erweisen, der so mutig ist, seine Träumereien ins Internet zu stellen, auch wenn man diese dann als die schlechtformulierten Ergüsse eines 14-jährigen Hippys belacht.
Nachtrag 19. Juni: Auf diesen reflektierten Beitrag zum Thema möchte ich auch noch aufmerksam machen.
Nachtrag 20. Juni: Für das sehr schmeichelhafte Lob von René (das natürlich dringend einer Korrektur bedürfte) und die Erwähnung in dem hoffentlich Kreise ziehenden "Brief an Musikschaffende" von Johnny Häusler möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Ich möchte die Gunst der unverhofft mal wieder gestiegenen Anzahl an Lesern nutzen, um neben der Diskussion rund um Nerdcore und Spreeblick auf diese Diskussionsbeiträge von Jens Scholz über "Die Zukunft der öffentlichen Kunst" und von Agitpop über unterschiedliche Initativen rund um mp3 hinzuweisen, die dann doch wesentlich kenntnisreichere Ausführungen über die Situation auf dem Musikmarkt sind als mein Beitrag.
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