Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Polyamory - ein Produkt des Sexualitätsdispositiv? 1

Die Einkörperung der Perversionen und eine Spezifizierung der Individuen?

"Die Sodomie - so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten - war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und die schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität. Sie ist überall in ihm präsent: allen seinen Verhaltensweisen unterliegt sie als hinterhältiges und unbegrenzt wirksames Prinzip; schamlos steht sie ihm ins Gesicht und auf den Körper geschrieben, ein Geheimnis, das sich immerfort verrät. Sie ist ihm konsubstantiell, weniger als Gewohnheitssünde denn als Sondernatur. Man darf nicht vergessen, daß die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität sich an dem Tag konstituiert hat, wo man sie - und hier kann der berühmte Artikel Westphals von 1870 über die "konträre Sexualempfindung " die Geburtststunde bezeichnen- weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmten Qualität sexuellen Empfindens, einer bestimmten Weise der innerlichen Verkehrung des Männlichen und des Weiblichen charakterisiert hat. Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.

So wie es alle jene kleinen Perversen sind, die die Psychiater des 19. Jahrhunderts wie Insekten aufreihen und auf seltsame Namen teufen: Es gibt die Exhibitionisten von Lasègue, die Fetischsten von Binet, die Zoophilen und Zooerasten von Krafft-Ebing, die Auto-Monosexualisten von Rohleder; es wird die Mixoskophilen, die Gynekomasten, die Presbyophilen, die sexo-ästehetsich Invertierten und die dyspareuntischen Frauen geben.(1)"


Und jetzt die Polyamorösen. Eine naheliegende Vermutung, wenn Queertheorikerinnen ihm eigene Kongresse widmen. Doch der Eindruck täuscht: Der Begriff wurde wahrscheinlich in einem neopaganen Umfeld geschaffen. Immer wieder wird auf die Priesterin Morning Glory Zell-Ravenheart hingewiesen, die in dem Aufsatz "A Bouquet of Lovers", 1990 erschienen in der Zeitschrift "Green Egg", den Begriff das erste Mal verwendet habe. (Jennifer Mathieu behauptet seine Verwendung durch Morning Glory Zell-Ravenheart bereits für die frühen Achtziger.) In dem an verschiedenen Stellen im Netz kursierenden Artikel "Polyamory: What It Is and What It Ain't" wird als Urheber "Otter G'Zell" genannt: "The word itself was new to me, however, and in fact I think it is absolutely new, having been coined in just the last few years by a man with the unlikely name of Otter G'Zellabout (sic!) whom more later." Otter G'Zell (alias Tim Zell jetzt Oberon Zell-Ravenheart) gründete Anfang der Sechziger Jahre gemeinsam mit seinem Kommilitonen Richard Lance Christie die neopagane "Church of All Worlds", zu der dann 1973 die Wicca-Aktivistin und spätere Frau des Krichengründers Morning Glory stieß. Die Church of All Worlds orientiert sich stark an Motive und Ideen des Romans "Stranger in a Strange Land" von Robert A. Heinlein, in dem offene Formen von Liebesbeziehungen ebenfalls eine Rolle spielen. (Detailliert geht die Arbeit von Christian Rüther: "Freie Liebe, offene Ehe und Polyamory", die eine Vielzahl an Hinweisen rund um die Thematik Polyamory liefert, auf den Einfluss von Heinleins Motivik auf die Genese des Begriffs ein. (2))

Der Begriff wurde also in einem subkulturellen Milieu geprägt, um die unterschiedliche soziale Praxis - und eben nicht nur sexuelle Identität - distingierbar und als spezfische Lebensweise für Gleichinteressierte identifizierbar zu machen. Ein ganz typischer Mechanismus zur Bildung einer entsprechenden Szene. Die Verarbeitung durch den akademischen Betrieb (wie z.B. jener in Hamburg) ist entsprechend sekundär und bisher nicht generativ im oben angesprochenen Sinne. Sie wirkt eher wie der selbstbewuste Ansatz eines akademischen Milieus, die notwendige Selbstreflexion libertärer Lebensweisen für eine Unterwanderung der staatlich und vielfältig institutionell fixierten Mono-Normativity zu nutzen. (Wer homosexuelle Liebe der heterosexuellen institutionell anpasst, wird irgendwann auch nicht monogame Lebensweisen einen ähnlichen Status einräumen müssen; eine Frage der Zeit.) Der vielbeachtete Kongress hat nicht zuletzt als Sammel- und Treffpunkt einer sich seit mehreren Jahren formierenden Szene gedient.

(1) Michel Foucault: "Sexualität und Wahrheit: Der Wille zum Wissen"; Frankfurt a.M. 1977, S. 58-59
(2) Christian Rüther: "Freie Liebe, offene Ehe und Polyamory. Geschichte von Konzepten nicht-monogamer Beziehungen seit den 1960er Jahren in den USA und im deutschsprachigen Raum"; Magister-Arbeit Universität Wien; 2005; S.41-45; S.52-54; S. 75

Update am Morgen: Was für ein behäbiges Grübeln angesichts so eines leichtfüssigen Themas. Vermutlich seiner mitternächtlichen Entstehungszeit geschuldet.
mspro (Gast) - Fr, Jun 30, 2006

Das Dispositiv ist auch nichts anderes als eine Kategorie. Ob man in solch ein Getto gesteckt wird oder es selber gründet, ist dabei, wie ich finde, völlig egal. Das alles hat jedenfalls seinen Anfang immer in dem Versuch, das was man ist (oder der Andere ist), zu definieren. Und sobald es solche Definitionen gibt, nehmen sie zwangsläufig die Form von Gesetzen an. Viele fühlen sich darin warm und geborgen, weil es die Welt ja schön vereinfacht. Anderen wird es dann schnell zu eng.

Ich finde, es gibt deshalb nur zwei sinnvolle Kategorien: Die, die sich etikettieren lassen wollen, und die, die das ablehnen.
Julio Lambing - Fr, Jun 30, 2006

Man erwartet ja fast...

... eine Reaktion von dem selbstkritischen U-Bahn-Fahrer, der mit Friseusen die Foucault-Lektüre teilt...

Eine ablehnende Haltung gegenüber der Etikettierung ist weit verbreitet und deshalb liegt die berühmte ironische Sentenz über die "Gynekomasten" und "Presbyophilen" ja auch nahe. Die Ablehnung kann aus generellen Gründen - ich würde sagen aus "poetischen Vorbehalten" ("Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort... ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott") - erfolgen oder weil man die spezifische Mechanismen neuer Disziplinierungen wittert; es gibt dem letzteren entsprechend genügend Menschen, die vor neuen Gesetzen und Ausschließungen warnen. Und wer über das Sexualitätsdispositiv nachdenken will, der könnte auch noch viel sagen über die Geschwätzigkeit und Selbstanalyse der polyamorösen Szene. (Irgendwo las ich sogar was von "Selbsthilfegruppen", man fasst sich bei solcher Wortwahl dann schon an den Kopf...)

Dennoch: Ich habe zwar noch keine gefestigte Meinung darüber, aber ich neige zu der Vermutung, das man es sich so zu einfach macht. Auch die "Einpflanzung der Perversion" kann ja von der Seite der Subkultur genutzt werden und wurde bekanntlich von der Schwulen auch in eine eigene Agenda überführt. Warum nicht diesen Rat des Partisanen beachten: "Die Widerstände rühren nicht von irgendwelchen ganz anderen Prinzipien her, aber ebensowenig sind sie bloß trügerische Hoffnung und notwendig gebrochenes Versprechen. (...) Wie das Netz der Machtbeziehungen ein dichtes Gewebe bildet, das die Apparate und Institutionen durchzieht, ohne an sie gebunden zu sein, so streut sich die Aussat der Widerstandspunkte quer durch die gesellschaftlichen Schichtungen und die individuellen Einheiten. Und wie der Staat auf der institutionellen Integration der Machtbeziehungen beruht, so kann die strategische Codierung der Widerstandspunkte zur Revolution führen."

Zur Vernetzung, wechselseitigen Stützung, Streuung braucht man die Bestandteile einer sozialen Kultur, braucht man Namen, Orte, Symbole, Codes etc. Eine Lehre, die man aus dem Siegszug des Christentum in den spätheidnischen Kulturen immer wieder und wieder ziehen kann. An den Traum der anonymen Inseln der Anarchie glaube ich nicht.

PS: Das mit dem Link in deinem Letzten Satz klappt bei deinem Kommentar gerade noch nicht. Links müssen hier die Form haben:

[a href="Link"]Wort[/a] - die eckigen Klammern dann durch die "<" und ">" ersetzen
mspro (Gast) - Fr, Jun 30, 2006

PS: Twoday hat anscheinend den Link rausgefischt. Ich meinte den guten Herrn Ix, der kein Blogger mehr sein will. http://wirres.net/article/articleview/3759/1/6/

Es fragt sich, ob er darüber überhaupt noch die Deutungshoheit hat. Ich bezweifle das.
Julio Lambing - Fr, Jun 30, 2006

Natürlich hat Zugehörigkeit

einen Preis, und man verliert auch ersteinmal die Deutungshoheit über eine Etikettierung. Er oder sie muss dann schon einiges ins Feld führen, um da wieder raus zu kommen. Wer diesen Preis von vorneherein scheut, muss sich alleine durchs Leben schlagen - und seit altersher in die Verbannung. "Wer Angst hat, sollte nicht mit einer schönen Frau ins Bett gehen." (Luciano de Crescenzo)
mspro (Gast) - Fr, Jun 30, 2006

Worauf ich hinauswollte, ist dass Identifizierung und Ausschließung ein und dasselbe sind. Um ein Inneres zu sein, braucht es ein Außen, um ein Außen zu sein braucht es ein Inneres. Das funktioniert über Definitionen, die sich gerne anhand von quasi-natürlichen Eigenschaften zusammenfabulieren.
Nun will ich aber die Existenz solcher Kategorien/Dispositiven nicht leugnen, und ich stimme zu, dass ohne sie eine Kommunikation unmöglich ist. (Wie würde Sprache funktionieren, wenn man keine Gattungsnamen mehr hätte?)
Aber man darf dabei nicht vergessen, dass es neben der Gewalt der Ausschließung auch immer eine Gewalt der Einschließung gibt. Und beide begründen sich immer auf das Phantasma der Definition. Das wogegen Herr Ix protestiert, ist genau dieses Phantasma, das früher oder später in solch einen Diskurs Einzug hält, von Leuten, die sich berufen fühlen die vorgebliche Reinheit eines Gesetzes verteidigen zu müssen.
Was ich also propagiere ist nicht die Abschaffung von Kategorien oder ein anarchistisches Inseltum, sondern ein Bewusstsein zu schaffen, dass diese Kategorien immer in einem nicht-natürlichen und phantasmatischen Prozess gebildet und gesetzt werden. Dass man sie also nicht allzu ernst nehmen sollte, diese Gattungsnamen, sondern sie vielmehr als Krücken oder Prothesen ansehen sollte, die der Einzigartigkeit eines Sachverhaltes oder eines Individuums niemals Rechnung tragen können.

PS: um den Frisösinnen wieder einen Schritt voraus zu sein lese ich jetzt Derrida ;-)
Julio Lambing - Fr, Jun 30, 2006

>>Dass man sie also nicht allzu ernst nehmen sollte, diese Gattungsnamen, sondern sie vielmehr als Krücken oder Prothesen ansehen sollte, die der Einzigartigkeit eines Sachverhaltes oder eines Individuums niemals Rechnung tragen können.

Stimme ich voll zu. Wir sind immer auch magische Wesen.

>>um den Frisösinnen wieder einen Schritt voraus zu sein lese ich jetzt Derrida ;-)
Ah ja, das Wording fiel schon beim Lesen auf.... Die Damen dürften aber wohl in absehbarer Zeit ebenso die Lektüre wechseln, schließlich ist die Haarpracht des schwulen Franzosen nicht sonderlich stimulierend für den Job.

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