Kommunikative Entbettung: the extraordinary anger in weblogs
Über Lapidarium42 bin ich auf einen Text gestoßen, in dem der blogaffine Literatur-Dozent Alan Jacobs, tätig am Wheaton College in Illinois, über die Nachteile von Weblogs nachdenkt, nachdem er sie selbst zwei Jahre lang genutzt hat.
Alan Jacobs hebt in seinem Text unter dem Titel "Goodby, Blog" (veröffentlicht bei christianitytoday.com) hauptsächlich auf die strukturellen Nachteile ab, die die Blog-Architektur für einen Diskurs bietet: Die Konzentration auf einen Eingangstext führe durch die Schnellebigkeit der Diskussion und dem Drang in kurzen Abständen mit neuen Themen aufzuwarten dazu, dass im Kommentarbereich der Fortgang der Diskussion keine Möglichkeit mehr zur gemächlichen, wohlüberlegten Reaktion lasse. Neben dieser Diagnose spricht der Literaturdozent aber auch die verrohte Diskussionskultur an, die in vielen Blogs herrscht - motiviert durch den christlichen Tugendkanon, der für ein Problembewusstesein in dieser Hinsicht sensibel macht:
"I think first of the extraordinary anger that seems to be more present in the blogosphere than in everyday life. Debate after debate—on almost every site I visit, including the ones devoted to Christianity—either escalates from rational discourse into sneering and name-calling or just bypasses reason altogether and starts with the abuse.
Partly this derives from the anonymity of blog comments: people rarely identify themselves by their real names, and the email addresses that they sometimes provide rarely give clues about their identity: a person who is safe from substantive reprisals is probably more easily tempted to express rage. Also - and this is a problem especially on the political blogs - commenters can find themselves confronted with very different beliefs than the ones they encounter in everyday life, where they often are able to select their own society. A right-winger wandering into a comment thread on Dailykos.com is likely to get a serious douse of vitriol for his or her trouble; ditto a liberal who plunges into the icy waters of No Left Turns. And the anonymous habitués of a given site are unlikely to show much courtesy to the uninvited guest. (This is one reason why sites like the two just mentioned get more rhetorically, and substantively, extreme over time: everyone is pulling in one direction, and scarcely anyone shows up to exert counter-pressure.) And then there are the "trolls" (...) "
Enthemmung kommunikativer Aggressivität?
Diese treffende Beobachtung, die in dem Text selbst nur einen Seitenstrang der Überlegungen liefert, greift ein Thema auf, das mich seit einigen Monaten beschäftigt, nachdem ich begonnen habe, Weblogs systematischer zu lesen: Der verbale Aggressionsgrad, die Freude an despektierlichen Äusserungen scheinen mir auch in der deutschen Bloggersphäre ausgesprochen bemerkenswert. Und dies, wie Jacobs Überlegungen ja auch nahelegen, überall dort, wo Kommentatoren auf deutlich unterschiedliche Überzeugungen treffen - sporadisch ausbrechend, wenn es z.B. um ethische Einschätzungen der Zusammenarbeit mit Automobilfirmen und Softdrinksherstellern geht; kontinuierlich, wo der tagespolitische oder politideologische Streit ausagiert wird.
In den nächsten Tagen werde ich versuchen, mir in ungeordneter Weise über einige Aspekte dieser bemerkenswerten Eigenheit klarer zu werden. Unter Umständen sind dabei nur Trivialitäten zu erwarten: Einerseits ist mir Polemik und die Kunst der diskursiven Streitbarkeit ein hohes Gut und sehe ich zudem den Wert der Rolle von geißelnden Mahnerinnen, andererseits treibt mich die Verrohung von Kommunikation unter dem Deckmantel von Originalität und "Authentizität" um. Ob in diesem Zwiespalt eine produktive Einschätzung möglich ist, weiß ich nicht. Unter Umständen bleiben auch nur unbeantwortete Fragen.
Warum diese Heftigkeit in den Auseinandersetzungen auf den Weblogs, von der Alan Jacobs berichtet? Abgesehen von dem bekannten und oft zitierten Troll-Phänomen und der emotionalen Provokation durch unterschiedliche Meinung sieht Jacobs die Ursache in der oft gegebenen Anonymität der Kommentatoren, die vor Ahndung des eigenen Verhaltens schützt. Obwohl diese Erklärung einiges für sich hat, scheint sie mir nicht weitreichend genug. Auch in Internet-Foren, die eine wesentlich dialogischer ausgerichteten Architektur vorweisen als Weblogs, kann man eine ähnliche Enthemmung kommunikativer Aggressivität beobachten wie bei Weblogs. Dabei ist es ganz gleich, ob die Autoren namentlich identifizierbar sind oder nicht. Selbst wo die Diskussionsteilnehmer sich persönlich kennen, kann in den Diskussionen der Foren und Weblogs flächendeckend Anstand und Würde vergessen werden. Das hat architektonische Gründe, die in der oft thematisierten seltsamen Kombination aus Schriftlichkeit, schneller Reaktion und Öffentlichkeit der neuen Medien liegen:
Das schlechteste aus beiden Welten?
Diskussionen auf schriftlichen Internetmedien wie Weblogs, Emaillisten oder Foren vereinigen in einer bemerkenswerten Kombinaton, die der zwischenmenschlichen Qualität der Kommunikation eher schadet, sowohl Eigenschaften des persönlichen Gesprächs mit denen der öffentlichen Debatte durch Printmedien. Mit den herkömmlichen öffentlichen Debatten über Printmedien wie Zeitungen und Flugblätter (man denke auch an den offenen Brief vergangener Zeiten) haben sie die Schriftlichkeit gemein. So fehlen ihnen die vielfältigen auditiven Nuancen eines mündlichen Gesprächs und auch die Möglichkeit Mimik und Gestik in die Kommunikation einzubauen. Das Hilfsarsenal der Smileys ist dabei bekanntlich wenig hilfreich: ein jeder kennt das Phänomen, eine Unverschämtheit in Email-Form erhalten zu haben, die selbst mit ganzen vielen Smileys nicht zu retuschieren war. Durch die mangelnde audtivie und visuelle Kontextualisierung sind kommunikative Missverständnisse in Weblogs und Foren entsprechend schneller möglich als im direkten Gespräch. Die Wucht und der Nimbus der Schriftlichkeit verstärkt solche Missverständnisse noch: Eine schriftliche Abkanzelung wirkt immer vehementer als eine mündliche.
Dies kann als der allgegenwärtige Nachteil schriftlicher Medien verstanden werden, der in sich noch keine besondere Problematik beherbergt. Unsere Kultur hat Wege gefunden damit umzugehen. Anders als in der klassischen Printwelt, die z.B. bei Zeitungen den Zyklus von Schreiben, Druck und Veröffentlichung kennt, erlaubt der Schlagabtausch über die elektronischen Medien aber schnelle Reaktionszeiten, die ähnlich wie im persönlichen Gespräch zu Unüberlegtheit verführen können. Keine Redaktion als das eigene Gehirn prüft und verhindert eventuell eine Äusserung , und keine Nacht, die dem Drucker oder Postboten geschuldet ist, liegt zwischen Äusserung, Erwiederung und Gegenerwiederung. Die Versuchung, in Erregung mit einem Mausklick auf den "Send"-Button zu drücken, ist entsprechend groß. Wie in einem persönlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann auf eine (imaginierte?) Frechheit schnell mit einer eigenen Beleidigung reagiert werden.
Zu diesem Setting gesellt sich dann der öffentliche und Distanzen überbrückende Charakter einer Äusserung, die mittels Foren oder Weblogs lanciert wird: Zum einen ist jede Diskussion zwischen zwei Personen über ein Internetboard oder über Weblogs wie eine lautstarke Diskussion von zwei Besuchern eines Marktplatzes, die sich mittels Megaphon miteinander unterhalten: Manchmal zwanzig, manchmal Hundert oder gar Tausend andere bekommen die Äußerungen des jeweils anderen mit. Wer hier kritisiert wird, z.B. in einer durch Meinungsverschiedenheiten geprägten politischen Diskussion, wird immer auch öffentlich bloßgestellt. Die Wirkungen von öffentlichen Auseinandersetzungen, in denen harte Worte fallen, sind entsprechend verheerend.
Zum anderen ermöglichen aber die neuen Medien Kommunikationsakte über große Entfernungen hinweg. Der eine Megaphon-Sprecher steht vielleicht in München, die andere in Berlin. Entspechend fehlt, anders wie beim persönlichen Gespräch, die unmittelbare soziale Kontrolle, wenn einer der Sprecher über die kommunikativen Stränge schlägt. Oftmals wird ja angemerkt, dass sich aggressive Protagonisten der Internetdiskussionswelt nicht trauen würden im heimischen Rahmen und in jener Sozialumgebung, in die sie eingebunden sind, mit jenem unverschämten Tonfall zu agieren, den sie für ihre Widersacher im digitalen Netz parat haben. Wer unter Freunden und Verwandten in Erregung mal über die Stränge schlägt und ein Mitglied des sozialen Netzes unangemessen anspricht, wird schnell zurecht gewiesen. Und wer als notorischer Plärrer bekannt ist, wer kontinuierlich beleidigt, übertreibt, unverschämt wird, wird schnell einsam. Freunde, Ehepartner, Geliebte und Arbeitskollegen haben vielfältige Möglichkeiten, Kommunikationsrowdies auszugrenzen und durch soziale Kontrolle zu jenen menschenfreundlichen Kommunikationsstandards zu erziehen, die als sozialverträglich gelten. Es gibt dafür auch ein starkes Bedürfnis: Kommunikative Entgleisungen verletzen bekanntlich. Niemand will schäbig behandelt werden.
Neue kommunikative Verzerrungen der Öffentlichkeit?
Im digitalen Netz fehlt diese unmittelbare soziale Kontrolle größtenteils. In der Regel trifft man dort nicht auf Menschen, die Einfluss nehmen können auf die eigenen unmittelbaren Lebensumstände, ein Großteil der Buddies sind in diesem Sinne virtuelle Freunde. Foren und Emaillisten versuchen die fehlende soziale Kontrolle dadurch zu kompensieren, dass sie über Zugangserlaubnisse und Moderation die Netiquette erzwingen. Schaut man sich heutige Foren an, so scheint dies auch nach Jahren der Existenz noch keinen weitergehenden Lerneffekt ausgelöst zu haben. Bei Weblogs fallen selbst diese Rudimente der Steuerung von Kommunikation weg. Bekanntlich gibt es in der Welt der Weblogs keinen Big Brother der Internetzugänglichkeit, der mit entsprechenden Kompentenzen wie die Forenmoderatoren ausgestattet wäre. Ich kann mich vermittels meines Weblogs in den vielstimmigen öffentlichen Raum der "Blogosphäre" einklinken und zugleich in einer kommunikativen Aggressivität schalten und walten, die abgesehen von rechtlichen Sanktionen keinen Grenzen kennt.
Unsere Kultur der Selbstoffenbarung, die als Erbe der christlichen Seelenerkundung sowohl Intimität und persönliches Vertrauen über das perpetuierte Geständnis als auch Selbstentfaltung und Befreiung über das öffentliche Outing herstellt, schafft noch einen weiteren Anreiz zu kommunikativer Enthemmung: Sie wird zum Ausdruck von Authentizität. Ich beleidige, weil ich ehrlich bin. Wer aus tiefster Seele spricht, der zeigt seinen sozialen Wert: Seine Rede ist Zeichen von Individualität, Originalität. Das verbindet sich gerne mit einem temporären Mut als mahnender und geisselnder Prophet, der im Gestus der Unbestechlichkeit Kommunikationsstil mit Aussagenwahrheit in eins setzt: Und sollt ich auch einsam sterben, ich werde meine Meinung sagen. Temporär ist der Mut freilich deshalb, weil im Internet eine Kommunikation möglich wird, die im Bett, unter Freunden, in der Verwandtschaft, am Arbeitsplatz, beim Einkauf und beim Behördengang wesentlich strengeren Auflagen unterliegen würde und dort aller Voraussichtlichkeit auch nicht praktiziert wird. Der Gestus mutiger Authentizität ist also hohl: Im Netz stirbt niemand einsam, denn dem Netz fehlt die relevante soziale Nähe.
Ich bin mir nicht sicher. Aber mir drängt sich die Gedanke auf, ob Weblogs als modernster Ausdruck der Internet-Öffentlichkeit nicht vielleicht den Trend zu einer sozialen Entbettung der Kommunikation anzeigen, die ähnlich verstanden werden kann wie die Entbettung der modernen Marktwirtschaft aus politischen und sozialen Einfassungen, wie dies derzeit im Rahmen der Globalisierungskritik diskutiert wird. Wäre diese Entbettung, wie sie sich hier in einer Avantgarde-Technologie andeutet, der Vorgeschmack von wenig wünschenswerten Strukturveränderungen im Kommunikationsstil der Öffentlichkeit ? Würde sie - während die ihr zugrundeliegende Technologie gleichzeitig auch unbestreitbare Vorteile hat - den bisher bekannten Kommunikationsverzerrungen der Öffentlichkeit und der Demokratie durch die Mediokratie des Fernsehens, das ja ebenfalls unbestreitbare Vorteile hatte, neue hinzufügen?
Fortsetzungfolgt hier.
Alan Jacobs hebt in seinem Text unter dem Titel "Goodby, Blog" (veröffentlicht bei christianitytoday.com) hauptsächlich auf die strukturellen Nachteile ab, die die Blog-Architektur für einen Diskurs bietet: Die Konzentration auf einen Eingangstext führe durch die Schnellebigkeit der Diskussion und dem Drang in kurzen Abständen mit neuen Themen aufzuwarten dazu, dass im Kommentarbereich der Fortgang der Diskussion keine Möglichkeit mehr zur gemächlichen, wohlüberlegten Reaktion lasse. Neben dieser Diagnose spricht der Literaturdozent aber auch die verrohte Diskussionskultur an, die in vielen Blogs herrscht - motiviert durch den christlichen Tugendkanon, der für ein Problembewusstesein in dieser Hinsicht sensibel macht:
"I think first of the extraordinary anger that seems to be more present in the blogosphere than in everyday life. Debate after debate—on almost every site I visit, including the ones devoted to Christianity—either escalates from rational discourse into sneering and name-calling or just bypasses reason altogether and starts with the abuse.
Partly this derives from the anonymity of blog comments: people rarely identify themselves by their real names, and the email addresses that they sometimes provide rarely give clues about their identity: a person who is safe from substantive reprisals is probably more easily tempted to express rage. Also - and this is a problem especially on the political blogs - commenters can find themselves confronted with very different beliefs than the ones they encounter in everyday life, where they often are able to select their own society. A right-winger wandering into a comment thread on Dailykos.com is likely to get a serious douse of vitriol for his or her trouble; ditto a liberal who plunges into the icy waters of No Left Turns. And the anonymous habitués of a given site are unlikely to show much courtesy to the uninvited guest. (This is one reason why sites like the two just mentioned get more rhetorically, and substantively, extreme over time: everyone is pulling in one direction, and scarcely anyone shows up to exert counter-pressure.) And then there are the "trolls" (...) "
Enthemmung kommunikativer Aggressivität?
Diese treffende Beobachtung, die in dem Text selbst nur einen Seitenstrang der Überlegungen liefert, greift ein Thema auf, das mich seit einigen Monaten beschäftigt, nachdem ich begonnen habe, Weblogs systematischer zu lesen: Der verbale Aggressionsgrad, die Freude an despektierlichen Äusserungen scheinen mir auch in der deutschen Bloggersphäre ausgesprochen bemerkenswert. Und dies, wie Jacobs Überlegungen ja auch nahelegen, überall dort, wo Kommentatoren auf deutlich unterschiedliche Überzeugungen treffen - sporadisch ausbrechend, wenn es z.B. um ethische Einschätzungen der Zusammenarbeit mit Automobilfirmen und Softdrinksherstellern geht; kontinuierlich, wo der tagespolitische oder politideologische Streit ausagiert wird.
In den nächsten Tagen werde ich versuchen, mir in ungeordneter Weise über einige Aspekte dieser bemerkenswerten Eigenheit klarer zu werden. Unter Umständen sind dabei nur Trivialitäten zu erwarten: Einerseits ist mir Polemik und die Kunst der diskursiven Streitbarkeit ein hohes Gut und sehe ich zudem den Wert der Rolle von geißelnden Mahnerinnen, andererseits treibt mich die Verrohung von Kommunikation unter dem Deckmantel von Originalität und "Authentizität" um. Ob in diesem Zwiespalt eine produktive Einschätzung möglich ist, weiß ich nicht. Unter Umständen bleiben auch nur unbeantwortete Fragen.
Warum diese Heftigkeit in den Auseinandersetzungen auf den Weblogs, von der Alan Jacobs berichtet? Abgesehen von dem bekannten und oft zitierten Troll-Phänomen und der emotionalen Provokation durch unterschiedliche Meinung sieht Jacobs die Ursache in der oft gegebenen Anonymität der Kommentatoren, die vor Ahndung des eigenen Verhaltens schützt. Obwohl diese Erklärung einiges für sich hat, scheint sie mir nicht weitreichend genug. Auch in Internet-Foren, die eine wesentlich dialogischer ausgerichteten Architektur vorweisen als Weblogs, kann man eine ähnliche Enthemmung kommunikativer Aggressivität beobachten wie bei Weblogs. Dabei ist es ganz gleich, ob die Autoren namentlich identifizierbar sind oder nicht. Selbst wo die Diskussionsteilnehmer sich persönlich kennen, kann in den Diskussionen der Foren und Weblogs flächendeckend Anstand und Würde vergessen werden. Das hat architektonische Gründe, die in der oft thematisierten seltsamen Kombination aus Schriftlichkeit, schneller Reaktion und Öffentlichkeit der neuen Medien liegen:
Das schlechteste aus beiden Welten?
Diskussionen auf schriftlichen Internetmedien wie Weblogs, Emaillisten oder Foren vereinigen in einer bemerkenswerten Kombinaton, die der zwischenmenschlichen Qualität der Kommunikation eher schadet, sowohl Eigenschaften des persönlichen Gesprächs mit denen der öffentlichen Debatte durch Printmedien. Mit den herkömmlichen öffentlichen Debatten über Printmedien wie Zeitungen und Flugblätter (man denke auch an den offenen Brief vergangener Zeiten) haben sie die Schriftlichkeit gemein. So fehlen ihnen die vielfältigen auditiven Nuancen eines mündlichen Gesprächs und auch die Möglichkeit Mimik und Gestik in die Kommunikation einzubauen. Das Hilfsarsenal der Smileys ist dabei bekanntlich wenig hilfreich: ein jeder kennt das Phänomen, eine Unverschämtheit in Email-Form erhalten zu haben, die selbst mit ganzen vielen Smileys nicht zu retuschieren war. Durch die mangelnde audtivie und visuelle Kontextualisierung sind kommunikative Missverständnisse in Weblogs und Foren entsprechend schneller möglich als im direkten Gespräch. Die Wucht und der Nimbus der Schriftlichkeit verstärkt solche Missverständnisse noch: Eine schriftliche Abkanzelung wirkt immer vehementer als eine mündliche.
Dies kann als der allgegenwärtige Nachteil schriftlicher Medien verstanden werden, der in sich noch keine besondere Problematik beherbergt. Unsere Kultur hat Wege gefunden damit umzugehen. Anders als in der klassischen Printwelt, die z.B. bei Zeitungen den Zyklus von Schreiben, Druck und Veröffentlichung kennt, erlaubt der Schlagabtausch über die elektronischen Medien aber schnelle Reaktionszeiten, die ähnlich wie im persönlichen Gespräch zu Unüberlegtheit verführen können. Keine Redaktion als das eigene Gehirn prüft und verhindert eventuell eine Äusserung , und keine Nacht, die dem Drucker oder Postboten geschuldet ist, liegt zwischen Äusserung, Erwiederung und Gegenerwiederung. Die Versuchung, in Erregung mit einem Mausklick auf den "Send"-Button zu drücken, ist entsprechend groß. Wie in einem persönlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann auf eine (imaginierte?) Frechheit schnell mit einer eigenen Beleidigung reagiert werden.
Zu diesem Setting gesellt sich dann der öffentliche und Distanzen überbrückende Charakter einer Äusserung, die mittels Foren oder Weblogs lanciert wird: Zum einen ist jede Diskussion zwischen zwei Personen über ein Internetboard oder über Weblogs wie eine lautstarke Diskussion von zwei Besuchern eines Marktplatzes, die sich mittels Megaphon miteinander unterhalten: Manchmal zwanzig, manchmal Hundert oder gar Tausend andere bekommen die Äußerungen des jeweils anderen mit. Wer hier kritisiert wird, z.B. in einer durch Meinungsverschiedenheiten geprägten politischen Diskussion, wird immer auch öffentlich bloßgestellt. Die Wirkungen von öffentlichen Auseinandersetzungen, in denen harte Worte fallen, sind entsprechend verheerend.
Zum anderen ermöglichen aber die neuen Medien Kommunikationsakte über große Entfernungen hinweg. Der eine Megaphon-Sprecher steht vielleicht in München, die andere in Berlin. Entspechend fehlt, anders wie beim persönlichen Gespräch, die unmittelbare soziale Kontrolle, wenn einer der Sprecher über die kommunikativen Stränge schlägt. Oftmals wird ja angemerkt, dass sich aggressive Protagonisten der Internetdiskussionswelt nicht trauen würden im heimischen Rahmen und in jener Sozialumgebung, in die sie eingebunden sind, mit jenem unverschämten Tonfall zu agieren, den sie für ihre Widersacher im digitalen Netz parat haben. Wer unter Freunden und Verwandten in Erregung mal über die Stränge schlägt und ein Mitglied des sozialen Netzes unangemessen anspricht, wird schnell zurecht gewiesen. Und wer als notorischer Plärrer bekannt ist, wer kontinuierlich beleidigt, übertreibt, unverschämt wird, wird schnell einsam. Freunde, Ehepartner, Geliebte und Arbeitskollegen haben vielfältige Möglichkeiten, Kommunikationsrowdies auszugrenzen und durch soziale Kontrolle zu jenen menschenfreundlichen Kommunikationsstandards zu erziehen, die als sozialverträglich gelten. Es gibt dafür auch ein starkes Bedürfnis: Kommunikative Entgleisungen verletzen bekanntlich. Niemand will schäbig behandelt werden.
Neue kommunikative Verzerrungen der Öffentlichkeit?
Im digitalen Netz fehlt diese unmittelbare soziale Kontrolle größtenteils. In der Regel trifft man dort nicht auf Menschen, die Einfluss nehmen können auf die eigenen unmittelbaren Lebensumstände, ein Großteil der Buddies sind in diesem Sinne virtuelle Freunde. Foren und Emaillisten versuchen die fehlende soziale Kontrolle dadurch zu kompensieren, dass sie über Zugangserlaubnisse und Moderation die Netiquette erzwingen. Schaut man sich heutige Foren an, so scheint dies auch nach Jahren der Existenz noch keinen weitergehenden Lerneffekt ausgelöst zu haben. Bei Weblogs fallen selbst diese Rudimente der Steuerung von Kommunikation weg. Bekanntlich gibt es in der Welt der Weblogs keinen Big Brother der Internetzugänglichkeit, der mit entsprechenden Kompentenzen wie die Forenmoderatoren ausgestattet wäre. Ich kann mich vermittels meines Weblogs in den vielstimmigen öffentlichen Raum der "Blogosphäre" einklinken und zugleich in einer kommunikativen Aggressivität schalten und walten, die abgesehen von rechtlichen Sanktionen keinen Grenzen kennt.
Unsere Kultur der Selbstoffenbarung, die als Erbe der christlichen Seelenerkundung sowohl Intimität und persönliches Vertrauen über das perpetuierte Geständnis als auch Selbstentfaltung und Befreiung über das öffentliche Outing herstellt, schafft noch einen weiteren Anreiz zu kommunikativer Enthemmung: Sie wird zum Ausdruck von Authentizität. Ich beleidige, weil ich ehrlich bin. Wer aus tiefster Seele spricht, der zeigt seinen sozialen Wert: Seine Rede ist Zeichen von Individualität, Originalität. Das verbindet sich gerne mit einem temporären Mut als mahnender und geisselnder Prophet, der im Gestus der Unbestechlichkeit Kommunikationsstil mit Aussagenwahrheit in eins setzt: Und sollt ich auch einsam sterben, ich werde meine Meinung sagen. Temporär ist der Mut freilich deshalb, weil im Internet eine Kommunikation möglich wird, die im Bett, unter Freunden, in der Verwandtschaft, am Arbeitsplatz, beim Einkauf und beim Behördengang wesentlich strengeren Auflagen unterliegen würde und dort aller Voraussichtlichkeit auch nicht praktiziert wird. Der Gestus mutiger Authentizität ist also hohl: Im Netz stirbt niemand einsam, denn dem Netz fehlt die relevante soziale Nähe.
Ich bin mir nicht sicher. Aber mir drängt sich die Gedanke auf, ob Weblogs als modernster Ausdruck der Internet-Öffentlichkeit nicht vielleicht den Trend zu einer sozialen Entbettung der Kommunikation anzeigen, die ähnlich verstanden werden kann wie die Entbettung der modernen Marktwirtschaft aus politischen und sozialen Einfassungen, wie dies derzeit im Rahmen der Globalisierungskritik diskutiert wird. Wäre diese Entbettung, wie sie sich hier in einer Avantgarde-Technologie andeutet, der Vorgeschmack von wenig wünschenswerten Strukturveränderungen im Kommunikationsstil der Öffentlichkeit ? Würde sie - während die ihr zugrundeliegende Technologie gleichzeitig auch unbestreitbare Vorteile hat - den bisher bekannten Kommunikationsverzerrungen der Öffentlichkeit und der Demokratie durch die Mediokratie des Fernsehens, das ja ebenfalls unbestreitbare Vorteile hatte, neue hinzufügen?
Fortsetzung
Julio Lambing - Fr, Jul 14, 2006 - Zettelkasten: Blogging
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Ich würde dem trotzdem teilweise widersprechen wollen, bzw. ergänzend anmerken, dass in Blogs durchaus eine gewisse soziale Kontrolle stattfindet. Gerade in Weblogs, in den kleineren mehr als in den großen, finden menschliche Beziehungen statt, die teilweise ähnlich eng sind wie die in den "wirklichen" Welt - teilweise sind das Beziehungen, die auch real existieren. Selbst mit den Lesern, die nicht in persönlicher Beziehung zu dem Autoren stehen, hat dieser meistens noch die Zugehörigkeit zur selben Peer-Group gemeinsam. Auf deinem Blog wären das z.B. philosophieinteressierte Menschen mit hohem Bildungsgrad. Das führt natürlich schon zu einer gewissen Regulation.
Auch nicht zu unterschätzen ist der "Hausherr-Effekt": Der Blog-Autor legt die Spielregeln fest. Läuft einer der Kommentatoren zu stark aus den gesteckten Limits hinaus, stößt er automatisch auf Widerstände: Sei es durch Widerspruch in den Kommentaren, sei es durch Löschung oder Editierung des Kommentars, sei es auch durch das an-den-Pranger-stellen in einem neuen Eintrag (gesehen gerade bei Nerdcore). Meiner Erfahrung nach funktioniert diese soziale Kontrolle deutlich besser als die Versuche von "Nettiquetten" in Internetforen oder auf anderen offenen Boards.
Anders ist das natürlich bei Blog-übergreifenden Diskussionen: In diesem Fall hat jeder Diskussions- bzw. Streit-Teilnehmer die Möglichkeit, die eigene Meinung auf dem eigenen Blog zu veröffentlichen. Von der zuerst beschrieben Variante (soziale Kontrolle im einzelnen Blog) unterscheidet sich diese Spielart der Internet-Streitereien dadurch, dass ein Blogger, der die (anderswo kontrovers gesehene) Meinung im eigenen Blog veröffentlicht, dies vor einem tendenziell ähnlich eingestellten und unkritischen Publikum tut. Das fördert natürlich die Frontenbildung, und da gebe ich dir, was den Mangel an sozialer Kontrolle und das Ausarten von Diskussionen angeht, durchaus Recht. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: Ich habe durchaus schon erlebt, dass ein kritisierte Blogger, so er sich denn gut ausdrücken konnte und gute Argumente hatte, auch in fremden Kommentarthreads seinen Standpunkt effektiv verteidigen konnte.
Noch dazu ist anzumerken, dass die Streitlustigkeit sowohl von Bloggern als auch den Kommentierern längst nicht nur von Faktoren wie dem Grad der Anonymität, der Reichweite oder den (nicht-) vorhandenen sozialenen Bindungen abhängt.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Farbe eines Blogs viel mit der allgemeinen Stimmung zu tun hat: Je dunkler, desto streitlustiger die Kommentatoren, desto weniger Argumente werden in Kontroversen vorgebracht und desto mehr Chance, dass eine Diskussion aus dem Ruder läuft. Blogs aber, die "sauber" sind, also weiß oder wenigstens hell im Hintergrund, orthografisch in Ordnung und thematisch weit weg von "schwierigen" Themen wie Sex, Subkultur oder Politik, werden solche Streitereien (Internet-Slang: "Flamewars") selten erleben.
Außerdem ist natürlich Wut, oder das, was beim Lesen eines Textes dafür gehalten wird, durchaus nicht nur unreflektiert in einen Text gerutscht - ganz im Gegenteil. Die meisten Autoren, vor allem diejenigen, die ihre Macht als Meinungsführer und Medien verstehen, setzen Wut und Subjektivität als Stilmittel ein. Emotion macht einen Text interessant für den Leser, und außerdem, in Bereichen, in denen nicht nur rein logisch argumentiert werden kann, auch nachvollziehbar.
Ich z.B. habe im aktuellen Streit um Opel- und Coca Cola-Bloggen meines Wissens den emotionalsten Text geschrieben - und das bewußt. Ich denke, es handelt sich um ein emotionales Thema, also sollte es auch emotional behandelt werden. Wenn ich wütend bin, warum sollte ich es nicht zeigen. Natürlich ist es eine gewisse Herausforderung, eine so heiß begonnene Diskussion nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, aber es ist durchaus möglich, wenn die elementaren Prinzipien einer konstruktiven Diskursführen beachtet werden: (1.) Trenne zwischen der Sache und der Person, und (2.) bleibe transparent in Agumentation und Meinung.
Das Stilmittel ist tatsächlich markant
Dabei schien mir der Umstand des Hausrechts oder auch der einer gemeinsamen Interessenlage zwischen Betreiber und Leser eines Weblogs nicht weiterführend. Denn selbstverständlich überträgt der Betreiber seines Weblogs seine Vorstellungen, was erlaubte Kommunikation ist, auf die Kommentatoren - durch Vorbild und das Wechselspiel von Toleranz / Sanktion. Da züchtet sich schon jeder Blogger sein eigenes Milieu heran. Aber warum traut man sich überhaupt, sich wie eine kommunikative Wildsau zu benehmen?
Und hier wirkt es so, als ob eben die Erklärung, dass als Betreiber eines Weblogs (oder als geduldeter Kommentator) realiter keine sozialen Sanktionen drohen wie wir sie in ihrer Durchschlagskraft aus dem Alltag kennen. Ich sehe den schmerzhaften Prozess sozialer Ausgrenzung nicht, der ja einen Rüpel am Arbeitsplatz oder auch im Freundeskreis mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erwartet, wenn man so die Gesprächspartner angeht, wie man im Netz mit dem Gegenüber (also dem Betreiber eines anderen Weblogs oder dem Kommentator auf dem eigenen Weblog) umspringt.
Dass die Farbe eines Weblogs Einfluss auf die emotionale Verfassung der Leser und Schreiber hat, halte ich für möglich, auch wenn mir ersteinmal prompt - surpirse, surprise - helle Weblogs als Negativbeispiel einfielen, aber das muss nichts heissen.
Interessant finde ich deine Aussage: "Die meisten Autoren, vor allem diejenigen, die ihre Macht als Meinungsführer und Medien verstehen, setzen Wut und Subjektivität als Stilmittel ein." Via Ix konnte man die Tage nochmal auf den Umstand gestossen werden, das Blogs tatäschlich eng an unsere Geständniskultur angebunden ist, in der Authentizität nicht nur einen überragenden Wert geniesst, sondern als gültige Rechtfertigung für eine Vielzahl von Verhaltensweisen gilt. Denn weder ist die Subjektivität ja etwas natürliches, gleichsam nur aus den Menschen herausbrechendes, noch ist es im Besonderen die Wut. Mir geht es nicht so um diejenige, die mal aus der Haut fährt, obwohl auch dieser Gestus im öffentlichen Raum nicht zufällig ist (und ich immer skeptisch bin bei dem Satz: "Man muss auch mal aus der Haut fahren können." Es sind nicht zufällig oft die gleichen Kadetten, die ihn wiederholt bringen.) Mir geht es um die Häufung des Stilmittels von dargestellter Wut. Denn für mich bleibt die Häufigkeit, mit der man sich in den neuen Medien z.B. in den Habitus des wutentbrannten Mahners oder des zynischen Kommentators kleidet, bemerkenswert.
Dass mich eine bestimmte Verrohung beunruhigt, dürfte ja klar sein und ist auch meine unumstössliche Ausgangsintuition. Ich hoffe, demnächst noch einmal dazu ein paar Gedanken zusammenschreiben zu können. Auf jeden Fall habe ich, dass vielleicht schon vorab angekündigt, wenig Interesse an Argumenten derart, dass es doch alles nicht so schlimm sei. Auch wenn es Situationen gibt, in denen hart zuzulangen die einzig angemessene Strategie ist, gehe ich davon aus, dass dies neben demjenigen der einsteckt auch demjenigen, der austeilt, schadet - und auch noch den Umherstehenden schadet.
Aus dieser Perspektive meine ich, dass unversteckter Subjektivismus - und die daraus automatisch folgende Emotionalität - nicht unbedingt so negativ zu sehen ist. Ix hat Recht, wenn er sagt, dass "Meinung" zunehmend mit Kompetenz verwechselt wird, und natürlich kann das eine das andere nicht ersetzen - Aber, hier geht es ja mehr um die Vermischung von beidem, nicht so sehr um eine Gegensätzlichkeit.
Schade wird es natürlich, wenn Wut und Agression zur Methode werden, nicht nur um sich selbst bei Laune zu halten, sondern auch um Content zu generieren und das eigene Blog interessant zu halten. Viele Leser kennen sich zu wenig aus, um solche "Maschen" zu durchschauen und unterstützen solches Verhalten - und das ist ärgerlich. Trotzdem denke ich, und da spricht dann der Internetrechtler in mir, dass sich solches Verhalten unter dem Strich nicht auszahlt. Denn, wenn auch die normalen sozialen Kontrollmechanismen im Netz vielleicht nicht so gut funktionieren, der Arm des Rechtsstaates reicht weit.