Blogs als Bühne des Vortrefflichen - eine republikanische Fingerübung
Dieser Text ist die Fortsetzung meiner losen Gedankensammlung, die ich mit dem Text "Kommunikative Entbettung: the extraordinary anger in weblogs" vor anderthalb Wochen begonnen habe. Thema dieser Gedankensammlung ist immer noch der außerordentliche Aggressionsgrad und die mehr oder weniger ungezügelte Freude an despektierlichen Äußerungen, die in der Blogosphäre angetroffen werden können. Um mir über die Struktur der Blogosphäre als neuer Raum der Öffentlichkeit klar zu werden, habe ich ein paar grundsätzliche Erwägungen zusammengestellt, die als literaische Bezüge und gedankliche Bewegungen so dahin treiben und ersteinmal - vermutlich wenig erstaunlich - in deutlichem republikanischen Fahrwasser gelandet sind.
Diese sicherlich vorläufigen Umkreisungen (1) des Blogphänomens werden in einem ersten Teil hier nun vorgestellt. In einem zweiten Teil, den ich in den nächsten Tagen online stellen werde, werde ich diese Überlegungen auf eine besonders heftige Auseinandersetzung in der Bloggerwelt anwenden, die mir paradigmatisch erscheint. Dann wird man auch besser abschätzen können, wie weit ein solcher Ansatz zur Deutung des Bloggerphänomens trägt.
Die herkömmliche Idee des öffentlichen Raums
Wir leben wie Hannah Arendt so treffend konstatiert hat, in einer Arbeitsgesellschaft, die dadurch gekennzeichnet, "daß alle Glieder der Gesellschaft, womit immer sie beschäftigt sind, ihre Tätigkeit vornehmlich als Lebensunterhalt für sich selbst und ihre Familien ansehen." (2) Das moderne animal laborans, dessen Leben ein Wechsel zwischen Arbeit und Konsumieren, zwischen Mühe und Erholung, zwischen Arbeitszeit und Freizeit geworden ist, ist einer der wichtigsten Kennzeichen der freien Menschen beraubt: Des spontanen freien Handelns jenseits der Lebensnotwendigkeiten, wie es dem Ideal der Polis inhärent ist. Es wundert nicht, dass diesem modernen Lebenwesen der öffentliche Raum zu einem Ort des Konsumieren verkommen ist, in dem News, Meinungen und Debatten spezifischer Meinungsführer zur Kenntnis genommen werden.
Das klingt in dieser Form zu einseitig. Denn ich möchte nicht das Phänomen der sogenannten „bürgerlichen Öffentlichkeit“ bestreiten, von dem die zeitgenössischen demokratischen Kulturen geprägt sind. Was ist diese Öffentlichkeit und inwieweit prägt sie die modernen Menschen? Traditionellerweise wird dieses Phänomen von vielen in der politischen Philosophie als eine Art gemeinsamer Raum vorgestellt, in dem weit voneinander entfernte Individuen der Gesellschaft "durch eine Vielzahl von Medien wie Presse und Fernsehen oder auch unmittelbar zusammenkommen, um Themen von allgemeinem Interesse zu erörtern und auf diese Weise in der Lage zu sein, sich eine alllgemeine Meinung zu bilden."(3)
Was diesen Diskussionsprozess auszeichnet ist das gesamtgesellschaftliche Verständnis mit dem die Debattenbeiträge ausgesprochen werden und in dessen Licht die folgenden Eigenheiten der öffentlichen Debatte von den Teilnehmern selbst vorausgesetzt werden: Jeder kann prinzipiell an dieser Debatte, die Dinge von allgemeinem Interesse bespricht, teilnehmen; niemand darf von ihr ausgeschlossen werden, denn die Gedanken sind frei und ihre Urheber aneinander gleich. Die Debattenbeiträge sind durch ein Netz von Aktion und Reaktion miteinander verbunden, indem sie sich jeweils aufeinander beziehen. Sie zielen auf die reflexive Verarbeitung der vorgestellten Positionen, auf Überzeugung durch das Argument. Dadurch enthebt sich die diskursive Auseinandersetzung den partikularen Interessen, den Zwisten der Parteien und Interessengruppen und formuliert ihre Lösungen und Einsichten perspektivisch auf das Allgemeinwohl. Die öffentliche Debatte soll allen Aspekten und Gegeneinwänden Gehör schenken, um durch die Kraft der Vernunft tendenziell zu einer einhelligen Meinung aller Beteiligten zu führen. Zusammengefasst:
"Die Öffentlichkeit ist der Ort einer Diskussion, an der potentiell jedermann beteiligt ist (...) und in deren Verlauf die Gesellschaft über Fragen von allgemeinem Interesse eine von allen geteilte Ansicht bilden kann. Diese gemeinsame Absicht ist reflektiert und wird in einer kritischen herausgebildet, im Unterschied zu einer bloßen Summierung der in der Bevölkerung zufällig vertretenen Meinungen." (4)
Da nach dem eigenen Verständnis in dieser Diskussion das Volk selbst beratschlägt und sich durch die Macht der Vernunft die besten Einsichten geboren werden, besteht der Anspruch, dass aufgrund dieser doppelten Autorität die Institutionen der Staaten (Regierungen, Parlamente, Behörden oder Gerichte) auf dieses Wort des Volkes hören. Damit wird aber auch eine entscheidende Distanz zu diesen Institutionen deutlich, die sich durch den repräsentativen Charakter der modernen Massendemokratien ergibt: Denn diese räsonierende Öffentlichkeit betrachtet sich selbst nicht als ausführendes oder beschließendes Organ. Sie ist Kontrolle der Macht, nicht selbst Macht. Sie schränkt die politische Macht, alos ihre Eliten und Entscheidungsträger durch ihr laut hörbares, mit großer Autorität gesprochenes Urteil ein, ohne sich selbst als Teil der politischen Sphäre zu verstehen.
Multi-Level-Verklärung
Soweit zu dem Selbstbild, wie es sich selbst im Gefolge der Aufklärung als regulative Idee eines Zusammenhangs aus Medien, publizistischen Eliten, Parteien und Gelehrten herausbildete und bis heute wirksam ist. Doch ähnlich wie die heutigen Demokratien repräsentativ organisiert sind, ist es durch die mediale Struktur auch die Öffentlichkeit. Denn nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung äußert sich tatsächlich in dem hier vorgestellten Sinne in öffentlicher Form. Der öffentliche Raum ist weitgehend strukturiert durch öffentliche Medien wie Bücher, Zeitungen, Magazinen, Rundfunksendungen und Fernsehen, zu denen als Sprecher qua kommunikativer Kompetenz, Profession und öffentlich bestätigter Bedeutung nur wenige Zugang haben. Sie bündeln und konzentrieren einerseits die öffentliche Debatte und streuen andererseits ihre Inhalte. Denjenigen, die keinen Zugang zu diesen Medien haben, bleibt nicht viel mehr als das Versenden eines Leserbriefs, das einsame Verteilen von Flugblättern in der Innenstadt oder das Aufstellen einer Kiste in der Speakers’ Corner des Londoner Hyde Parks. Kaum einer, der angeblich potentiell an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann, kann dies realiter.
Um solche Diskrepanz nicht als eine Beeinträchtigung der Autorität der öffentlichen Debatte verstehen zu müssen, wird diese Situation von vielen Verteidiger des hier skizzierten Öffentlichkeitskonzepts dadurch erklärt, dass sie es um das idealisierte Bild eines osmotischen Austauschs zwischen unterschiedlichen Verarbeitungsebenen anreichern. Danach werden die politischen Argumente von jener nationalen Bühne politischer Funktionseliten auf die Ebene der öffentlichen Diskursen und kanalisierten Kommunikationsbewegungen der übergreifenden Medien weitergereicht, von diesen bewertet und weiterverarbeitet, und erreichen schließlich die Alltagsebene. Zirkulierend in Tischgesprächen unter Freunden und im Small Talk an der Supermarktkasse werden sie hier ebenso wie auf den anderen Ebenen geprüft, gewertet und vice versa zu den Bündelungsstationen der Debatte zurück- oder weitergereicht.
Doch dieses Bild ist bekanntlich eine Illusion, das zum einen die spezifischen Verzerrungen, die die moderne Welt der Massenmedien schafft, nicht in Rechnung stellt: "Mit der Kommerzialisierung und der Verdichtung des Kommunikationsnetzes, mit dem wachsenden Kapitalaufwand für und dem steigenden Organisationsgrad von publizistischen Einrichtungen wurden die Kommunikationswege stärker kanalisiert und die Zugangschancen zur öffentlichen Kommunikation immer stärkerem Selektionsdruck ausgesetzt. Damit entstand eine neue Kategorie von Einfluss, nämlich eine Medienmacht, die, manipulativ eingesetzt, dem Prinzip der Publizität seine Unschuld raubte. Die durch Massenmedien zugleich vorstrukturierte und beherrschte Öffentlichkeit wuchs sich zu einer vermachteten Armee aus, in der mit Themen und Beiträgen nicht nur um Einfluss, sondern um eine in ihren strategischen Intentionen möglichst verborgene Steuerung verhaltenswirksamer Kommunikationsflüsse gerungen wird." (5) Im Kontext einer Massengesellschaft wird das kulturell räsonierende Publikum zu einem kulturell konsumierenden, von dem nur beschränkt erwartet wird, das es die öffentlichen Diskussionen kritisch verarbeitet.
Die politische Verdammnis des räsonierenden Publikums
Doch abgesehen von den spezifischen Entwicklungen moderner Massenmedien ist es zum anderen eine zentrale Eigenheit der Öffentlichkeit, dass sie fast nur aus einem Publikum besteht, das wenig mehr als durch Applaus oder Bekundungen des Unwillens sich artikulieren kann. Hier zeigen sich generelle Verzerrungen, die unter dem Maßstab einer deliberativen Demokratie von Jürgen Habermas in seiner Rede, die er letzten Monat auf der Dresdner Jahrestagung der International Communication Association (ICA) hielt, so zusammengefasst worden sind:
"(...) The political public sphere is at the same time dominated by the kind of mediated communication that lacks the defining features of deliberation. Evident shortcomings in this regard are:
- the lack of face-to-face interaction between present participants in a shared practice of collective decision-making; and
- the lack of reciprocity between the roles of speakers and addressees in an egalitarian exchange of claims and opinions." (6)
Wer Publikum ist, sei es auch räsonierend, hat einen entscheidenden Ausdruck menschlicher Freiheit und Größe verloren, nämlich die Fähigkeit als politisch Handelnder und Sprechender in der öffentlichen Sphäre sichtbar zu sein. Letztere ist die zentrale Chance der flüchtigen Vergeblichkeit unseres Lebens zu entkommen, in dem wir ein Leben der Bedeutungslosigkeit gegen jenes der sozialen Sichtbarkeit austauschen:
„Handelnd und sprechend offenbaren sich die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt, auf der sie so nicht sichtbar waren (...) Diese Aufschluss-gebende Qualität des Sprechens und Handelns, durch die, über das Besprochene und Gehandelte hinaus, ein Sprecher und Täter mit in die Erscheinung tritt, kommt aber eigentlich nur da ins Spiel, wo Menschen miteinander, und weder für- noch gegeneinander, sprechen und agieren. (...) Handeln, das in der Anonymität verbleibt, eine Tat, für die kein Täter namhaft gemacht werden kann, ist sinnlos und verfällt der Vergessenheit; es ist niemand da, von dem man die Geschichte erzählen könnte.“ (7)
Wer einem politischen Gemeinwesen zugeordnet wird, aber faktisch durch die Strukturen zum Schweigen verurteilt ist, ist ein politischer Niemand. Das Leben des animal laborans ist zur Bedeutungslosigkeit eingedrückt und durch die Eigendynamik der Gesellschaft selbst zu einem Schattendasein in den Randzonen der bürgerlichen Öffentlichkeit gedrängt worden, das sich nur noch über Wahlen, Umfragen und der Transmission vermittels journalistischer Repräsentanten hin- und wieder seiner eigenen schemenhaften politischen Existenz versichern kann. Der Mensch verliert seine öffentliche Dimension und wird tendenziell schlichter Privatier. Und so wird in der modernen Gesellschaft aus jener sozialen Abgeschiedenheit des Menschen, die er in der antiken Kultur nur in seine Rolle als Privatmensch auslebte und die sein Dasein im öffentlichen Raum als Bürger nur ergänzte, zu einer generellen Beschreibung seines Lebens in der Moderne: "Was er tut oder läßt, bleibt ohne Bedeutung, hat keine Folgen und was ihn angeht, geht keinen etwas an."(8)
Politikverdrossenheit als partizipatorische Impotenz
Die Aussichtslosigkeit des Dasein als Publikum besteht darin, dass die Macht- und Marktverhältnisse der durch die modernen Medien strukturierten Öffentlichkeit dem Bürger eben tatsächlich nur die theoretische Chance geben, in den Diskurs der Öffentlichkeit einzutreten. Praktisch berauben sie ihn seiner Stimme. Zynisch wird es dadurch, dass die Mitgliedschaft im Publikum ihn permanent mit jener pathetischen Idee unserer demokratischen Kultur konfrontiert, gemäß der die repräsentative Öffentlichkeit Ausdruck des gemeinsamen Räsonierens und Argumentenaustausch, also Ausdruck der Debatte des Volkes sei. Was, wenn nicht solche, permanent vorgeführte Ausweglosigkeit macht den Bürger zu jenem machtlosen und frustrierten Wesen, das sich von der Politik abwendet, weil sie gar nicht seine Politik ist. Vielleicht ist das Prinzip der Scheidung einer öffentlichen Sphäre von derjenigen der politischen ja auch Ausdruck und Eingeständnis jener partizipatorischen Impotenz, zu der die Arbeitsgesellschaft das unter permanenten Produktions- und Konsumstrom stehende Arbeitstier und die Massengesellschaft das vereinzelte und unbedeutende Individuum verdammt.
Wer des sprechenden Handelns in der öffentlichen Sphäre beraubt ist, der muss politikverdrossen werden: "Politikverdrossenheit wird zum Sammelbegriff eines gestörten Verhältnisses der Bürger zum öffentlichen Leben, die Funktionsfähigkeit der Politik schlechthin gerät in Zweifel. Diese Verdrossenheit signalisiert die beeinträchtigten Bindungen des Einzelnen an die Politik. Die sozialintegrative Funktion des öffentlichen Lebens (...) ist in der Haltung des Politikverdrossenen unterbrochen. Rückzugstendenzen sind die Folge. Der Grundstock einer integrativem Gegenseitigkeit im Kollektiv schwindet. Das sogenannte "Sozialkapital" scheint aufgebraucht. Die Beteiligung an politischen Wahlen sinkt, das Engagement in politischen Parteien ist rückläufig, die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften nimmt ab, die Besucherzahlen von Kirchen gehen zurück, und zugleich wächst ein sogenannter "solidarischer Individualismus", nämlich ein Engagement in Sportvereinen und anderen Freizeitveranstaltungen, mit denen sich die Bürger zwar ihre Geselligkeit bewahren, sich aber aus ihrer aktiven politischen Rolle zurückziehen." (9)
Zu glauben, dass diese Entwicklung entscheidend auf das - sicherlich problematische - Phänomen der Zentralisierung zurückgeführt werden kann, halte ich für einen Irrweg. Charles Taylor z.B. stellt als Ursache der Entfremdung des Staatsbürgers der Zentralisierung der öffentlichen Geschäfte durch eine Staatsgewalt (wie Tocqueville sie in seinen berühmten Passagen des zweiten Bandes der "Demokratie in Amerika" beschrieben hat) eine Zentralisierung der Öffentlichkeit an die Seite: "Wie auch in der Politik können auch hier lokale Sorgen und Nöte kaum bis zum Zentrum durchdringen; so kann es kommen, dass sich die nationale Debatte auf eine kleine Zahl landesweit operierender Medien konzentriert, die kein Ohr für lokale Belange haben. (...) Auch in der Sphäre der der Öffentlichkeit ist eine Dezentralisierung erforderlich, wie Tocqueville sie vorgeschlagen hat." (10)
Taylor übersieht meines Erachtens, dass die entscheidende Problematik für das Versagen der Öffentlichkeit in dem Dasein des Publikums als solcher liegt, also in der permanenten Konfrontation mit der eigenen Impotenz zu Sprechen und sprechend zu handeln angesichts einer gleichzeitigen Ideologie, dass die Öffentlichkeit Raum aller zur Debatte gewillten Bürger sei.
Die Blogosphäre als Zwitterwesen von Polis und klassischer Öffentlichkeit
Aus diesem Blickwinkel heraus ist das Auftauchen von Weblogs ein bemerkenswerter Umbruch, da sie Teil jener Entwicklung des Internets sind, die "counterbalances the seeming deficits that stem from the impersonal and asymmetrical character of broadcasting by reintroducing deliberative elements in electronic communication." (11)
Das animal laborans wird durch die kontingente, keineswegs durch irgendeine Form von zivilisatorischen Fortschrittsautomatismus garantierte Neuerung kostenloser Publikationstechnologie in die Möglichkeit gesetzt, die Rolle des Publikums zu verlassen: An den klassischen zentralen Medien vorbei kann es seiner Stimme und Meinung Ausdruck geben und so von neuem sich einen öffentlichen Raum zu schaffen, der dergestalt vorher nicht vorhanden war und in seiner Dynamik bemerkenswerte Aspekte der Verständigung über öffentliche Angelegenheiten, wie sie in der antiken Republik oder Polis herrschten, wieder lebendig werden lässt.
Natürlich ist die Polis entschieden von den jetzigen Verhältnissen in den modernen Demokratien zu trennen, seien sie nun durch die neuen digitalen Medien geprägt oder nicht, und zwar dadurch, dass in ersterer die im Privatleben oder auf den öffentlichen Versammlungen zelebrierten Debatten von jenen Menschen geführt wurden, die als Teil der Polis letztendlich auch die Entscheidungen getroffen haben. Die „Öffentlichkeit“ der Polis wurde gerade nicht als etwas verstanden, das von den Entscheidungen der Macht getrennt war. Auch der Umstand, dass in den heutigen neuen Medien, ganz besonders aber in der Phänomen der Weblogs ein Ausdruck und Thematisierung des Privaten vorherrscht, wie er für das antike Politikverständnis eben nicht typisch war, muss erwähnt werden. So liegt es nahe die Blogosphäre, wie ich es einmal getan habe, mit der agora in ihrer Funktion als Marktplatz und Treffpunkt (und nicht in ihrer Funktion als Tagungsort der ekklesia) zu vergleichen.
Aber da Sprechen eine zentrale Form des Handelns ist, tritt in den Meinungsäußerungen der Weblogs ein zwar nur zur Häfte entfalteter, aber dennoch im Vergleich zur bisherigen Öffentlichkeit eklatanter Vollzug von Freiheit in Kraft, wie er in der antiken Polis zur vollen Blüte hat kommen können. Den Unterschied im Niveau zu betonen ist wichtig, denn wenn „die lebendige Tat und das gesprochene Wort das größte sind, wessen Menschen fähig sind“ (12), dann zeigt dieses „und“ zwischen den Wörtern „Tat“ und „Wort“ die einzigartige Stellung an, die die Polis als Blaupause aller späteren Demokratien geniest. Denn in der klassischen Polis war ein jeder Bürger zugleich Zuschauer und Mithandelnder. (13) Und doch werden Menschen, die von der klassischen Öffentlichkeit bisher an den Rand der politischen Existenz gedrängt worden sind, durch die neuen Medien als öffentliche Wesen sichtbar und als sprechende Wesen im eigentlichen Sinne politisch und lösen somit einen Teil jener eigentlichen republikanischen Würde der Politik ein, die ihre Wurzeln in der antiken Kultur hat. Wer sprechend in der Öffentlichkeit intervenieren kann, ist ein politisch Handelnder.
Der öffentliche Raum als digitale Distanz der Weblogs
Das hat enorme Konsequenzen für die Beteiligten: Einen öffentlichen Raum wie den der Weblogs zu betreten heißt zunächst einmal, sich als Gleicher unter Gleiche zu begeben. "Gleich" bedeutet hier nicht einem identischen sozialen Milieu anzugehören - auch wenn tatsächlich die Bloggerszene was soziale Verortung angeht, derzeit doch recht homogen wirkt - sondern die Möglichkeit zu haben, auf Augenhöhe neue Ideen und Vorstellungen auszutauschen. Wer hier gleich ist, ist es, weil die Wertigkeit seiner Aussage frei ist von der ökonomischen Potenz, wie sie auch immer sonst in seinem Privatleben eine Rolle spielen mag. Dagegen ist im Bereich der Print- und Rundfunkmedien ökonomische Potenz und geschäftlicher Erfolg (entweder auf dem Anzeigen- oder Konsumentenmarkt) entscheidende Voraussetzung dafür, als Medium an der öffentlichen Debatte teilzunehmen. Das schafft entsprechende Abhängigkeiten, die auch diejenigen betreffen, denen man das Forum zur Veröffentlichung der eigenen Meinung zur Verfügung stellt. Die entsprechenden Verzerrungen des öffentlichen Raums durch ökonomische Mechanismen sind entsprechend oft beschrieben worden. (14)
Aufgrund der kostenlosen oder mit äußerst geringem finanziellem Aufwand zu betreibenden Infrastruktur, besteht diese grundlegende Abhängigkeit von ökonomischen Interessen beim Betreiben eines Weblogs nicht. Bemerkenswerterweise führt dies dazu, dass im Vergleich zur sonstigen Öffentlichkeit in der Blogosphäre die ökonomische Situation und der berufliche Status ähnlich wie in der antiken Polis der privaten Sphäre zugeschlagen wird. Der Umstand, dass jemand zur vermögenden Oberschichtsklasse oder zur Führungsebene eines Konzern gehört [die richtigen Links bitte selber einsetzen], wird als - unter Umständen schützenswerte - Privatsache deklariert und soll auf jeden Fall erklärtermaßen keine Rolle im Wettstreit um persönliche Autorität spielen. (15)
Das Gleichsein der Weblogs, wie es sich bisher darstellt, meint überhaupt nichts Vorgängiges, dass durch irgendeine Art von menschlicher Eigenschaft als Verbindendes in den öffentliche Raum getragen wird, sondern ist etwas, durch die Tatsache unterschiedlicher Meinungen Hergestelltes:
"(...) Die Wirklichkeit des öffentlichen Raumes [erwächst] aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven, in denen ein Gemeinsames sich präsentiert und für die es keinen gemeinsamen Maßstab und keinen Generalnenner je geben kann. Denn wiewohl die gemeinsame Welt den allen gemeinsamen Versammlungsort bereitstellt, so nehmen doch alle, die hier zusammenkommen, jeweils verschiedene Plätze in ihr ein, und die Position des einen kann mit der eines anderen in ihr sowenig zusammenfallen, wie die Position zweier Gegenstände. Das von Anderen Gesehen- und Gehört werden erhält seine Bedeutsamkeit von der Tatsache, daß ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört." (16)
Der öffentliche Raum ist das Zwischen, das sich zwischen diesen Gleichen bildet - metaphorisch in unserem Fall gesprochen: die digitale Distanz, die zwischen den Weblogs herrscht. Und er eröffnet so als Raum von durch Sprache handelnden und sichtbar werdenden Ebenbürtigen ein Universum der Perspektivenvielfalt (17), das als Brutkammer für das Beste der Politik fungieren kann: Die Vortrefflichkeit.
Vortrefflichkeit der Weblogger und Opel + Coca-Cola
"Vortrefflichkeit, die griechische arete, die römische virtus, haben ihren Ort immer im Bereich des Öffentlichen gehabt, wo man andere übertreffen und sich vor ihnen auszeichen konnte. Was immer man öffentlich tut, kann daher eine Vortrefflichkeit erreichen, die keiner Tätigkeit innerhalb des Privaten je zukommen kann; Vortrefflichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß andere zugegen sind, und diese Anwesenheit bedarf eines für diesen Zweck ausdrücklich konstituierten Raumes mitsamt einer räumlich etablierten, Abstand schaffenden Formalität; die familiär vertraute Umgebung derer, die zu uns gehören, kann Vortrefflichkeit nicht nur niemals gültig bestätigen, sie würde durch das Sich-Auszeichnen selbst geradezu gesprengt werden." (18)
Die Pluralität der freien Anderen erschafft die Chance, Vortrefflichkeit und Herausragendes in den eigenen Ideen zu gebären und damit auch in Unternehmungen (durch sprechende Handlung) zu bewerkstelligen. Vortrefflichkeit entsteht nur durch Sichtbarkeit: „Im Politischen: Wir müssen erscheinen, sehen und gesehen werden, hören und gehört werden, was wir zeigen sind wir und nicht umgekehrt. Wir können nicht einfach umhergehen und uns zeigen, wie wir sind. Was wir sind, ist nicht wichtig, es ist privat.“ (19) Tugendhaftigkeit, die immer nur in einem sozialen Umfeld mit wechselseitiger Anerkennung Sinn macht, wird damit zur Schwester der politischen Sichtbarkeit. Die Macht öffentlich zu sprechen zieht so wie der Honig die Bienen unweigerlich die Verständigung über die Vortrefflichkeit desjenigen nach sich, der da sprechend in der Öffentlichkeit interveniert. Diejenigen, die die Macht zu sprechen haben, wie z.B. Politiker, bekannte Publizisten etc. werden immer daran gemessen, ob ihr sprechendes Handeln Ausdruck tugendhafter Eigenschaften (wie Ehrlichkeit, Klugheit, Besonnenheit etc. ) sind. Und es ist kein Zufall, dass viele bedeutende Theoretiker des Republikanismus auch Fragen der Tugendhaftigkeit im Auge hatten. (20)
Um so bemerkenswerter ist der Umstand, dass Fragen der Vortrefflichkeit, ebenso der Tugendhaftigkeit auch in der Blogosphäre eine Rolle spielen. Sie tauchten ganz besonders in jenem Konflikt auf, den ich als paradigmatisch für die überbordende Aggressivität sehe, die der mich interessierende Ausgangspunkt dieser Aufsatzreihe ist. Er lässt sich - neben vielen anderen Lesarten - in zwei Weisen beschreiben, die auf die hier vorgestellte Deutung der Blogosphäre Bezug nehmen:
Fußnoten
(1) Nicht nur aufgrund meiner Unbedarftheit hinsichtlich von Medientheorien, sondern auch wegen meiner mangelnden Kenntnis des Gegenstandes: Trotz knapp 600 Tagen Laufzeit dieses Experiments habe ich das Weblog-Universum nur vermittels einiger Blogrolls, der Update-Liste von Twoday, derjenigen, die hier einen Kommentar hinterlassen oder auf mich verlinkt haben haben und der Suchmaschiene technorati erschlossen. Die Welt von MySpace oder myblog ist mir z.B. unbekannt. Berufenere Köpfe für abstrakte Erwägungen rund um Weblogs sind z.B. eher hier, hier, hier oder hier zu finden.
(2) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 59
(3) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 96; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(4) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 102; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(5) Jürgen Habermas: „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“; Frankfurt a.M. 1999 ; S.
(6) Jürgen Habermas: „Political communication in media society – Does democracy still enjoy an epistemic dimension? The impact of normative theory on empirical research”. Rede vom 20. Juni 2006 in Dresden anlässlich der Konferenz der International Communication Association (ICA). (Stand 25.07.2006)
(7) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 219 - 222
(8) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 59
(9) Emanuel Richter: "Republikanische Politik. Demokratische Öffentlichkeit und politische Moralität"; Hamburg 2004; S. 157
(10) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 127; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(11) Jürgen Habermas: „Political communication in media society – Does democracy still enjoy an epistemic dimension? The impact of normative theory on empirical research”. Rede vom 20. Juni 2006 in Dresden anlässlich der Konferenz der International Communication Association (ICA). (Stand 25.07.2006)
(12) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 261
(13) Wer hier einwenden möchte, dass dies für Besitzlose, Frauen, Sklaven etc. nicht galt, dem sei erwidert, dass diese Ausgeschlossenen auch nicht Bürger der Polis waren. Was selbstverständlich nicht heißen soll, daß dieser Zustand überzeugend gerechtfertigt werden kann. Schon die antike griechische Kultur kannte die kritische Thematisierung der Frage, wie gerechtfertigt und gerecht die Behandlung von Frauen, Sklaven und Besitzlosen war.
(14) Klassisch natürlich: Jürgen Habermas: „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“; Frankfurt a.M. 1999
(15) Ob dieser Umstand so bestehen bleibt, bleibt abzuwarten.
(16) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 71
(17) Siehe dazu aber auch die Erwägungen von Azi Lev-On und Bernard Manin: „Happy accidents - Deliberation and online exposure to opposing views“; Esprit mai 2006 ("Que nous réserve le numérique ?"); (Stand 19.07.2006)
(18) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 61
(19) Hannah Arendt: „Machiavelli“; in: Hannah Arendt: „History of political theory, lectures“; unveröff. 1955; S. 24, Library of Congres, Arendt papers, Box 39. Zitiert nach und deutsche Übersetzung von Karl-Heinz Breier: „Hannah Arendt zur Einführung“; Hamburg 2001; S. 71
(20) Aristoteles, Cicero, Montesquieu etc. Auch wenn die virtù eines Niccolò Machiavelli nichts mit der römischen virtus zu tun hat, so ist auch bei ihr das Moment der Vortrefflichkeit ein wichtiger Beiklang.
Diese sicherlich vorläufigen Umkreisungen (1) des Blogphänomens werden in einem ersten Teil hier nun vorgestellt. In einem zweiten Teil, den ich in den nächsten Tagen online stellen werde, werde ich diese Überlegungen auf eine besonders heftige Auseinandersetzung in der Bloggerwelt anwenden, die mir paradigmatisch erscheint. Dann wird man auch besser abschätzen können, wie weit ein solcher Ansatz zur Deutung des Bloggerphänomens trägt.
Die herkömmliche Idee des öffentlichen Raums
Wir leben wie Hannah Arendt so treffend konstatiert hat, in einer Arbeitsgesellschaft, die dadurch gekennzeichnet, "daß alle Glieder der Gesellschaft, womit immer sie beschäftigt sind, ihre Tätigkeit vornehmlich als Lebensunterhalt für sich selbst und ihre Familien ansehen." (2) Das moderne animal laborans, dessen Leben ein Wechsel zwischen Arbeit und Konsumieren, zwischen Mühe und Erholung, zwischen Arbeitszeit und Freizeit geworden ist, ist einer der wichtigsten Kennzeichen der freien Menschen beraubt: Des spontanen freien Handelns jenseits der Lebensnotwendigkeiten, wie es dem Ideal der Polis inhärent ist. Es wundert nicht, dass diesem modernen Lebenwesen der öffentliche Raum zu einem Ort des Konsumieren verkommen ist, in dem News, Meinungen und Debatten spezifischer Meinungsführer zur Kenntnis genommen werden.
Das klingt in dieser Form zu einseitig. Denn ich möchte nicht das Phänomen der sogenannten „bürgerlichen Öffentlichkeit“ bestreiten, von dem die zeitgenössischen demokratischen Kulturen geprägt sind. Was ist diese Öffentlichkeit und inwieweit prägt sie die modernen Menschen? Traditionellerweise wird dieses Phänomen von vielen in der politischen Philosophie als eine Art gemeinsamer Raum vorgestellt, in dem weit voneinander entfernte Individuen der Gesellschaft "durch eine Vielzahl von Medien wie Presse und Fernsehen oder auch unmittelbar zusammenkommen, um Themen von allgemeinem Interesse zu erörtern und auf diese Weise in der Lage zu sein, sich eine alllgemeine Meinung zu bilden."(3)
Was diesen Diskussionsprozess auszeichnet ist das gesamtgesellschaftliche Verständnis mit dem die Debattenbeiträge ausgesprochen werden und in dessen Licht die folgenden Eigenheiten der öffentlichen Debatte von den Teilnehmern selbst vorausgesetzt werden: Jeder kann prinzipiell an dieser Debatte, die Dinge von allgemeinem Interesse bespricht, teilnehmen; niemand darf von ihr ausgeschlossen werden, denn die Gedanken sind frei und ihre Urheber aneinander gleich. Die Debattenbeiträge sind durch ein Netz von Aktion und Reaktion miteinander verbunden, indem sie sich jeweils aufeinander beziehen. Sie zielen auf die reflexive Verarbeitung der vorgestellten Positionen, auf Überzeugung durch das Argument. Dadurch enthebt sich die diskursive Auseinandersetzung den partikularen Interessen, den Zwisten der Parteien und Interessengruppen und formuliert ihre Lösungen und Einsichten perspektivisch auf das Allgemeinwohl. Die öffentliche Debatte soll allen Aspekten und Gegeneinwänden Gehör schenken, um durch die Kraft der Vernunft tendenziell zu einer einhelligen Meinung aller Beteiligten zu führen. Zusammengefasst:
"Die Öffentlichkeit ist der Ort einer Diskussion, an der potentiell jedermann beteiligt ist (...) und in deren Verlauf die Gesellschaft über Fragen von allgemeinem Interesse eine von allen geteilte Ansicht bilden kann. Diese gemeinsame Absicht ist reflektiert und wird in einer kritischen herausgebildet, im Unterschied zu einer bloßen Summierung der in der Bevölkerung zufällig vertretenen Meinungen." (4)
Da nach dem eigenen Verständnis in dieser Diskussion das Volk selbst beratschlägt und sich durch die Macht der Vernunft die besten Einsichten geboren werden, besteht der Anspruch, dass aufgrund dieser doppelten Autorität die Institutionen der Staaten (Regierungen, Parlamente, Behörden oder Gerichte) auf dieses Wort des Volkes hören. Damit wird aber auch eine entscheidende Distanz zu diesen Institutionen deutlich, die sich durch den repräsentativen Charakter der modernen Massendemokratien ergibt: Denn diese räsonierende Öffentlichkeit betrachtet sich selbst nicht als ausführendes oder beschließendes Organ. Sie ist Kontrolle der Macht, nicht selbst Macht. Sie schränkt die politische Macht, alos ihre Eliten und Entscheidungsträger durch ihr laut hörbares, mit großer Autorität gesprochenes Urteil ein, ohne sich selbst als Teil der politischen Sphäre zu verstehen.
Multi-Level-Verklärung
Soweit zu dem Selbstbild, wie es sich selbst im Gefolge der Aufklärung als regulative Idee eines Zusammenhangs aus Medien, publizistischen Eliten, Parteien und Gelehrten herausbildete und bis heute wirksam ist. Doch ähnlich wie die heutigen Demokratien repräsentativ organisiert sind, ist es durch die mediale Struktur auch die Öffentlichkeit. Denn nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung äußert sich tatsächlich in dem hier vorgestellten Sinne in öffentlicher Form. Der öffentliche Raum ist weitgehend strukturiert durch öffentliche Medien wie Bücher, Zeitungen, Magazinen, Rundfunksendungen und Fernsehen, zu denen als Sprecher qua kommunikativer Kompetenz, Profession und öffentlich bestätigter Bedeutung nur wenige Zugang haben. Sie bündeln und konzentrieren einerseits die öffentliche Debatte und streuen andererseits ihre Inhalte. Denjenigen, die keinen Zugang zu diesen Medien haben, bleibt nicht viel mehr als das Versenden eines Leserbriefs, das einsame Verteilen von Flugblättern in der Innenstadt oder das Aufstellen einer Kiste in der Speakers’ Corner des Londoner Hyde Parks. Kaum einer, der angeblich potentiell an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann, kann dies realiter.
Um solche Diskrepanz nicht als eine Beeinträchtigung der Autorität der öffentlichen Debatte verstehen zu müssen, wird diese Situation von vielen Verteidiger des hier skizzierten Öffentlichkeitskonzepts dadurch erklärt, dass sie es um das idealisierte Bild eines osmotischen Austauschs zwischen unterschiedlichen Verarbeitungsebenen anreichern. Danach werden die politischen Argumente von jener nationalen Bühne politischer Funktionseliten auf die Ebene der öffentlichen Diskursen und kanalisierten Kommunikationsbewegungen der übergreifenden Medien weitergereicht, von diesen bewertet und weiterverarbeitet, und erreichen schließlich die Alltagsebene. Zirkulierend in Tischgesprächen unter Freunden und im Small Talk an der Supermarktkasse werden sie hier ebenso wie auf den anderen Ebenen geprüft, gewertet und vice versa zu den Bündelungsstationen der Debatte zurück- oder weitergereicht.
Doch dieses Bild ist bekanntlich eine Illusion, das zum einen die spezifischen Verzerrungen, die die moderne Welt der Massenmedien schafft, nicht in Rechnung stellt: "Mit der Kommerzialisierung und der Verdichtung des Kommunikationsnetzes, mit dem wachsenden Kapitalaufwand für und dem steigenden Organisationsgrad von publizistischen Einrichtungen wurden die Kommunikationswege stärker kanalisiert und die Zugangschancen zur öffentlichen Kommunikation immer stärkerem Selektionsdruck ausgesetzt. Damit entstand eine neue Kategorie von Einfluss, nämlich eine Medienmacht, die, manipulativ eingesetzt, dem Prinzip der Publizität seine Unschuld raubte. Die durch Massenmedien zugleich vorstrukturierte und beherrschte Öffentlichkeit wuchs sich zu einer vermachteten Armee aus, in der mit Themen und Beiträgen nicht nur um Einfluss, sondern um eine in ihren strategischen Intentionen möglichst verborgene Steuerung verhaltenswirksamer Kommunikationsflüsse gerungen wird." (5) Im Kontext einer Massengesellschaft wird das kulturell räsonierende Publikum zu einem kulturell konsumierenden, von dem nur beschränkt erwartet wird, das es die öffentlichen Diskussionen kritisch verarbeitet.
Die politische Verdammnis des räsonierenden Publikums
Doch abgesehen von den spezifischen Entwicklungen moderner Massenmedien ist es zum anderen eine zentrale Eigenheit der Öffentlichkeit, dass sie fast nur aus einem Publikum besteht, das wenig mehr als durch Applaus oder Bekundungen des Unwillens sich artikulieren kann. Hier zeigen sich generelle Verzerrungen, die unter dem Maßstab einer deliberativen Demokratie von Jürgen Habermas in seiner Rede, die er letzten Monat auf der Dresdner Jahrestagung der International Communication Association (ICA) hielt, so zusammengefasst worden sind:
"(...) The political public sphere is at the same time dominated by the kind of mediated communication that lacks the defining features of deliberation. Evident shortcomings in this regard are:
- the lack of face-to-face interaction between present participants in a shared practice of collective decision-making; and
- the lack of reciprocity between the roles of speakers and addressees in an egalitarian exchange of claims and opinions." (6)
Wer Publikum ist, sei es auch räsonierend, hat einen entscheidenden Ausdruck menschlicher Freiheit und Größe verloren, nämlich die Fähigkeit als politisch Handelnder und Sprechender in der öffentlichen Sphäre sichtbar zu sein. Letztere ist die zentrale Chance der flüchtigen Vergeblichkeit unseres Lebens zu entkommen, in dem wir ein Leben der Bedeutungslosigkeit gegen jenes der sozialen Sichtbarkeit austauschen:
„Handelnd und sprechend offenbaren sich die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt, auf der sie so nicht sichtbar waren (...) Diese Aufschluss-gebende Qualität des Sprechens und Handelns, durch die, über das Besprochene und Gehandelte hinaus, ein Sprecher und Täter mit in die Erscheinung tritt, kommt aber eigentlich nur da ins Spiel, wo Menschen miteinander, und weder für- noch gegeneinander, sprechen und agieren. (...) Handeln, das in der Anonymität verbleibt, eine Tat, für die kein Täter namhaft gemacht werden kann, ist sinnlos und verfällt der Vergessenheit; es ist niemand da, von dem man die Geschichte erzählen könnte.“ (7)
Wer einem politischen Gemeinwesen zugeordnet wird, aber faktisch durch die Strukturen zum Schweigen verurteilt ist, ist ein politischer Niemand. Das Leben des animal laborans ist zur Bedeutungslosigkeit eingedrückt und durch die Eigendynamik der Gesellschaft selbst zu einem Schattendasein in den Randzonen der bürgerlichen Öffentlichkeit gedrängt worden, das sich nur noch über Wahlen, Umfragen und der Transmission vermittels journalistischer Repräsentanten hin- und wieder seiner eigenen schemenhaften politischen Existenz versichern kann. Der Mensch verliert seine öffentliche Dimension und wird tendenziell schlichter Privatier. Und so wird in der modernen Gesellschaft aus jener sozialen Abgeschiedenheit des Menschen, die er in der antiken Kultur nur in seine Rolle als Privatmensch auslebte und die sein Dasein im öffentlichen Raum als Bürger nur ergänzte, zu einer generellen Beschreibung seines Lebens in der Moderne: "Was er tut oder läßt, bleibt ohne Bedeutung, hat keine Folgen und was ihn angeht, geht keinen etwas an."(8)
Politikverdrossenheit als partizipatorische Impotenz
Die Aussichtslosigkeit des Dasein als Publikum besteht darin, dass die Macht- und Marktverhältnisse der durch die modernen Medien strukturierten Öffentlichkeit dem Bürger eben tatsächlich nur die theoretische Chance geben, in den Diskurs der Öffentlichkeit einzutreten. Praktisch berauben sie ihn seiner Stimme. Zynisch wird es dadurch, dass die Mitgliedschaft im Publikum ihn permanent mit jener pathetischen Idee unserer demokratischen Kultur konfrontiert, gemäß der die repräsentative Öffentlichkeit Ausdruck des gemeinsamen Räsonierens und Argumentenaustausch, also Ausdruck der Debatte des Volkes sei. Was, wenn nicht solche, permanent vorgeführte Ausweglosigkeit macht den Bürger zu jenem machtlosen und frustrierten Wesen, das sich von der Politik abwendet, weil sie gar nicht seine Politik ist. Vielleicht ist das Prinzip der Scheidung einer öffentlichen Sphäre von derjenigen der politischen ja auch Ausdruck und Eingeständnis jener partizipatorischen Impotenz, zu der die Arbeitsgesellschaft das unter permanenten Produktions- und Konsumstrom stehende Arbeitstier und die Massengesellschaft das vereinzelte und unbedeutende Individuum verdammt.
Wer des sprechenden Handelns in der öffentlichen Sphäre beraubt ist, der muss politikverdrossen werden: "Politikverdrossenheit wird zum Sammelbegriff eines gestörten Verhältnisses der Bürger zum öffentlichen Leben, die Funktionsfähigkeit der Politik schlechthin gerät in Zweifel. Diese Verdrossenheit signalisiert die beeinträchtigten Bindungen des Einzelnen an die Politik. Die sozialintegrative Funktion des öffentlichen Lebens (...) ist in der Haltung des Politikverdrossenen unterbrochen. Rückzugstendenzen sind die Folge. Der Grundstock einer integrativem Gegenseitigkeit im Kollektiv schwindet. Das sogenannte "Sozialkapital" scheint aufgebraucht. Die Beteiligung an politischen Wahlen sinkt, das Engagement in politischen Parteien ist rückläufig, die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften nimmt ab, die Besucherzahlen von Kirchen gehen zurück, und zugleich wächst ein sogenannter "solidarischer Individualismus", nämlich ein Engagement in Sportvereinen und anderen Freizeitveranstaltungen, mit denen sich die Bürger zwar ihre Geselligkeit bewahren, sich aber aus ihrer aktiven politischen Rolle zurückziehen." (9)
Zu glauben, dass diese Entwicklung entscheidend auf das - sicherlich problematische - Phänomen der Zentralisierung zurückgeführt werden kann, halte ich für einen Irrweg. Charles Taylor z.B. stellt als Ursache der Entfremdung des Staatsbürgers der Zentralisierung der öffentlichen Geschäfte durch eine Staatsgewalt (wie Tocqueville sie in seinen berühmten Passagen des zweiten Bandes der "Demokratie in Amerika" beschrieben hat) eine Zentralisierung der Öffentlichkeit an die Seite: "Wie auch in der Politik können auch hier lokale Sorgen und Nöte kaum bis zum Zentrum durchdringen; so kann es kommen, dass sich die nationale Debatte auf eine kleine Zahl landesweit operierender Medien konzentriert, die kein Ohr für lokale Belange haben. (...) Auch in der Sphäre der der Öffentlichkeit ist eine Dezentralisierung erforderlich, wie Tocqueville sie vorgeschlagen hat." (10)
Taylor übersieht meines Erachtens, dass die entscheidende Problematik für das Versagen der Öffentlichkeit in dem Dasein des Publikums als solcher liegt, also in der permanenten Konfrontation mit der eigenen Impotenz zu Sprechen und sprechend zu handeln angesichts einer gleichzeitigen Ideologie, dass die Öffentlichkeit Raum aller zur Debatte gewillten Bürger sei.
Die Blogosphäre als Zwitterwesen von Polis und klassischer Öffentlichkeit
Aus diesem Blickwinkel heraus ist das Auftauchen von Weblogs ein bemerkenswerter Umbruch, da sie Teil jener Entwicklung des Internets sind, die "counterbalances the seeming deficits that stem from the impersonal and asymmetrical character of broadcasting by reintroducing deliberative elements in electronic communication." (11)
Das animal laborans wird durch die kontingente, keineswegs durch irgendeine Form von zivilisatorischen Fortschrittsautomatismus garantierte Neuerung kostenloser Publikationstechnologie in die Möglichkeit gesetzt, die Rolle des Publikums zu verlassen: An den klassischen zentralen Medien vorbei kann es seiner Stimme und Meinung Ausdruck geben und so von neuem sich einen öffentlichen Raum zu schaffen, der dergestalt vorher nicht vorhanden war und in seiner Dynamik bemerkenswerte Aspekte der Verständigung über öffentliche Angelegenheiten, wie sie in der antiken Republik oder Polis herrschten, wieder lebendig werden lässt.
Natürlich ist die Polis entschieden von den jetzigen Verhältnissen in den modernen Demokratien zu trennen, seien sie nun durch die neuen digitalen Medien geprägt oder nicht, und zwar dadurch, dass in ersterer die im Privatleben oder auf den öffentlichen Versammlungen zelebrierten Debatten von jenen Menschen geführt wurden, die als Teil der Polis letztendlich auch die Entscheidungen getroffen haben. Die „Öffentlichkeit“ der Polis wurde gerade nicht als etwas verstanden, das von den Entscheidungen der Macht getrennt war. Auch der Umstand, dass in den heutigen neuen Medien, ganz besonders aber in der Phänomen der Weblogs ein Ausdruck und Thematisierung des Privaten vorherrscht, wie er für das antike Politikverständnis eben nicht typisch war, muss erwähnt werden. So liegt es nahe die Blogosphäre, wie ich es einmal getan habe, mit der agora in ihrer Funktion als Marktplatz und Treffpunkt (und nicht in ihrer Funktion als Tagungsort der ekklesia) zu vergleichen.
Aber da Sprechen eine zentrale Form des Handelns ist, tritt in den Meinungsäußerungen der Weblogs ein zwar nur zur Häfte entfalteter, aber dennoch im Vergleich zur bisherigen Öffentlichkeit eklatanter Vollzug von Freiheit in Kraft, wie er in der antiken Polis zur vollen Blüte hat kommen können. Den Unterschied im Niveau zu betonen ist wichtig, denn wenn „die lebendige Tat und das gesprochene Wort das größte sind, wessen Menschen fähig sind“ (12), dann zeigt dieses „und“ zwischen den Wörtern „Tat“ und „Wort“ die einzigartige Stellung an, die die Polis als Blaupause aller späteren Demokratien geniest. Denn in der klassischen Polis war ein jeder Bürger zugleich Zuschauer und Mithandelnder. (13) Und doch werden Menschen, die von der klassischen Öffentlichkeit bisher an den Rand der politischen Existenz gedrängt worden sind, durch die neuen Medien als öffentliche Wesen sichtbar und als sprechende Wesen im eigentlichen Sinne politisch und lösen somit einen Teil jener eigentlichen republikanischen Würde der Politik ein, die ihre Wurzeln in der antiken Kultur hat. Wer sprechend in der Öffentlichkeit intervenieren kann, ist ein politisch Handelnder.
Der öffentliche Raum als digitale Distanz der Weblogs
Das hat enorme Konsequenzen für die Beteiligten: Einen öffentlichen Raum wie den der Weblogs zu betreten heißt zunächst einmal, sich als Gleicher unter Gleiche zu begeben. "Gleich" bedeutet hier nicht einem identischen sozialen Milieu anzugehören - auch wenn tatsächlich die Bloggerszene was soziale Verortung angeht, derzeit doch recht homogen wirkt - sondern die Möglichkeit zu haben, auf Augenhöhe neue Ideen und Vorstellungen auszutauschen. Wer hier gleich ist, ist es, weil die Wertigkeit seiner Aussage frei ist von der ökonomischen Potenz, wie sie auch immer sonst in seinem Privatleben eine Rolle spielen mag. Dagegen ist im Bereich der Print- und Rundfunkmedien ökonomische Potenz und geschäftlicher Erfolg (entweder auf dem Anzeigen- oder Konsumentenmarkt) entscheidende Voraussetzung dafür, als Medium an der öffentlichen Debatte teilzunehmen. Das schafft entsprechende Abhängigkeiten, die auch diejenigen betreffen, denen man das Forum zur Veröffentlichung der eigenen Meinung zur Verfügung stellt. Die entsprechenden Verzerrungen des öffentlichen Raums durch ökonomische Mechanismen sind entsprechend oft beschrieben worden. (14)
Aufgrund der kostenlosen oder mit äußerst geringem finanziellem Aufwand zu betreibenden Infrastruktur, besteht diese grundlegende Abhängigkeit von ökonomischen Interessen beim Betreiben eines Weblogs nicht. Bemerkenswerterweise führt dies dazu, dass im Vergleich zur sonstigen Öffentlichkeit in der Blogosphäre die ökonomische Situation und der berufliche Status ähnlich wie in der antiken Polis der privaten Sphäre zugeschlagen wird. Der Umstand, dass jemand zur vermögenden Oberschichtsklasse oder zur Führungsebene eines Konzern gehört [die richtigen Links bitte selber einsetzen], wird als - unter Umständen schützenswerte - Privatsache deklariert und soll auf jeden Fall erklärtermaßen keine Rolle im Wettstreit um persönliche Autorität spielen. (15)
Das Gleichsein der Weblogs, wie es sich bisher darstellt, meint überhaupt nichts Vorgängiges, dass durch irgendeine Art von menschlicher Eigenschaft als Verbindendes in den öffentliche Raum getragen wird, sondern ist etwas, durch die Tatsache unterschiedlicher Meinungen Hergestelltes:
"(...) Die Wirklichkeit des öffentlichen Raumes [erwächst] aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven, in denen ein Gemeinsames sich präsentiert und für die es keinen gemeinsamen Maßstab und keinen Generalnenner je geben kann. Denn wiewohl die gemeinsame Welt den allen gemeinsamen Versammlungsort bereitstellt, so nehmen doch alle, die hier zusammenkommen, jeweils verschiedene Plätze in ihr ein, und die Position des einen kann mit der eines anderen in ihr sowenig zusammenfallen, wie die Position zweier Gegenstände. Das von Anderen Gesehen- und Gehört werden erhält seine Bedeutsamkeit von der Tatsache, daß ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört." (16)
Der öffentliche Raum ist das Zwischen, das sich zwischen diesen Gleichen bildet - metaphorisch in unserem Fall gesprochen: die digitale Distanz, die zwischen den Weblogs herrscht. Und er eröffnet so als Raum von durch Sprache handelnden und sichtbar werdenden Ebenbürtigen ein Universum der Perspektivenvielfalt (17), das als Brutkammer für das Beste der Politik fungieren kann: Die Vortrefflichkeit.
Vortrefflichkeit der Weblogger und Opel + Coca-Cola
"Vortrefflichkeit, die griechische arete, die römische virtus, haben ihren Ort immer im Bereich des Öffentlichen gehabt, wo man andere übertreffen und sich vor ihnen auszeichen konnte. Was immer man öffentlich tut, kann daher eine Vortrefflichkeit erreichen, die keiner Tätigkeit innerhalb des Privaten je zukommen kann; Vortrefflichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß andere zugegen sind, und diese Anwesenheit bedarf eines für diesen Zweck ausdrücklich konstituierten Raumes mitsamt einer räumlich etablierten, Abstand schaffenden Formalität; die familiär vertraute Umgebung derer, die zu uns gehören, kann Vortrefflichkeit nicht nur niemals gültig bestätigen, sie würde durch das Sich-Auszeichnen selbst geradezu gesprengt werden." (18)
Die Pluralität der freien Anderen erschafft die Chance, Vortrefflichkeit und Herausragendes in den eigenen Ideen zu gebären und damit auch in Unternehmungen (durch sprechende Handlung) zu bewerkstelligen. Vortrefflichkeit entsteht nur durch Sichtbarkeit: „Im Politischen: Wir müssen erscheinen, sehen und gesehen werden, hören und gehört werden, was wir zeigen sind wir und nicht umgekehrt. Wir können nicht einfach umhergehen und uns zeigen, wie wir sind. Was wir sind, ist nicht wichtig, es ist privat.“ (19) Tugendhaftigkeit, die immer nur in einem sozialen Umfeld mit wechselseitiger Anerkennung Sinn macht, wird damit zur Schwester der politischen Sichtbarkeit. Die Macht öffentlich zu sprechen zieht so wie der Honig die Bienen unweigerlich die Verständigung über die Vortrefflichkeit desjenigen nach sich, der da sprechend in der Öffentlichkeit interveniert. Diejenigen, die die Macht zu sprechen haben, wie z.B. Politiker, bekannte Publizisten etc. werden immer daran gemessen, ob ihr sprechendes Handeln Ausdruck tugendhafter Eigenschaften (wie Ehrlichkeit, Klugheit, Besonnenheit etc. ) sind. Und es ist kein Zufall, dass viele bedeutende Theoretiker des Republikanismus auch Fragen der Tugendhaftigkeit im Auge hatten. (20)
Um so bemerkenswerter ist der Umstand, dass Fragen der Vortrefflichkeit, ebenso der Tugendhaftigkeit auch in der Blogosphäre eine Rolle spielen. Sie tauchten ganz besonders in jenem Konflikt auf, den ich als paradigmatisch für die überbordende Aggressivität sehe, die der mich interessierende Ausgangspunkt dieser Aufsatzreihe ist. Er lässt sich - neben vielen anderen Lesarten - in zwei Weisen beschreiben, die auf die hier vorgestellte Deutung der Blogosphäre Bezug nehmen:
- Der Konflikt um die Frage, ob es ein Verrat an Idealen der Blogosphäre ist, wenn und vor allem wie einzelne Blogger ökonomische Interessen in den bisher davon freien Raum der Pluralität streuen und durch solche Aktionen einen Bereich, der unverzerrt von ökonomischen Interessen sein sollte, mit der Bindungen und Vertrauen zersetzenden und schleichend kolonialisierenden Kraft der Vermarktung kontaminieren.
- Der Konflikt um die Frage, ob eine Gruppe von jakobinischen Tugendwächtern andere Blogger mit ihren Werten terrorisieren, einerseits damit die Pluralität des neugeschaffenen öffentlichen Raumes gefährden und zugleich selbst als pöbelnde Kommunikationsrowdies den Anspruch der Vortrefflichkeit mit Füßen treten.
Fußnoten
(1) Nicht nur aufgrund meiner Unbedarftheit hinsichtlich von Medientheorien, sondern auch wegen meiner mangelnden Kenntnis des Gegenstandes: Trotz knapp 600 Tagen Laufzeit dieses Experiments habe ich das Weblog-Universum nur vermittels einiger Blogrolls, der Update-Liste von Twoday, derjenigen, die hier einen Kommentar hinterlassen oder auf mich verlinkt haben haben und der Suchmaschiene technorati erschlossen. Die Welt von MySpace oder myblog ist mir z.B. unbekannt. Berufenere Köpfe für abstrakte Erwägungen rund um Weblogs sind z.B. eher hier, hier, hier oder hier zu finden.
(2) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 59
(3) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 96; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(4) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 102; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(5) Jürgen Habermas: „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“; Frankfurt a.M. 1999 ; S.
(6) Jürgen Habermas: „Political communication in media society – Does democracy still enjoy an epistemic dimension? The impact of normative theory on empirical research”. Rede vom 20. Juni 2006 in Dresden anlässlich der Konferenz der International Communication Association (ICA). (Stand 25.07.2006)
(7) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 219 - 222
(8) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 59
(9) Emanuel Richter: "Republikanische Politik. Demokratische Öffentlichkeit und politische Moralität"; Hamburg 2004; S. 157
(10) Charles Taylor: "Liberale Politik und Öffentlichkeit"; S. 127; in Charles Taylor: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie. Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt 2002; S. 93 - 139
(11) Jürgen Habermas: „Political communication in media society – Does democracy still enjoy an epistemic dimension? The impact of normative theory on empirical research”. Rede vom 20. Juni 2006 in Dresden anlässlich der Konferenz der International Communication Association (ICA). (Stand 25.07.2006)
(12) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 261
(13) Wer hier einwenden möchte, dass dies für Besitzlose, Frauen, Sklaven etc. nicht galt, dem sei erwidert, dass diese Ausgeschlossenen auch nicht Bürger der Polis waren. Was selbstverständlich nicht heißen soll, daß dieser Zustand überzeugend gerechtfertigt werden kann. Schon die antike griechische Kultur kannte die kritische Thematisierung der Frage, wie gerechtfertigt und gerecht die Behandlung von Frauen, Sklaven und Besitzlosen war.
(14) Klassisch natürlich: Jürgen Habermas: „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“; Frankfurt a.M. 1999
(15) Ob dieser Umstand so bestehen bleibt, bleibt abzuwarten.
(16) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 71
(17) Siehe dazu aber auch die Erwägungen von Azi Lev-On und Bernard Manin: „Happy accidents - Deliberation and online exposure to opposing views“; Esprit mai 2006 ("Que nous réserve le numérique ?"); (Stand 19.07.2006)
(18) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 61
(19) Hannah Arendt: „Machiavelli“; in: Hannah Arendt: „History of political theory, lectures“; unveröff. 1955; S. 24, Library of Congres, Arendt papers, Box 39. Zitiert nach und deutsche Übersetzung von Karl-Heinz Breier: „Hannah Arendt zur Einführung“; Hamburg 2001; S. 71
(20) Aristoteles, Cicero, Montesquieu etc. Auch wenn die virtù eines Niccolò Machiavelli nichts mit der römischen virtus zu tun hat, so ist auch bei ihr das Moment der Vortrefflichkeit ein wichtiger Beiklang.
Julio Lambing - Mi, Jul 26, 2006 - Zettelkasten: Blogging
Tina (anonym) - Fr, Jul 28, 2006
Das ist mal ein Weblog mit soziologischem Spirit!!
Wer mit soviel Freude für das soziologische udn philosophische Räsonnieren dabei ist und solch spannende Abhandlungen abfasst, den verlinkt das sozlog natürlich mit dem größten Vergnügen. Für eine ausführlichere Lektüre und ggf. mehr Kommentare komme ich später nochmal wieder.
http://axonas.twoday.net/stories/2436032/#2449120
Lambing - Fr, Jul 28, 2006
Oh,
bei soviel Lob werde ich ganz beschämt. Über Besuch (und auch Feedback) virtueller BambergerInnen freue ich mich selbstverständlich, schon allein wegen eines gewissen Rufs dortiger BlogIntelligenz. Man sollte sich jedoch nicht genötigt fühlen zu kommentieren, zudem so ausführlich wie das freundlicherweise z.B. oben MomoRules getan hat. Ich weiß ja selbst wie das ist, wenn man interessante Texte liest und sich fragt, was schreibt man jetzt, ausser der hilflosen Ermunterung "gut so", "interessant" oder ähnlichem.
http://axonas.twoday.net/stories/2436032/#2450212
Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/stories/2436032/modTrackback







Quäle mich ja mit dem Thema auch seit geraumer Zeit herum - was mich trotz maximaler Anerkennung für diesen (und auch andere Texte in Deinem Blog!!!) trotzdem irritiert, ist:
a.) daß Du die "raisonierende Öffentlichkeit" nicht als Machtfaktor begreifst - warum? Inwiefern ist die nur kontrollierend? Und diese "osmotischen Prozesse" - ich fand es nicht plausibel beim Lesen, daß diese als illusionär gekennzeichnet wurden. Wer auch immer direkt "Mainstream-Medien" produziert, geht ja einkaufen, schickt Kinder in den Kindergarten und streitet sich über Politik mit Nachbarn in der Kleingarten-Kolonie ...
b.) (jetzt widerspreche ich Punkt a)daß Du die - jetzt in Habermas-Begrifflichkeiten - "systemische" Seite zwar mit behandelst, aber über die Konstatierung der partizipatorischen Impotenz hinaus nicht weiter analysierst, sondern Dich flugs direkt zurück in die "Lebenswelt" begibst, dann weiter die Zugangsmöglichkeiten analysierst und flugs zur Tugend übergehst. Vielleicht ist das darüber Hinausgehende dann Teil folgender Einträge, aber gerade in Blogs läßt sich ja die Abhängigkeit von "Mainstream-Medien" bestens nachvollziehen: Die politische Blogosphere kommentiert zumeist Zeitungen und Fernseh-Sendungen. Soll heißen: Zugangsmöglichkeiten und Tugenden, schön und gut, aber die müssen ja ihrerseits von der systemischen Seite her mit betrachtet werden, weil diese das mediale Material bis hin zu Tugend-Vorstellungen zumindest teilweise produziert. Und da müßte man doch - vielleicht nur mein Thema? - ökonomische und politische Systeme unterscheiden, also z.B. öffentlich-rechtlich und private Medien? Auch bei den Opel- und Coca Cola-Bloggern ist ja die primäre Frage gar nicht die nach Tugenden, sondern nach Mechanismen, die die Produktionweise von Wahrheiten betrifft (klar, die Wahrheit sagen ist auch als Tugend verstehbar, aber das kann man schon unabhängig voneinander analysieren) - ist die "Wahrheitsproduktion" wirtschaftlich abhängig oder nicht, z.B.? Ergänzend hätte man auch ganz grundsätzliche Fragen über die Legitimation ökonomischer Systeme zu stellen - weil ja die Tugend sich daraus ableitet, daß es "nicht gut" ist, mit diesen zu kollaborieren. Tugenden sind insofern "abkünftig". Du bewegst Dich eher im Paradigma des Politischen, das sich selbst thematisiert, bleiben da nicht wesentliche Fragen ungestellt?
c.) Man muß schon auch immer die Reichweite der jeweiligen Medien mitberücksichtigen ... ich finde ja auch, daß Blogs sowas wie ein emanzipatorisches Potenzial entfalten können, aber verglichen mit Fernsehen z.B. werden sie doch randständig bleiben ...
d.) Eine, wenn's ich jetzt richtig erinnere, der wesentlichen Thesen in Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" ist das Umschlagen vom Raisonnieren in's Konsumieren. Du setzt oben sowas wie ein Partizipationsbedürfnis voraus , wenn ich's recht verstehe, das in Blogs sich verwirklichen könne - gibt's dieses Bedürfnis außerhalb net-affiner Subkulturen überhaupt noch jenseits des Wunschen nach dem puren Sich-Zeigen, welches in Casting-Shows und Big Brother einst gipfelte und nun in vielen Filmchen im Netz ganz ähnlich sich zeigt? Das betrifft wieder die Relation "Mainstream-Medien" und "Lebenswelt" - was Du oben schreibst, behandelt ja eher die klassisch politischen Fragen, klar, bei einem Thema wie Öffentlichkeit. Aber ist Öffentlichkeit nicht eher deshalb gefährdet, weil (fast) alles Entertainment ist, was man dann konsumiert?
Hoffe, daß das jetzt nicht lauter Fragen sind, die ich mir eher selbst sowieso schon lange stelle und jetzt hier an Deinem Text abarbeite ... Ich finde, daß das Wesentliche sich eher in der Relation Lebenswelt/System, um bei Habermas zu bleiben, abspielt, nicht im lebensweltlichen selbst, wenn man von Öffentlichkeit redet.
Pointe ist, daß man im Gegensatz zu Habermas' Diagnose, daß man mit Mitteln kommunikativer Macht an systemischen, also strategischen Prozessen eh abpralle, viel mehr schauen sollte, wie man solche entfalten kann, daß sie auf Systeme einwirken. Und das wird a.) nur mit Mitteln der Blogosphäre nie gelingen und b.) u.U. sowieso an der Entertainisierung der Gesamtgesellschaft scheitern, und dann isses auch schnurz, ob man über Opel bloggt oder sich tugendhaft verhält.
Erste Antwort zum "klassischen" Bild der Öffentlichkeit
Jetzt ersteinmal zum "klassischen" Bild der Öffentlichkeit, also zu deinem Punkt a)
Nun es kommt natürlich auf die Frage an, was man als Macht versteht. Ich verstehe unter ihr selbstverständlich mehr als lediglich Einfluss haben. Die "Macht der Öffentlichkeit" besteht ersteinmal nur in ihrer Autorität, die sich sowohl auf den Anspruch gründet, die Simme des Volkes zu sein und zudem das Vernünftige zu repräsentieren, das aus einer Diskussion erwächst, in der sich wie in einem Prisma die Diskssion tausendfach widerspiegelt, sich reflektiert. Die Öffentlichkeit mag durch ihre Autorität politische Entscheidungsträger davon überzeugen, Gesetze zu veranlassen, aber sie kann sie nicht selbst beschliessen. Das können nur Parlamente. Sie kann auch keine Verwaltungsakte entscheiden wie die Exekutive oder juristische Urteile fällen. Diese Distanz zur Macht dient der Öffentlichkeit auch als Auszeichungsmotiv: Sie ist über den Streit derjenigen, die um die Macht ringen, in dem Sinne erhaben, als dass sie ein Urteil über alle an einem politischen Konflikt beteiligten ein Urteil fällt: Man versteht sich als "überparteilich".
Im Zeitalter eines wachsenden Einflusses von Massenmedien auch auf kurzfristige Entscheidungen von Politikern wird dieses Selbstverständnis auch von aussen gestärkt und eingefordert. Norbert Lammert konnte mit ganzem Pathos an ein kulturell breit verankertes Bild appellieren, das an die notwendige Selbstbeschränkung der offentlichen Sphäre gemahnte, als er den simplen Satz aussprach: "Der Ehrgeiz der Bild-Zeitung, anstelle des Parlaments Bezüge und Versorgung der Abgeordneten festzulegen, ist buchstäblich kaum übersehbar."
Zum Bild von unterschiedliche Ebenen der öffentlichen Verarbeitung, in denen ein osmotischer Austausch an Meinungen stattfindet:
Selbstverständlich kann man nicht bestreiten, dass wer Zeitung macht oder aussenpolitische Sprecherin einer Volkspartei ist, nicht auch Kinder zur Schule bringt oder sich mit dem Putzmann im Büro unterhält.
Illusionär wird es für mich, wenn dies ein annähernd adäquater Ersatz für das öffentliche Sprechen der Einzelnen sein soll. Denn dieses Bild
aa) berücksichtigt nicht, inwieweit die Agenten jener Schaltstellen, an denen die öffentliche Meinung, verarbeitet wird, spezifischen kulturellen Beschränkungen durch das eigene soziale Milieu etc. unterliegen - auf Volkes Maul hört man schon deshalb nicht unbedingt, weil man selbst in geprägten Interessenlagen eingebunden ist, abgesehen davon dass ein Volk aus Hunderten von Kulturen und Subkulturen besteht, mit denen viele dieser Agenten keine Bekanntschaft haben.
bb) lenkt von den enormen Einfluss ab, den institutionelle Meinungen auf diese Schaltstellen haben. Institutionen mit spezifischen Interessen müssen sich nur auf diese Verarbeitungsrelais konzentrieren. Ein besondere Aufmerksamkeit (und damit unterschwellige Berücksichtigung) können sie durch gezielten Ressourceneinsatz schaffen. Hinzukommt eine Verknüpfung mit dem in Punkt a) genannten Phänomen. Das heute viel geschmähte Lobbying fängt weit vor dem Parlament an und ist zum großen Teil ein ganz natürliches Prozess des Operieren in eigentlich schmalen soziokulturellen Bändern. (Ich persönlich bin immer wieder erstaunt, wer wen kennt.)
cc) verdeckt die Verzerrungen der öffentlichen Debatte: Zur Inszenierung des öffentlichen Auftrags der Medien gehört natürlich die Behauptung, zu wissen was in den Kindergärten und Spelunken besprochen wird. Und es ist auch nicht so, als ob da nicht versucht wird auch hinzuhören. Aber das sollte nicht darüber täuschen, dass sich ein eigener Apparat ausbilden konnte, der eben nicht nur neutraler Transmissionsriemen der Meinungen von ganz unten nach ganz oben und vice versa ist. Da gibt es eine "Medienmacht, die (...) dem Prinzip der Publizität seine Unschuld raubte". Auch deshalb, weil sie insitutitonell eigene ökonomische Interessen vertritt.
dd) verdeckt das Problem, dass eine grundsätzliche menschliche Fähigkeit sich nicht entfalten kann: Die Macht des eigenen öffentlichen Sprechens kann nicht nur deshalb nicht durch die Medien ersetzt werden, weil hier ein Filterungsprozess vorliegt. Im Akt des öffentlichen Sprechens selbst kommt eine Sichtbarkeit und eine Kraft zum Zuge, die durch keine Berichterstattung und durch keine Stellvertreterkommunikation via Multi-Level-System ersetzt werden kann. Aber darauf müsste man nocheinmal gesondert eingehen.
So weit dazu ersteinmal
An der knabber ich auch gerade rum. Ich halte viel vom Institutions-Begriff, der System-Begriff beschreibt nur meiner Ansicht nach besser die Eigendynamik, die Handlungslogiken haben. Der Institutionsbegriff ist zudem schillernd, weil er eben ein Gericht ebenso meinen kann wie ein Gesetz wie auch Konventionen (irgendjemand - Gehlen? Mead? - hatte doch sogar die These, ein Mensch sei eine Institution in einem Fall). Da braucht man schon verschiedene Institutionstypen, um Gesellschaft zu beschreiben, glaube ich.
Und, klar: Politische und ökonomische Systeme sind mit adminstrativer und quasi-administrativer Macht versehen, sozusagen, Ökonomie ist ja auch eine Form der Exekutive im Paradigma der Gouvernementalität (habe ich gerade für mich entdeckt, den Begriff); ich glaube aber nicht, daß lebensweltliche Macht nicht gelegentlich ebenso hinlangen kann, siehe z.B. den Zusammenbruch der DDR (klar, das waren viele Faktoren, die da zusammenkamen, aber auch der hier explizierte).
"Macht enstpringt der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln" (Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München 1970, S.45, zitiert nach: Jürgen Habermas, Hannah Arendts Begriff der Macht, in ders.: Philosophisch-Politische Profile, Frankfurt/M. 1991, 2., erw. Auflage, S. 229-230) Ergänzt man das um jenen Machtbegriff, den Foucault im Nachwort zum Rabinow/Dreyfus formuliert hat, nämlich das Potenzial, Andere dazu zu bringen, so und nicht anders zu handeln, dann kann man schon von Macht und nicht nur Einfluß der Öffentlichkeit sprechen.
Die bringt ggf. auch neue Institutionen hervor. Positiv-Beispiel ist: Umweltbewußtsein führt zu Greenpeace führt zu den Grünen führt zum Umweltministerium führt zu Maxeiner & Miersch (jetzt Komplexes reduziert auf eine Kausalkette). Negativ-Beispiel: Hoyerswerda führt zur Verschärfung des Asylrechtspragraphen.
Das ist dann weniger eine Frage der Autorität, vielleicht noch nicht mal der Vernunft, sondernd des Drucks, den Öffentlichkeit erzeugt - und die Medien an irgendeinem Punkt thematisieren müssen, um nicht unglaubwürdig zu werden. Dabei geht es freilich nicht um das öffentliche Sprechen des Einzelnen, sondern um ein Sich-Einigen von vielen. Die Vorstellung, daß nun meine individuelle Stimme Wirkung entfalten könne, ist natürlich illusionär - aber ja nicht jene, daß ich als einer von vielen an Überzeugungsarbeit mitwirke.
Natürlich ist die systemische Seite zumeist mächtiger, aber nicht immer. Und das mit den Milieus, die sich da bündeln, und auch das mit den knallharten Interessenlagen ist zweifelsohne auch der Fall. Ich kann den Gedanken aber nicht völlig aufgeben, daß die Gedanken von Hannah Arendt schon auch relevant sind ...
Zweite Antwort zum Ansatz System vs. Lebenswelt
vielen Dank für deine schnelle Antwort. Auch wenn du mit deinem zweiten Kommentar über deinen eigenen Ausgangskommentar schon hinausgehst, werde ich ersteinmal weiter auf die anderen Punkte von dir eingehen und dann auf deinen Kommentar zu meinem Kommentar. Ich bitte da um Nachsicht. Leider bin ich nicht so schnell im Formulieren.
zu Punkt b) Ich operiere lieber ohne die Dichotomie von Lebenswelt und System - ausser mal im flotten, metaphorischen Sinne - da ich sie eigentlich im Kern nicht für analytisch sauber halte. Ich wüsste auch nicht, was sie für meine Argumentation rund um Aggressivität, Unverschämtheit und eruptiver Niedrigschwelligkeit in Weblogs bringt, ausser dass bei der Diskussion um Motive eine gewisse Parallele zwischen der Gefahr der "Kommodifikation" und jener einer "Kolonisierung der Lebenswelt" auftaucht. Eine meiner analytischen Kategorien ist das der Tugend, aus ganz grundlegenden Erwägungen heraus, die im einzelnen hier vorzustellen zu weit gehen würde. Und das reizt mich auch: Den Menschen als ganze Person, als ganze Erscheinung im Blick zu haben und nicht den Vollzug dieser oder jener (diskursiver) Normen. Tugenden als etwas vorzustellen, die abgeleitet sind von einem vorangigen Urteil "das ist nicht gut" halte ich zudem für eine Verkennung ihrer Funktionsweise. Es braucht Tugenden, um zu bestimmen, was gut ist und was nicht (ohne hier weiter darauf eingehen zu können).
Natürlich kann man bei jedem Ansatz fragen, warum nimmst du denn nicht den anderen. Aber das führt nur schnell zu merkwürdigen Glaubensstreits - also etwas für säkulare Christen. Ich möchte ersteinmal schauen, wie weit ich mit dem obigen Ansatz komme.
zu Punkt c.) Der Hinweis, dass das Benutzen von Weblogs randständig ist, ist natürlich wichtig, um zu kennzeichnen, wieviele Menschen von einer lobenswerten Entwicklung betroffen sind. Aber auch Randständige können ja aufgrund einer Einschätzung der nicht am Rande stehenden weitreichende Anpassungsreaktionen auslösen, vor allem wenn sie als Avantgarde betrachtet werden. Die Frage, ob etwas "ein emanzipatorisches Potential" hat, ist dabei doppeldeutig. Wird sie "gesamtgesellschaftlich" oder auf "das System" bezogen ("Fortentwicklung der Gesellschaft"), so weiß ich nicht ob sie sinnvoll ist, da ich im eigentlichen Sinne mit der Idee "einer Gesellschaft" auf Kriegsfuss stehe. Bezieht sie sich lediglich darauf, dass eine Gruppe von Menschen, wie groß oder klein sie auch immer sein mag, sich von Kleinheit und Unbedeutenheit emanzipiert, dann finde ich sie sinnvoll. Und: Mir ist es gleich, ob Weblogs randständig sind oder nicht. Ich ziele nicht auf die Weltreform.
zu Punkt d.) Der Umstand, "das (fast) alles Entertainment ist, was man dann konsumiert," hängt mit einer Lebensweise vorhanden, die sich dem Prinzip der Arbeit und entsprechend dem Konsum voll und ganz verschrieben hat. Selbstverständlich haben viele Menschen ein Partizipationsbedürfnis, sehr viele sogar, wenn das nur meinen würde, das zu beeinflussen, wovon man direkt betroffen ist. Wesentlich weniger Menschen haben aber das Bedürfnis, sich die Bürokratien der Parteien oder NGOs zuzumuten, sich jene komische Sprache anzugewöhnen, die in der Politik verlangt wird oder sich an diesen unangenehmen, stickigen Politdiskussionen zu beteiligen, die vorzugsweise von Männern durchgeführt werden und auf jeder Party die Stimmung kaputt machen. Ich bin ansonsten sehr zurückhaltend, wenn die moralinsauere Geisselung des puren Sich-Zeigens einsetzt. Menschen wollen öffentlich sichtbar sein, sie wollen auch strahlen in einer Gemeinschaft - jede auf ihre Weise. Aber sie können es ja schon nicht mehr in ihrem einfachen sozialen Netzwerk, wo gibt es da die Runde, wo du dich zeigen kannst - ausser beim Tischtennisclub, auf Familienfeiern oder wenn du an deinem Geburtstag mal die Kerzen auf der Torte ausblasen darfst? Was liegt näher, als der Versuchung nachzugehen, dann bei Oliver Geissen aufzutreten?