Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Wenn Journalisten und Blogger zur Akzeptanz des Blockwarts erziehen

Wenn Journalisten Journalisten und Blogger zur Akzeptanz des Blockwarts erziehen

Man liest sie ja immer wieder, die Warnungen, es mit der Offenheit im Internet nicht zu weit zu treiben. Wie z.B. der Stern, der unter der Überschrift Jugendliche warnte: "Heute bloggen, morgen bereuen" (Gefunden über die Schweizer Medienpraxis.)
"Einige mussten für ihre Offenheit in Blogs schon teuer bezahlen. So gab es Entlassungen, weil Blogger über ihre Arbeit berichteten. Und Maya Marcel-Keyes, die Tochter des konservativen Politikers Alan Keyes, musste feststellen, dass ihre Beiträge über ihre Gefühle als Lesbe plötzlich ein Thema im Wahlkampf ihres Vaters wurden, als er sich um einen Sitz als Senator bewarb. Er hatte sich zuvor negativ über Homosexuelle geäußert.

Experten sehen hinter solchen Vorfällen einen größeren Trend, bei dem die freimütigen Äußerungen zu persönlichen und auch öffentlichen Dramen führen. Einige fürchten auch, dass die Blogs - und besonders die Einträge über Party-Erlebnisse und Verabredungen - längerfristig Auswirkungen haben könnten. "Ich möchte wetten, dass beim Wahlkampf 2016 irgendein Eintrag wieder hochkommt und den Verfasser einholt", sagt Steve Jones von der Universität von Illinois in Chicago." (Stern)


Was für ein erbärmliches Bild unseres Lebens wird da gezeichnet. Nicht dass die pädagogische Sorge, die diesen Text motiviert, beiseite geschoben werden sollte. Angesichts der Naivität von Jugendlichen und der Faktizität von Denunziation und Spießbürgermoral ist natürlich solche Warnung berechtigt. Aber anstatt in den Mittelpunkt eines Nachdenkens über Offenheit im Internet den Umstand zu stellen wie pervers eine Kultur ist, in der "beim Wahlkampf 2016 irgendein Eintrag wieder hochkommt und den Verfasser einholt", wie diskreditierend das für die Freiheit des Gedankens und Lebens ist, wird ausschließlich auf die geltenden Zustände hingewiesen.

Ob das nun wie in diesem Fall damals eine US-amerikanische Journalistin war oder in den letzten Wochen Erwachsenenpädagogik atmende deutsche Mainstream-Schreiber, tut da nichts zur Sache. Der Tonfall ist derzeit immer wieder der gleiche: Schafe will man züchten, Schafe züchtet man, schon um sich selbst in seiner Schafhaftigkeit bestätigt zu sehen, um das fehlende Rückgrat, die kleinen feigen Kurruptionen vergessen zu machen. Nicht dass Angst nicht berechtigt ist und niemand dafür gezeiht werden sollte, wenn er aus Furcht um die eigene Karriere, Einkommensituation, Familie, Partnerschaft oder Bequemlichkeit sich dafür entscheidet, sich auf dem Schlachtfeld der öffentlichen Präsenz zu ducken anstatt aufrecht sich eine Kugel einzufangen und als Invalider den Bewerbermarkt zu betreten. (Fast jeder Deserteur hat in einer Auseinandersetzung gute Gründe, warum er flüchtet und man muss sich schon genau überlegen, wann es nicht vermessen ist, von Anderen Mut einzufordern.) Aber das Kugelpfeifen, den Abschuss von Personen, die in ihrem Verständnis aufrecht gehen und gehen möchten, mit keinem Wort in Frage zu stellen, das ist jämmerlich.

Würde man sich Gedanken machen, wie der neue Medienraum mithelfen kann, dass aus dem öffentlichen Raum wieder ein Ort der Freiheit (nicht: der Befreiung!) wird und dann thematisieren, dass in unser jetzigen Welt, die entgegen allen Bekenntnissen den Glauben an menschliche Spontaneität und Größe verloren hat, nur der private Raum ein Raum der Freiheit ist, dann dürfte man Achtung vor solchen Schreibern haben. Würde man die Kontigenz der Zustände erwähnen und die Würdelosigkeit jener allgemeinen Zurichtung und Dressiertheit, mit der man akzeptiert hat, dass Öffentlichkeit zum Ort der Unfreiheit und der Notwendigkeit geworden ist, dann wäre es ein Ausdruck von Umsicht und Reife, darauf hinzuweisen, dass Kunderas Sabina (1) gute Gründe hat, wenn sie denkt, dass "in der Wahrheit leben, weder sich selbst noch andere zu belügen, nur unter der Vorrausetzung möglich [ist], daß man ohne Publikum ist."

Aber die Macht denunziatorischer Öffentlichkeit einfach hinzunehmen und in Antizipation zukünftigen Denunziantentums von den Jungen (und den Alten) jetzt schon das schüchterne Lächeln der Komplizenschaft einzufordern - mit solchem Duckmäuserethos reiht man sich ein in die Reihe derjenigen, die immer schon zufrieden lächelten, "weil die Inflation der Feigheit ihr eigenes Handeln banalisierte und ihnen die verlorene Ehre zurückgab"(2) Und dies ist mindestens so verantwortungslos wie das Unterlassen der Warnung, dass in der Welt Raubtiere unterwegs sind, die für vergangene Dummheiten einen Menschen auch zwanzig Jahre später noch zerfleischen.

Man muss sogar noch weiter gehen: Wer transportierte bisher die Denunziation, wer sorgt dafür, dass sie überhaupt greift? Natürlich eine Vielzahl an fleissigen Händen der Medienwelt. Was dem einen die Pornovergangenheit einer Filmpreis-Trägerin, das sind dem zweiten die Hämeobjekte von Stefan Raab und dem dritten die Jugendjahre eines Außenministers. Nachrichtenmagazine wie Stern, Fokus, Spiegel mittendrin. Es ist nicht verwunderlich, dass die Agenten der Denunziation die fraglose Akzeptanz derselben voraussetzen.

Das heisst nicht, dass diese Akzeptanz auf sie beschränkt ist. Gerade die deutschen Blogger, von denen sich doch viele so gerne von der Journalistenzunft im positiven Sinne abgrenzen wollen, haben in den letzten Monaten widerwärtige Praktiken von Denunziantum und Gegen-Denunziantentum in ihren eigenen Reihen gesehen. Die Avantgarde-Funktion jenes internetaffinen Milieus wurde so durch einen eindrucksvolle Perspektive zukünftiger Öffentlichkeit unterstrichen: Jener Zugriff auf die Ganzheit eines Lebens, wie er im öffentlichen Streit der USA schon lange Realität geworden ist, hält auch bei uns Einzug.

Wer wissen will, wie es ausschauen wird, wenn er vollends bei uns angekommen ist, wenn nicht mehr nur ein Präsident Angst vor der Veröffentlichung seiner Sexpraktiken haben muss, der musste sich nur dieses öffentliche Ausfleddern anschauen. Die Parameter der beliebten US-amerikanischen Opposition Research (kurz: "Oppo"), mit der man dem politischen Gegner jegliche Würde nimmt, werden durch den Turboeffekt der Weblogs vielleicht ganz neu skaliert werden müssen. Objekt von "Oppo" kann jeder werden, da haben die Warner von SPIEGEL Online recht. Denn wenn ein Statement nicht zählt, dann jenes, das man in den vergangen Monaten gehört hat: "Sonst ist mir das ja auch heilig. Aber in diesem Fall war das Fleddern gerechtfertigt: Denn der andere war ja ohnehin schon öffentlich, er war ja ganz besonders übel, der Mißstand ja besonders beklagenswert etc." Wer auf den Geschmack dieser Macht gekommen ist, der findet schon die Gründe. Wie sahen es gerade.

Nur: Sich darin einrichten, das darf man nicht, wenn man nicht mitmenschlich verrohen will.

Update 2.August 2006: Und wie das Ausfleddern so seine vielfältigen Gründe findet, dass beschreibt justamente Stefan Niggemeier bei wirres (- ganz gleich aus welcher Quelle das diskutierte Bild wirklich stammt und wie es um die jüngst insinuierten Verbindungen bestellt ist).


(1) Milan Kundera: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"; Frankfurt a.M. 1987; S. 109
(2) Milan Kundera: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"; Frankfurt a.M. 1987; S. 174

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