Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

"To walk in beauty" ist gemeinschaftliches Handeln, kein Kunstwerk machen

Ob ein Leben in Schönheit gelingt ist sicherlich eine Frage wie gut wir in der Kunst des Lebens sind. Doch diese "techne tou biou" ist keine Kunst, in der wir aus unserem Leben "ein Kunstwerk" machen. Leben ist kein Material (1) , bios kein Stoff eines Kunstwerkes (2). In Schönheit leben ist kein Herstellen ist, sondern ein Handeln.

Epiktet irrt, wenn er sagt: "So wie Holz das Material des Zimmermanns ist, Bronze das des Bildhauers, so ist das Material der Lebenskunst das Leben jedes einzelnen." (3) Wer malt, schmiedet, baut, der stellt ein Objekt her. Wer singt, schauspielert, redet oder musiziert übt allein durch sein Handeln Kunst aus. Es gibt kein Endprodukt, keinen Herstellungsprozess. Und dem entsprechend auch kein Rohmaterial, das in einem Herstellungsprozess verwendet wird. Beiden Handlungsweisen liegt ein spezielles Knwo How zugrunde, eine Kunstfertigkeit. Und sicher kann bei beiden Handlungsweisen etwas entstehen, was wir als Ausdruck einer Kunst bezeichnen.

Leben ist wie jedes Handeln flüchtig. Die Schönheit des Lebens zeigt sich ähnlich wie beim Musizieren in seinem Vollzug, nicht darin, daß am Ende wir etwas produziert hätten, dass existieren würde, sobald der Akt des Lebens den letzten Pinselstrich gezogen hätte. Wer das Leben zu einem Kunstwerk macht, raubt ihm sein Leben, ganz ähnlich wie auch anderen Kunstwerke als als Ergebnis einer Vergegenständlichung immer dem Lebendigen eben das Leben entzieht:
"Der Preis ist das Leben selbst, da immer nur ein "toter Buchstabe" überdauern kann, was einem flüchtigen Augenblick lamg lebendigster Geist war. Zwar kann auch der tote Buchstabe immer weider zum Leben erweckt werden, nämlich sobald er wieder mit einem Lebendigen in berührung kommt, das vermöge des eigenen Lebens den lebendigen gesit spürt, welcher der tote Buchstabe gleichsam verewigt hat; aber auch diese Auferstehung von den Toten teilt das Los aller lebendigen Dinge, aufs neue dem To zu verfallen. Es gibt keine Kunsterzeugnisse, die nicht in diesem Sinne unlebendig wären, und ihre Lebelosigkeit zeigtr den Abstand an, in der zwischen der Quelle des Denkens und Sinnens im herzen oder Hirn des mesnchen besteht und der Welt, in die das Gedachte und Ersonnen schließlich entlassen wird."(4)

Doch wer nicht nur aus flüchtigen Gedanken, Worten oder Taten das Lebven entziehen, sondern aus dem Leben als ganzes, der bringt es um. Das ist kein Leben mehr. Das schöne Leben ist kein Herstellen und seine Kunst gehört nicht zu den poietischen Wissenschaften sondern ist Praxis.
"Mit Praxis meine ich jede kohärente und komplexe Form sozial begründeter, kooperativer menschlicher Tätigkeit, durch die dieser Form von Tätigkeit inhärente Güter im Verlauf des Versuchs verwirklicht werden, jene Maßstäbe der Vortrefflichkeit zu erreichen, die dieser Form von Tätigkeit angemssen und zum Teil durch sie definiert sind, mit dem Ergebnis, daß menschliche Kräfte zur Erlangung der Vortrefflichkeit und menschlichen Vorstellungen der involvierten Ziele und Güter systematisch erweitert werden."(5)

Es wäre auch eine schäbig Fügung des Lebens, wenn der schöne Klang des "to walk in beauty" zum stoischen Mono-Ton einer selbstbezogene Arbeit am eigenen Selbst degeneriert würde.

Fußnote:

(1) Wilhelm Schmid: "Aus dem Leben ein Kunstwerk machen. Versuch über Kunst und Lebenskunst ausgeehnd von Foucault." in: Peter Gente (Hg.): "Foucault und die Künste"; Frankfurt a. M. 2004; S. 181-202; S. 185
(2) Michel Foucault: "Sex als Moral - Gespräch mit Hubert Dreyfus und Paul Rabinow"; in: "Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch"; Merve Verlag, Berlin ; S. 79
(3) Wilhelm Schmid: "Aus dem Leben ein Kunstwerk machen. Versuch über Kunst und Lebenskunst ausgeehnd von Foucault." in: Peter Gente (Hg.): "Foucault und die Künste"; Frankfurt a. M. 2004; S. 181-202; S. 183
(4) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 204
(5) Alasdair MacIntyre: "Der Verlust der Tugend - Zur moralischen Krise der Gegenwart"; Frankfurt a.M 1997; S. 251

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Anabell (anonym) - Di, Sep 23, 2008
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