Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Polyamory 2 - erotische Subversion trotz geistiger Reizlosigkeit?

Abschliessender Besuch eines Treffens von Polyamoreusen: Eine Schrebergartenidylle an Menschen, die mit mehr als einem Menschen schlafen und mehr als einen lieben. Offen, herzlich, sympathisch zögerlich, kein Kult der Arroganz wie er doch sonst vielen sexuellen Subkulturen innewohnt. Attraktive Menschen darunter, auch nachdenkliche, kritische. Keine jungen Heißsporne, die sich noch austoben müssen, sondern gestandene Leute Ende 30, die Erfahrungen mit Kindern, Familie und der Liebe gemacht haben. Aber von den neopaganen Wurzeln und der darin innewohnenden Ahnung einer anderen Kultur bis zur Langeweile emanzipiert: Ähnlich wie bei der schwulen Sub scheint die Szene jeglichem weitergehenden Interesse jenseits der sexuellen Vergesellschaftung entkleidet. Kein emanzipatorischer Anspruch, über die Akzeptanz der eigenen sexuellen Gelüste hinaus Verhältnisse zu verändern, ein Anspruch wie er z.B. noch in der Lesbenbewegung existiert. Kein Ansinnen als jenes, wie jede andere sexuelle Minderheit einen bestimmten Lebenstil offen leben zu können.

Ein Befund, den mir auch Beobachter in den Vereinigten Staaten bestätigen. Man trifft sich um Liebespartner zu finden - mehr nicht. (Vielleicht noch angereichert mit ein paar Ingredienzien aus der allgegenwärtigen Selbsterfahrungskultur: "Was tun, wenn ich eifersüchtig bin?" oder "Wie lerne ich, die Lüge aus der Beziehung zu verbannen?". Die einschläfernde Dynamik solcher Milieus, die von Selbsthilfegruppen geschwängert sind, ist ja bekannt.) Das Maximum der politischen Perspektive ist die Forderung, daß man polygam heiraten darf oder die Fotos der zwei Geliebten am Arbeitsplatz auf den Schreibtisch stellen kann. Das Resultat ist ernüchternd: Der geistige Horizont hat den Charme von Tolkiens Auenland und was entsteht, ist die Erotik einer Hobbit-Kultur.

Nicht daß man jeden Beischlaf erst durch das Angedenken an die Weltrevolution stimulieren muss. Aber wenn sich eine Szene der Lust widmet - ein tolles Anliegen -, dann muss sie diese entweder pulsen, sie engführen und sie auf die unmittelbare Handlung im Treppengang oder dark room konzentrieren - oder ihr einen weiten, leichten Raum eröffnen, in der die Begegnung nicht vom sexuellen Thema erschlagen wird. Alles andere verknufft ganz knuffig zum erotischen Ambiente von Frodo Beutlins Wohnstube. Denn wer das Flirten in den Mittelpunkt stellt und die Kontaktanbahnung zur zentralen Aufgabe seiner Szene macht, der tötet durch diese Kleingeistigkeit das Flirten ab. Der Flirt braucht das "en passant", geschieht er unter der großen Hinweistafel "Hier flirten" wird jedes Lächeln falsch und jede Geste zuviel.

Mit solchen Worten soll nicht dem allgegenwärtige Ressentiments bedrohter NormHeteros das Wort geredet werden. Es gibt eine Art auf neue Lebensstil-Szenen einzudreschen, mit der ich mich nicht gemein machen will. Sie kommt von jenen geistigen Kleinbürgern, die tausend Worte und Hinweise finden um ihren eigenes Kleinbeziehungsidyll in Abgrenzung zum Anderen zu glorifizieren - vor allem dann, wenn dieses nicht das heimliche Spießkörperideal eines Calvin Klein und Hennes&Mauritz erfüllt. Man ist versucht, noch jeden schäbigen Swingerclub und jede verlauste Hippie-Kommune vor ihnen zu verteidigen, um nicht mit der Schmiere dieses gleichgescheitelten Urteils in Berührung zu kommen. Und da macht es keinen Unterschied, ob man es mit der rohen Trivialität alttraditioneller-bürgerlicher Kreise zu tun hat oder mit der stirngerunzelten Vielworterei linksalternativer Kritikklemmis.

Aber schaut man sich die Websites, die Bücher, Texte, Foren und eben dann auch noch Treffen der Polyamoreusen an, zweifele ich sehr daran, ob Foucault nicht doch die Subversivität und den anarchistischen Kitzel einer bewußten Lebensweise von sexuellen Minderheiten überschätzt, wenn er deren häretische sexuellen Praktiken gegenüber den konventionellen hervorhebt:
"Die Leute stört nicht etwa, daß sie sich einem Geschlechtsakt vorstellen, der nicht dem Gesetz oder der Natur entspricht. Das Problem entsteht vielmehr erst, wenn jene Individuen sich zu lieben beginnen. Die Institution wird von hinten aufgewickelt; sie wird von Gefühlsintensitäten durchquert, die sie aufrechterhalten, aber zugleich zerrütten: man braucht sich nur die Armee anzugucken - die Liebe wird dort unaufhörlich beschwört und verhöhnt. Die institutionellen Codes können jene Beziehungen mit vielfältigen Intensitäten und wechselnden Schattierungen, mit kaum merklichen Bewegungen und veränderlichen Formen nicht gelten lassen - jene Beziehungen, die sich gleichsam kurzschließen und dort Liebe einführen, wo es Gesetz, Regel oder Gewohnheit geben sollte. (...) Der Begriff der Lebensweise erscheint mir wichtig. Sollte man nicht eine feinere Unterscheidung einführen, die nicht mehr nach sozialen Klassen, Berufsgruppen oder Kulturniveaus verfährt, sondern sich an einer Beziehungsform, d.h. an der "Lebensweise" orientiert? Eine Lebensweise kann von Individuen geteilt werden, die sich in bezug auf Alter, Status und soziale Tätigkeit unterscheiden. Sie kann zu intensiven Beziehungen führen, die keiner institutionalisierten Beziehung gleichen. Und eine Lebensweise kann, glaube ich zu einer Kultur und einer Ethik führen."(1)
Man kann sich vorstellen, daß von Hobbits eine stille Revolution ausgeht. Es stimmt, Polyamorie eignet sich durchaus dazu "ein Spiel zu erfinden" und so "Diagonale ins soziale Gewebe einzuzeichnen". Denn die Mono-Normativität der klassischen Ehe, jene letzte Fessel, mit der man die heutzutage einflußreichste "Perversion" - die Homosexualität - domestiziert, verträgt sich nicht mit Polyamory. Institutionen können mit ihren Regeln das ganze Feld von Verpflichtungs-, Unterhalt- und Pflegeverhältnisse, von sozialer Elternschaft, Erblinien, Kindervormundschaft und Witwenwesen nicht fassen, das aus einer Verbreitung und Etablierung polyamoröser Lebensweisen resultieren würde. Das kann zu Verschiebungen und interessantem Spannungsaufbau in der modernen Machttektonik führen.

Aber ich kann mir nicht helfen: Die Ausrufung der sozialen oder spirituellen Gesellschaftstransformation wirkte zwar bereits bei den "Freie Liebe"-Projekten von Otto Mühl oder Dieter Duhm, die vor eschatologischer Ideologisierung nur so trieften, schnell abgestanden. Diese Ideologiesierung weisen die Polyamoreusen als säkulare Interessengruppe zwar ganz entschieden nicht auf, ein Vorteil, der ihre soziale Akzeptanz beschleunigen wird. Aber die eigentlich gesunde Diät von jeglichen esoterischen oder lebensreformerischen Heilsversprechen führt anscheinend zur geistigen Mangelerkrankung. Es herrscht im Großen und Ganzen - und trotz solcher Veranstaltungen wie in Hamburg - die geistige Reizlosigkeit. Die Langeweile, die die Szene deshalb ausstrahlt, erinnert an das Glück von Kanickelkolonien. Ob watership down große Abenteuer, bewegende Geschichten und gar eine eigene Kultur ausgelöst werden, das bleibt noch abzuwarten. Bis auf weiteres hat Foucault unrecht.

(1) Michel Foucault: "Von der Freundschaft als Lebensweise - im Gespräch mit R. Ceccatty, J. Danet und J. Le Bitoux (Gai Pied)"; in: "Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch"; Merve Verlag, Berlin ; S. 87-89

Vorübergehende Anmerkung 17.10.06:
Dieser Artikel erfreut sich derzeit einer gewissen Beliebtheit, wie den Zugriffszahlen zu entnehmen ist. Und wie zu erfahren ist, beginnt auch prompt das von Submilieus altbekannte, langweilige Spiel, dass man sich überlegt, ob der jeweilige Autor überhaupt die Lizenz zur kritischen Einschätzung hat (was weiß er, hat er genug gesehen, wer kennt ihn etc). Mancher ist zudem getroffen, weil er sich als Mensch angegriffen fühlt - da wo eine Szene gemeint ist. Es ging in diesem Text nicht darum, ob polyamoreuse Menschen auf ihren Treffen auch über andere Themen als Sexualität und Partnerschaft reden. Das tun sie selbstverständlich, sie sind ja Menschen, keine eindimensionalen Sozialmonster. Es ging auch nicht darum, ob schätzenswerte Einzelpersonen ganz engagiert auch weitere Bögen spannen. Es geht um die Grundströmung, die Ausrichtung einer Szene.

Wenn die hiesigen kritischen Kommentare an dieser Szene falsch und ungerecht sind, nun dann wird es ja einfach für sie sein, in die Öffentlichkeit ein anderes Bild zu streuen (das Ankommen dieses Bildes in der Öffentlichkeit dauert dann noch etwas). Wenn aber diese Kommentare - der Polemik entkleidet - etwas treffen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man lässt es wie es ist, weil es der Trend von heutigen sexuellen Emanzipationsbewegungen ist, daß sie sich nicht mehr weltanschaulich aufladen lassen. Die Leute wollen frei leben und lieben und nicht mehr auf Spät68er machen. - Oder man will was an sich ändern. Die Frage dann: Warum? Und wie?
anonymus (Gast) - Mo, Aug 07, 2006

..."ein Spiel zu erfinden" und so "Diagonale ins soziale Gewebe einzuzeichnen"...

gleiches läßt sich im Bereich der MMOGs beobachten (massive multiplayer online games)

auch hier unterwandert eine lebensweise ganz langsam die traditionellen normen, nicht nur im bereich der beziehungen (inkl. sexualität, wenn man soweit geht, masturbation beim "online flirt" während des spiels zu unterstellen) sondern auch im bereich der identität, des einkommenserwerbs etc. (www.terranova.blogs.com)

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