Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Geschwätzigkeit des Bloggens dämmt nicht den Stumpfsinn ein

Das Langweilige an dieser Bloggerszene ist, dass sie ebenso wie alle anderen jene altbekannte Stumpfsinnigkeit vorweist, Vorurteile nachzuplappern und Klischees zu bemühen und wiederzukäuen, die ihr der Mainstream vorgibt, wenn es um ein anderes als das ihrige Milieu geht. Das gilt auch für solche "Blogroll-Familien", die sich selbst als kritisch einstufen. Denn die Stossrichtung der Kritik und ihr Objekt ist auch in diesen Familien durch implizite Übereinkunft schon vorher festgelegt. Darin ähnelt die Blogosphäre den anderen Subkulturen. Wie jede Subkultur ist sie nur in der Lage, dümmliche Berichte der Mainstreammedien über sich selbst lauthals in Frage zu stellen, weil sie den Schmerz von platten Vourteilen, Klischees und generalisierenden Sprüchen am eigenen Leib erfährt. Was aber nicht heisst, dass sie in der Lage wäre, diese Erfahrung auf andere ungewöhnliche oder häretische Lebenstile, Praktiken, Weltanschauungen, Wissenschaftstheorien etc., zu übertragen. Eine Stärkung des kritischen Geistes ist nicht auszumachen. Es dürfte eine Konsequenz der "Homophilie" sein:

Des études ont montré que les liens de cet espace [WorldWideWeb - d. Aut.] présentent une structure "homophile". En particulier, certains travaux ont analysé la structure de ces liens sur des questions politiques comme l'avortement, le contrôle des armes à feu et la peine de mort. Ils mettent en évidence l'existence de constellations homogènes regroupant sur chacune de ces questions un type d'opinion (11). Ces travaux montrent que ces constellations elles-mêmes sont gouvernées par les lois de la puissance (power laws) : à l'intérieur de chacune d'entre elles émerge un petit nombre de sites auxquels renvoient un grand nombre d'autres, dont la majorité ne fait au contraire l'objet que d'un nombre négligeable de renvois. Les sites les plus référencés contribuent à organiser efficacement la conversation à l'intérieur de chaque constellation idéologiquement homogène. Le résultat est que la structure des liens engendre spontanément, non pas seulement un petit nombre de sites très visités sur un thème donné (l'avortement, par exemple), mais encore un petit nombre de sites dominants pour chacune des positions sur le thème considéré (pour et contre l'avortement, par exemple), avec très peu de liens entre les sites de positions opposées.

D'autres études montrent que la même structure " homophile " organise l'univers des blogs. En étudiant la structure des liens entre blogs politiques, des chercheurs ont montré que l'univers des blogs est formé de constellations de blogs libéraux, étroitement connectés les uns aux autres, et de constellations de blogs conservateurs, tout aussi liés les uns aux autres, mais avec très peu de liens entre les deux ensembles de constellations (12). La grande majorité des liens dans chaque constellation renvoie à des sites de la même mouvance politique. Chacune de ces constellations a aussi tendance à orienter vers les articles de la presse d'information allant à l'appui de son orientation idéologique.

(11) M. Hindman, K. Tsioutsiouliklis et J. A. Johnson, "Googlearchy: How a few heavily-linked sites dominate politics online", 2003.
http://www.princeton.edu/~mhindman/googlearchy-hindman.pdf
(12) L. Adamic et N. Glance, "The political blogosphere and the 2004 US election: Divided they blog", 2005.
http://www.blogpulse.com/papers/2005/AdamicGlanceBlogWWW.pdf

aus: Azi Lev-On und Bernard Manin: „Internet: la main invisible de la délibération“; Esprit mai 2006 ("Que nous réserve le numérique ?"); (Stand 19.07.2006)


In dieser Hinsicht bereichert die Blogosphäre die Öffentlichkeit um einen weiteren Schäferhund-Verein. Man schaut auf Pudel und Pittbulls des öffentlichen Lebens herab und will doch nur am eigenen Stammtisch in Ruhe gegen andere kläffen dürfen. Man will was besonderes sein - individuell!- und doch ganz normal behandelt werden.
Und die eigene Normalität beweist sich, indem man ins allgemeine Gejaule und Gebell von Terriern, Dackeln, Boxern einstimmt: Wenn Katzen vorbeihuschen, dann weiß doch jeder im Rudel, was zu sagen ist. "Ganz individuell", versteht sich.
Chat Atkins (Gast) - Do, Aug 10, 2006

Vor allem aber sind Vorurteile immer die der anderen.
Jens (Gast) - Sa, Aug 12, 2006

whoa! gemeinplatzschleuder 2.0
Dr. Dean (Gast) - So, Aug 13, 2006

Zu anspruchsvoll?

Julio, ich glaub, Du bist zu anspruchsvoll. Dein Maßstab, den Du verwendest, der ist nicht ganz fair, nämlich: Du wendest Deinen eigenen Maßstab an, Deinen eigenen Anspruch an Genauigkeit, Kritik- und Differenzierungsvermögen.

Nun ist es aber so, dass die besonders leckeren Früchte besonders hoch hängen. Das bedeutet zweierlei:

Erstens, dass der gemeine Blogger (darunter auch derjenige, der gelegentlich lesenswert ist) oft dem Muster folgt, das Du beschreibst. Man könnte hier auch von einer Art Papageiengeplapper sprechen, das, und leider ist das so, nun einmal leichter zu bewerkstelligen ist als die sorgfältige Fabrikation eigener und neuer Gedanken. Die Früchte eines guten und differenzierten Artikels, geprägt von im positiven Sinne kritischer Haltung auch zu sich selbst und zur eigenen "Subkultur", die Früchte eines tatsächlch guten Dialogs, oder eines neue Erkenntnisse befördernden Diskurses hängen recht hoch. Jedenfalls für das gemeine Tagesgeschäft, da sie viel Arbeit voraussetzen, zumal gedankliche Arbeit und Lernbereitschaft.

Das ist nun einmal nicht so alltäglich - und hier meine ich z.B. mich selbst. Auch ich bin faul, oft viel zu faul.

Zweitens, mit der (von mir vollauf begrüßten) Höhe des Anspruchs wird es schwieriger, das Passende bzw. Nahrhafte zu finden. Aber! Es ist findbar und muss, leider auch hier mit Mühen verbunden, aufwändig gesucht werden.

Ich bin nun nicht der Meinung, dass Blogs besonders häufig Perlen enthalten, aber gut: Heute (ich mein: Samstag) habe den halben Tag in der Bibliothek verbracht, um teils unter Kopfschütteln festzustellen, dass in den Büchern namhaftester Autoren mitunter grausigstes Klischee die Feder diktiert.

Selbst der von mir hochgeschätzte Walter Eucken musste mich heute grob enttäuschen, als ich in einem Kapitel über Macht in der Wirtschaft lediglich die ordoliberale Marktformenlehre fand, und dafür anderes, Wichtiges, völlig unberücksichtigt. Nunja, an anderer Stelle haben mich seine "Grundlagen der Nationalökonomie" wieder getröstet.

Was ich damit sagen will: Man darf von Blogs (noch?) nicht so viel verlangen wie von guten Büchern, aber auch in Büchern findet sich nicht eben nur das Gold der perfekten Differenzierung, tatsachengetreuer Darstellung und vorbildlichen Kritik.

Sondern auch dort: Viel Müll. Zum Beispiel, was ich gerade lese:

Bereits im Vorwort von Joachim Scholtyseck ("Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler) blühen derart viele und vor allem schlimme logische sowie inhaltliche Fehler, dass ich mich frage, wie dieser Mann zu einer Professoren-Lizenz gelangen konnte. Tja, und doch werde ich das Buch lesen müssen, teils sogar mit großer Freude, weil Scholtyseck im Sammeln von Quellen akribisch war und damit informativ für mich ist.

Fazit: Auch Bronze kann ein guter Rohstoff sein, und nicht alle Blogs enthalten stets nur Blech.

(P.S. Sorry: Diese Antwort ist zu lang und zu unstrukturiert. Aber, weil ohnehin spät geworden, ich hab jetzt keine Lust, sie neu zu verfassen)
Julio Lambing - So, Aug 13, 2006

Auf empfundener Langeweile...

...den Einwand des zu hohen Anspruch zu hören, bringt einen in eine vertrackte Situation. Wie soll man darauf reagieren? Weniger Langeweile zu empfinden, indem man den Anspruch runtersetzt? Das klappt bekanntlich nicht. (Erregung ist nichts, was sich dekretieren lässt.) Oder die kleinen Freuden am Gebell des Schäferhundverein kultivieren? Dieses und jenes Gekläff, wenn die Katze vorbeikommt, ist doch ganz niedlich, man beachte die Tonhöhe? Und ist ja auch nuanciert anders als das Geheule der Pudel?

Keine Freudenkultur, die ich kultivieren will.

Aber das führt auch weg. Ich glaube es geht in diesem Fall erst einmal nicht um einen erhöhten Anspruch an Differenzierungsvermögen. Um den Stumpfsinn abzuschaffen, ist auch nicht viel Arbeit Voraussetzung. Grundsätzliche Lernbereitschaft allerdings schon. Die angesprochene Dummheit der hier besprochen Subkultur ist keine intellektueller Art, sondern sozialer.

Meine Haltung ist ganz einfach: Sie entspricht dem grundsätzliche Misstrauen, wenn eine Schülergruppe einen der ihrigen zum Paria abstempelt. Vielleicht ist der Typ wirklich so ein Arschloch, dass Uhu auf dem Stuhl und Hänseleien die richtige Behandlung sind. Vielleicht sind auch all die Urteile (oder ein angemessener Teil davon), die man über ihn fällt, richtig. Aber wer selbst dumme Fehlurteile erdulden muss, wer sich als Subkultur sieht und auch so behandelt wird, der kann mit einer einzigen Wendung der eigenen Haltung sich sensibel machen für die Frage, ob das zweifelsfrei so ist, was das "Man" da so sagt über den.

Ob jemand mit Blech oder Bronze arbeitet, ist dabei einerlei. Das "Man" kann mit groben Blech wie mit gestalteter Bronze auf Getier einprügeln, "weil doch klar ist das..." Und das unabhängig vonder Frage, ob nicht auch Geschichtsforschern oder Volkswirtschaftler Fehler in der Argumentation unterlaufen. Letzteres ist nicht per se langweilig. Manchmal sind die Fehler, das spanneste oder bereichernste. Das stumpfsinnige Einstimmen in das Man ist nie bereichernd.
David (Gast) - Do, Jan 25, 2007

Unser Jacky weiß auch was sie einer Katze zu sagen hat. Da geht bei uns immer der Pank ab. Ohje.
David

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