Lebenskunst als Praxis
Platons "Alkibiades" markiert nicht unbedingt historisch, wie Hannah Arendt meint, aber auf jeden Fall kategorial jenen Punkt, an dem "die sich selbst handelnde 'dynamische' Macht des Handelns" erloschen ist.(1) Alkibiades soll lernen über sich selbst zu herrschen, um über andere zu herschen. Der hinter solcher Konzeption der "Sorge um sich sich" stehende Begriff von Politik als Herrschaft ist Ausdruck eines tiefen Mißtrauens gegen die Unberechenbarkeit menschlichen Handelns, bzw. auf eines "aus ihm sich ergebenden Bestreben, dies Handeln überflüssig zu machen." (2) Hier geht es um die Sehnsucht nach ultimativer Souveränität, eine Sehnsucht, zu sich selbst jenes herrschaftliche Führung über sich selbst zu erringen, die der Herrschaft über das Volk entspricht und damit die Pluralität, die jedes Handeln und jede Präsenz im öffentlichen Raum auszeichnet, auszuschalten:
"Allgemein gesprochen handelt es sich nämlich immer darum, das Handeln der Vielen im Miteinandern durch eine Tätigkeit zu ersetzen, für die es nur eines mannes bedarf, der, abgesondert von den Störungen durch die anderen , von Anfang bis Ende Herr seines Tuns bleibt. Dieser Versuch, ein Tun im Modus des Herstellens an die Stelle des Handelns zu ersetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die uralte Geschichte der Polemik gegen die Demokratie.."(3)
Das Konzept persönlicher Herrschaft, wie es Platon im "Alkibiades" darlegt ist also die individualisierte Argumentation des "Staatsmannes".
Doch diese Souveränität ist illusionär: "Wären Souveränität und Freiheit wirklich dasselbe, so könnten Menschen tatsächlich nicht frei sein, weil Souveränität, nämlich unbedingte Autonomie und Herrschaft über sich selbst, der menschlichen Bedingtheit der Pluralität widerspricht. Kein Mensch ist souverän, weil Menschen und nicht der Mensch, die Erde bewohnen (...) Alle Ratschläge, welche die Tradition uns anzubieten hat, uns in souveräner Freiheit von anderen zu halten, laufen daraus hinaus, eine Schwäche der menschlichen Natur zu überwinden und zu komepensieren, und diese Schwäche ist im Grunde nichts anders als die Pluralität selbst. Folgt man diesen Ratschlägen und versucht im Ernst, die Folgen der Pluralität zu 'überwinden', so wird dabei nicht so sher eine souveräne Herschaft über sich selbst als eine willkürliche Herrschaft über ander herauskommen, es sein denn, man entschließt sich mit den Stoikern, die wirkiche Welt für eine eingebildete einzutauschen, in der man sich einrichtet, als existierten andere Menschen schlechterdings gar nicht."(4)
Wenn Hannah Arendt konstatiert, daß "der tiefste Sinn der getanen Tat und des gesprochenen Wortes nicht am Erfolg hängt, ja daß dieser Sinn gerade unabhängig von allen Siegen und Niederlagen weiter in den Welt bestehen kann, daß also das Gehandelte und Gesprochene trotz der Folgen, die sich unvermeidlich aus ihm ergeben, in diese Folgen niemals so verstrickt wird, daß es um seine eigenständige Existenz und mögliche Größe gebracht würde",(5) dann zeigt das letztendlich auch die Bedeutungslosigkeit jenes Unterfangens aus sich ein Kunstwerk zu machen: Es bleibt nur wenig übrig von Relevanz, denn die vergegenständlichten menschlichen Kunstwerke verlöschen mit dem Vergehen ihres Fleisches.
Leben in Schönheit ist Handeln in Pluralität, und weil das menschliche Bezugsgewebe, in dem jedes Handeln statfindet, niemals technisch kontrollierbar ist, ist es auch nicht die Schönheit.
Leben in Schönheit ist Sprechen und Handeln und gehört damit zu jenen Fertigkeiten, die ihren Zweck in sich selbst zu tragen: "Die Wirkung, die sie entfalten, ist nicht eine Folge und ein Endresultat, in dem der Prozeß selbst 'erlischt', sondern liegt im Vollzug selbst; der Vollzug ist das Bewirkte oder das Werk, er ist energeia." (6) Es ähnelt damit dem Flötenspiel, dem Tanz und der Schauspielkunst.
(1) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 260
(2) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 281
(3) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 279
(4) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 299
(5) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 260
(6) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 262
"Allgemein gesprochen handelt es sich nämlich immer darum, das Handeln der Vielen im Miteinandern durch eine Tätigkeit zu ersetzen, für die es nur eines mannes bedarf, der, abgesondert von den Störungen durch die anderen , von Anfang bis Ende Herr seines Tuns bleibt. Dieser Versuch, ein Tun im Modus des Herstellens an die Stelle des Handelns zu ersetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die uralte Geschichte der Polemik gegen die Demokratie.."(3)
Das Konzept persönlicher Herrschaft, wie es Platon im "Alkibiades" darlegt ist also die individualisierte Argumentation des "Staatsmannes".
Doch diese Souveränität ist illusionär: "Wären Souveränität und Freiheit wirklich dasselbe, so könnten Menschen tatsächlich nicht frei sein, weil Souveränität, nämlich unbedingte Autonomie und Herrschaft über sich selbst, der menschlichen Bedingtheit der Pluralität widerspricht. Kein Mensch ist souverän, weil Menschen und nicht der Mensch, die Erde bewohnen (...) Alle Ratschläge, welche die Tradition uns anzubieten hat, uns in souveräner Freiheit von anderen zu halten, laufen daraus hinaus, eine Schwäche der menschlichen Natur zu überwinden und zu komepensieren, und diese Schwäche ist im Grunde nichts anders als die Pluralität selbst. Folgt man diesen Ratschlägen und versucht im Ernst, die Folgen der Pluralität zu 'überwinden', so wird dabei nicht so sher eine souveräne Herschaft über sich selbst als eine willkürliche Herrschaft über ander herauskommen, es sein denn, man entschließt sich mit den Stoikern, die wirkiche Welt für eine eingebildete einzutauschen, in der man sich einrichtet, als existierten andere Menschen schlechterdings gar nicht."(4)
Wenn Hannah Arendt konstatiert, daß "der tiefste Sinn der getanen Tat und des gesprochenen Wortes nicht am Erfolg hängt, ja daß dieser Sinn gerade unabhängig von allen Siegen und Niederlagen weiter in den Welt bestehen kann, daß also das Gehandelte und Gesprochene trotz der Folgen, die sich unvermeidlich aus ihm ergeben, in diese Folgen niemals so verstrickt wird, daß es um seine eigenständige Existenz und mögliche Größe gebracht würde",(5) dann zeigt das letztendlich auch die Bedeutungslosigkeit jenes Unterfangens aus sich ein Kunstwerk zu machen: Es bleibt nur wenig übrig von Relevanz, denn die vergegenständlichten menschlichen Kunstwerke verlöschen mit dem Vergehen ihres Fleisches.
Leben in Schönheit ist Handeln in Pluralität, und weil das menschliche Bezugsgewebe, in dem jedes Handeln statfindet, niemals technisch kontrollierbar ist, ist es auch nicht die Schönheit.
Leben in Schönheit ist Sprechen und Handeln und gehört damit zu jenen Fertigkeiten, die ihren Zweck in sich selbst zu tragen: "Die Wirkung, die sie entfalten, ist nicht eine Folge und ein Endresultat, in dem der Prozeß selbst 'erlischt', sondern liegt im Vollzug selbst; der Vollzug ist das Bewirkte oder das Werk, er ist energeia." (6) Es ähnelt damit dem Flötenspiel, dem Tanz und der Schauspielkunst.
(1) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 260
(2) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 281
(3) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 279
(4) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 299
(5) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 260
(6) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 262
Julio Lambing - Mi, Aug 23, 2006 - Zettelkasten: Aesthetik der Existenz







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