Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Von Solidarität und "Erdnussschwanzträgern"

Eine kleine Meditation zum Thema Solidarität

Neulich habe ich mit einem jungen, nachdenklichen Menschen gesprochen, der für einen Stundenlohn von etwa 2,50 EUR 54 Stunden in der Woche mit hohem körperlichen Einsatz arbeitet. Wenn ich ihn richtig verstanden haben, dann macht er das weniger aus innerer Leidenschaft für diese Arbeitsstelle, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil aus Angst vor der prekären Beschäftigungssituation. Durch den knochenharten Job könne er fortlaufende Beschäftigung und entsprechende Erfahrung vorweisen, bis in einigen Monaten eine bestimmte Ausbildung beginne.

Zu seiner Entscheidung möchte ich mich selbst nicht äußern, das steht mir nicht zu. Interessant fand ich bei dem Fortgang des Gesprächs aber, daß ein historisches Bewußtsein, warum soziale Bewegungen vor hundert Jahren für gerechten Lohn und angemessene Arbeitszeiten eintraten, nicht vorhanden war. Die Tatsache, daß wir auch denen etwas schulden, die sich vor langer Zeit dafür einsetzen, daß die Arbeit in unserer Gesellschaft humaner wird, daß wir ihre Visionen nicht einfach auf das Altenteil einer neuen Ergebenheit vor angeblichen ökonomischen Zwängen schieben dürfen, war ihm nicht mehr präsent. Ein deutlicher Unterschied z.B. zu denjenigen, die vor 20 Jahren ins Berufsleben eingestiegen sind.

Diejenigen ernstzunehmen, die vor langer Zeit sich für soziale Errungenschaften einsetzten, ist für mich nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch einer zeitenübergreifenden Solidarität. Sie gilt meines Erachtens für diejenigen, die schon gestorben sind, als auch für diejenigen, die noch geboren werden. Für mich eine starkes Argument, warum ich dem Einsatz von Technologien, die zukünftige Generationen vor erhebliche Probleme stellen werden (Nuklearenergie, Carbon Sequestration) so skeptisch gegenüber stehe. Man hinterlässt seinen Enkeln keine Gifthalde in der Hoffnung, sie würden schon eine Lösung finden.

Den Wert der Solidarität konnte ich in den letzten 20 Monaten noch einmal in der Blogosphäre schätzen lernen. Letztere ist für mich eine bestimmte Entwicklungsstufe eines neuen öffentlichen Raums, der eine Vielzahl an positiven Effekten, leider aber auch diverse negative, beinhaltet. Ich vermute, daß dieser öffentliche Raum noch einige Metamorphosen durchmachen wird, wie die endgültige Gestalt, die über mehrere Dekaden stabil sein kann, aussehen wird, vermag ich nicht zusagen. Die Blogosphäre scheint mir ein Zwischenstadium, eine Art Pubertät zu sein, die besonderen Schutz - eben unserer Solidarität - bedarf, damit die in ihr angelegte neue Dimension von Öffentlichkeit gedeihen kann.

Aasgeier über die Blogosphäre

Entgegen den Befürchtungen, wie viele sie in den letzen Monaten geäussert haben, scheint mir in diesem Stadium die entscheidende Bedrohung weniger in jener ausufernden Kommerzialiserung zu liegen, die versucht all unsere Lebensbereiche in ein Spiel von Kauf und Verkauf zu verwandeln. Die neuen technologischen Lösungen ermöglichen die kostenlose (oder zumindest annähernd kostenlose) Erstellung von Plattformen, auf denen Gedanken, Musik und andere kultureller Güter miteinander geteilt werden können und so ein großes Publikum erreichen. Keiner, der sein Blog kommerzialisiert, indem er es Sponsoren zur Verfügung stellt oder Werbung schaltet, nimmt den anderen die Möglichkeit, ein Blog ohne kommerzielle Ausrichtung zu betreiben. (Ein Umstand, auf den Jens Scholz mich hinwies.)

Die Bedrohung einer freien Entwicklung der neuen Öffentlichkeit geht weniger von den "Imperativen des Marktes" aus als von denen einer Bürokratisierung und Verrechtlichung unserer Lebensweisen. Wir erleben gerade wie wirkliche Aasgeier sich die juristische Welt und ihre Instrumentarien zu nutze machen, um über das Abmahnunwesen entweder nichts weiter als Geld zu verdienen oder mißliebige Äußerungen aus der öffentlichen Wahrnehmung zu drücken. Selbstverständlich sind diese Aktivitäten oft profitgetrieben: Man zockt entweder durch die Abmahnungen selbst ab oder man benutzt das Abmahnen, um Profitinteressen zu stützen. Und es zeigt sich auch eine neue alte Art von ökonomischer Macht: Diejenigen, die die Möglichkeit haben, einen Anwalt zu finanzieren können sich mit juristischer Einschüchterung gegen die durchsetzen, die kein Geld für einen Rechtsberater haben. Aber die Bedrohung selbst ist eine juridischer Art, nicht ökonomischer.

Die Blogosphäre als Agora, auf der Gedanken, Bilder und Musik frei ausgetauscht werden ist ein besonders interessanter Ort für die neuen Aasgeier: lohnendes Feld an menschlicher Präsenz um reiche Ernte bei vielfältigen Abzockmöglichkeiten einzufahren - bedrohlich wuchernder Dschungel an Informationen, den man gerne zurechstutzen würde, um ungestört und unkritisiert Geschäfte zu betreiben. Das Internet hat den Aktionsradius der Aasgeier deutlich erweitert und da generell immer mehr Menschen in den Industrienationen das WWW nutzen, drängt auch die Präsenz der Aasgeier immer mehr ins Bewußtsein. Die juristische Branche, aber auch das Rechtssystem steht hier mittlerweile vor einem veritablen Problem. Anna Kühnes Fluch auf jenes gewissenlose, geldgierige, machtgeile Anwaltspack ist ein Aufstöhnen, das stellvertretend für viele Menschen (und erst recht für viele Blogger) ausgesprochen wurde. Wenn den Menschen nicht mehr klar ist, daß Recht ein kollektives Gut ist, wenn sie den Eindruck gewinnen, es wird von denjenigen als Waffe genutzt, die Geld haben, dann entsteht eine Beschädigung des Rechtskultur (Danke an Lapidarium für den Hinweis), die sich auch in langandauernden, tiefen Hass verwandeln kann. Mir scheint, daß diejenigen, die gebuht hatten, als Bundesjustizministerin Zypries vor ein paar Monaten das Abmahnunwesens scharf kritisierte, eine gewisse Blindheit an den Tag legen, was sich da zusammenbraut.

Solidarität ist kein Blankoticket für Großmäuler

Solidarität ist wichtig, um die Blogosphäre vor den Umtrieben der Aasgeiern zu schützen, bis unsere Kultur Wege gefunden hat, jenen Sumpf auszutrocknen, in dem die schrägen und missratenen Vögel der Juristerei ihre Eier ausbrüten. Die Blogger können dabei zwei wichtige Waffen einsetzen: Das Veröffentlichen von Informationen und die wechselseitige Vernetzung, die koordiniertes Handeln möglich macht. Ich hätte es deshalb eine gute Idee gefunden, wenn die Namen jener Anwälte, die Mario vom Küchenblog so zusetzen, ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätten und dort massenhaft verbreitet worden wären (Update: Ups!). Denn hier scheint mir bei aller schuldhafter Naivität, die Mario zugibt, ein Fall vorzuliegen, bei dem sich die Anwälte ruhig öffentlich rechtfertigen sollten. Nerdcores Vermutung, daß hier eine neue Abzockstrategie erkennbar ist, scheint mir sehr plausibel. Wäre interessant zu sehen, ob sie glauben, ein massenhaftes Outing juristisch bekämpfen zu können.

Schwerer tue ich mich mit Andreas L. Seine Ausfälle sind für mich ein Beispiel für jene Auswüchse der Internet-Welt, die ich mal als "Entbettung von Kommunikation" beschrieben habe. Die Frage von damals bleibt: Würden die Würstchen, die so groß die Lippe im Internet riskieren, sich auch so in ihrem direkten sozialen Umfeld verhalten? Ich glaube nein. Bei allem Freiraum für grobe Scherze: Ich habe mir die satirisch gemeinte Höhöhö-Filmkritik von Andreas L. durchgelesen Ich habe mir auf Foren veröffentlichte Versionen des satirisch gemeinten Höhöhö-Textes durchgesehen, die offenkundig in Beziehung zu Starkritikseite von Andreas L. stehen und war mir nicht sicher, wie Veronica Ferres mit einer solchen miesen, schäbigen, misogynen Beleidigung umgehen sollte. Ich erwähnte ja schon einmal, dass es für mich Bände über die Gesinnung eines Mannes spricht, wenn er sexuelle Freizügigkeit oder Prostitution von Frauen als Teil einer Schmähung verwendet. Ich fand es ziemlich lahm, als in der Kitschkomödie "Notting Hill" Julia Roberts jenem Großmaul, das in trauter Männerrunde mal so richtig über den Filmstar vom Leder zieht, lediglich attestierte, einen Schwanz von der Größe einer Erdnuss zu haben. (Auch wenn es immer noch Männer gibt, für die die Größe des eigenen Lustorgans von zentraler sozialer Bedeutung ist.) Ich hatte damals leider keine gute Idee, was stattdessen eine angemessenere Reaktion gewesen wäre. Allerdings fand ich unter heuristischen Gesichtspunkten den Rat meiner Begleiterin durchaus bedenkenswert, daß - was auch immer Julia Roberts/Anna Scott vorher als Lektion verabreicht hätte - sie auf jeden Fall am Ende auf das Großmaul pissen sollte, während es wimmernd am Boden liegt.

Trotz der bisher bekanntgewordenen Vorfälle wird Frau Ferres über die Größe von Andreas L.s Genitalien keine noch so kleine Bemerkung verschwenden, das sind sie dann doch nicht wert. Ich gehe davon aus, daß sie Andreas' Verhalten als erbärmlich empfindet. Zurecht. Anstatt einem klaren Eingeständnis tönt es erst euphemistisch aus seinem Blog, dass seine Bemerkungen "wohl auch beleidigend" waren, um dann - ob absichtlich oder unabsichtlich ist egal - den Eindruck zu erwecken, in seiner Beleidigung wäre es nur um körperliche Vergleiche gegangen. Dann anschließend noch schnell ein kleiner Gag, lanciert durch Erwähnung von William Shatner, knappe Wortwahl und Zeichensetzung. Man will ja keinen Joke verpassen, nicht wahr? So sieht also das glaubhafte Auftreten dessen aus, der zur Entschuldigung dem "Präventionsverein gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen Power-Child e.V." beitreten will. Und am Schluß des Textes dann was jammern von wegen "sich kurz vor meinem Studienende [zu] ruinieren". Nicht, daß man das nicht so machen kann wie der Andreas L., aber was erwartet man von solcher Deskalationsstrategie? Die friedliche Eiapopei-Umarmung einer stolzen Frau?

Ein Danke Schön an einen faszinierenden Raum

Ich plädiere dennoch nicht dafür, Andreas L. bis zum finanziellen Ruin juristisch zu verfolgen. Noch schiebe ich den ganzen Auftritt inklusive Filmstarkritik auf ein unreflektiertes, unreifes Postaduleszenzverhalten von jemanden, der dringend ein paar Nachhilfestunden in sozialer Intelligenz braucht. Da ich etwas gegen die Verrechtlichung unseres Lebens habe, glaube ich, daß auch hier andere Möglichkeiten vorhanden sind, wie Veronica Ferres Andreas L. eine Lektion erteilen kann und hoffe auch, daß sie so maßvoll ist und diese wahrnimmt. Dabei habe ich selbstverständlich weniger die oben erwähnte Variante im Sinn als durchaus das von Andreas vorgeschlagene Engagement bei einem Verein gegen Kindermißbrauch. 100 Manntage fände ich gut. Da kann man hervorragend Erfahrungen darüber sammeln, was flockig lockere "Beine breit-"Sprüche so für eine Wirkung haben. Meines Erachtens wäre eine wichtige Voraussetzung für eine solches Agreement, daß das weinerliche Großmaul ("Ich warte und stehe am Strand. Und der Ozean hält den Atem an.") seinen Blog-Beitrag entweder löscht oder durch einen ersetzt, bei dem man ernsthaft das Gefühl hat, daß er es ernst meint mit seiner Entschuldigung. Und daß er sich nachdrücklich dafür einsetzt, daß der betreffende Text auch aus einem Forum verschwindet, wo er bis heute einsehbar ist. die betreffenden Texte aus den Foren fliegen.
Wenn es um meine Solidarität als Teil der Blogosphäre geht, dann muß ich sagen: mehr als diese Worte möchte ich derzeit nicht aufbringen. Zwar muß man sich Solidarität nicht verdienen, aber man darf schon Anhaltspunkte liefern, daß man ihrer würdig ist.

Manchmal kostet es deutliche Überwindung, ein paar solidarische Zeilen zu schreiben, einfach weil der eigene Kopf ganz woanders ist: "Wieso soll ich mich schon wieder mit irgendwelchen Halunken befassen? Es gibt doch auch noch produktive Themen, die zudem mehr Spaß machen." Jemand der notorisch solche Halunken aufschreckt und deshalb viele nervt, ist ja bekanntlich Marcel Bartels von Mein-Parteibuch. Mag ja sein, daß Marcel Bartels ein Querulant ist, der die Abmahnungen mit einem kindlich-rebellischen Glauben an Gerechtigkeit nur so herausfordert. Aber er hat eben den Mut immer wieder über wirklichen Abschaum der Business-Welt zu schreiben. Marcel geht da aufrecht, wo viele aus durchaus berechtigter Angst den Kopf gesenkt halten. Deshalb höre ich auch immer wieder genau zu, wenn er wieder jemanden aufgescheucht hat, z.B. jetzt die besagte UGV Inkasso GmbH. Die Argumentation von Marcel Bartels kann einem mit guten Gründen zu dem Schluß führen, daß die UGV Inkasso GmbH in Wirtschaftspraktiken involviert ist, die als richtig mies und unmoralisch betrachtet werden können. Das Unternehmen wird den Gegenfragen von Bartels schon einiges Überzeugendes an Antworten entgegenstellen müssen, damit das interessierte Publikum den Eindruck bekommt, daß der Gesetzgeber, die Gerichte oder die Öffentlichkeit diesem Unternehmen nicht das Handwerk legen sollten. Über das andere aktuelle Unternehmen MEG AG (oder meg24)muß man nicht viel Worte verlieren. Wenn unter der IP eines Unternehmens Kritiker mit Sprüchen wie "kleiner scheiss neidischer penner" bedacht werden, dann sag das viel über die Seriösität des betreffenden Unternehmens.

Der letzte Fall von Solidarität betrifft mich selber. Angesichts der Tatsache, daß Google in seinen deutschen Suchergebnissen meine Recherchen über die Sicherheitsbranche und die Firmen Easydentic, Adhersis, Protection One, Compagnie Européenne de Télésécurité (CET), Eurotec GmbH, Euroweb Marketing und Euroweb Asset Managing zensiert, war ich über die mir angebotene und schreibkräftig demonstrierte Solidarität (und sei es auch nur schlichtes Erwähnen) sehr dankbar. Seitdem vor einem halben Jahr auf AXONAS die ersten Recherchen über das Firmennetz rund um Euroweb veröffentlicht wurden, sorgen Blogger immer wieder dafür, daß eine entsprechende Öffentlichkeit für die dort verhandelten Themen hergestellt wurde. Bekanntlich weisen viele der Firmen des von mir untersuchten Firmennetzes ein beachtliches Engagement darin auf, bestimmte kritísche Berichte aus der öffentlichen Wahrnehmung zu drängen. Um so wichtiger ist die Unterstützung.*

Deshalb hier noch einmal an großes Danke Schön an die Blogosphäre, die nur durch ihr eigenes Handeln uns allen einen faszinierenden Raum von Öffentlichkeit geschenkt hat und nur durch ihr reines Handeln diesen Raum aufrechterhält.

(*Update 06.10.06: Merkwürdige Dinge geschehen bei Google.de... Mein Artikel taucht anscheinend unter einem der Stichwörter wieder auf ("Easydentic"), dafür verschwinden jetzt wohl Beiträge von anderen Bloggern, die über die Zensur berichteten und gerade erst ganz oben im Such-Ranking waren. Merkwürdig, merkwürdig. Würde mich freuen, wenn das jemand verifizieren könnte.)

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