Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ein Film, der niemals hätte gemacht werden dürfen

"An Inconvenient Truth," Davis Guggenheim's new documentary about the dangers of climate change, is a film that should never have been made. It is, after all, the job of political leaders and policymakers to protect against possible future calamities, to respond to the findings of science and to persuade the public that action must be taken to protect the common interest.
New York Times, May 24, 2006: Warning of Calamities and Hoping for a Change in 'An Inconvenient Truth' (A. O. Scott)


Es ist ein guter Film, dessen Aufführung in Deutschland vielleicht daran krankt, daß seine Synchronisation den amerikanischen Pathos ins Lächerliche zieht. Eine Einführung in die Klimathematik, die nicht auf alle Details und Komplexitäten eingehen kann, aber die kommenden Herausforderungen nocheinmal deutlich macht.*




(Deutscher Trailer zu "Eine Unbequeme Wahrheit" hier.)

Das Kyoto-Protokoll strebte als Einstieg für die Industriestaaten eine Einsparung der jährlichen Treibhausgasemissionen von etwa 5,2% für das Jahr 2012 an (verglichen mit dem Jahr 1990). Wenn wir aber als Ökonomie realisieren, was es heißt, dass wir in den Industrieländern bis zu 80% unserer jährlichen Treibhausgasemissionen reduzieren müssen, um die globale Erwärmung auf nicht mehr als 2° C ansteigen zu lassen - es geht schon lange nicht mehr darum, den Treibhauseffekt zu verhindern oder rückgängig zu machen - und dieser Zeitpunkt wird kommen, dann werden wir auch wissen, welche ungeheuren Anstrengungen zur Transformation unserer industriellen und technologischen Strukturen uns bevorstehen. Es geht nicht darum, hier oder da ein bisschen weniger Auto zu fahren oder öfter mal das Licht auszuschalten. Es geht um den Umbau eines gesamten Industriesystems. Ein Umbau im laufendem Betrieb, vergleichbar dem Umbau eines Autos bei voller Fahrt - und ersetzt wird der Motor.

David Crane, CEO der amerikanischen NRG Energy wird nicht der letzte Führer eines Energiekonzerns sein, der zu der Erkenntnis kommt:
"I firmly believe that when we talk about carbon and its impact on global warming, we are not talking about just another business issue. We are talking about the type of business issue that comes along, perhaps only once in a century. That is an issue like workers’ safety at the beginning of the 20th century, which transcends bottom line impact."
(David Crane, September 26 2006 at the Merrill Lynch Global Power and Gas Leaders Conference. New York)

Und er wird nicht der einzige sein, der aus Verantwortung für unsere ökonomische Zukunft kurzsichtiges Engagement seiner Branchenkollegen brandmarken wird:
"While some forward thinking power industry executives have taken a stand on carbon, the broader utility industry view as represented by the official position of the utility trade association can best be described as--see how this works: ‘See no carbon, hear no carbon, and speak no carbon.’ More specifically for those of you who do not know the official utility industry view is that carbon restraints should be entirely voluntary. A carbon position based on voluntary restraints to me is unwise and ultimately self-defeating because it’s increasingly out of touch with the rapidly hardening position of main stream America on the issues of carbon emissions and global warming and what will be even more infuriating to the public is the blazing cynicism of the power industry’s position -- advocating reliance solely on voluntary restraints at a time when the American power industry itself is proposing to construct nearly 100 gigawatts of new coal-fired generation."



*Ob man den Aspekt der Wahrscheinlichlichkeit für verschiedene prognostische Werte - Beispiel hier- zur Erläuterung der Kompexität von Szenarien heranziehen sollte, ist wohl für den Zuschauer eher verwirrend als hilfreich. Allerdings hätte ich mir aus der Rückschau bei einer speziellen, den Laien besonders schockierenden Prognose eine solche Relativierung gewünscht, um gar nicht erst den Verdacht auf Panikmache aufkommen zu lassen.
rene (Gast) - Do, Okt 19, 2006

der film ist super

Julio Lambing - Fr, Okt 20, 2006

Schöne Besprechung. Euer Hinweis auf die ominöse Entstehungsgeschichte von "Al Gore's Penguin Army" leitet wunderbar über zu einem anderen Trailer.
Dirk (Gast) - Mi, Okt 25, 2006

naja

Also ich fand den Film nicht so toll, um nicht zu sagen enttäuschend! Bis auf diese Sturzbäche, die ein Eisschild noch schneller schmelzen lassen, war für mich absolut nichts neues dabei.
Das der Film in Amerika ein großes Echo hervorgerufen hat kommt meines Erachtens daher, dass a) das Wissen über die Klimaerwärmung dort offensichtlich in der Bevölkerung nicht sehr fundiert ist und b) die Amerikaner im Schnitt am meisten zur Klimaerwärmung beitragen. Die Erklärungen, wie wir Menschen das Klima negativ beeinflussen, sind ebenso bekannt wie die Tipps, die der Zuschauer am Ende des Films angetragen bekommt ("Kaufen Sie ein Hybrid-Auto!" "Stellen Sie Klimaanlage im Sommer um einige Grad herauf und die Heizung um einige Grad herunter!" etc.). Abgesehen davon: das Auto in dem Gore in der einen Zwischensequenz die Familienfarm besucht sieht nicht gerade spritsparend aus (ich weiß nicht was es war, aber es war groß! Ein Hummer-Hybrid ;-) ? ).
Neue Lösungsansätze konnte ich in diesem Film ebensowenig entdecken, wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Ob die Daten, mit welchen Gore rechnet nun übertrieben sind oder nicht, spielt da auch keine große Rolle mehr: in jedem Fall müssen wir etwas gegen die Erwärmung unternehmen. Ich denke, dass der Film gerade in Europa keinen großen Nutzen (?) hat: die verbreiteten Fakten und Szenarien sind für einen halbwegs interessierten Menschen dank Zeitung und vielleicht auch Fernsehen nicht neu. Menschen, die Zeitungen und halbwegs vernünftige Fernsehsendungen ignorieren und denen so das Wissen über die Materie fehlt werden sicher auch keinen Film wie diesen ansehen.
Fazit: als Zusammenfassung nett, aber nichts neues.
Julio Lambing - Do, Okt 26, 2006

Ja, der Film enthält nichts neues für jemand, der wachsam Zeitung liest. Aber man sollte Europa nicht mit Deutschland verwechseln. Sowohl in südländischen Ländern als auch in den neuen Mitgliedsstaaten herrscht bei weitem nicht jenes Meinungsbild und jener Informationsgrad vor, wie wir es in Deutschland oder Großbritannien kennen.

Hinzu kommt sowohl für die politischen Institutionen von der EU bis zu den Nationalregierungen als auch von der Bevölkerung selbst eine kognitive Dissonanz zwischen Problemrhetorik und Problembegegnung. (Europa überschätzt zudem gerne seine Führungsrolle.) Deutschland war da mit den Anti-Kampagnen ein schönes Beispiel, als es mit der Einführung einer Ökosteuer den ersten kleinen Schritt einer auf klimapolitischen Erfordernissen zugeschnittenen Finanzreform unternahm, die bis heute immer noch nicht angepackt ist. Bei der Einrichtung des Emissionshandel ähnliches: Es gab gut gefüllte Veranstaltungen in Deutschland, in denen ein aus aufgehetzten Ingenieuren zusammengesetztes Auditorium das Podium anflehte, mit allen Mitteln den Emissionshandel zu verhindern, wenn Deutschland nicht bankrott gehen soll.
usw.

Problembewusstsein ist in dieser Frage in ganz Europa eben nicht nur eines der politischen Entscheidungsträger sondern auch bestimmter Bevölkerungsgruppen. Und der Baustellen gibt es genug, auf denen nur mit angemessenem Problembewußtsein Wandlung möglich ist: Öffentlicher Nahverkehr, Treibstoffverbrauch von PKWs, Flugverkehr, Gebäudeeffizienz, Erneuerbare Energien, Energieeffizienz von Haushaltselekronik, Umbau des Stromnetzes, Kraft-Wärmekopplung, Emissionshandel etc.

Aber solange ein in Europa führendes massenwirksames Boulevard-Blatt in durchaus guter Absicht Vulkanausbrüche mit dem Treibhauseffekt in Verbindung bringt - und zwar în der unsinnigen Kausalrichtung - , solange ein europäischer Wirtschaftsverband es tatsächlich fertig bringt, bei Umfragen der EU-Kommission zur Energiepolitik den Klimaeffekt als nicht bestätigt zu deklarieren, solange in der Bevölkerung und in der Breite der Unternehmerschaft noch nicht angekommen ist, welcher enorme Umbau unsere Industriegesellschaft zu leisten hat, die - um jenes altbekannte Bild zu benutzen - am Öl hängt wie ein Junky an der Nadel, solange wird der Film meiner Einschätzung nach einen großen Nutzen haben. Auch wenn er nur ganz simple Botschaften beinhaltet und man bei manchem sich Relativierungen gewünscht hätte.

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