Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Sind Kreationismus und Intelligent Design „science stopper“?

Wie gestern angekündigt:
Ein Gastbeitrag von Reinhard Junker, Studiengemeinschaft Wort und Wissen (Kontakt hier)


Wissenschaftsfeindlichkeit von ID und Kreationismus?

Gegen den „Kreationismus“ und den „Intelligent Design“-Ansatz (ID) (1) wird häufig der Vorwurf erhoben, diese Denkrichtungen würden Wissenschaft blockieren, weil bei offenen Fragen auf einen Designer verwiesen würde, anstatt weiter zu forschen. Wer Schöpfung mit Wissenschaft verbinde, wolle darüber hinaus gesichertes Wissen durch unsicheren Glauben ersetzen. Das aber könne sich die moderne Gesellschaft nicht leisten, denn sie beruhe auf den Ergebnissen der Wissenschaft. Dies gipfelt in der Behauptung, Kreationisten und ID-Befürworter seien wissenschafts- und demokratiefeindlich.(2)

Dieser sehr schwerwiegende Vorwurf ist indessen eine Konstruktion auf der Basis einer falschen Voraussetzung. Diese falsche Voraussetzung besteht gerade in der eingangs zitierten Behauptung, Anhänger der Schöpfungslehre oder ID-Befürworter würden es ablehnen, bei offenen Fragen weiterzuforschen. Dies ist eine Unterstellung, für die keinerlei Belege vorgelegt werden. Für den ID-Ansatz gilt das genaue Gegenteil: Argumente für Planung in der Natur (= Behauptung des ID-Ansatzes) können nur dann begründet vorgetragen werden, wenn der betreffende Forschungsgegenstand gut untersucht ist. Und diese Argumente können gegen Kritik nur durch weitere Forschung behauptet werden. Um die Plausibilität von Argumenten für Planung zu erhöhen, ist also Forschung notwendig, nicht deren Beendigung. Michael Behe, durch sein Buch Darwin’s Black Box bekannt geworden, betont in diesem Bestseller gerade, dass durch die Zunahme des Wissens das Design-Argument der sog. nichtreduzierbaren Komplexität erst plausibel wurde. Am Beispiel des Nano-Rotationsmotors des Darmbakteriums Escherichia coli habe sich gezeigt, dass durch zunehmende Kenntnisse deutlich geworden sei, dass dieser Motor noch augeklügelter ist als zu Beginn seiner Erforschung bekannt war. Damit sei das ID-Argument gestärkt worden. Weitere Forschung kann ID-Argumente natürlich auch schwächen.

In Wirklichkeit stellen sich viele wissenschaftliche Fragen gerade dann, wenn „Schöpfung“ oder „Planung“ in der Natur vorausgesetzt wird. Dies wurde an anderer Stelle ausführlich und mit zahlreichen Beispielen dargestellt(3) und soll hier nicht weiter thematisiert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass verschiedene Weltsichten teilweise verschiedene Fragen an die Natur richten. Die Forschungsmethoden und die Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns sind aber im Grundsatz dieselben. Im Rahmen von Schöpfungsvorstellungen werden manche wissenschaftliche Fragen zwar als nicht lohnend betrachtet, doch impliziert dies in keiner Weise, dass deshalb bestimmte Forschungen unterbleiben sollten. Auch in evolutionstheoretischer Perspektive gelten manche Fragen als uninteressant, ohne dass deren Vertretern aus diesem Grund mangelndes Forschungsinteresse oder gar Wissenschaftsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Zudem zeigt ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte, dass ein wichtiger Ursprung der modernen Naturwissenschaft im christlichen Weltbild liegt. Denn aufgrund biblischer Schöpfungsaussagen wurde die Welt gerade nicht als von willkürlich agierenden Göttern beherrscht betrachtet. Vielmehr geht es gemäß christlicher Schöpfungsanschauung in der Welt mit regelhaften Abläufen zu, die erforschbar sind, weil die Welt von Gott geschaffen wurde und von ihm nach Ordnungen regiert wird; das garantiert Regelhaftigkeiten (biblische Grundaussagen dazu sind Genesis 8,22 sowie Jeremia 31,35/36 und 33,25). Dieses Weltverständnis war geschichtlich der Ausgangspunkt für die Naturwissenschaft, wie wir sie heute betreiben.(4)

Man könnte die in der Überschrift aufgeworfene Frage damit bereits als beantwortet betrachten. Doch soll im folgenden der Hintergrund zu den eingangs umrissenen Vorwürfen beleuchtet werden.


Die Vermischung der Wie-Frage mit der Woher-Frage

Der weit verbreiteten Meinung, ID-Befürworter verwiesen bei ungelösten Fragen auf einen Designer, sie seien daher denkfaul und nicht wirklich an wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert und dergleichen mehr, liegt die Vermischung von Wie-Fragen mit Woher-Fragen zugrunde. Die Werkzeuge der Naturwissenschaft, mit denen empirische Forschung betrieben wird, sind vor allem geeignet, Wie-Fragen zu erforschen. Z. B.: Wie sind die Lebewesen aufgebaut, wie funktionieren sie? Darüber hinaus ist die Wozu-Frage in der Biologie von großem heuristischem Wert: Z. B.: Welchen Zweck erfüllt das untersuchte Organ? Dagegen liegt die Woher-Frage allenfalls indirekt in der Reichweite empirischer Forschung. Sie kann zu ihrer Beantwortung zwar zahlreiche Indizien bereitstellen und ist daher eine unverzichtbare Hilfswissenschaft für Herkunftsfragen; dennoch sind Woher-Fragen ihrem Wesen nach historische Fragen.

Der Fortschritt der Wissenschaft in den Wie-Fragen geht nun nicht automatisch einen Fortschritt in Woher-Fragen einher. Es ist nicht so, dass zunehmendes Wissen unsere Kenntnislücken in Entstehungsfragen ohne weiteres verkleinern würde. Das Gegenteil könnte der Fall sein: Je mehr wir wissen, desto offenkundiger könnte unsere Unkenntnis in den Ursprungsfragen werden. Ob das zutrifft, muss von Fall zu Fall untersucht werden (vgl. dazu das in der Einleitung Gesagte). Jedenfalls darf der Erfolg bei der Beantwortung von Wie-Fragen keinesfalls unbesehen für Erfolge in Woher-Fragen reklamiert werden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang. Die Diskussion um Evolution, ID und Kreationismus berührt die Wie-Fragen, von deren Beantwortung unsere Gesellschaft in Medizin und Technik profitiert, überhaupt nicht.(5) Die Behauptung, ID und Kreationismus bedrohten die Fundamente von Wissenschaft und Gesellschaft, sind daher abwegig. Dieses Bedrohungsszenario wird offenbar instrumentalisiert, um durch gezielte Angstmache eine kritische Diskussion in den Ursprungsfragen zu verhindern.


Das Methodeninventar in der Ursprungsforschung

In Ursprungsfragen ist es das Ziel, die Ursachen (welcher Art sie auch immer sind, natürlich oder willensgesteuert) für die beobachteten Phänomene herauszufinden. Eine Beschränkung auf ausschließlich natürliche Ursachen wäre hier eine folgenreiche Vorentscheidung über das, was man überhaupt herausfinden kann. Eine solche Vorfestlegung kann man nur philosophisch begründen, nicht durch empirische Forschung. Dazu kommt, dass es nach Auffassung von ID-Befürwortern schwerwiegende Verdachtsmomente für Planung gibt..Die Hinweise darauf, dass es noch andere als natürliche Ursachen für die Entstehung der beobachteten Phänomene gibt, sind überwältigend.(6) Bei einer in der Akzeptanz möglicher Ursachen nicht von vornherein eingeschränkten Suche werden verschiedene Methoden verwendet, darunter selbstverständlich auch die naturwissenschaftliche. Natürliche Gesetzmäßigkeiten dürfen aber nicht von vornherein als ausreichend betrachtet werden. Ein Vergleich soll dies verdeutlichen: Ein Kommissar kann vielfältige naturwissenschaftliche Methoden verwenden (z. B. DNA-Analysen), um einen Fall zu lösen, aber er wird sich nicht auf diese beschränken. Selbstverständlich wird er nach Indizien für Planung suchen, und dazu muss er für solche Indizien offen sein, sie sammeln und sie durch ein möglichst schlüssiges Szenario (einen Handlungsablauf) plausibel deuten. Es wäre verkehrt, nur die naturwissenschaftlichen Methoden einzusetzen und sich auf natürliche Gesetzmäßigkeiten zu beschränken.

Ebenso verfehlt wäre es, in Ursprungsfragen nur die Suche nach natürlichen, durch Gesetze beschreibbare Ursachen zuzulassen. Eine ideologiefreie Vorgehensweise zieht von vornherein alle möglichen Ursachen in Betracht, insbesondere wenn es entsprechende Verdachtsmomente gibt (genauso wie bei begründetem Verdacht Ermittlungen zur Ergreifung eines Täters eingeleitet werden).

Aus alledem folgt erneut: Die Annahme von „Schöpfung“ behindert wissenschaftliche Forschung nicht, sondern regt sie an, und zwar insbesondere dadurch, dass sie verschiedenen Spuren (natürliche Mechanismen und Indizien auf Planung) nachgeht. Die naturwissenschaftliche Methode wird dabei uneingeschränkt verwendet.

Würde dagegen von vornherein in Ursprungsfragen die Suche auf natürliche Ursachen eingeschränkt, könnten Hinweise auf Planung gar nicht entdeckt werden, und zwar nicht, weil sie nicht vorhanden sind, sondern weil die verwendete Methode dafür nicht geeignet ist. Die Einschränkung der Ursachenforschung auf natürliche Mechanismen kann zudem durch empirische Befunde nicht als Fehlweg erwiesen werden: Wenn die Suche nach natürlichen Ursachen auch nach vielen Bemühungen erfolglos war, kann man in diesem Denkrahmen immer auf eventuell noch unbekannte Faktoren verweisen. Das heißt aber auch: Falsifikationen sind unter dieser methodischen Beschränkung prinzipiell nicht möglich.

Es kommt noch hinzu, dass es keine universelle Forschungsmethode gibt, wie Wissenschaft betrieben wird oder wurde. Diese Feststellung gehört zum wissenschaftstheoretischen Allgemeingut. Noch nicht einmal im Bereich einer harten Wissenschaft, wie der Physik, gibt es eine universelle Methode, wie A. F. Chalmers in seinem Standardwerk „Wege der Wissenschaft“ (Berlin, 4. Aufl. 2001) herausstellt. Denkmögliche Erklärungen nur mit Hinweisen auf Methodik abzulehnen, ist nicht zu rechtfertigen. Stattdessen sollten mögliche Erklärungsweisen für wissenschaftliche Untersuchungen greifbar gemacht werden. Genau das versucht der ID-Ansatz im Bereich der biologischen Ursprungsfrage.

Ein letzter Gedanke zu diesem Punkt: Der Forschungsgegenstand bestimmt die Forschungsmethode. Die Einschränkung, nur natürliche Ursachen zuzulassen, ist dem Gegenstand in der Ursprungsforschung nicht angemessen.

Nur noch Lücken?

Ein häufig verwendetes Argumentationsmuster zur Abwehr von Kritik an der Evolutionstheorie (als Rahmentheorie der Geschichte des Lebens verstanden) ist die Kennzeichung offener Fragen als bloße Lücken. Jede Theorie sei lückenhaft und habe offene Fragen; dieser Umstand sei kein Grund, eine Theorie abzulehnen und eine Alternative an ihre Stelle zu setzen. Würde man mit allen wissenschaftlichen Theorien so verfahren, bliebe nichts mehr von der Wissenschaft übrig.

Dieses Argumentationsmuster läuft erneut auf Wissenschaftsfeindlichkeit hinaus. Es ist jedoch polemisch übertrieben und fungiert faktisch als Schutz der Evolutionstheorie vor fundamentaler Kritik. Die Frage, ob es empirische Daten gibt, welche die allgemeine Gültigkeit der Evolutionstheorie in Frage stellen, darf nicht gleichsam im Vorfeld der eigentlichen Auseinandersetzung abgewehrt werden. Wenn sich eine Theorie, die mit wissenschaftlichem Anspruch vorgetragen wird, gegen Kritik immunisiert, hat sie die Grenze zur Ideologie oder zu einem Glaubenssystem überschritten. Selbstverständlich gilt dies auch für Theorien, die im Rahmen von Schöpfungsvorstellungen aufgestellt werden.

Wenn eine allgemeine Evolution der Lebewesen als Tatsache behauptet und als Standard gesetzt wird, müssen natürlich alle offenen Fragen als bloße Lücken erscheinen, die die Existenz des Ganzen in Frage stellen. Wenn es jedoch gute Gründe in Gestalt empirischer Daten gibt, die eine allgemeine Evolution als Tatsache in Frage stellen, dann würden die offenen Fragen einen ganz anderen Stellenwert erhalten. Sie könnten als Symptom dafür gewertet werden, dass die Evolutionstheorie gar keine Realität beschreibt.


Verfehlte Vergleiche

Eine weitere, vielfach kolportierte Argumentationsfigur lautet, es sei genauso unsinnig, die Evolutionstheorie zu hinterfragen wie es abwegig wäre, die Atomtheorie oder das Periodensystem der Elemente in Frage zu stellen. Vergleiche dieser Art sind grob irreführend. Zum einen handelt sich um einen Vergleich einer historischen Theorie mit einer Strukturtheorie, in welcher der Zeitaspekt keine Rolle spielt.(7) Hier wird also der Unterschied zwischen einer Wie-Frage (hier: Aufbau der physikalischenWelt) und der Woher-Frage nicht beachtet. Doch davon abgesehen stellt sich ganz einfach die Frage, ob es empirische Gründe gibt, eine Theorie - um welche es auch immer sich handelt - kritisch zu hinterfragen. Weshalb sollte Kritik an der Evolutionstheorie nicht zur Sprache kommen, nur weil es keine Kritik an der Atomtheorie oder dem Periodensystem der Elemente gibt? Was hat die eine Theorie mit der anderen zu tun? Vergleiche dieser Art dienen dem Schutz der Evolutionstheorie vor fundamentaler fachlicher Kritik; sie sind Teil einer Immunisierungsstrategie, die ideologische Züge trägt.

Zudem können auch bewährte Theorien aufgrund neuerer Erkenntnisse scheitern. Ein Beispiel ist die Geosynklinaltheorie in der Geologie, durch die bis zu Beginn der 1960er Jahre die Entstehung der Gebirge erklärt wurde. Diese Theorie galt lange Zeit als Lehrmeinung. Dennoch hat sie sich als falsch herausgestellt. Der Vergleich der Evolutionstheorie mit vermeintlich gesicherten Theorien könnte so zum Rohrkrepierer werden.


Schlussfolgerungen

Naturwissenschaft befasst sich primär mit dem Aufbau und dem Funktionieren der physikalischen und belebten Welt. Ihre Forschungsgebiete tangieren die Ursprungsfrage nur mittelbar. Naturwissenschaftliche Forschung ist daher bezüglich verschiedener Vorstellungen über Ursprung und Geschichte der Schöpfung weitgehend neutral. In den Wie-Fragen wird Naturwissenschaft durch schöpfungsbasierte Weltsichten in keiner Weise behindert - im Gegenteil: manche wissenschaftlich untersuchbaren Fragen werden gerade dann aufgeworfen, wenn die Option „Schöpfung“ offengehalten wird. Der Vorwurf, Kreationismus und ID seien „science stopper“ erweist sich daher als unbegründet. In der Diskussion um Ursprungsfragen wird dieser Vorwurf vielmehr als „Kampfmittel“ eingesetzt, um unliebsame Positionen als nicht diskurswürdig aus dem Wettbewerb konkurrierender Weltsichten zu werfen.

Autor: Reinhard Junker

Anmerkungen

(1) Kreationismus und „Intelligent Design“ müssen klar unterschieden werden. Ersterer nimmt explizit Bezug auf die biblische Offenbarung, die einen groben Rahmen für die Rekonstruktion der Naturgeschichte bietet. Der ID-Ansatz dagegen nimmt keinen Bezug auf Offenbarungstatsachen, sondern argumentiert primär auf der Basis empirischer Daten (siehe dazu den Internetartikel „Worin unterscheiden sich Kreationismus und ‘Intelligent Design’“: www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/f80_4.php). In der Frage nach der Entstehung der Lebewesen ist beiden jedoch gemeinsam, dass sie mit Planung und zielorientiertem Wirken eines willentlich agierenden Urhebers rechnen: Nur auf diesen Aspekt kommt es in diesem Artikel an.
(2) Dies ist eine in den letzten Jahren in den Medien häufig kolportierte Argumentationsfigur, kürzlich am 19. 9. 2006 in der Sendung „Von Göttern und Designern“ im Fernsehkanal „Arte“ und anschließend in zahlreichen davon beeinflussten Medien.
(3) R. Junker: „Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas“:
www.wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.pdf;
Überblick bei www.wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.html.
(4) Francis Schaeffer geht auf diesen Zusammenhang im 7. Kapitel seines Buches „Wie können wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur“ (Neuhausen, 2000) unter Verweis auf Studien von Whitehead und Oppenheimer ein. Als herausragendes Beispiel sei der Astronom Johannes Kepler (1571-1630) angeführt. Er „kam zu seinen Ergebnissen nur, weil er stets an der Arbeitshypothese festhielt, Gott habe den Kosmos harmonisch geschaffen, eben weil er Gott sei. Deshalb müsse man die Umlaufbahnen der Gestirne berechnen können. (…) Der kleine, aber verhängnisvolle Schritt der Naturwissenschaft geschah an dem Punkt, an dem sie vom physikalischen zum weltanschaulichen Mechanismus überging. Für Gott, Willensfreiheit und erst recht für Wunder blieb kein Platz mehr“ (R. Mayer in P.C. Hägele & R. Mayer: Warum glauben - wenn Wissenschaft doch Wissen schafft? Wuppertal 2003, S. 16 und 18, Hervorhebung im Original).
(5) So gibt es beispielsweise keine „Evolutionsmedizin“, die eine auch nur minimale klinische Relevanz hätte, vgl. dazu die Rezension von „Warum wir krank werden - die Antworten der Evolutionsmedizin“ (R. Nesse & G. C. Williams 1997) von W. Lindemann in Studium Integrale Journal 7 (2000), 46-48.
(6) Dies wird sehr schön in „Nur eine Illusion? Biologie und Design" von M. Rammerstorfer (Marburg 2006) herausgearbeitet und von vielen evolutionstheoretisch denkenden Biologen ausdrücklich eingeräumt, wenn auch letztere diese Hinweise als bloßen Anschein interpretieren.
(7) Siehe dazu das 1. Kapitel in „Evolution - ein kritisches Lehrbuch“ (R. Junker & S. Scherer, Gießen 2006) und meinen Internetartikel „Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas“ (www.wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.pdf).
mspro (Gast) - Do, Nov 09, 2006

Kreationismus und Entscheidung

Wenn Sie hier schon publizieren, Herr Junker, wären Sie dann so freundlich mir folgende Verständnisfragen zur ID zu beantworten:

Zum intelligenten Designer (Wer auch immer):
Hat er "das Alles" A) in einem Stück designt, so wie die Bibel sagt, und beobachtet seither nun seinen "Versuchsaufbau" ganz passiv? Ist er also mehr der Wissenschaftler und wir sein Experiment?
Oder ist er B) mehr der Ingenieur, der auch weiterhin die Welt wartet, verbessert oder irgendwie ändert? Also ständig Hand anlegt und vor allem ENTSCHEIDUNGEN trifft?

Wie sieht kreationistische Forschung aus? Ich meine folgendes: Wenn die Zoologie Eigenschaften an bestimmten Arten findet, dann versucht der Evolutionsforscher gemeinhin in den Genealogien und den damaligen Umweltbedingungen die Trends zu indentifizieren, die zu dieser Eigenschaft haben führen können. Was tun dagegen die Kreationisten? Den Designer beklatschen? Oder noch etwas anderes? Also konkret: welche Frage kommt noch nach der Feststellung: "Tolles Design!"? Oder ist das bereits die Antwort?

Diese Frage könnte lauten: "Warum hat der Designer dies getan und das unterlassen?"

1. Wenn man diese Frage stellt, geht man von einer ENTSCHEIDUNG aus, die getroffen wurde, und Fragt nach den Beweggründen. Sind diese Beweggründe dann in den NOTWENDIGKEITEN zu suchen? Dann tun Kreationisten nichts anderes als die Evolutionsbiologen eh schon immer tun und es wäre egal, ob man von intelligentem Design spricht oder vom "Zwang zur Anpassung". DENN WENN DER DESIGNER AUS DER NOTWENDIGKEIT HERAUS ENTSCHEIDET, DANN ENTSCHEIDET ER IN WIRKLICHKEIT ÜBERHAUPT GAR NICHT! Er folgt einem ZWANG, dem Zwang der NOTWENDIGKEIT, also eben jenem Zwang, der von der Wissenschaft immer schon _in_ der Welt, statt außerhalb verortet wird, der aber auch im Kreationismus immer und notwendigerweise _in_ der Welt zu suchen wäre. Ein zwang also, der der Design-Entscheidung IMMER vorausgehen würde und so jede kreationistische Spekulation zu einem reinen Formalismus degradieren würde. Es sei denn....
2. Die Kreationisten fragen nach den "inneren" Beweggründen, des Designers. (Tun sie das?) Seinem Willen, seiner Intention, seiner freien ENTSCHEIDUNG als wirkliche ENTSCHEIDUNG? Aber diese Intention - da werden mir wohl alle Theologen zustimmen - ist per definitionem unergründlich. Also doch ein Ende der Fragerei? Ende des Diskurses. "ER hat entschieden. Punkt"?
Julio Lambing - Fr, Nov 10, 2006

Hallo mspro

vielen Dank für die Gelegenheit zur einer Klarstellung. Herr Junker schreibt hier, weil ich ihn zur Frage der Wissenschaftlichkeit des Kreationismus um einen Gastbeitrag gebeten habe. Ich habe mit ihm vereinbart, daß aufgrund seiner derzeit knappen Zeit keine intensive Beteiligung an der hiesigen Diskussion erfolgen muß.

Mir scheint, daß deine Fragen Themen berühren, die nicht im Zentrum dieses Beitrags stehen. Das macht sie nicht überflüssig, aber eine Ausweitung zu allen möglichen Aspekten des Kreationismus wird das, was ein solcher Gastbeitrag leisten kann, überstrapazieren. Ich kann nicht garantieren, daß Herr Junker Gelegenheit finden wird, darauf zu antworten. Sollte jemand sich an diesem Umstand stören, trifft die Schuld mich, nicht den Gastautor.

Soweit ich sehen kann, wird zudem eine Beantwortung deiner Frage allein dadurch erschwert, daß du nicht zwischen unterschiedlichen Schulen des Kreationismus unterscheidest. (Einen ersten groben Überblick siehe hier, aber auch dieser Überblick müsste wohl nach meinem Wissen durch unterschiedliche Richtungen für jede Schule differenziert werden.)
mspro (Gast) - Sa, Nov 11, 2006

Ich denke schon, dass es sehr viel mit den oben angesprochenen Themen zu tun hat. Ich habe zwei Möglichkeiten des "Fragens" innerhalb kreationistischer Denkstrukturen destilliert, die beide auf ihre jeweilige Weise in Sackgassen enden. Die Existenz solcher Sackgassen ist genau das, was Herr Junker in seinem Beitrag bestreitet.
Aber ich habe erhlich gesagt auch nicht erwartet, dass Herr Junker auf meinen Kommentar eingehen wird. Und dass ich den verschiedenen Strömungen nicht gerecht werde, ist mir dabei ehrlich gesagt, ziemlich egal.
mspro (Gast) - Sa, Nov 11, 2006

PS: Mit letzterem will ich nicht meine Ignoranz zur schau stellen (obwohl sie wohl wirklich da ist), sondern darauf verweisen, dass ein "intelligenter Designer", wie auch immer man ihn sich vorzustellen hat, ENTSCHEIDUNGEN treffen muss, um ein solcher zu sein. Die jeweilige Strömung und Ausrichtung der Theorie ist dabei völlig zu vernachlässsigen, denn erst die ENTSCHEIUNG macht eine Kreation zu einer Kreation und ein Design zu einem Design. Egal wie man sie denkt.
Julio Lambing - Sa, Nov 11, 2006

Mspro,

in deinem Beträgen hier zu diesem Thema blitzt immer wieder eine gewisse Gereiztheit auf, die ich im Rahmen finde, sofern sie die Sachebene trifft. Mit Aussagen wie "Aber ich habe ehrlich gesagt auch nicht erwartet, dass Herr Junker auf meinen Kommentar eingehen wird." tue ich mich schwerer, da ich nicht weiß, ob da nicht doch gewisse Vorurteile hinsichtlich der Diskusssionsbereitschaft bestehen, die nach meiner Beobachtung ungerechtfertigt sind.

Vielleicht nocheinmal detaillierter zu deiner Frage und zu deinen Zusatzkommentaren:

Die Beachtung unterschiedlicher Schulen scheint mir allein deshalb schon relevant, weil z.B. einige von ihnen bestimmte Evolutionen zulassen, andere nicht, deine Frage zur ENTSCHEIDUNG also jeweils hinsichtlich des Aspekts des Design in diesen Ansätzen präzisiert werden müsste (was du ja im letzten Kommentar dann auch ansprichst). Im nächsten Schritt muß deine Frage hinsichtlich der theologisch basierten Varianten präzisiert werden, die bereits Aussagen über den oder die Urheber des Intelligent Design machen. Und die sind ja nur ein Teil des Gesamtspektrums.

Um die Unterscheidung zwischen Ursachen und Gründen (bei Handlungen) bei Erklärungen von Phänomen zu bemühen: Eine Sackgassen entsteht also ersteinmal nur hinsichtlich der Ursachen des designten biologischen Phänomens, nicht hinsichtlich der Gründe des Designs. Ob bei letzteren die Forschung weiter geht - was immer das bedeuten mag - oder eine Sackgasse entsteht, hängt also von der Ausrichtung der unterschiedlichen Schulen ab.

(Auch im Black Box Verfahren des Intelligent Deisgn ist die Erforschung des Designs nicht auf Gründe festgelegt: Bei Ereignissen, die z.B. von der Geschichtsforschung untersucht werden, können zur Erklärung eines historischen Phänomens ja sowohl Gründe der Akteure angeführt als auch Ursachen jenseits der Intentionen benannt werden inklusive der Schilderung der Interaktion zwischen beiden. Warum sollte so etwas nicht auch bei biologsichen Phänomenen möglich sein? Die Frage, wer hinter der intelligenten Planung steht, könnte unter Umständen durch die Untersuchung der Interaktion zwischen beiden Erklärungsgruppen vorangetreiben werden.
Was macht man eigentlich, wenn eine Theorie das Wort Design metaphorisch aufweicht und von einer intelligenten Struktur spricht, die nur das Produkt einer Planung sein kann, aber sich gar nicht drauf festlegt, daß die Planung auf einen einzelnen Urheber zurückgeht? Ähnlich wie das paradoxe Bild, das das Universum als ein hochkomplexes Computerprogramm schildert, das intelligente Ergebnisse erzeugt, bei dem aber der Programierer überflüssig ist.)

Aber um auf die Sackgassen zurückzukommen: Selbst wenn eine Sackgasse existiert - muß eine solche nicht viel bedeuten. Denn ich sehe nicht, daß Herr Junker in seinem Text überhaupt behauptet hat, daß nirgendwo bei diesen Ansätzen Sackgassen auftauchen. Die Frage ist nur, ob solche Sackgassen prinzipiell wissenschaftliche Forschung im Rahmen dieser Ansätze verunmöglichen. Tun sie offenkundig nicht, sie forschen ja und nichts spricht dagegen, weiter zu forschen und Beweise für die eigene Theorie zu liefern - oder nach hinreichendem Forschungsstand zugeben zu müssen, daß die Beweise für die eigene Theorie oder die Fruchtbarkeit hinsichtlich neuer verwertbarer Erkenntnisse nicht ausreichen und die etablierten Evolutionstheorien überlegen bleiben.

Was zudem davon ganz unberührt bleibt ist die Frage, ob nicht auch die konkurrierenden Ansätze Sackgassen aufweisen. Eine scheinen manche ja auf jeden Fall schon einmal zu haben: Die Vorwegnahme der Entscheidung, daß kein(e) Intelligent Designer vorhanden ist/sind. In der Richtung soll ja wohl nicht geforscht werden.

Ein letztes: Mir geht so langsam die Lust aus, Kreationisten bei Punkten zu verteidigen, von denen ich den Eindruck habe, daß man sie bei einiger Fairness selbst klären kann. Ich persönlich finde es immer noch für unser Leben und unsere Forschung relevanter solche Fragen zu beanworten, wie ich sie z.B. hier (im letzten Absatz) angesprochen habe.
mspro (Gast) - Mo, Nov 13, 2006

Lieber Julio,
Ich sehe, wir kommen in der Sinn/Unsinn Frage, den Kreationismus betreffend, nicht weiter. Ich möchte aber auf dein Angebot eingehen, die ethischen Implikationen der beiden Theorien zu diskutieren.
Und hier fällt mir ein wichtiger Unterschied zwischen beiden auf: Wenn man von einem Design spricht, impliziert das mehr oder weniger eine gewisse Abgeschlossenheit. Damit einhergehend eine Wertung. ("intelligent" ist ja auch eine Wertung). Wenn wir also von intelligentem Design sprechen, dann ist das Gegenteil, das unintelligente Design, zumindest als Möglichkeit, immer im Horizont unseres Denkens.
Unintelligent könnte zum Beispiel der Blinddarm sein. Vielleicht auch hier und da gewisse Atavismen, die mehr oder weniger zufällig auftauchen. Vielleicht auch gewisse genetische Defekte. Vielleicht auch Trisonomie 23? Vielleicht kann man solche Phänomene auch einfach als "misslungen" werten, wenn man an einen Designer glaubt.
Aber selbst wenn man das alles nicht tut: Es ist möglich im Kreationismus von intelligentem Design zu sprechen. Es ist möglich den Menschen, hier und jetzt auf eine Kreation festzulegen, zu definieren, zu verorten.
Und was ist mit den Menschen der Zukunft? Vor 200 Jahren war der Mensch im Schnitt viel kleiner als heute. Wie wird er in 200 Jahren aussehen? Das heißt auch, dass das "Woher" des Kreationismus immer einhergehen muss, mit einem "Wohin". Was ist der Mensch, wäre also starr, es wäre wenig tolerant gegenüber dem Anderen, der Zukunft, sowie der heutigen Variation.
Die Evolutionsbiologie finde ich hier, gerade weil sie diese Fragen nicht stellt, gerade weil sie sie nicht stellen kann, wesentlich "ethischer", was in meinen Augen heißt: weniger homogen, weniger bestimmend und abschließend; und also wesentlich toleranter. (Wobei ich glaube, oder zugestehen muss, dass diese Unbestimmtheit noch nicht radikal genug gedacht wurde. Ich glaube die Radikalität Darwins ist in der Wissenschaft noch nicht bis zu letzt angekommen) Genau genommen ist in der Evolutionsbiologie nichts dergleichen zu beantworten. Weder ein „Was ist“, noch ein „Was war“, noch ein „Was wird“. Diese Nichtbeantwortbarkeit, halte ich nicht für einen Fehler, sondern für eine große und wichtige Chance. Sie hält immer die Möglichkeit offen an jedem noch so ausgearbeiteten "Menschenbild" Zweifel anzubringen, es zu hinterfragen und so seine mögliche Hegemonie zu stören.
Ich bin sogar der Überzeugung, dass ein kreationistisches Menschenbild zwangsläufig im Totalitarismus Enden muss. Aber das ist nur meine Meinung.
Julio Lambing - Mi, Jan 24, 2007

Vermerk zu Martin Neukamm: "Methodeninventar in der Ursprungsforschung"

Liebe Leser,

die Sie durch den Aufsatz von Martin Neukamm:

"Das Methodeninventar in der Ursprungsforschung: Was spricht für Intelligent Design?
Ein Kommentar zum Beitrag: "Sind Kreationismus und Intelligent Design 'science stopper'?" von R. Junker"


auf diesen Artikel gestoßen sind:

An dieser Stelle habe ich als Gastgeber dieses Gastbeitrags von Reinhard Junker einen kleinen Kommentar zu der nun merkwürdig kastrierten Erwähnung meiner "Homepage" in den News der AG Evolutionsbiologie verfasst.
Julio Lambing - Do, Feb 08, 2007

Vielleicht interessiert Sie auch, was die ganze Aktion an eher amüsanten Konsequenzen hatte und einen vor Wut schäumenden Kommentar von Martin Neukamm auslöste. Dann hier entlang.
Rüdiger Sünner (Gast) - Mo, Jan 29, 2007

Mythos und Wissenschaft

Siehe Kommentar hier:
Reinhard Junker - Mi, Mrz 14, 2007

Antwort auf Martin Neukamms Kommentar

Mit einigem zeitlichem und gedanklichem Abstand will ich auf Martin Neukamms Kommentar auf meinem Artikel „Sind Kreationismus und Intelligent Design ‘science stopper’?“ antworten. Eine Analyse der Entgegnung zeigt, dass der Autor sich offensichtlich nur halbherzig mit den eigentlichen Inhalten meines Artikels auseinandersetzte und dass somit seine Kritik am aufgeworfenen Thema vorbei geht. Statt sich mit der Frage „Sind Kreationismus und Intelligent Design ‘science stopper’?“ zu befassen, geht Neukamm zunächst auf die (berechtigte) Frage ein, ob der Analogieschluss, der dem ID-Argument zugrundeliegt, gerechtfertigt sei. Das ist sicher eine wichtige Frage, die ich an anderer Stelle ausführlich diskutiere, aber das war hier nicht das Thema. Unerfreulich ist zudem, dass Neukamm so tut, als ob ich (und andere) nie auf diese Frage nach der Berechtigung des Analogieschlusses und auf die Gegenargumente gegen diesen Schluss eingegangen wären. In dieser Hinsicht war sein eigener Artikel zu diesem Thema in den „MIZ“ teilweise schon überholt, als er erschien. Es ergeht an dieser Stelle an den Autor der Wunsch, die Argumente gewissenhafter zur Kenntnis zu nehmen, welche im o. g. Genesisnet-Artikel diskutiert werden.

Im folgenden befasst sich Neukamm dann mit der Frage der Beweislast pro ID oder Makroevolution – ebenfalls eine berechtigte und spannende Frage. Aber auch das stand nicht im Fokus meines Artikels „Sind Kreationismus und Intelligent Design ‘science stopper’?“ Wenn Neukamm schon diese Probleme einbezieht, hätte er auch hier auf meine Ausführungen dazu eingehen müssen, die ausführlich an anderer Stelle publiziert sind. Wenn mir resümierend vorgehalten wird „Über all dies liest man bei Junker aus nachvollziehbaren Gründen nichts“, dann hat Neukamm nur deshalb recht, weil ich dies (dem Anliegen des Artikels entsprechend) nicht zum Thema gemacht habe. Andererseits greifen seine Vorwürfe nicht, weil man über die von ihm aufgeworfenen Fragen an anderer Stelle einiges nachlesen kann.

Erst auf Seite 3 kommt ein zarter Bezug zu meinem Thema, sogar vorsichtig zustimmend: „Die einzigen halbwegs nachvollziehbaren Argumente lauten, dass ID nicht zwangsläufig ‘Forschung verhindere’ und dass es ‘verfehlt wäre, in Ursprungsfragen nur die Suche nach natürlichen, durch Gesetze beschreibbare Ursachen zuzulassen’.“ Q. e. d. Dann kommt freilich ein Einwand: „Gewiss: Falls es einen Designer gäbe, hätte Junker Recht.“ Nein, ich hätte schon recht, wenn die Option „Planung“ offen gehalten werden muss und das ist unabhängig von der Frage nach der Existenz eines Designers. Neukamm weiter: „Es ist ihm aber nicht gelungen, plausibel zu erklären, welcher Sinn darin bestehen soll, transnaturale oder teleologische Wirkfaktoren, für deren Beschreibung und Erklärung keine Handhabe existiert, die sich jedweder Überprüfung – ja selbst der Forderung nach intersubjektiven Nachvollziehbarkeit – entziehen, in wissenschaftliche Theorien einzubauen.“ Stimmt, das ist mir nicht gelungen, ich habe es nicht einmal versucht und es ist nicht einmal meine Auffassung, dass teleologische Wirkfaktoren „in wissenschaftliche Theorien einzubauen“ seien. Vielmehr ging es um folgendes (um mich selbst zu zitieren): „In Ursprungsfragen ist es das Ziel, die Ursachen (welcher Art sie auch immer sind, natürlich oder willensgesteuert) für die beobachteten Phänomene herauszufinden.“ Und für willensgesteuerte Ursachen (sprich: Planung) gibt es Kennzeichen, die zu definieren sind (und auch definiert werden) und nach denen eine ergebnisoffene Wissenschaft suchen kann.

Ich empfehle zur Vermeidung von Strohmannargumenten die nochmalige Lektüre des Abschnitts „Das Methodeninventar in der Ursprungsforschung“ meines Artikels. Dann erübrigen sich Sätze Neukamms wie die nachfolgenden: „Eine Wissenschaft, die den Anspruch erhebt, die tieferen Schichten der Wirklichkeit unvoreingenommen und so objektiv wie möglich zu rekonstruieren, kann sich nicht auf geglaubte Wahrheiten, die nur auf subjektiven ‘Erkenntnismethoden’, wie Intuition, Offenbarung und mystische Schau beruhen, noch auf teleologische Deutungen oder auf den Vorwurf stützen, der Naturalist könne etwas prinzipiell nicht erklären.“ So richtig diese Aussagen fast alle sind, es finden sich keine Passagen in meinem Text, die diese Urteile erforderlich machen. Ich habe nur dafür plädiert, die Option auf teleologische Deutungen offenzuhalten. Teleologische Deutung als Option bedeutet nicht den Einbau teleologischer Elemente in eine wissenschaftliche Theorie, sondern lediglich deren Beschränkung auf das tatsächlich wissenschaftlich Erklärbare und die Suche nach Kennzeichen von Planung.

Schließlich befasst sich Neukamm mit dem von mir thematisierten Vergleich von historischen Prozessen und gegenwärtigen Entitäten. Ich hatte behauptet, dass man Wie-Fragen von Woher-Fragen unterscheiden müsse. Mit „Wie“-Fragen meinte ich das Erforschen von Aufbau und Funktion biologischer Systeme (also „Wie funktioniert?“ / “Wie ist aufgebaut?“). Die Woher-Frage betrifft dagegen den einmaligen historischen Vorgang der Entstehung. Wie aus dem Kontext meines Artikels klar hervorgeht, sollte mit dieser Unterscheidung deutlich gemacht werden, dass das Offenhalten der Option „ID“ Forschung nicht blockiert, sondern im Gegenteil anregt. Denn Naturwissenschaften können direkt nur das „Wie“ im o. g. Sinne erforschen, das „Woher“ jedoch nur indirekt. Und um die Option „Planung“ für die Beantwortung des „Woher“ gut begründen zu können, muss möglichst viel über das „Wie“ herausgefunden werden. Weder die Erforschung des „Wie“ noch die des „Woher“ wird in irgendeiner Weise behindert oder gar verhindert – im Gegenteil: sie ist ergebnisoffener als eine auf den ontologischen Naturalismus festgelegte Forschung.

Als Fazit kann gezogen werden, dass der Kommentar von Neukamm das Grundanliegen meines Artikels – „Sind Kreationismus und Intelligent Design „science stopper“?“ – kaum berührt.

Unerfreulich auch, dass Neukamm mir Behauptungen unterstellt, die ich nicht vertrete. Er schreibt, ich würde den Versuch unternehmen, „Wissenschaft so zu definieren, als sei der Verweis auf transnaturale und teleologische Wirkfaktoren prinzipiell mit wissenschaftlichen Grundsätzen vereinbar, ja sogar erforderlich, will man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, eine voreingenommene, dogmatisch-naturalistische Wissenschaft zu betreiben“ (Hervorhebung von mir). Nein – „erforderlich“ ist nur eine Offenheit dafür, dass es transnaturale Faktoren geben kann oder gegeben hat. Wer diese Offenheit kategorisch verneint, ist dogmatisch festgelegt, was ihm auch gerne zugestanden sei. Nur sollte man diese Dogmatik bitte nicht unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit verschleiern!

Eine grob falsche Behauptung muss abschließend noch korrigiert werden. Neukamm gibt vor zu wissen, ich würde die Evolutionstheorie „nicht etwa aufgrund eines rationalen Abwägeprozesses für unplausibel“ befinden. Wer das von mir mit herausgegebene Lehrbuch wirklich kennt, kann dies nicht behaupten. Bereits in dessen Vorwort wird gesagt: „Weithin unbekannte Deutungsprobleme und offene Fragen von Evolutionstheorien werden systematisch thematisiert. Sie haben nach unserer Auffassung ein so großes Gewicht, dass Makroevolution als nicht mehr hinterfragbare Leitvorstellung (...) ernsthaft geprüft und nicht als Tatsache vorausgesetzt werden sollte.“ Es sei daher in aller Klarheit gesagt: Ich halte die Evolutionstheorie aufgrund empirischer Daten insgesamt für unplausibel. Warum ich zu diesem Schluss komme, wird ausführlich in „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ mit naturwissenschaftlichen Daten und Argumenten begründet. Daraus wird auch deutlich, weshalb ich der folgenden Behauptung Neukamms nicht zustimme: „Nach heutigem Wissen sind alle notwendigen Komponenten für eine evolutionäre Erklärung vorhanden.“ Was er dazu nennt, erklärt jedoch nur Mikroevolution, wie in „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ mit ausschließlich naturwissenschaftlichen Argumenten gezeigt wird (vgl. dazu auch den Artikel „Was erklärt die Evolutionstheorie? Anfragen eines Kritikers“ (PDF, 2,6 MB). Wenn man die experimentell nachgewiesenen Mechanismen in die Vergangenheit extrapoliert (wie Neukamm empfiehlt), dann resultiert daraus nicht Makroevolution, sondern eine zunehmende Spezialisierung in die Sackgassen vorgegebener Entwicklungsmöglichkeiten.

Auf die Korrektur weiterer Unterstellungen verzichte ich an dieser Stelle. Ich empfehle es dem Leser, der meine tatsächliche Position verstehen will, meine oben genannten Artikel zur Sache lesen.

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