Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

856 EUR pro Monat?

"Ein besonders gravierender Aspekt von Wohnungsmängeln liegt bei 22% der armutsgefährdeten Personen vor: In ihrer Wohnung gibt es Feuchtigkeit, zum Beispiel feuchte Wände, ein undichtes Dach oder Fäulnis in den Fensterrahmen. Diese Probleme beklagen nur 12% der nicht Armutsgefährdeten. (...)

Während 3% der Personen, die als nicht armutsgefährdet gelten, ihre Wohnung aus finanziellen Gründen nicht angemessen heizen können, müssen 14% der Armutsgefährdeten im Winter an der Heizung sparen. 26% der Armutsgefährdeten können sich nicht mindestens jeden zweiten Tag eine hochwertige Mahlzeit leisten. Von den nicht Armutsgefährdeten gaben dies nur 8% an.

Unter einer „hochwertigen Mahlzeit“ ist eine Mahlzeit mit Fleisch oder Fisch beziehungsweise eine hochwertige vegetarische Mahlzeit zu verstehen, unabhängig davon, ob diese selbst gekocht oder in einer Kantine, Restaurant oder Ähnlichem eingenommen wird. Keine „hochwertige Mahlzeit“ sind Fast Food (Imbissessen), Chips, Schokoriegel etc. (...)

Armutsgefährdete Personen haben durchweg eine schlechtere Einschätzung der eigenen Gesundheit als nicht armutsgefährdete. Dies trifft vor allem auf die mittleren Altersgruppen von 25 bis 49 Jahren und von 50 bis 64 Jahren zu. In beiden Gruppen liegt bei den Armutsgefährdeten der Anteil derer, die ihre Gesundheit als „gut oder sehr gut“ einschätzen, um etwa 20 Prozentpunkte niedriger als bei den nicht Armutsgefährdeten (57% gegenüber 76% beziehungsweise 35% gegenüber 52%). Entsprechend ist dort jeweils der Anteil derer, die „schlecht oder sehr schlecht“ angaben, knapp drei Mal so hoch (13% gegenüber 4% beziehungsweise 27% gegenüber 11%).
"

Das hält das Statistische Bundesamt in seinen neuen Berechnungen zur Armut in Deutschland (Tabellen hier) im Rahmen des Projekts "Leben in Europa" fest. Also ungefähr ein Leben, wie es Arne Gangrad es in seinem Gastbeitrag letzte Woche geschildert hat? Ich kenne eine ganze Reihe Leute, die aus finanziellen Gründen am Essen sparen, zwei Paar Hosen und ein Paar Schuhe besitzen, am Monatsende nichts mehr zu essen haben, in feuchten Wohnungen leben müssen oder an ihrer Gesundheitsversorgung sparen.

Und wir wissen durch gesunden Menschenverstand wie auch seit einigen Jahren durch entsprechende Studien, daß es es sich schneller stirbt, wenn man in Deutschland arm ist:

"Erwachsene im mittleren Lebensalter mit einem verfügbaren Netto-Äquivalenzeinkommen unter 60 % des gesamtgesellschaftlichen Durchschnitts (Median) leiden vermehrt an Krankheiten, wie z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Hypertonie, Adipositas, chronische Bronchitis, Depression (Bundes-Gesundheitssurvey 1998; Telefonischer Gesundheitssurvey 2003) und bei Männern auch Lungenkrebs und Leberzirrhose (Gmünder Ersatzkasse 1990-2004). Sie berichten zudem eher von starken Schmerzen und gesundheitsbedingten Einschränkungen im Alltagsleben. Im Vergleich zur einkommensstärksten Bevölkerungsgruppe schätzen Männer (21,2 % gegenüber 11,3 %) und Frauen (27,2 % gegenüber 18,4 %) mit einem Armutsrisiko ihren eigenen Gesundheitszustand häufiger als weniger gut oder schlecht ein (...)

Die stärkere Verbreitung von Gesundheitsrisiken und Krankheiten in der einkommensarmen Bevölkerung findet auch in der vorzeitigen Sterblichkeit einen deutlichen Niederschlag. Im Vergleich zur einkommensstärksten Bevölkerungsgruppe weisen die Einkommensschwächsten eine etwa zweifach erhöhte vorzeitige Sterblichkeit auf."(1)


Das Statistische Bundesamt legt eine "Armutsgefährdung" in seiner Studie gemäß EU-Vorgabe bei 60% des mittleren Äquivalenzeinkommens (Median) fest. Das bedeutet für das Jahr 2004 in Deutschland bei einem Single ein jährliches Äquivalenzeinkommen von 10.274 Euro oder 856 EUR pro Monat. Bei Alleinerziehende/r mit einem Kind unter 14 Jahren sind das 1.113 EUR, bei einem Paar ohne Kinder 1.284 EUR pro Monat, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren 1.798 EUR. Wer darunter liegt, ist armutsgefährdet.

Berechnet werden die Einnahmen aus dem Bruttoeinkommen aus abhängiger Erwerbstätigkeit, plus Zahlungen wie zusätzliche Einkommen, Arbeitslosengeld, Renten, Ausbildungsunterstützungen, Kindergeld, Unterhaltszahlungen etc. Abgezogen werden Unterhaltszahlungen an andere, Steuern auf die Einkünfte, Sozialversicherungsbeiträge. Praktisch bedeutet das Nettoeinkommen zuzüglich oder abzüglich zusätzlicher Unterstützungen oder dauerhafter Verpflichtungen abseits von Konsum- und Lebenshaltungskosten.

Die Bloggerin Martina Kausch scheint sich zu fragen, wie man die Ergebnisse dieser deutschen Studie mit den ebenfalls heute veröffentlichten Ergebnissen der neuen Studie des "World Institute for Development Economics Research (WIDER)" zur weltweiten Verteilung des Wohlstands ("World Distribution of Household Wealth"; 2006) zusammenbringen kann.

Nun, was klar ist: Selbstverständlich sind umgehend auch solche Stimmen zur Stelle, die ganz flott die Armut im Süden gegen jene im Norden ausspielen. "Klagen auf hohem Niveau" und ähnliche Formulierungen werden dan in Umlauf gebracht.. Denn Deutschland gehört offenkundig zu den reichsten Ländern der Welt hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens. Wer hier als arm eingestuft wird, wird dies wie in der oben genannten deutschen Studie aufgrund eines relativen Einkommensunterschieds im Vergleich zu wohlhabenderen Schichten des gleichen Landes. Von der brutalen Armut mit 1 Dollar je Tag (oder 2 Dollar) ist auch hier nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung betroffen - in Gegensatz zu einer Milliarde Menschen in anderen Teilen der Welt.

Lassen wir mal außer Acht, daß solche Vergleiche jener Deutschen wenig nützen, die aufgrund von Armut früher stirbt. (Es gibt also Länder, in denen es einem noch dreckiger geht. Ja, wenn frau das weiß, dann genießt sie die eigene armutsbedingte Bronchitis doch gleich ganz anders. Letztere wird fast zum Statussymbol: Frau könnte ja schließlich auch Tuberkulose haben.)

Wichtiger scheint mir, daß sich diese WIDER-Studie auf die Verteilung von Armut und Reichtum in nationalen Kategeorien konzentriert. Wie die intranationalen Entwicklungen der Gini-Koeffizienten zeigen, können wir in einer Vielzahl an Ländern einen Wachstum an Ungleichheit beobachten und damit auch die Entwicklung einer hyperreichen transnationalen Klasse, die sich nicht nur in den Industriestaaten des reichen Nordens, sondern auch im Süden breitbracht. Ähnliches gilt auch für eine jene transnationale Verbraucherklasse, die dem Mittelstand angehört und zu denen die ärmen Schichten sehnsüchtig den Anschluß suchen:

"Die Anteile der Verbraucherklasse an der Bevölkerung liegen beispielsweise in China bei 19 Prozent, in Brasilien bei 33 und in Russland bei 43 Prozent. Hält man sich vor Augen, daß ihr Anteil in Westeuropa 89 Prozent beträgt, braucht es nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, welches Wachstumspotenzial hier zumindest den zahlen nach vorliegt. Und gleichzeitig wird deutlich, wie in zeiten der Globalisierung auch im Norden mehr als jeder Zehnte vom Wohlstand der transnationalen Vebraucherklasse ausgeschlossen ist. (...)
Die Anwaltsfamilie in Caracas hat in vieler Hinsicht mehr mit mit einer Unternehmerfamilie in Bejing gemein als jede von ihnen mit ihren Landsleuten in den Berggebieten. Mit anderen Worten: Sie sind nicht "venezolanisch" oder "chinesisch", vielmehr die örtlichen Vertreter einer transnationaler Verbaucherklasse. Sie shoppen in ähnlichen Einlaufscenters, kaufen Hight-tech-Elektronik, sehen ähnliche Filme und TV-Serien, verwandeln sich hin und wieder in Touristen und verfügen über das entscheidende Medium der Angleichung: Geld.(2)"


Selbstverständlich kann hier dennoch nicht der Lebensstandard der ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung eines Industrielandes mit den Armen in Südamerika und China verglichen werden. Gerade die jüngste WIDER-Studie macht zudem die höchst unterschiedliche Verteilung der Wohlhabenden je nach Nation klar.

Aber den hier sich langfristig abzeichnenden Trend kann man wohl kaum leugnen: Zur neuen Armut auf der nördlichen Halbkugel gesellt sich ein neuer Reichtum auf der südlichen. Von den Blütenträumen einer neuen anti-kapitalistischen Internationalen sollte man dennoch lassen. Ein glorreiches Bündnis zwischen einem saarländischen Sozialführer und einem venezolanischen Staatspräsidenten zur Bewerkstelligung gemeinsamer Heldentaten wird es nicht geben.

(1) Robert Koch-Institut: „Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit"; Berlin 2004
(2) Wuppertal Institut (Hrsg.): „Fair Future - Begrenzte Ressourcen und Globale Gerechtigkeit“; München 2005; S.86

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