Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Fortunas rote Backen 2

Machiavellis Verständnis eines Herrschers, der ein vir ist, der also virtù besitzt, ist bekanntlich, daß dieser bereit ist alles zu tun, was für seine Herrschaft notwendig ist. Doch das Ziel des Herrschers ist auch in seinen Augen nicht nur der Bestand der Herrschft selbst, sondern eine Herrschaft in Ruhm und Ehre. Die Virtus, die für die antike Vorstellung des Ruhms so zentral war, wird entkernt: Virtù ist zwar Ruhm und Ehre, aber Ruhm und Ehre wird nicht mehr wie noch bei den Humanisten durch die Exzellenz in einem wohldefinierten Rahmen, der virtus erworben. Um es republikanisch auszudrücken: Die Arete der Polis ist immer auch Anerkennung der Arete, Ruhm und Ehre stellt sich ein, weil sie nichts anderes als Anerkennung, Zubilligung von Tugenden, von Exzellenz sind. Ruhm ist keine Folge der Anerkennung und auch keine Folge der Zuschreibung einer Tugend. Ruhm ist die öffentliche Zuschreibung von Exzellenz.

Bei Machiavelli wird dieses Verhältnis äusserlich: Tugenden können Ruhm bringen, aber auch anderes kann dazu hilfreich sein. Da Tugenden mitunter eine Gefahr für die Herrschaft - und damit für eine wichtiges Instrument des Ruhmes - sind, muß ihre Ausübung auch ausgesetzt werden. Das Laster kann über Herschaftssicherung zum Ruhme beitragen. Da das Bekannt werden des Lasters aber Ruhm und Erde gefährdet, muss der Herrscher selbst wenn er sich gezwungen sieht, lasterhaft zu handeln, die öffentliche Kenntnis davon vermeiden oder unterbinden. Die Achtung als tugendhafter Mensch muss, wenn nötig, durch Heuchelei, Bertrug und Doppelzüngigkeit erreicht werden. Die Herrschaft setzt parasitär auf den Kosmos der Tugenden auf.


Das Große ist zwar immer Vorraussetzung für Ruhm und Ehre und darin liegt auch noch eine Verknüpfung mit der alten Welt der Tugenden vor. Aber Ruhm und Ehre ist wie alles Handeln aus der gemeinschaftlicher Praxis und der Unternehmung aller herausgelöst und zu einer Schritt eines einzelnen, der führt, der befiehlt: Der Führer wird jemand, der "immer Großes tut und plant, wodurch er seine Untertanen dauernd in Erwartung und Bewunderung und auf den Ausgang gespannt hält." Das Große als Opium des Volkes.

Ein umso tieferer Gedanke, wenn wir das Konzept der Demokratie, der Herrschaft des Volkes betrachten: Solange wir die demokratische Politik wie Lincoln es ausdrückte als "government of the people, by the people, for the people" verstehen (was ja seit Aristoteles die Herrschaft und das gleichzeitige Beherrscht werden eines jeden meint*), ist für die politischen Führer in den Demokratien, ob gewählt oder nicht, Heuchelei einzusetzen, immer dann, wenn es nötig ist.

"Solange wir uns einbilden, daß wir im Politischen uns im Sinne der Zweck-Mittel-Kategorie bewegen,werden wir schwerlich imstande sein, irgend jemand davon abzuhalten, jedes Mittel zu benutzen, um anerkannte Zwecke zu verfolgen.
Die Hoffnung, Handeln durch Herstellen ersetzen zu können, und die ihr innewohnende Degradierung der Politik zu einem Mittel für die Erreichung eines höheren Zweckes - im Altertum des Schutzes der Guten vor der Herrschaft der Schlechten im allgemeinen und des Schutzes des Philosophen vor der Herrschaft des Mobs im speziellen, im Mittelalter des Seelenheils, inder Neuzeit der Produktivität und des Fortschritts der Gesellschaft - sind so alt wie die Tradition des politischen Denkens. (...) In dieser Hinsicht hat die Neuzeit die Tradition nicht nur nicht umgekehrt, sie hat sie sogar von "Vorurteilen" befreit, die, aus einer älteren Schicht kommend, sie immerhin daran gehindert hatten, offen auszusprechen, daß das Tun eines schlichten Handwerkers mehr wert ist als die "beliebigen" Meinungen, das "Gerede" und die "müßige Betriebssamkeit derer, die sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern, nämlich um Dinge, die sie nichts angehen."
(Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 291-292)


Fortuna als jene Frau, die als unberechenbare Kraft das Leben der einzelnen wie der Staaten zum Guten wie zum Schlechten wenden kann ist bekanntlich der entscheidende Gegenpart zur virtù. Gemeinsam erschaffen sie jene Tatsachen im Einflussraum des Herrschers, von denen sein Wohl abhängt. Fortuna ist launenhaft und der Fürst muss sich immer wieder auf ihre neu geschaffenen Tatsachen einstellen, genau das macht seine virtù aus. Die necessita als weibliche Starrköpfigkeit, ja Endgültigkeit zeigt die Grenzen des Vermögens des Herrschers auf, mit denen er nur durch kluge Berechnung und das Ausnutzen von Gelegenheiten sein Auskommen finden kann.

"Concludo, adunque, che, variando la fortuna, e stando li uomini ne’ loro modi ostinati, sono felici mentre concordano insieme, e, come discordano, infelici. Io iudico bene questo, che sia meglio essere impetuoso che respettivo; perché la fortuna è donna, et è necessario, volendola tenere sotto, batterla et urtarla. E si vede che la si lascia più vincere da questi, che da quelli che freddamente procedano. E però sempre, come donna, è amica de’ giovani, perché sono meno respettivi, più feroci e con più audacia la comandano." (Il Principe, XXV)

Doch diese Paarbeziehung, in der der Herrscher (sei es nun das Volk, einer seiner Repräsentanten oder sein Monarch) einen Widerpart im gemeinsamen Oikos hat, der spätestens durch Machiavelli der gemeinsame politische Herrschaftsbereich geworden ist, stellt ihn zwar einerseits vor Notwendigkeiten, denen er sich beugen muss. Doch andererseits stehen wie bei jeder Frau in diesem Spiel zwei Waffen zur Verfügung, um ihre Starrköpfigkeit zu bezwingen: Schläge und ungestüme Leidenschaft. Fortunas rote Backen kommen durch Backpfeifen oder durch Küsse, die man ihr in wilder Leidenschaft aufnötigt. Eines von beiden macht sie schon weich, so das Kalkül.

Man kann wie in Bachofenscher Manier hier ein bestimmtes Stadium einer Fortschritts- oder Verfallsgeschichte des Umgangs mit dem Glück ausfindig machen, an derem Anfang wie erwähnt Fortuna ursprünglich diejenige war, die Sakralkönige (die keine Herrscher waren) mit Lust beschlief und so ihrem Volk zu verstehen gab, daß die Liebesbeziehung zwischen ihr und ihm weiter fortbestand. Dass das Volk (die Masse, der Pöbel etc.) als eine der Formen, durch die Fortuna wirkt, durch den Herrscher als eine Prostiutierte behandelt werden muss, die mal betört, mal für Essen gekauft und hin- und wieder auch zu Liebesdiensten geschlagen werden muss, liegt auf der Hand. Das Volk ist nicht die einzige Stimme der Fortuna, Naturereignisse, Nachbarn oder Ideen können ebenfalls ihr Ausdruck sein. Für die Herrscher der Demokratie (also alle) gilt wie für jeden anderen Herrscher auch: Abwechselnd kaufen, schlagen oder betören, was das Zeug hält, in der Hoffnung die Starrsinigkeit der Notwendigkeit bezwingen zu können.

* siehe Aristoteles: "Politik, Buch III, 1277b13-15 und VII 1333n 15-41; Vgl. Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 281 f

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Praxis der Aphrodisia

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