Reicht Isegoria in der Blogosphere für einen neuen Glanz der Politik? 1
Das Recht zu reden bedeutet in einer Elitendemokratie nicht die Möglichkeit zugleich Teil der handelnden Demokratie zu sein - zumindest nicht in jenem vollen Sinn, den wir durch die attische Polis kennenlernen konnten. Dem Reden fehlt trotz allen Handelns ein Teil jener vollumfänglichen Macht, die sie damals besaß. Denn die neue Teilhabe an der Öffentlichkeit und damit an der Politik bedeutet nicht Teilhabe an der gesetzgebenden Vollversammlung oder zumindest Teilhabe an politischen, durch das Los ermittelten Ämtern. Natürlich ist das Reden selbst Handeln, aber ob ich in den Gremien der Demokratie sprechend handeln kann ist immer noch etwas anderes als der vielgestaltige Chor derer, die der Eliten und ihren Verlautbarungen nun die eigene Stimme entgegensetzen.
Die andere Ferne ergiebt sich aus der Konsequenzenlosigkeit was die Auswirkungen einzelner Voten und Kommentare angeht. Wer in der attischen Polis über Krieg abstimmte, stimmte immer auch darüber ab, dass seine Kinder und die seiner Nachbarn in den Krieg zogen. Man bestimmte ganz konkret durch einzelne Entscheidungen das eigene Schicksal und nicht nur das einer abstrakten Allgemeinheit. Zudem setzte man durch die eigene Rede das eigene Schicksal einer Gefahr aus: Die graphe paranomon, also die Bestrafung desjenigen, der per Gericht überführt war, gefährliche Volksentscheide, veranlasst zu haben, war eine ewige Erinnerung daran, daß man mit seinem Leben für die politische Aktion einstand.
Das wählende Volk in einer Massendemokratie verhandelt zum einen gar nicht, sondern stimmt nur ab und hat nun durch die neuen Medien die Chance die Rede der Eliten zu erwidern. Aber auch für diese Erwiderung erfolgt in einer Vielzahl der Fälle in jener persönlichen Unbetroffenheit, die der attischen Polis fern ist. Es ist ein leichtes über die kriegsbeteiligung Deutschlands zu debattieren, ohne je damit ein Pro oder Kontra für die eigene Entsendung oder der der Kinder nach Afghanistan zu geben. Es ist ein leichtes über Steuererhöhungen oder Kürzungen staatlicher Hilfen zu reden, weil es ein gemeinsame Face to face Gesellschaft mehr gibt, in der man tagtäglich miteinander umging und nicht nur unverbunden neben einander lebte und auf der Agora genauso für die eigenen Worte einstehen musste wie in der Ekklesia.
Dieses Einstehen für die eigene Rede erlebt die Bloggerin nur in seiner pervertierten Variante, wenn sich andere Kräfte wieder anonymisierter Machtmechanismen bedienen, um dieser neuen Rede und ihrer Personalität Einhalt zu gebieten: Rechtsanwälte, die Äusserungen und Berichte von Bloggern mit dem Mittel der Abmahnung einschränken.* Der Weg die Blogosphere zu anonymisieren scheint dann unter den Bedingungen der Massendemokratie der beste Weg zu sein, diesem Druck nachzugeben - allerdings löst dass das Problem einer kastrierten Politik nicht.
*Jüngster Fall scheinen die wegen ihrer Abmahntätigkeit in der Blogosphere ins Gerede gekommenen Betreiber von "Marions Kochbuch", Marion Knieper und Folkert Knieper, die unter anderem nicht nur - für das Alltagsverständnis eher unbedeutende - Urheberrechtsverletzungen durch Blogger mit anwaltlichen Schritten verfolgt haben (Stichwort: sog. "Brötchenfotos"), sondern auch den Blogger Nerdcore wegen dessen kritischen Behauptungen über das Zustandekommen der zugrundeliegenden Kochbuchrezepte abgemahnt haben (mehr dazu in dieser Radiosendung, ab etwa dreiviertel des Streams). Aber die jeweiligen Einzelfälle spiegeln bekanntlich nur einen generellen Trend wieder, mit juristischen Mitteln lebensweltliche Kommunikation zu ersetzen.
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