Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Notwendigkeit in der Politik 1

Niemand kann die Folgen des eigenen Handelns in aller Sicherheit und umfassenden Voraussicht abschätzen, und in diesem Sinne ist das politische Handeln soviel es sich auch versucht dem Handwerk einer planvollen Konstruktion unseres Lebens anzunähern, etwas prinzipiell riskantes:

"Dies liegt nicht darin, daran, daß kein Menschliches Gehirn imstande ist, die potentiellen Konsequenzen eines Tuns zu errechnen, als sei das Bezugsgewebe, in das dies Tun fällt, ein ungeheuer kompliziertes Schachbrett, wo die Folgen eines zuges etwa von dem übermenschlichen "Gehirn" einer elektronisch betriebenen Rechenmaschiene zumindest so weit errechnet werden könnten, daß die Zukunft in Form von Alternativen vorraussagbar wäre. Die Unabsehbarkeit der Folgen gehört vielmehr zum Gang der von einem Handeln unweigerlich erzeugten Geschichte; sie bildet die dieser Geschichte eigene Spannung, die ein Menschenleben spannt und in Atem hält und ohne die es vor Langeweile förmlich in sich zusammenfallen müßte."(1)

Und diese Geschichte kann über unser eigenes Handeln eine Macht ausüben, die in der griechischen Tragödie kaum je eindringlicher gezeichnet wurde. Aristoteles Idee der Mimesis als Prinzip aller Kunst hat seinen Ursprung in der ausgezeichneten Stellung, die das Handeln als Auszeichnung menschlichen Lebens als menschliches Leben hat. Das "Drama", das im Wortsinne ("dran": handeln) Handlung ist, ist die entscheidende künstlerische Vergegenwärtigung dieses Elements unseres Lebens und auch die etruskisch-römische Brücke ("phersu" zu "persona") zeigt uns das Gewicht, die die Präsenz der Bühnenakteure für ein Verständnis des Menschen als Person spielt:

"Die Bühne des Theaters ahmt in der Tat die Bühne der Welt nach, und die Schauspielkunst ist die Kunst "handelnder Personen". (...) So ist das Theater denn in der Tat die politische Kunst par excellence; nur auf ihm, im lebendigen Verlauf der Vorführung, kann die politische Sphäre menschlichen Lebens so weit transfiguriert werden, daß sie sich der Kunst eignet. Zugleich ist das Schauspiel auch die einzige Kunstgattung, deren alleinigen Gegenstand der Mensch in seinem Bezug zur Mitwelt bildet." (2)

Die Tragödie lässt uns vor allem einen Aspekt unseres politischen Daseins tief in die Brustraum eindringen: Das stickige Bewusstsein, das die Macht jener Geschichte, in der wir "zugleich Held und Veranlasser" sind, uns wie ein Fremdes gegenübersteht. Dies liegt nicht nur in der unseren Geschichte eigenen auktroialen Anonymität, daß zwar "jemand sie begonnen [hat], sie handelnd dargestellt und erlitten [hat]" aber niemand hat sie ersonnen"(3). Es liegt auch in der prinzipiellen Unberechenbarkeit allen Handelns, die sich schon in der Unwissenheit hinsichtlich der Frage äussert, auf welche unsere Klugheit und unsere Stärke überwältigenden Kräfte der Geschichte wir treffen, wenn wir auch nur unseren ersten Atemzug in der Welt tätigen:

"In der tragischen Perspektive haben das Handeln und der Handelnde immer zwei Gesichter. Auf der einen geht der Handelnde mit sich zu Rate, wägt die Vor- und Nachteile ab und versucht, so gut wie möglich die Abfolge der Mittel und Zwecke vorwegzunehmen. Auf der anderen Seite setzt der Handelnde wie in einer Wette auf das Unbekannte und das Unverständliche und wagt sich auf Gebiet, das undurchdringlich bleibt. Wer handelt, eröffnet ein Spiel mit den Kräften des Übernatürlichen ..., bei dem er nicht wissen kann, ob sie einen Erfolg oder ein Scheitern planen." (4)

Bernhard Williams stellt in seiner Studie zu den antiken vorphilosophischen moralischen Konzepten Scham, Schuld und Notwendigkeit (5) heraus, dass der Versuch wenig trägt aus einer bestimmte Phase der griechische Antike zu einer ersten Aufklärung kreieren zu wollen, in der Protagonisten wie Perikles, die Philosophen oder Thukydides zu kleinen (also in Teilbereichen nicht vollständig entwickelten) Voltaires, Diderots und Machiavellis werden, die der archaischen Weltsicht, in der der Mensch den Göttern ohnmächtig ausgeliefert ist, die rationale Erklärung, intelligentes Politikmanagament und eine Entzauberung der Welt von obskuren göttlichen Kräften gegenüberstellen. Im Kern seiner Untersuchung steht dabei eben jene übernatürliche Notwendigkeit, die in den Geschichten der Tragikern eine solche Rolle spielt und deren Verständnis durch uns, wenn wir sie als "übernatürliche Notwendigkeit" beschreiben, nur allzu schnell in die Irre geführt wird. Denn diese Notwendigkeit ist zwar mit den Göttern auf das engste verknüpft, allerdings nicht in jener Art wie einige christliche Theologen Gott als umfassender Schöpfer der Geschichte beschreiben:

"(...) Dieser Gott, der Autor unseres Seins, ist wie der Autor von allem, also auch der Welt, in der wir manchmal Dinge vermeiden können, und der Dinge, die wir - aus uns unbekannten Gründen - - nicht vermeiden können. Die übernatürliche Notwendigkeit der antiken Tragödie ist, im Unterschied zu diesem Gott, ein besonderes Element der Welt, sie ist eine Gegenwart, die man der Welt hinzufügen muß. Die Sophokleische Tragödie verfügt über die Macht, dieses Hinzufügen zwingend erscheinen zu lassen, indem sie die Tatsache verheimlicht, daß es im Grunde gar keine besondere Art gibt, in der sie zustande kommt."(6)

(Notiz: --> Das Konzept des Spiels eines Übermächtigen von Sophokles und Aischylos auf der einen Seite, Euripides grausamer Zufall auf der anderen Seite mögen sich zwar auf den ersten Blick gegenüberstehen. Fortuna ist aber ohne Schwierigkeiten als übermächtige Spielerin vorstellbar. Es scheitn, als laufen in ihr beide Sichtweisen zwanglos zusammen. Williams Reihung von Homer, Solon und den Tragödienschreiber, die er den Philosophen gegenüberstellt, macht zudem deutlich, wie machtvoll dieses Gegenüber unser Leben durchkreuzen kann, das sich sich nicht in eine kosmische Harmonie von menschlicher Disposition und dem Geschicke fügt. [Diese Griechen sind weniger harmonistisch als die Väter der Moderne, soviel zu dem gern beschworenen Harmonismus der primitiven, heidnischen etc. Weltsicht]. Williams schlägt vor die Gesellschaft, die Politik selbst zur übermächtigen Notwendigkeit anzusehen, um uns besser zu verstehen, eine zutiefest verführerische Idee, wenn man an jene zwangvollen Kräfte denkt, die von Foucault so eindringlich beschreiben werden. Die Subtraktion (S.21), die Williams vornimmt, schlägt in der Tat eine Brücke von der Antike zu uns. Allerdings kommt diese eigenartige Beschreibung, daß auf der anderen Seite des Spiels ebenfalls ein Handelnder sitzt, irgendwie zu kurz. Obwohl da eine Pointe drin ist, das spürt man. Was ist dessen rationale Rekonstruktion? Da brauchen wir keine Superman-Götter. [Damit etwa die Martin Neukamms dieser Welt wieder ganz feucht werden können, weil sie ihr Walt-Disney Verständnis des Heidentums bestätigt sehen. Diese Bemerkung hier ganz unten nur, da ich ja sehe, wie der gute Mann die Texte hier fortlaufend abgrast, um zu entdecken, was über ihn geschrieben wird. Aber wenn er sich schon durch diesen Text kämpfen muss, wird ihm das Nachvollziehen des hier Geschriebenen sicher nicht zum Nachteil sein ... ])


Fußnoten:
(1) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 239
(2) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 233-234
(3) Hannah Arendt: "Vita activa oder Vom tätigen Leben"; München 2005; S. 227
(4) Jean-Pierre Vernant, Pierre Vidal-Naquet: "Mythe et tragédie en Grèce ancienne";Band 1; Paris 1972; S.37; zitiert nach: Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000; S. 21
(5) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000

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