Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Notwendigkeit in der Politik 2

Für den Perikles, den uns Thykidides vorstellte, "gab es immerhin einen Moment, da er glaubte, man könne gegen die Umstände ein Spiel riskeiren, aber auch dieses Spiel können wir nur gewinnen, wenn die gegenseite ein paar dumme Züge macht". (1) Die gnome, praktische Intelligenz und empirsch-rationales Planen hilft dem Menschen, sein Geschick zumindest teilweise selbst zu bestimmen. Bei Euripides wiederum ist die Kraft der Notwendigkeit, die Handlungen eines umfassend vorausschauenden Akteurs verblasst, er führt uns die zermürbenden Effekte des blanken Zufalls vor Augen.

Williams macht uns jedoch darauf aufmerksam, daß all diese Dichter, Denker und Schreiber sich von den Philosophen dadurch unterscheiden, daß sie in einem entscheidenden Sinn nicht versuchen, aus der Ordnung im Universum einen Sinn des Lebens abzulesen. Diese Griechen sind entgegen dem Klischee über primitive, prärationale Kulturen wesentlich weniger harmonistisch als hochangesehene Väter der Moderne. Das, was man einer heidnischen Weltsicht unterstellt, nämlich eine letztendlich sinnvolle Harmonie zwischen dem Kosmos, der Welt, der Vernunft, der Geschichte oder was auch immer auf der einen Seite und dem, was die Menschen wollen oder wollen sollen auf der anderen Seite, trifft genau auf sie nicht zu:

"Im Lichte dieser Frage und im Lichte der Unterscheidungen, die sie einlädt, tauchen Plato, Aristoteles, Kant und Hegel alle auf einer Seite auf, da sie alle auf die eine oder andere Weise daran glauben, daß das Universum, die Geschichte oder die Struktur der menschlichen Vernunft, richtig verstanden, ein Muster aus sich heraus spinnen können, welches das menschliche Leben und die menschlichen Bestrebungen als sinnvoll erscheinen läßt. Sophokles und Thykidides aber lassen uns ohne einen solchen Sinn zurück. Beide stellen uns den Menschen als ein Wesen dar, dass sich in kluger oder dummer, manchmal auch in desaströser oder edler Weise in einer Welt bewegt, die den Absichten des Menschen nur zum Teil verständlich ist und die den ethischen Bestrebungen des Menschen nicht per se gut angepaßt ist. In dieser Perspektive erscheint der Unterschied zwischen dem dunklen Fatum des Sophokles und der durch den Zufall gefährdeten Rationalität des Thukydides nicht als sonderlich relevant."(2)

Eine solche Haltung, besser eine solche sich abzeichnende Kosmologie wie wir sie hier bei den Griechen finden hält uns zu Bescheidenheit an. Es gibt kein Wissen über den Menschen, daß letztendlich sein tiefstes Wesen entschlüsseln könnte und es gibt die prinzipielle Moglichkeit daß der Mensch scheitert - trotz aller praktischen Intelligenz. Diese Kosmologie wirkt direkt in den ethos: sie verunmöglicht die hybris.

Wenn wir den Zufall bei Euripides einmal auslassen - wir kommen später auf ihn zurück - , dann scheint sich bei allen anderen Autoren diese Nichtübereinstimmung im Bild eines Gegenübers auszudrücken - selbst bei Thykidides scheint die Tyche noch einen personalen Aspekt zu besitzen. Und die Existenz dieser eigentümlich unpersönlichen Person, die als Gegenspieler unsere Pläne durchkreuzt, ist in dieser Kosmologie der wichtigste Grund, nicht der Hybris zu verfallen.

Solche Kosmologie der Antike ist das Gegenteil zu jener modernen Idee, die man vielleicht am ehesten geistesgeschichtlich mit dem Prostestantismus in Verbindung bringen kann und die ich das magische Selbstermächtigungskonzept des Marketing-Charakters nennen möchte. In diesem Selbstermächtigungskonzept haben wir die Lektion von Feuerbach gelernt, daß wir im kindlichen Glauben unser Wesen in Gott projeziert haben und nun diese Projektionen zurückholen und uns selbst als Gott verstehen. Der moderne Magier als Kind des Liberalismus und der Markwirtschaft hat die Maxime: "Alle Geschehnisse, die dir widerfahren, sind eine Folge deiner Handlungen und Einstellungen." Ungefähr in solcher Formulierung taucht sie in unzähligen Self-Management-Ratgebern und in einer Vielzahl von Seminaren auf. Esoterisch formuliert lautet sie: "Es gibt keine Opfer, sondern nur Täter." Eine solche Haltung verstärkt offenkundig die Bereitschaft jede erdenkliche Ressource und Flexibilität zu nutzen, um das, was uns widerfährt zu beeinflussen. Da sie dadurch unseren Aktionsradius deutlich erhöht, ist sie in diesem Sinne Ausdruck einer Selbstermächtigungsstrategie. Allerdings baut sie auch einen hohen Druck auf: Wer trotz aller Bemühungen durch das Schicksal niedergerungen wird, hat noch nicht genug gelernt, war noch nicht flexibel genug, hat noch nicht alle Widerstände, schlechte Gedanken oder Angewohnheiten ausgemerzt.

Der Akteur ohne Stil, der uns in den homerischen Epen oder in den Tragödien begegnet ist das Gegenstück zu diesem menschgewordenen Gott. Weder ein Ödipus, der alle gnome einsetzt, noch ein der so überaus listenreiche Odysseus glauben die Welt und die Geschehnisse um sie herum vollständig im Griff zu haben. Odysseus wird von dem Akteur immer wieder auf den Umstand zurückgeworfen, daß er trotz aller Klugheit eben Odysseus ist, er erhielt den Stempel, der sein Schicksal prägt. Und dennoch ist weder Odysseus noch dem Ödipus das Handeln verwehrt, und ihr Handeln ist auch nicht folgenlos. Es herrscht kein Fatalismus als innere Einstellung, der den Menschen im entscheidenden Sinne am Handeln und am Ausüben der eigenen Absichten und Sehnsüchten hindert oder ihm grundlegende Einsichten über Verantwortung für das eigene Wirken verwehrt. Ein Odysseus handelt wie ein Odysseus eben angesichts der Herausforderungen, die das Leben eben bietet, handeln möchte.

Williams, für den ein solcher Akteur nur Terror der Metaphysik ist, konstatiert selbst: "Die metaphysische Freiheit ist nichts, jedenfalls nicht sehr viel."(3) Es wird nichts entscheidendes gewonnen wird, wenn die übernatürliche Notwendigkeit verschwindet. Aber es wird etwas verloren: Eine fundamentale Stütze im menschlichen Ethos, nicht der Hybris zu vefallen.


Fußnoten:
(1) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000; S. 175
(2) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000; S. 189
(3) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000; S. 176

--> Notiz: Williams Idee pervertiert den Grundgedanken der Politik, der noch einem Perikles oder Thykidides wichtig war: Politik findet Face to Face zum unpersönlichen Akteur statt, es ist der Gestaltungsraum, Produkt der Interaktion mit diesem Akteur. Wenn Politik selbst zu diesem übermächtigen Akteur wird, hat der Mensch jede Würde verloren er wird zum Haustier, zum Huhn das seinem Halter und Schlächter ausgeliefert ist. Foucaults Analysen können uns ein solches Gefühl vermitteln. Aber es sind immer noch Züge eines Akteurs, der einen spezifischen Stil verfolgt: Die Biomacht ist identifizierbar. <--

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