Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Notwendigkeit in der Politik 3

Williams selbst glaubt, dass der Prozess einer Subtraktion (1), bei dem wir bei der "übernatürlichen Notwendigkeit" das Übernatürliche streichen, der erste entscheidende Schritt ist, um dieses Element der griechischen Kosmologie für uns nutzbar zu machen. Sich an das berühmte Diktum von Napoleon erinnernd, der gegenüber Goethe bemerkte (2), dass die Rolle des Schicksals, wie es uns die Tragödienschreiber schildern, heute von der Politik wahrgenommen werde, schlägt Williams vor, dass heutzutage die Gesellschaftsordnung und auch die politische Realität jene auf uns einwirkende Welt ist, die sich unseren Wünschen und unserer Sehnsucht nach umfassender Verständnis nicht fügt:

"Damit soll allerdings nicht gesagt sein, dapß diese unpersönliche politische Realität jene stark absichtsvollen Züge annehmen kann - Züge, die dem Fatalismus Vorschub leisten -die die Welt im Kontext der Sophokleischen Tragödie manchmal annimmt. (...) Die relevante Analogie muß auf das bezogen werden, was ich oben als Stillosigkeit übernatürlichen Handelns bezeichnet habe; die soziale Realität kann einen wertvollen, bedeutungsvollen Charakter oder Plan zerstören, ohne daß sie dabei die individuellen Absichten eines heidnischen Gottes oder die welthistorische Bedeutung einer jüdischen, christlichen oder marxistische Teleologie zeigen würde." (3)

Der Vorschlag klingt verführerisch. Man denke nur an jene Kräfte, die das Leben des einzelnen und den Gesellschaftskröper ingesamt durchstrukturierten, die von Michel Foucault als die umfassenden Manöver einer unpersönlichen Biopolitik beschrieben wurde. Wer kann sich dem mittlerweile unhinterfragten Zwang als Kind in eine Schulbank gepfercht zu werden nochwidersetzen? Diese Realität zerstört weniger Charakter, sie formt ihn, ihr Zwang ist umfassender und ähnelt der Kraft, die einem Ödipus für sein Handeln keinen anderen Weg lässt als eben den, den er geht.

Wenn Politik selbst zu diesem übermächtigen Akteur wird, hat der Mensch jede Würde verloren, er wird zum Haustier, zum Huhn, das seinem Halter in der Nutzung und Verwertung ausgeliefert ist. Foucaults Analysen können uns ein solches Gefühl vermitteln. Sie zeigen uns durch die Verdrahtung von politischer und sozialer Formung, die umfassenden Gewalten auf, die den Menschen mit dem Aufkommen der modernen Staaten von Grund auf zusammensetzen. Gerade diese Ineinssetzung von Politik und Sozialem ist es, die so übermächtig wirkt.

Aber wenn wir genau überlegen, stellen wir fest, daß auch diese Kräfte nicht stillos sind, sondern im Gegenteil einen spezifischen Stil haben, der eben genau von Foucault beschrieben wurde. Und andererseits wurde bereits Perikles mit einer unpersönlichen politischen Realität konfrontiert - man denke nur an die Außenpolitik Athens, an Krieg und Frieden. Aber bei ihm war der politische Raum eben nicht die Tyche, sondern der Gestaltungsraum des Menschen, in dem auch Tyche ein gewichtiges Wort als gestalterische Kraft mitzureden hatte. Politik ist in der Polis nicht Schicksal, sondern muss sich mit Schicksal auseinandersetzen. Selbst bei Machiavelli ist die Politik noch Gestaltungsraum des Herrschers, der von einem Gegenüber, der Fortuna mitbestimmt wird.

Wenn Williams die Politik selbst durch die Tyche substituiert, wird ein zentraler Freiheitsraum des Menschen getilgt. Williams Idee pervertiert den Grundgedanken der Politik, der noch einem Perikles oder Thykidides wichtig war. Was bleibt dann noch übrig, ausser das Hühnerdasein? Die Frage ist, ob diese Substitution als Reaktion auf die moderne Umgestaltung unserer Welt nicht zwingend für unser heutiges Verständnis der Reichweite menschlichen Handelns ist, ob sie nicht einfach eine Anerkennung der veränderten Situation, in der wir heute unsere rudimentäre Freiheit leben.

Aber so verführerisch die Anonymität der Kräfte auch ist, denen wir heute ausgesetzt sind: wir wissen, daß die Biopolitik menschengemacht ist. Denn es sind immer noch Züge eines Akteurs erkennbar, der einen spezifischen Stil verfolgt: Die Biomacht ist identifizierbar. Sie ist institutionelle Mikro-Politik. Sie ist Produkt unseres Handelns und unserer Interessen und unsere Ohnmachtsgefühle ihr Gegenüber mögen zwar an das Erschauern der Griechen gegenüber Tyche erinnern, ist aber letztendlich nur die Ohnmacht wider einer nicht überschaubaren Stärke eines menschlichen Gegenübers (das Perserheer z.B.).

Wenn diese Ineinsetzung von Tyche und moderner politischer Realität nicht gerechtfertigt ist - auch wenn sie ein verbreitetes Gefühl widerspiegelt - dann stellt sich die Frage weiterhin: Was machen mit der "übernatürlichen Notwendigkeit"? Wir würden vielleicht sagen, dass an der modernen Umgestaltung unserer Welt auch die Tyche ihren Anteil hat, aber was sagt das schon?


Fußnoten:
(1) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000; S.21
(2) "Auf die Schicksalsstücke übergehend, mißbilligte er sie außerordentlich: ' Sie haben einer dunkleren Zeit angehört. Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal! ' "
http://www.hermlin.de/quellen_napoleon.html
(3) Bernard Williams: "Scham, Schuld und Notwendigkeit - eine Wiederbelebung antiker Begriffe der Moral"; Berlin 2000, S. 191

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